Mittwoch, 30. September 2020

M. Rutt: Aus traurigem Anlass

Vergangene Woche ist unser Kollege Günther Haidinger verstorben, vielen unter dem Pseudonym "M. Rutt" bekannt. Zum Abschied sammeln wir hier die Worte jener, die ihn gekannt und geschätzt haben. 

Johann Kleemayr

Günther Haidinger hat in meiner Sicht versucht, einen Widerspruch künstlerisch fruchtbar zu machen. Er wollte einerseits in Erscheinung treten und sich zeigen, gleichzeitig aber auch verschwinden, nicht da sein, sich auslöschen. Dieser Widerspruch hat mich bei seinen Auftritten immer beschäftigt, er war dabei, gleichzeitig nicht. Wie geht das? Das Spiel mit seinem Kunstnamen M. Rutt hat diesen Widerspruch für mich noch deutlicher gemacht. M. Rutt durfte da sein, Günther Haidinger nicht.
Günther Haidinger war ein ruhiger, umgänglicher, sympathischer Kollege. Im nachhinein tut es mir leid, nicht offensiver über sein Kunstverständnis mit ihm gesprochen zu haben. Vielleicht hat er sich in den letzten Jahren immer mehr zurückgezogen, ich habe ihn auf jeden Fall vielleicht schon einige Jahre nicht mehr gesehen. Vorher hatte er bei Lesungen und Kunstevents zu den sicher kommenden Besuchern gezählt.

 

Ruth Aspöck

Meine Erinnerung an M. Rutt

Der Tod von M. Rutt macht mich betroffen. Ich habe ihn bei einer Generalversammlung der GAV kennengelernt, es wird um das Jahr 2000 gewesen sein. Er war erst seit kurzem Mitglied. Durch Zufall kamen wir beim anschliessenden Abendessen nebeneinander zu sitzen und sprachen sehr, sehr lange miteinander.

Es stellte sich bald heraus, dass wir ähnliche Vermutungen darüber hatten, wie die Kontrolle von Menschen funktioniert. Wir wussten beide nicht, wer dabei die Fäden zog, aber meinten die Zeichen zu erkennen. Wir tauschten die Erfahrungen, Beobachtungen und Meinungen zu diesem Thema aus. Ich war damals in einer sehr schlechten Verfassung. Es hatte sich herausgestellt, dass mein Wunsch, in Kuba dauerhaft zu leben, nicht zu verwirklichen war. Und ich fühlte mich sowohl dort wie auch in Österreich nicht nur von einem Geheimdienst verfolgt. Es entspannte mich, mit jemandem darüber zu sprechen.

M. Rutt wollte weder optisch noch namentlich erkennbar sein, daher das Pseudonym und daher sein Zögern, bei öffentlichen GAV-Veranstaltungen mitzumachen. Er war davon überzeugt, dass Klone herumlaufen, mitten unter uns Menschen. Ich teilte seine Meinung, erzählte von den Begegnungen, die mich dazu gebracht haben, das auch anzunehmen.

Wir trennten uns an diesem Abend sehr nachdenklich. Die nächsten Begegnungen waren bei einigen GAV-Generalversammlungen und er als Publikum bei Lesungen im Linzer Stifterhaus. Er machte auch aktiv mit, als die OÖ GAV-Regionalgruppe (wohl mit Richard Wall als Motor) eine große Ausstellung zusammenstellte und in den Hallen der Linzer Kunstuniversität ausstellte, bei der sich Kollegen und Kolleginnen, die literarisch und bildnerisch arbeiten, präsentieren konnten, darunter auch ich.

Wir haben nie mehr über dieses Thema gesprochen, es war keine Gelegenheit und ich suchte auch keine. Ich schämte mich, so viel von meinen Ängsten und Zweifeln mitgeteilt zu haben. Wir haben einander aber immer sehr freundlich und liebevoll umarmt – das ist jetzt nicht mehr möglich.

2.10.2020

 

Herbert Christian Stöger



 

Ich sage jetzt einfach Günther,

obwohl ich ihn als M.Rutt kennengelernt habe, fehlt mir. Dieses Pseudonym trug ich lang im Kopf herum, aber nach einigen Begegnungen fragte ich ihn dann doch nach seinem „richtigen“ Namen, unter einem besonderen Vorwand, um eine persönlichere Tür zu ihm zu öffnen.

Er war einer jener Personen, die ich gerne zufällig in der Stadtbibliothek, auf dem Weg oder bei kulturellen Veranstaltungen getroffen habe. Sein Auftreten war immer korrekt, lag das an seiner Kleidung, Ausstrahlung oder an seiner ruhigen Sprechweise? Meist hatte ich den Eindruck, er sprach mit einem verschmitztem Lächeln.

Ich denke, er war auf der Suche. Dies bestätigte sich auch in seiner künstlerischen Herangehensweise, wenn er im Netz nach Häufigkeiten zu bestimmten Begriffen recherchierte. Und nun suche ich im Netz nach ihm und entdecke keinen Hinweis. War das sein Ziel, dort keinen Fußabdruck zu hinterlassen?

Was hat er künstlerisch hinterlassen für uns? Darüber weiß ich leider zu wenig. Wenn ich mich jetzt zu erinnern versuche, fällt mir ein, daß er bei einer Ausstellung in Linz dabei war. Dort hing ein weißes Leibchen mit einem besonders beschrifteten Etikett. Aber was war da zu lesen? War es sauber, rein, weiß, nein, es war „subventioniert“! Mit diesem statement machte er aber nicht auf sich aufmerksam … Im Katalog „QUERSCHNITT“, Kunstankäufe der Stadt Linz 2001/2002 wurde eine Kopie seiner genauen Anweisung für die Herstellung der Aufschrift abgedruckt. Dieses Blatt war mit einem eigenen Stempel versehen: ORIGINAL UNTERFERTIGT M.RUTT (nebst Unterschrift). 

 

Er bleibt mir nicht in Erinnerung als Günther oder unter seinem künstlerischer Pseudonym, sondern als Mensch mit einem nicht zu altern scheinenden, ja einem jungen freundlichen Antlitz, das er sich über die Jahre bewahrt hat.

 

 Bernhard Hatmanstorfer

In memoriam M. Rutt

Wenn mir der Fehler unterlief – und er unterlief mir eine Zeitlang nicht selten – freitags in der bunten Beilage der financialtimesfarbenen, österreichischen Tageszeitung zu lesen und ich gleichen Datums Günter Haidinger über dem Weg lief, verabschiedete ich ihn immer wieder als Robert. [Ein Robert Haidinger schreibt oder schrieb bekanntlich für eben erwähntes Blatt.] Diesen Fauxpas pflegte der richtige Haidinger – der Günther – stets mit einem Schmunzeln zu überspielen, das ich mir natürlich immer erst zu spät zu deuten wusste. Dass ich ihm einst in launiger Überheblichkeit den Einsatz von Diaprojektoren sowie billigem Backwerk vorgeworfen habe, hat er mir aber ebenso wenig übel genommen, wie meine Auslassungen über Olga Neuwirth, deren kompositorische Innovationen er mir in besonnener Gegenrede darzulegen versuchte. Als er mich allerdings in flagranti dabei stellte, wie ich das einzige überzeugende Album von Juliette Lewis and the Licks im Fachgeschäft aus der Ladenhüterecke rettete, war ich in musikgeschmacklichen Dingen damit bei ihm endgültig unten durch. Schien ich diesem musikalischen Genre entwachsen, so jenem – nämlich dem der von mir sehr geschätzten deutsch-koreanischen Komponistin Chin Unsuk – auf lange Sicht nicht würdig. Fehlte noch, dass mir Günther eine rustikale Volldampfcombo ironisch empfahl. So kam es, dass wir Worte wechselseitiger Verkalauerung für einander fanden, was uns in so manchen bitterschokoladigen Alltagsabend, über die flüchtigen Momente unserer Begegnung, einen geistreichen Unernst zauberte.

Das sonore Timbre seines überlegten Sprechens fehlt jetzt, wie die unaufdringliche Eleganz seiner flotten Erscheinung.


Richard Wall

Für M. Rutt

Für den beweglichen Geist

gibt es keine Hindernisse –

alles gläsern

M. Rutt

Denke ich an M. Rutt/Günther Haidinger, sehe ich vor mir eine schlanke Gestalt, groß, unauffällig elegant gekleidet, daher doch nicht ganz unauffällig, zurückhaltend im Gespräch, selten emotional, sogfältig in der Wortwahl. Wenn man jemandem in der Runde, die wir damals, vor gut einem Vierteljahrhundert, die GAV-OÖ dargestellt haben, das Adjektiv „distinguiert“ hätte zuschreiben können, dann ihm.

Er war ein verlässlicher Besucher der Treffen, meldete sich in strittigen Fragen abwägend & die Aspekte bedenkend zu Wort, & war konstruktiv(!) im Umsetzen(!) von Ideen. So hatten wir uns u.a. entschieden, für das Jahr 2003 zu 30 Jahre GAV & 30 Jahre Hochschule für künstlerische & industrielle Gestaltung (heute Kunstuni Linz) ein Symposion zur Schnittstelle „Literatur und Bildende Kunst“ zu veranstalten, ein verrücktes Unternehmen, mit geringen Mitteln in jeder Hinsicht. An uns beiden ist dann auch die Arbeit von der Finanzierung bis zum Hängen der Bilder & der Konzeption wie Realisierung des Katalogs hängengeblieben.

Jede Kollegin, jeder Kollege – 25 insgesamt, davon mehrere in Wien lebende mit OÖ-Bezug – hatte im Katalog eine Seite zur Verfügung, Bild & Kurz-Bio. M. Rutt konnte die Kunsthistorikerin & Kuratorin zahlreicher Ausstellungen, Dr. Eleonore Louis, damals Lehrbeauftragte an der Kunstuniversität Linz, für einen Begleittext gewinnen; kein geringerer als Dr. Burghart Schmidt hielt einen Vortrag, der ebenfalls im Katalog abgedruckt werden konnte. Diese Publikation war offensichtlich für den Vorstand der GAV in Wien etwas derartig Besonderes, dass wir uns eine weitere Arbeit eingeheimst haben. Wir wurden gebeten, von den Schriftstellerporträts, die Eva-Maria Geisler, die Frau von Gerald Bisinger, im Laufe der Jahre angefertigt hatte, zur Ausstellung dieser Bildnisse ebenfalls einen Katalog zu realisieren. Er erschien im Jahr darauf zeitgerecht zur Ausstellung, sozusagen zum 31. Jahr der Gründung der GAV.

Wir blieben uns verbunden, trafen uns hin & wieder im Café Traxlmayr, M.Rutt kam zu meinen Lesungen, & wir sandten uns jedes Jahr zum Jahreswechsel kleine bildnerische Arbeiten.

Marcel Duchamp hatte sein erstes Ready-Made, ein um 90 Grad gekipptes Urinal, mit R. Mutt signiert. Günther Haidinger pflegte die diskrete Anspielung. Sein Künstlername, ein Anagramm der Signatur Duchamps, gab die Richtung seiner künstlerischen Arbeit vor: Das Konzept, das Aufgreifen vorhandener Materialien, zuletzt vor allem aus dem Netz, Strategien, die subtile intellektuelle Eingriffe oder Manipulationen ermöglichten, um den ursprünglichen Sinn zu verändern, zu relativieren.

Er ging so leise von uns, wie er aufzutreten beliebte. Chapeau, Maestro des Understatements!


12., 13. Okt. 20

Freitag, 18. September 2020

„Allen ist immer alles zuviel“. Stephan Roiss' bemerkenswertes Debüt „Triceratops“

Von Dominika Meindl

Nein, man soll Stephan Roiss', dessen Roman zwar auf der Long-, nicht mehr aber auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis gelistet war, nicht mit dem doofen Hinweis trösten, dass es für ein Debüt eh total respektabel sei, so weit zu kommen. „Triceratops“ ist nicht „super für den ersten Roman“, sondern es ist per se ein super Roman. Von einem super Typen, aber das ist germanistisch wertlos, denn dieses Urteil fälle ja ich, die Vereinskollegin. Und Roiss könnte ein Ungustl sein, ohne dass seine Prosa Schaden nähme. Die glänzt in ihrem klaren Stil. Damit dem Urteil Relevanz und seiner Bildung Transparenz zuteil werde, sprechen wir also über den Text. 

Foto: detailsinn.at

Im Gegensatz zu seinem Zweitdasein als Musiker ist es Roiss mit der Literatur sehr ernst. Behaglich wird einem hier nicht, das macht das erste Schluchzen der Mutter im zweiten Satz zunichte. „Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr.“ Das Unbehagen steigert sich, sobald klar wird, dass es sich hier nicht um mehrere Geschwister handelt, sondern um ein Kind, das in diesem bedenklichen Plural Modestiae von sich selbst spricht. Immer wieder stolpert man über diese Verdoppelung der Ich-Perspektive. In der Familie haben alle schwere Lastan zu tragen, die Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach schwer bipolar, die Schwester pathologisch autistisch, der Vater überfordert, der Großvater erliegt seinem Hirntumor und die Tante hat einen esoterischen Hau, sie erkennt aber immerhin, dass der Sohn (=“wir“) der Stärkste in diesem prekären Gefüge ist. Das muss er auch sein, denn zum Hauptproblem Familie kommt ein ordentliches Hautproblem des Heranwachsenden.

Roiss erzählt vom coming of age des Jungen in kurzen Rückblenden, atmosphärisch verdichtet und manchmal nur drei Sätze lang – in harten Schnitten und in sehr starken Bildern, bei denen er sich einer Wertung oder gar billiger Psychologismen enthält. „Mutter las Beipackzettel und Kalorientabellen, Vater die Evangelien und Teletext.“ Die Mutter fürchtet sehr, zuzunehmen, nicht aber zu verhungern. „Ein einzelner Mensch kann das nicht ertragen!“ sagt sie bei einem ihrer Zusammenbrüche. „Allen ist... alles immer zuviel“, sagt der Vater und bringt den Sohn immer wieder zur Großmutter, wenn die Mutter wieder in die Psychiatrie muss, weil er nicht fähig ist, mehr als Frankfurter kochen zu lernen. Er ist so brav, dass es ihn nicht wundern würde, wenn eines Tages ein Engel in sein Kinderzimmer schwebte, „um uns zu eröffnen, dass wir Gottes Sohn sind. Wir hätten ihn bloß gefragt, was genau unsere Aufgabe ist.“ Den Titel hat sein Roman, weil die Verpanzerung des Dinosauriers gut zum Wesen des Kindes passt.

Die Distanz zur Familie setzt mit der Pubertät ein, und hier ist sie nicht nur eine normale Entwicklung, sondern die Rettung. Auch hier passt das Bild des Triceratops, der ein gewaltiges Nackenschild und Hörner trug, und doch nur Pflanzen fraß: „Er stand fest auf der Erde.“

Schon in einer seiner ersten Veröffentlichungen zeigte Roiss viel Gespür und Wärme beim Betrachten menschlicher Engpässe. „Gramding“ war nicht nur von der Länge her eine starke Novelle über die Widerfahrnisse eines Zivildieners im Altersheim. Da steht ein Satz, der mich sogleich für seine Literatur eingenommen hat, im Text spricht ihn eine alte Dame, die gefragt wird, wie es ihr gehe: „Wie einem mittleren Hund. Ein leichter würde eingehen.“ 

 

Stephan Roiss: Triceratops. Roman, Kremayr und Scheriau, 204 S., 20 

Wir freuen uns über ein Feedback über den Objektivitätsgrad dieser Rezension im Kommentarteil!

Mittwoch, 16. September 2020

Richard Wall: Am Äußersten. Irlands Westen, Tim Robinson und Connemara

 


In Walls neuem Buch wird das erste Mal im deutschen Sprachraum ein in Irland und Großbritannien gefeierter „Non-Fiction“-Autor vorgestellt: Tim Robinson (1935-2020), Kartograph, Kulturphilosoph, Schriftsteller und Umweltaktivist. Er starb Anfang April dieses Jahres als eines der ersten prominenten Opfer der Covid-19-Pandemie.

Im äußersten Westen Europas liegt Connemara, eine Kulturlandschaft von herber Schönheit. Robinson, ein gebürtiger Engländer, hat diesem Land zwischen kahlen Bergen und vom Atlantik geformten Küsten – einem der letzten Gebiete Irlands, wo noch Irisch gesprochen wird – mit seiner Connemara-Trilogie ein Denkmal gesetzt: Listening to the Wind, 2006; The last Pool of Darkness, 2008; A little Gaelic Kingdom, 2011.

Der österreichische Autor und Künstler Richard Wall kennt Connemara seit 1975, hat Tim Robinson mehrmals getroffen, würdigt sein Schaffen und seine Haltung mit seinem neuem Buch „Am Äußersten“ und schafft im 2. Teil des Buches ein kenntnisreiches wie vielstimmiges Porträt dieser dünn besiedelten Region Er stellt Personen vor, die in ihr leb(t)en, erzählt von einem kauzigen Zeitzeugen, der Wittgenstein kannte, und betont die Bedeutung der irischen Sprache für die Topographie der Landschaft.

Richard Wall: Am Äußersten. Irlands Westen, Tim Robinson und Connemara. Pb., 82 Seiten, Euro 14.80, ISBN: 978-3-923611-83-6. Bestellungen aus Österreich direkt beim Autor (Au 10, 4209 Engerwitzdorf, mit Widmung, falls gewünscht).

Klaus Gasseleder, Sperlingstraße 1, 91056 Erlangen
Tel. 09131-933596
Klaus.Gasseleder@t-online.de / klaus-gasseleder.de

Zeit für Utopien zwischendurch?

Reflexionen zum Thema „Utopien“ angeregt durch die Online-Aufführung eines Lesedramas von Corinna Antelmann von Elisabeth Strasser Ist heute...