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Dienstag, 18. August 2026

Wie solidarisch können wir sein?

 

Literarisch Solidarisch. Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb – Hatice Açikgöz (Hg.) Verbrecher Verlag 2026.

 

Rezension von Barbara Rieger

 

2023 startete Hatice Açikgöz gemeinsam mit Dara Brexendorf und Zara Zerbe einen Podcast mit dem Namen „literarisch solidarisch“. Der gleichnamige Sammelband verfolgt nun den Anspruch, die Erkenntnisse aus dem Podcast nicht im Internet verpuffen zu lassen, sondern Veränderungen zu bewirken. Dazu hat Açikgöz siebzehn Akteur*innen eingeladen, den Literaturbetrieb von verschiedenen marginalisierten Positionen aus zu betrachten. Anhand persönlicher Erfahrungen der Autor*innen werden strukturelle Ausschlussmechanismen deutlich. Weiter werden Ideen formuliert, wie der literarische Raum solidarischer gestaltet werden kann.

 

„Ich liebe, wie viel sich mittlerweile getan hat, dass so viele Frauen, trans*, queere, BIPoC, jüdische, muslimische Stimmen vertreten sind“, gesteht Açikgöz im Eingangsbeitrag (S.9), aber: „Ich hasse, wie wenig sich getan hat, dass Frauen, trans*, queere, BIPoc, jüdische, muslimische Stimmen immer noch nicht gehört werden. Ich hasse, dass uns nicht richtig zugehört wird, wir unterbrochen werden, wir weniger Geld verdienen als Markus und Clemens und Sebastian, ich hasse, dass wir so hart kämpfen müssen für Agent*innen, die an unsere Stimmen glauben.“ (S.10). In diesem Spannungsverhältnis bewegen sich auch die anderen Beiträge.

 

Dara Brexendorf, die sich in ihrem Beitrag mit Schreiben und mentaler Gesundheit auseinandersetzt, erwähnt, dass im Studienlehrgang „Literarisches Schreiben“ im renommierten Hildesheim folgender Satz kursierte: „Einer pro Jahrgang wird es schaffen“. (S.21). Das Schreiben ist für Brexendorf – und ich meine nicht nur für sie – „ein eigener, ein leiser Raum, quasi ein Safer Space, überlebenswichtig.“ (S.16) Dies steht allerdings im Gegensatz zum Schreiben für einen literarischen Markt, der von einer kapitalistischen Logik und damit nicht zuletzt von Konkurrenz geprägt ist.
Der Literaturbetrieb, so formuliert es Mareice Kaiser in ihrem Beitrag, ist ein System, in dem es „am Ende auch und vor allem um Geld geht“ (S.30). Ein System, in dem selbst erfolgreiche Frauen, wie Mareike Fallwickl in ihrem Beitrag darlegt, nicht in den Kanon aufgenommen, sondern vergessen wurden und werden. Ein System zudem, in dem Personen, die nicht schon umgeben von Büchern aufgewachsen sind, Personen, die eine Behinderung haben, die unter chronischen Krankheiten wie etwa einer Depression leiden, die Care-Arbeit leisten müssen oder deren Identität oder Themen zu wenig tauglich für den Mainstream scheinen, benachteiligt sind.

 

Wie Sexismus, Ableismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Klassismus, Ageismus, Antisemitismus und Islamophobie die Realität von schreibenden und publizierenden Personen bestimmen, wird in den Beiträgen deutlich. Dabei werden nicht nur persönliche Erlebnisse und Kämpfe geschildert und in gesellschaftliche Zusammenhänge gestellt, sondern auch Vorschläge gemacht, wie wir den Literaturbetrieb gemeinsam solidarischer gestalten können.

 

Auch wenn sich die Verhältnisse nicht von heute auf morgen ändern lassen, so ist es doch sinnvoll, dies zu versuchen. Schließlich brächten wir uns sonst um die Möglichkeit, diverse Stimmen zu hören und neue, andere Perspektiven einzunehmen. Und das ist schließlich die größte Stärke der Literatur.


 

Hatice Açikgöz (Hg.): Literarisch Solidarisch

Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb

Mit Beiträgen von Josephine Apraku, Maryam Aras, Sarah Berger, Betiel Berhe, Dara Brexendorf, Seda Çalışkanoğlu, Özlem Özgül Dündar, Mareike Fallwickl, Christiane Frohmann, Heike Geißler, Linus Giese, Mareice Kaiser, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Maline Kotetzki, Hami Nguyen, Andrea Schöne und Ayna Steigerwald.

Verbrecher Verlag 2026

 

Mehr zum Buch hier. 



 

Dienstag, 24. März 2026

In Paradiesen paradierend

Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han wurde zum Gärtner und erlebte das Weilen und Duften der Zeit, wie er schrieb. Barbara Frischmuth widmete bekanntlich ihrer Gartenleidenschaft Bücher. Wem nicht das Glück beschieden ist, einen eigenen Garten zu bestellen, der kann sich immerhin darauf verlegen, welche zu besuchen.
HC Stöger und Lebenspartnerin Alina Staicu haben diese Tour, oder besser: Touren, in Verona auf sich genommen. (Ein Philister, dem die Perle Venetiens nicht mehr zu bieten hätte als Pavarotti in der Arena!)

 


Daraus ist nun ein Buch geworden, mit Prosa von Stöger und Zeichnungen von Staicu.

 
Auf eine Kurzcharakteristik der jeweiligen Anlage folgt in Begleitung eines Bildes ein Bild in Worten. Oder es folgen deren mehrere. Das Geschriebene rekurriert entweder direkt auf die örtliche Gegebenheit, anekdotenhaft, oder assoziiert, reflektiert, fabuliert, angestoßen durch das vorgefundene Vorhandene. Dabei kann auch eine sarkastische Chrie entstehen, wie der Text „Ein unglücklicher Fall“ belegt, der dem Besuch des Giardino della tartaruga zu danken ist. Bisweilen wähnt man sich in eine Staffage der Pittura metafisica versetzt, wie de Chirico sie ersann („Nur diese Nacht“), dann konfrontieren den Leser chronikalische Schilderungen ortsverbundener Ereignisse oder historische Moritaten, wie jene Geschichte vom unschuldig Erschossenen, der man an der Bastione delle Maddalene begegnet. Die Texte formen ein launiges Potpourri aus (überzeichneten) Begebenheiten und zuweilen fatalen Missgeschicken („Das Reh“). Dabei scheint Stöger der Dürrenmatt’schen Dramaturgie verpflichtet: Eine Geschichte ist dann zu Ende, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat („Mit Hintergrund“). Banalitäten können zu Katastrophen erblühen, ohne dass es bramarbasierendes Zutun voraussetzte.

 
Resümee: Jeder Ort hat seine Geschichte(n), jeder Aufenthalt seinen Gehalt.

 
Ein Satz fasst das Verbindende der Besuche der oftmals von morschendem Mauerwerk umfriedeten, mitunter von gärtnerischer Pflege vernachlässigten Stätten so zusammen: „Wir alle sind Nachbarn.“
Und berückende Formulierungen wie diese erbauen: „Der Tag hatte ihnen die Träume aus den Augen gewischt.“
Die Früchte der Besuche aus 2022 gehen jenen aus 2019 voran. Während die Zeichnungen zunächst auf den rechten Buchseiten aufscheinen, prangen sie dann, in reduziertem Format, auf den linken. Eignet ihnen zunächst die Anmutung von Gouachen oder Skizzen mit Pastellkreide, so finden sich ihre Umrisse dann wie von der Tuschefeder gezogen. Naturalistisch sind sie allemal. Inwieweit die Künstlerin Alina Staicu dem Befund Klees beipflichten wollte, „Kunst zeigt nicht das Sichtbare, sondern macht sichtbar“, wagt der Rezensent nicht zu entscheiden. Zeigen die Zeichnungen, was man vor Ort, je nach Standpunkt, sieht, oder was sich der Betrachterin erschließt?
Gemäß dem 'Pataphysiker' Alfred Jarry dient der Körper dazu, Jacken zu tragen und mit den Jacken die aufgenähten Taschen. Das Buch von Stöger und Staicu ist ein passendes Vademecum für unterwegs, geeignet für die Taschen an der Kleidung und für Spaziergänge.
Wollen wir es doch bedenken: In einer Welt ohne Gärten, fände die Sehnsucht nach dem Paradies zu keinem Bild.


                                                                                                    Bernhard Hatmanstorfer



Herbert Christian Stöger / Alina Staicu: mitschatten. Veronas verborgene Gärten.
Edition fabrik.transit 2024
ISBN 978-3-903267-49-7 

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Brandheißes Thema spannend-phantastisch verbrämt

Hermann Knapp: Die zweite Sintflut. Rebellion der Kinder.

Rezension von Elisabeth Strasser


Wir erinnern uns an die „Fridays for Future“-Kids und an die sogenannten „Klimakleber“. Beides ist inzwischen verschwunden, das damit verbundene Thema dagegen nicht.
Es ist noch immer ein brandheißes, der Klimawandel und all das, was die Menschen der Erde, auf der und von der sie leben, antun. Auch wenn wir uns jetzt im kalten Winter nach wärmeren Tagen sehnen, allzu heiß wird es schon wieder werden. Das Weltklima ist außerdem ein so komplexes Gebiet, dass die Auswirkungen letztlich schwer vorhersehbar sind. Dazu gibt es wissenschaftliche Expertisen und viele Meinungen. Nur eines müsste wohl allen klar sein: All das CO2, das in Jahrmillionen in die Erde eingespeichert wurde, innerhalb von 200 Jahren in die Atmosphäre zu pulvern im Rahmen der Nutzung fossiler Energie, kann nicht ohne Auswirkungen bleiben.

Hermann Knapp lässt die Gedanken an die Protestaktionen der Jugendlichen in seinem Roman wieder aufleben, wobei hier die „Rebellion der Kinder“, wie es im Untertitel heißt, weitaus radikaler ist.

Mara, eine Dreizehnjährige, wacht eines Morgens einfach nicht mehr auf. Schön wie Schneewittchen in ihrem Glassarg liegt sie im Bett. Ihren alleinerziehenden Vater ergreift Panik, er ruft die Rettung. Mara lebt, aber in einem Zustand, der zwischen Leben und Tod schwebt. Doch nicht allein Mara ist davon betroffen, alle Dreizehnjährigen auf der gesamten Welt sind das. Eine Veränderung im Gehirn bewirkte das, wie Wissenschaftler bald feststellen und den Begriff „Kant’sche Hypophyse“ dafür finden. Vielleicht eine Mutation in der Evolution des Menschen, vom homo sapiens hin zum homo empathicus?

Mara ist der Exemplarfall, dessen Schicksal im Roman im Mittelpunkt steht. Lukas Wächter, ihr Vater, ein Buchhalter mit besonderem Faible fürs Einmaleins, das er sich zur Beruhigung oder Ablenkung gerne aufsagt, ist die Hauptfigur. Er ist bei seiner Großmutter aufgewachsen, schwer traumatisiert, nachdem sein Vater unter Alkoholeinfluss seine Mutter und danach sich selbst getötet hatte. Irene, Lukas Wächters Ehefrau und Maras Mutter, eine Kunstmalerin, bringt endlich Freude und Heiterkeit in sein Leben. Allerdings ist sie zu Beginn des Romans bereits tot, an einer Krebserkrankung ein paar Jahre davor gestorben. Dennoch tritt sie in etlichen erzählerischen Rückblenden schillernd-lebendig auf. So wie auch Wächters Großmutter, die einst von der „Wolkenstadt“ sprach, die im Laufe der Geschichte noch eine ganz konkrete Rolle spielen wird.

Da Mara der erste bekannt gewordene Fall des Phänomens ist, das als „Schneewittchen-Starre“ bekannt wird, treten an Lukas Wächter nicht nur Wissenschaftler und ein etwas zwielichtiger Innenminister heran, er wird von Journalisten verfolgt, ein Geheimagent taucht auf, der für allerlei abenteuerliche Situationen sorgt, und gar ein Redeauftritt vor der UNO erwartet ihn.

Mystery, Phantasy, Thriller, Liebesgeschichte, Gesellschaftskritik … von alledem steckt etwas in Hermann Knapps Roman. Dazu kommt des Autors bereits von anderen Romanen und Erzählungen bekannter schwarzer Humor und Sprachwitz. Als kleines Beispiel etwa, wenn anfangs auf des Vaters Frage, ob Mara noch lebe, der Arzt antwortet: „Ich kann Ihnen nur sagen, dass eine Obduktion derzeit keine Option ist.“

Die Rückblenden auf die Liebesgeschichte zwischen Lukas und Irene, auf die Geschichte mit der Großmutter, sowie die Begegnungen in der „Wolkenstadt“ (was es damit auf sich hat, sei natürlich nicht verraten), ergeben berührende und eindrücklich geschilderte Episoden. Letztlich führt der Weg zur Lösung über die Kunst, kann man sagen, was heißt, Irenes Gemälde in dem nach ihrem Tod verschlossenen Atelier tragen zur Lösung eine wesentliche Rolle bei. – Vom Ende der Geschichte kann – ganz ohne zu spoilern – verraten werden, dass Lukas Wächter zuletzt eine im wahrsten Sinne des Wortes in der Menschheitsgeschichte einzigartige Aufgabe bekommt.

Der Begriff der „Sintflut“ ist hier nicht wörtlich zu nehmen. Es gibt keine reinigende Flut, nach der ein Neubeginn möglich wird. Dennoch dreht sich die Geschichte genau darum: um einen Neubeginn, der möglich werden kann, nachdem die rebellierenden Kinder wieder aufgewacht sein werden. – Welche Probleme damit verknüpft sind, und wie das gelingen kann, wird in der Geschichte überlegt – innerhalb deren erfundener Realität.

Das Anliegen des Romans ist klar: Achten wir auf die Erde, schauen wir darauf, dass unsere Welt eine Zukunft hat für die nachkommenden Generationen. – Was dazu bisher versucht wurde und wird, reicht jedenfalls nicht aus. Das wird in Rückblenden auf Gespräche zwischen Vater und Tochter aufgegriffen. Etwa wenn Mara – ein Kind unserer Zeit, das an den Freitagsdemonstrationen teilnimmt und gleichzeitig hoch energieverbrauchende Geräte nutzt – am Ende einer solchen Diskussion sagt: „Wir können jetzt stundenlang gegeneinander aufrechnen, an welcher Umweltzerstörung wir schuld sind. […] Aber darum geht es gar nicht. Das Schlimme ist, dass auch du und Mama nichts dazu getan habt, um eure Generation zum Umdenken zu bewegen. Nur im eigenen Bereich ein paar kleine Schritte zu machen, reicht schon lange nicht mehr.“

Was im Roman passiert, ist phantastische Fiktion. Reale Lösungen für das Problem „Klimawandel“ bietet er natürlich nicht an, sensibilisiert jedoch eindrücklich dafür.
Die Hoffnung auf eine lebenswerte Welt für die nächsten Generationen wird zwar nicht in einem Evolutionsschritt wie der „Kant’sche Hypophyse“ liegen, sondern eher im Vernunftgebrauch des Menschen (wobei wir natürlich auch bei jenem Philosophen Immanuel Kant sind, nach dem jene Gehirnmutation im Roman offenbar benannt ist), einem Vernunftgebrauch, der sich neue Konzepte und Ideen einfallen lässt, weil es schließlich ums Überleben geht. Ansätze dahingehend gibt es jedenfalls.

Hermann Knapp sagt auf seiner Webseite selbst über seinen Roman: „Das Buch soll zum Nachdenken über die Klimakrise und unsere Verantwortung für die nachkommenden Generationen anregen. Träumt mit mir von einer besseren Welt, denn Träume können wahr werden – und es ist noch nicht zu spät!“


Erschienen 2025, Verlag am Rande


Freitag, 9. Januar 2026

Speibende Regenbögen und sprechende Weberknechte

Benjamin Rizys „Über der Tür“. Rezension von Dominika Meindl 

Es ist eine oft und rechtmäßig vorgebrachte Klage über den deutschsprachigen Buchmarkt, dass er mit kurzen Textformen so wenig anzufangen wisse. Ausnahmsweise hofft man auf den einzigen Vorteil des grassierenden Konzentrationskollapses (die Autorin nimmt sich nicht aus!), auf eine Verschiebung des Fokus auf Erzählungen, Aphorismen – oder „short short stories“ wie jene von Benjamin Rizy. Der in Wien und Bad Leonfelden lebende Autor ist nun endlich Mitglied der GAV geworden. 

Auf einem Zettel, den er seiner ersten Kurgeschichtensammlung beilegt, notiert er „Leider kommen nur zwei Hunde vor. Naja, besser als nix“, was noch nichts über das Buch aussagt, aber doch schön ist. Vielleicht ist es auch besser für die Hunde, denn besonders gemütlich geht es in den 29 meist abgründigen und/oder absurden Mini-Thrillern, Kleindramen, Dorfgeschichten, Stadtbildern nicht zu. Was sie eint, ist die Lust des Autors, den Lesenden immer wieder den Boden unter den Füßen wegzuziehen, ihre Erwartungen und Leseautomatismen zu stören. Nicht immer ist der Erzähler ein Mensch, auch Weberknechte oder Enten haben etwas zu sagen. Die Welt ist ein Lost Place, dessen Verfall man neugierig betrachtet. 

Die Haltung Rizys als politischer Mensch ist klar, ebenso sein Sarkasmus: „Am Wahltag richten sich die Leute schön her, um dann schiach zu wählen.“ Nachvollziehbarem Land-Bashing stellt er sehr gute Beobachtungen über die Stadt entgegen: „Eine Stadt, das ist Möglichkeiten zu haben, aber sie trotzdem nicht zu nutzen.“ Oder: „Die Wände in freundlichen Farben, die aussahen, als habe sich ein Regenbogen übergeben.“ Immer gibt es einen Twist, eine überraschende Wendung. Müsste ich eine Geschichte als die beste hervorheben, fiele die Wahl auf „Das Einfamilienhaus“, eine fast apersonale und Beschreibung der Unheimlichkeit des Heimeligen. 

Biographie: Benjamin Rizy, geboren 1990 in Wien, lebt in Wien und im Mühlviertel (OÖ). Zunächst Studium der Physik an der Universität Wien, derzeit Verfahrenstechnik an der TU Wien. Davor Zivildienst im Marketing eines Kulturzentrums in Wien. Arbeitet nebenbei als Photograph und Musiker. Ausgeprägtes bis ausuferndes Interesse an Literatur, Technik, Kunst, Brettspielen, Politik, Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit. Vorlieben für Oscar Wilde, Piraterie, Schreibmaschinen, durchdachtes Design, alle Katzen und viele Hunde. Derzeit Arbeit an der zweiten Kurzgeschichtensammlung. Er ist Vater von zwei Söhnen.

Benjamin Rizy: „Über der Tür“. Short Short Stories. Löcker Verlag

Dienstag, 17. Juni 2025

Traum und Realität – und was so dazwischen ist


Barcelona Dream von Corinna Antelmann. Rezension von Christine Mack 

 

Was Frau nicht alles tut für ihren Traum, der verführerisch an Realitätsnähe gewinnt.

Während die Ich-Erzählerin mit der Bahn ihrem Barcelona-Traum entgegenreist, bleibt ihr Freund in der existentiellen Welt zurück.

Und Eva trifft tatsächlich auf den Star ihrer Träume (was ich beim Lesen anfangs bezweifelte, ob das tatsächlich passieren wird, da Realität und Traum verschwimmen). Aber ja, Eva kommt in Barcelona an und nähert sich langsam der Filmcrew, die von ihrem Star-Idol geleitet wird. Und diese lässt ihren Traum bröckeln – bis das Idol sich dem „Küken“ nähert, weil es kompetente Dinge sagt, die dieser Mann für seinen Film brauchen kann. 
Viele Seiten lang hielt ich beim Lesen den Atem an. Hoffend, die Protagonistin würde das böse Spiel durchschauen und Konsequenzen ziehen. 

Eva, schwankend zwischen der Filmwelt und dem fernen Leben mit ihrem Freund Oliver, will als Regisseurin wahr- und ernstgenommen werden. Auch mit dem Bewusstsein, dass sie ihr Wissen und Können an ihr Idol verschenkt. Und fast bete ich, ihrem Erwachen möge kein Alptraum vorangehen.

Wie die Protagonistin Eva ihre Lage und ihre Rolle reflektiert, ist der Autorin Corinna Antelmann trefflich gelungen. Obwohl der Roman sehr prekäre Themen behandelt (Missbrauch, Prostitution), hat die Sprache etwas Leichtfüßiges. Kein Drama, keine schier unüberwindbare Verstrickung. Und Eva hat Humor. So, wie sie sich betrachtet, mit ihrem Verhalten, ihrer Rolle und mit ihren Gefühlen, ist sie sicher. Sie steht zu den Verführungen - und trifft Entscheidungen. Ich liebte beim Lesen die Passagen, in denen die Autorin sich mit der Verwendung der Sprache und mit Begriffen auseinandersetzt. Und auch mit Fragen wie: Will ich mich besitzen lassen? 

 

Die Filmbranche ist für mich ein relativ unbekannter Ort. Erst die MeToo-Bewegung hat meine Aufmerksamkeit dorthin gerichtet. Was dort vor sich geht, dieser subtile Machtmissbrauch, erscheint mir nach Corina Antelmanns Schilderungen sehr realistisch. Ein wenig Ahnung habe ich nun, wie ein Film entsteht. Und wie er reißen kann. 

Mittwoch, 19. Februar 2025

Vom Zähmen, Ausbeuten und Bestaunen. Essays. Eine ungeordnete Kulturgeschichte der Natur – Bettina Balàka

 

In diesem 2024 erschienenen Essayband setzt sich die vielseitige Autorin Bettina Balàka mit unserem Verhältnis zu Natur auseinander. Gekonnt verbindet sie Bekanntes und gerne Verdrängtes mit weniger Bekanntem und Persönlichem und regt nachhaltig nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Nachfühlen an.

Schon im ersten kurzen Beitrag „Zoobesuch mit Kinderschnitzel“ erklärt sie anschaulich die kognitive Dissonanz, die unser (gegenwärtiges, westliches!) Verhältnis zur Natur prägt: „Kognitive Dissonanz entsteht bei nicht miteinander zu vereinbarenden Haltungen und Handlungen. Man will nicht, dass Tiere leiden, will aber trotzdem Fleisch essen. Dieser psychologische Konflikt löst unangenehme Gefühle aus, man versucht ihn mit allen Mitteln zu vermeiden. Niemand könnte sich noch amüsieren, wenn das Schreckliche sichtbar würde.“ (S. 17f)

Und doch gelingt es der Autorin im vorliegenden Band auf wundersame Weise trotz der Schrecklichkeiten, die sie uns gut sichtbar serviert, einen Rest Amüsement zu bewahren. Es ist nicht (nur) der Spaß daran, den Finger in die Wunde zu legen oder gelegt zu bekommen oder der Genuss an der zielsicheren Handhabung des Skalpells der Sprache. Vielleicht ist es eine gewisse Freude an der (Selbst-)Erkenntnis?

Im längsten, härtesten und für mich zentralen Essay „Nicht Fisch, nicht Fleisch: Wenn Bewusstmachung die Geschmacksnerven verändert“ erzählt die Autorin, dass sie (ebenso wie auch ich, die Rezensentin) Fleisch liebte und das, obwohl sie schon als Jugendliche im Hühnerstall mitarbeitete. „In meinem Kopf gelang es mir, eine Mauer einzuschieben zwischen dem Anblick im Hühnerstall und dem Anblick auf meinem Teller, so wie man es eben machen musste, wenn man satt werden wollte.“ (S. 89)

Das Unbehagen stellte sich schleichend ein. Persönlicher Kontakt mit den Turopolje-Schweinen bei einer Feier auf einem Weingut: „Bevor man das Fleisch aß, konnte man sich vergewissern, dass es ihnen gut ging. Ich vergewisserte mich, dass es ihnen gut ging, und konnte sie nicht mehr essen.“ (S. 74). Die Begegnung mit einer kommunikativen Sepia während eines Tauchgangs und schließlich der Dokumentarfilm „The End of Meat“. Bettina Balàka wurde zur Vegetarierin und obwohl sie andere nicht direkt überzeugen möchte, es ihr gleichzutun, führt sie uns vor Augen: „Das Nahrungsmittel Fleisch ist tief verwurzelt in unserer Geschichte und Kultur“ (S.85), unser heutiger Umgang damit ist – ich, die Rezensentin kann nicht anders, als es hier so polemisch zusammenzufassen – schlichtweg krank. Und als Ansatz für einen anderen Umgang – in den Worten der Autorin, die es auf den Punkt bringen: „Hühner haben Gefühle. Menschen auch.“ (S.91)

In einem weiteren Beitrag mit dem Titel „In andere Häute schlüpfen: Empathie in der Literatur“ analysiert Balàka literarische Auseinandersetzung mit Tieren, wie z.B. „The Terrapin“ von Patricia Highsmith, „Die Spitzin“ von Marie von Ebner-Eschenbach oder „Black Beauty“ von Anna Sewell, und zeigt unterschiedliche Möglichkeiten des Unverständnisses, der Grausamkeit und der Einsicht auf.
Im längeren Essay „Kraut und Unkraut: Vom Anbauen und Verbauen“ verwebt sie subjektive Erfahrungen mit historischen Informationen, wissenschaftliche Erkenntnisse mit Glaubenssätzen unserer kapitalistischen Gesellschaft und weist uns als Draufgabe mittels literarischer Beispiele auf die Gleichsetzung des Weiblichen mit der Natur hin. Eines ist jedenfalls – ganz unpolemisch – klar: Der gesellschaftliche Umgang mit Natur ist nicht nur paradox, sondern in höchstem Maß destruktiv.

„Die Zerstörung der Wildnis und der Transfer von Flora und Fauna“, „Tiere auf der Flucht“, „Geister im Naturhistorischen Museum, Lerchen und Lercherln in Wien“ und die „Wiederentdeckte Naturaliensammlungen des Stifts Seitenstetten“ sind Themen, mit denen sich die Autorin auseinandersetzt. Im letzten Essay outet sich sie als „Beaver believer“. Zum Thema Biber ist übrigens von der Autorin auch ein Naturschutz-Krimi für Kinder erschienen (Leykam 2021).

Als „ambivalent“ bezeichnet Balàka das Verhältnis des Menschen zur Natur im Vorwort. Mit „toxic relationship“ wirbt der Klappentext. Während ersteres mir nach der Lektüre fast als beschönigend erscheint, ist zweiteres irreführend, legt es doch nahe, dass „die Natur“ die Beziehung zum Menschen verlassen oder auflösen könnte. Doch kann sie das? Findet das Leben, wie im berühmten Film „Jurassic Park“ (1993) gesagt wird, immer einen Weg? Wollen wir es hoffen?


Barbara Rieger, Februar 2025


Bettina Balàka: Vom Zähmen, Ausbeuten und Bestaunen. Essays. Ein ungeordnete Kulturgeschichte der Natur Innsbruck: Haymon Verlag 2024
2013 Seiten
22,90 EUR
ISBN 978-3-7099-7039-3
 

Mehr zum Buch: https://www.haymonverlag.at/produkt/vom-zaehmen-ausbeuten-und-bestaunen/
Mehr zur Autorin https://bettinabalaka.wordpress.com/
Mehr zur Rezensentin: https://www.barbara-rieger.at/


Donnerstag, 19. Dezember 2024

"Mein Vater, ein hochgradig beknackter Typ": Katharina Rieses "Die gute Wurst aus Holz"

Rezension von Dominika Meindl  

Vielleicht trügt die Erinnerung, aber gab es nicht einen Preis für den bemerkenswertesten literarischen Titel? Wenn ja, hätte "Die gute Wurst aus Holz" im Jahr 2023 unbedingt in die Top 10 gehört. Aber das nur als Versuch eines leichtfüßigen Einstiegs in die Rezension eines Buches (Memoir? Reisebericht? Kurzprosa? Monolog?), in dem das Leichte und das Schwere in poetische Balance gebracht wurden. Katharina Riese, 1946 in Linz auf die Welt gekommen, beschreibt darin ihre Annäherung an ihren Vater: Max Ernst Peukert, sudetendeutscher Erfinder und Lebensmittelchemiker, 1947 mit bloß 42 Jahren verstorben.

Der unbekannte Vater ist ein mächtiges Motiv in der Literatur - besonders, wenn er aktiver Teil des NS-Regimes war. Nicht von ungefähr wird Martin Pollack gleich zu Beginn zitiert, der von der tiefen Sprachlosigkeit spricht, die in der Nachkriegszeit als Fundament des Wiederaufbaus gewaltsam errichtet wurde. Peukert forschte im Dienst der NS-Kriegswirtschaft an etwas, das seltsam aktuell geworden ist: pflanzlichem Wurstersatz, der "Lenzinger Myzelwurst" oder "Sogspäwurst". Bei den Nazis natürlich nicht aus ethischen Erwägungen (warum essen wir überhaupt noch Tiere!?), sondern als Hilfe gegen den selbstverschuldeten Hunger in Kriegszeiten ("Schließung der Eiweißlücke"). 

Gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begibt sich Riese zu einer Reise ins Riesengebirge, um den Geburtsort des Vaters zu besuchen - um sofort in dichtem Nebel verloren zu gehen, wie ein Vorzeichen für das kommende Unterfangen. Im Folgenden umkreist sie den Unbekannten in kurzen "Satellitentexten", berichtet von der Schreibhemmung, Recherchefahrten in Oberösterreich ("in situ", von "Schauplatz zu Schauplatz") und der eigenen, nicht ganz linearen Familiengeschichte. "Jedes Kind hat seine eigenen Eltern. Es sind andere als die seiner Geschwister. Und: Die wenigsten Kinder wissen viel über ihre Eltern, bevor sie Eltern geworden sind". Beim heimlichen Schnüren im Haus findet das Kind ein Foto vom Vater und erschrickt wegen seines Barts. "Ich bin die Tochter von Adolf Hitler!" 

Rieses Sprache ist klar und höchst einnehmend, immer wieder voll treffender Ironie. "Den Flüssen geht es so wie den Frauen bei der Heirat. Nach der Vereinigung verlieren sie ihren Namen." Oder: "Intimiät und Desaster. Alles, was ist, muss nicht sein." Die skurrilsten Kapitel schreibt die Realität, oder besser - das Archiv. Da findet sich etwa in Roman Sandgrubers Monografie über Lenzing das "Biosyn-Gedicht" über die "großen Zeiten", in denen müsse man den "Magen auf die gute Wurst aus Holz" vorbereiten. 

"Was geht uns das an, welchen Mist unsere Eltern verbrochen haben?" sagt Rieses Halbschwester einmal über die "Privatkatastrophe" der Eltern. Sie hat recht, aber zum Glück hat sich Katharina eben doch für den "Mist" interessiert, als einzige. Was sie über andere schreibt, gilt unbedingt auch für ihr eigenes Buch: "Was mich, sagt die Autorin, wie ein von der Sense erfasstes Grasbüschel umsäbelt, ist die Lektüre von 'Kindern', die über ihr Heranwachsen mit gestörten Eltern plausibel und verständlich schreiben können." 

Eine großartige Spurensuche, ein "Gewebe zwischen Familien- und Zeitgeschichte", in fantastischen Kurztexten und stilistischer Vielfalt. Man mag dauernd unterstreichen: "Der Zweite Weltkrieg war, die Fernsehprogramme beweisen es, das aufregendste aller Männerspiele." 

Foto: privat

Katharina Riese, Die gute Wurst aus Holz. Dr. Peukert. Erfinder. Vater. Klever Verlag. 144 S. Hardcover. 22 €

Ein Lebenslauf Rieses ist auf der Website der GAV zu finden: www.gav.at/pages/mitglieder.php?ID=457

Montag, 18. November 2024

Selbst die beste Eroberung ist am Ende nur Staub


Über Joyce Mansours „Nur Besessene schwänzen das Grab“, aus dem Französischen von Lisa Spalt

Rezension von Dominika Meindl

Beim Lesen der ersten Seiten kam mir (unter mildem Einfluss legaler psychotroper Drogen – es war Wochenende!) die Idee, den ganzen Surrealismus noch einmal von vorne beginnen zu lassen, aber diesmal geschrieben und gemalt und gefilmt ausschließlich von Frauen; das wäre doch ein Experiment!

Joyce Mansour (1928 bis 1986) war eine Französisch schreibende Dichterin mit syrisch-jüdischen Wurzeln, die lange in Ägypten lebte und schließlich nach Paris zog, wo sie sich den Surrealisten anschloss, als eine von wenigen Frauen (ihre Lyrik und Prosa wurden auch von den Männern nach dem binären Schema besprochen, wie sich im Wikipedia-Eintrag nachlesen lässt). Sie selbst überließ ihre Biographie bereitwillig den Spekulationen anderer.

Mansours Erzählungen bewegen sich oft an der Grenze zwischen Wachen und Traum, zwischen Klarheit und Wahn. Die Handlung nachzuerzählen ist nicht ganz leicht, und auch nicht ganz wichtig. Im ersten und längsten Text „Maria oder die Ehre zu dienen“ tut sich eine Frau mit ihrem Mörder zusammen, ihre Schwester hat Sex mit ihrem Kater, der von einer losgelösten Hand erwürgt wird. In „Sonntagskrämpfe“ spricht der von Poesie besessene Narr Hiob in Aphorismen. „Das ist kein Mensch, das ist ein Feuerwerk.“ Und in „Der Krebs“ verliebt sich ein junger Diener in den stetig wachsenden Buckel seiner Herrin.

Die drei Texte dürfen nicht schnell weggelesen werden, im Idealfall findet sich die Zeit, jeden einzelnen Satz im Geiste Form annehmen zu lassen, als läse man ein langes Prosagedicht. Mancher trägt vielleicht zu schwer an seiner psychoanalytischen Metaphorik, aber dann steht wieder ganz Großes da. Da kriechen „Gedanken, kalt wie Nacktschnecken“, da ist ein Mann, „der von allem, was tröstet, entwöhnt war.“ „Die Vögel haben allgemein wenig Humor.“ (Was nicht stimmt, wenn man den tolldreisten Manövern der Dohlen zusieht). Schön auch: „Ich bin nicht zynisch genug, um gegen die Uhr, gegen die Leichtigkeit, gegen die Dummheit zu kämpfen.“ Und dann: „Stille am Rand der Weltveranstaltung“.

Die drei Erzählungen sind nun zum ersten Mal auf Deutsch zu lesen. Ob die Übersetzung kongenial ist, lässt sich nur vermuten, das eigene Französisch ist seit Schultagen verschüttet wie ein Pharaonengrab, aber es ist ohne Risiko anzunehmen, da der Name Lisa Spalt für Qualität bürgt. Das „ständige Mitglied für poetische Alltagsverbesserung“ bezeichnet das Buch im Übrigen scherzhaft als „ein sehr obszönes, heftiges, witziges, grausames Minibuch“, das man nicht in „einer Kinderliteraturzeitschrift“ besprechen sollte. Das ist gut gesagt und sehr richtig!


Joyce Mansour: „Nur Besessene schwänzen das Grab“. Aus dem Französischen von Lisa Spalt. Mit Zeichnungen von Sabine Marte. Czernin Verlag 

https://www.czernin-verlag.com/buch/nur-besessene-schwanzen-das-grab

Mittwoch, 23. Oktober 2024

„Helle Sterne, dunkle Nacht“ - ein Kinderbuch von Lisa-Viktoria Niederberger & Anna Horak

Rezension von Barbara Rieger

Lisa-Viktoria Niederberger hat sich des Themas Lichtverschmutzung angenommen und es kindgerecht aufbereitet.

Die Hauptfigur Maya möchte, wenn sie groß ist, Wissenschaftlerin werden, am liebsten Astronautin. Sie möchte die Sterne sehen, bzw. den aktuellen Sternschnuppenregen über der Stadt. Doch aufgrund der zahlreichen Lichtquellen überall ist das nicht so einfach möglich. Als ihre Eltern im Bett sind, macht Maya sich gemeinsam mit der erwachsenen Nachbarin Rabea – einer Ärztin, die oft nachts wach sein muss - auf die Suche nach jener Dunkelheit, ohne die man die Sterne nicht sehen kann.

Auf dem Weg durch die Stadt treffen wir mit den beiden auf (nachtaktive) Tiere, Pflanzen und Menschen und lernen einiges über Licht und Dunkelheit. Neben der erzählten Geschichte stehen zusätzliche Textelement, die noch mehr Fachwissen vermitteln. Die Sprache ist klar, der Inhalt auch, die Illustrationen sind liebevoll.

Im Nachwort hält Lisa-Viktoria Niederberger fest, dass ein Vortrag über Lichtverschmutzung und seine negativen Auswirkungen den Anlass zu diesem Buch gab und dass sie ein Umdenken auf gesellschaftlicher Ebene für dringend erforderlich hält. Für Erwachsene, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen, lässt sich schon jetzt ihr im Frühjahr 2025 bei Haymon erscheinender Essayband „Dunkelheit. Ein Plädoyer“ empfehlen.

„Helle Sterne, dunkle Nacht“ ist bereits das vierte Kinderbuch von Niederberger. Während die Abenteuer von Nali und Nora (Teil 1 bis 3) von Sandra Brandstätter illustriert wurden, arbeitete sie für dieses Buch mit der preisgekrönten Illustratorin Anna Horak zusammen, die auf ihrer Webseite zu diesem Buch schreibt: „ich konnte meinen Tintenkünste testen und ordentlich Farbe aufs Papier bringen.“

Die vorherrschenden Farben sind dunkelviolett bis -blau sowie gelb. Dazwischen finden sich weiße Seiten, die die Gestaltung optisch auflockern und das Buch ästhetisch insgesamt sehr ansprechend machen. Von einem meiner jungen Testleser wurde allerdings angemerkt, dass die einzelnen Figuren auf jedem der Bilder anders aussehen, was verwirrend sei.

Apropos verwirrend: Die Eltern von Maya, die auf der zweiten Doppelseite vor dem Fernseher sitzend eingeführt werden, hätte ich selbst auf den ersten Blick als queer identifiziert, im Text werden sie auf der nächsten Seite als „Papis“ bezeichnet. Diese eher seltene Familienkonstellation passt zwar gut ins Programm des Verlags – „Zeitgenössisches Indie-Publishing mit feministisch-queerem Fokus aus Wien: Kindgerecht und ohne stereotype Genderrollen“ -  führte aber bei beiden meiner Textleser_innen (4 und 9 Jahre alt) zu Irritation und zu Diskussionen, welche meiner Meinung nach durchaus wichtig zu führen sind, aber weg vom Thema der Lichtverschmutzung führen. Schade wäre es jedenfalls, wenn eine diesbezügliche Irritation bei konservativeren Eltern zum voreiligen Zuklappen des Buches führt.

Denn dieses Buch ist nicht nur wichtig, es fetzt auch! Und funkelt und strahlt. Trotz, oder eben gerade wegen der Dunkelheit.


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Freitag, 2. August 2024

„Flügel und Füße ein Sprengen in der Ferne". Zu Renate Silberers Gedichtband „Reste einer Sprengung“

Rezension von Angelika Ganser


„Reste einer Sprengung“ ist der Titel eines Gedichts und er gibt jenem Gedichtband von Renate Silberer, der kürzlich bei dem feingeistigen Lyrikverlag Edition Melos erschienen ist, den Namen.
Der Name ist Programm und in jenem Gedicht wird benannt, um welcherlei Reste es sich handelt – „Reste von Reden“ nämlich und im weiteren Sinn – immer wieder legen die Texte diese Spur – Reste von Sprache. Es geht darum, Sprache zu finden – wiederzufinden oder (auch diese Möglichkeit offenbart ein Verlust) zu erfinden, Vorgefundenes / Erinnertes neu zusammenzusetzen, um damit vielleicht zu einem neuen Blick, zu einem neuen Denken zu finden.
Der Band ist in sieben Abschnitte gegliedert, aus deren Titeln sich, wenn man will, durchaus eine semantische Linie konstruieren ließe, aber es bleibt eine durchbrochene, nicht notwendige Linie, die nicht beabsichtigt, ihre imaginäre Beschaffenheit und damit ihre Künstlichkeit zu verbergen.
Motive und Bilder, die die Gedichte durchziehen und immer wiederkehren, zuweilen scheint ein Gedicht in dem auf es folgendem seine Fortsetzung zu finden und möglicherweise ließen sich auch zwischen weiter auseinanderliegenden Gedichten Verbindungen finden. Möglicherweise ließen sich die einzelnen Gedichte völlig anders zusammensetzen, wodurch zwar anderes akzentuiert wäre, aber dennoch würde der Band wohl als Ganzes funktionieren.
Eine klare Entscheidung, die die Autorin trifft, und diese durch die Auswahl, der jeden Abschnitt vorangestellten Zitate betont, ist die Fokussierung auf eine weibliche Traditionslinie – ausschließlich Autorinnen werden als Quellen herangezogen – Hélène Cixous, Elke Erb, Luce Irigaray, Margret Kreidl, Anja Utler und Rosmarie Waldrop. Dieser Fokus legt nahe, zu präzisieren – es geht um weibliche Sprachfindung. Wie könnte eine Sprache beschaffen sein, die sich bewusst von der noch immer stärker verankerten Traditionslinie des männlichen Sprachgebrauchs absetzt?
Renate Silberer findet diese andere Sprache in den Brüchen, dort wo es ungewiss ist, ob es gelingen wird, Zuflucht in Sprache zu finden – es ist eine Sprache, auf der das Schweigen lastet und die in enger Nahbeziehung zur Sprachlosigkeit steht, der es aber gelingt, daraus ihre Kreativität und damit Sprache zu schöpfen. Nicht zuletzt vielleicht auch, da der ursprüngliche Mangel eine Umbewertung erfährt, nicht als reines Negativum, sondern als sine qua non erfahren wird: „hinter jedem Wort ist noch ein Wort sagt die Bärin / hinter jedem Fehlen noch ein Fehlen sagt das Reh“2 – erst das Fehlende macht den Text vollständig und gibt dem Gedicht, das in diesem Fall aus nur zwei Zeilen besteht, seine Form.
Diese andere Sprache könnte, wie Renate Silberer mit diesem Gedichtband es vorschlägt, im Vieldeutigen liegen und dort, wo Perspektiven sich in fluider Weise verschieben, nicht eindeutig zuordenbar sind, ähnlich der Logik von Träumen vielleicht, in denen das träumende Ich sich in mehreren Gestalten (nicht notwendig menschlicher Natur) gleichzeitig wiedererkennt. Es ließe sich wohl noch vieles herauslesen, aus diesem feingewebten Gespinst dieses Textes (textus lateinisch bedeutete zunächst Gewebe, Geflecht und erst im übertragenen Sinn Gefüge, Zusammenhang der Rede, Text), ich möchte hier aber eine Grenze setzen und nun endlich dem Text selbst, mehr Raum geben, ihn für sich sprechen lassen und es dem Leser, der Leserin überlassen, den Text und in weiterer Folge vielleicht den Gedichtband für sich zu entdecken und eigene, möglicherweise andere und weitere Lesefährten darin zu verfolgen.


Reste einer Sprengung


ein Fisch schwimmt aus dir heraus während du
der See bist wartet hinter dem Schilfgürtel
das große Insekt raubvogelhaft kriegerisch
verlässt du die Deckung Gestrüpp sieht dich an
der Mund eine Falltür mit Resten von Reden
die Wespe in deiner Blutbahn verscharrt sich
während die Kriegerin auf dich zukommt
liegst du reglos das Fischmaul ist eine große Grube
sie öffnet und schließt sich mit zittrigem Atem
hältst du ihr stand machst die Stirnlampe an




1 Der Titel ist ein Zitat aus Renate Silberers "Reste einer Sprengung". Gedichte, Edition Melos, 2024
2 s.o.


Freitag, 23. Februar 2024

Ficken mit dem Klassenfeind. Walter Josef Kohl

Foto: Dieter Decker

Rezension von Dominika Meindl 

Bei all der sozialen Aufsteigerei, beim sich Emporarbeiten von ganz unten, vom dörflichen Subproletariat hinauf in die Kaste der Künstler und Intellektuellen, geschieht nichts, das einen glücklich macht.“

Was für eine ambivalente Lektüre: Man freut sich über den neuen Roman, zugleich ist man traurig, weil es der letzte sein wird, da ist Walter Kohl bestimmt (auch wenn ihn niemand tadeln wird, wenn er seinen Vorsatz bricht). Wie in fast allen seinen literarischen Texten sei auch dieser „zu 90 Prozent fiktional, zu 90 Prozent autobiographisch“, so zitierte er die geschätzte Margit Schreiner bei seiner Buchpräsentation im Stifterhaus.

Der Ich-Erzähler ist in die Jahre gekommen, er hadert damit schon deswegen, weil er wegen seines Raucherbeins lange im Krankenhaus liegen muss. Das Zimmer teilt er mit Männern der Arbeiterklasse, die er mit Sympathie und Befremden zugleich beobachtet. Diese Ambivalenz prägt nicht nur die „Handlung“ des Romans – Kohl wird nicht böse über die Anführungsstriche sein, es gibt keinen Plot, stattdessen sehr tiefe, sehr tief empfundene Erinnerungen und Reflexionen. Selbstverständlich von höchster literarischer Güte, ganz in Kohls reduziertem und klarem Stil. Etwa die Schilderung der kindlichen Enttäuschung beim Lesenlernen: „Nach ein paar Wochen Erlernen des Alphabets verging das erste Jahr völlig ohne Grandiosität und Geheimnis.“ 

Der Erzähler erinnert sich also, und von der ersten Seite erstaunt es, wie er trotz der unzähligen über Generationen vererbten und selbst erfahrenen Kränkungen ein sanfter, einfühlsamer Mann hat werden können. Bei aller Selbstironie und versuchten objektivierenden Distanz zur eigenen Wahrnehmung wird der Schmerz sehr deutlich. „Als Kind habe ich gelernt, für mich so wenig zu wünschen, dass es zu den Möglichkeiten passt, die 'das Leben' einem bietet.“ Der Erzähler wächst heran, er fremdelt mit dem Bildungsbürgertum und lernt, seine Bluffs zu durchschauen. Wenn man etwa den „Mann ohne Eigenschaften“ offen sichtbar aufs Nachtkästchen legt, wird man im Krankenhaus von den Ärzten respektvoll behandelt, auch wenn man sich wegen der ökonomisch sinnlosen Berufswahl „Autor“ kein Bett in der 1. Klasse leisten kann.

Der Begriff der „Klasse“ mag altmodisch klingen, aber das ist ganz im Sinne der neoliberalen Propaganda, die uns glauben machen will, dass sich unsere „Leistung lohne“ und es keine Grenzen gebe, wenn man hart an sich und der Welt arbeite. Eine historische Sekunde lang war der Sprung aus der Klasse tatsächlich möglich, dank Kreisky-Reformen und Wirtschaftsboom – Kohls Erzähler hat davon profitiert, und er leidet darunter, denn es seien ja nur die „anerkennungssüchtigsten aus der Arbeiterklasse“ in den Mittelstand aufgestiegen, an den Verhältnissen selbst habe Kreiskys SPÖ nichts geändert. Sein eigenes politisches Bewusstsein schärft sich schon ganz früh. Als Kind beobachtet er, wie an einem kalten Wintertag der warm eingepackte Bauer mit seinem alten, ausgeschundenen Knecht herumbrüllt. „Da gab es nichts, das nicht zu verstehen gewesen wäre.“

Die ungemeine Grobheit der Klassen von oben nach unten und untereinander hat sich vielleicht gemindert (oder verschoben, Stichwort „Lieferkette“ – wir haben die Ausbeutung zu großen Teilen outgesourct), aber der dank Fleiß und Willen der Eltern ins Stiftsgymnasium geschickte Sohn wird auch dort wieder auf seine Herkunft zurückgeworfen. Es sind nicht die Söhne aus besserem Hause, die ihn mobben, sondern ein sadistischer Lehrer, der ihn mit Häme überzieht, weil sein Vater bloß „Ofenmaurer“ sei. Egal, ob der auf Montage im Ausland gut verdient und sich Einfamilienhaus + Audi 80 leisten kann.

Ficken mit dem Klassenfeind“ ist auch eine Hommage an den Vater, auf den der Sohn lange nicht stolz sein konnte – der nun offen benannte Zweitname „Josef“ ist auch Zeichen einer nachgetragenen Liebe. So wie „Ein Bild von Hilda als toter Mensch“ ein ans Herz gehender Nachruf auf die Mutter ist.

Kohl beschreibt das Verschwinden der Arbeiterklasse, die Verlogenheit des bürgerlichen Wohlstands und die permanente Sorge, selbst zum Spießer zu werden. „Die Widersprüche häufen sich.“ Und: „In Wahrheit bin ich wütend über mich selbst und wegen des Schmerzes, den ich spüre. Es tut weh, wenn man seine Klasse hasst.“

Es liest sich derzeit besonders spannend, welch üble Rolle die Bauern in Kohls Roman (und im dörflichen Gefüge) spielen. Es ist kompliziert geworden. Die konventionellen Bauern (nicht nur in Schönering stellen ihre Vierkanter immer noch Wagenburgen der FPÖ dar) kämpfen dafür, mit subventionierten Diesel Glyphosat auf ihre staatlich geförderten Zuckerrüben sprühen zu dürfen. Die kleinen und mittleren Landwirtschaften sind schon in den 1970ern in den Mühlen der Agrarindustrialisierung zermalmt worden, die Suizidrate ist in kaum einer anderen Branche höher. Die Arbeiterklasse wählt zu absurd hohen Anteilen FPÖ, die ihnen überall, wo sie die Finger an die Schalthebel kriegt, die Sozialhilfe kürzt, damit es ja den Ausländern schlecht geht („Das ist es mir wert!“). Die SPÖ taumelt ratlos in den Wahlkampf, ihr Aufstiegsnarrativ ist eine Fiktion. Die ÖVP halluziniert sich eine "schweigende Mehrheit" zusammen, deren Hauptproblem das Gendern und das diktatorische SUV-Verbot in den Innenstädten sein soll. 

Und trotzdem: Bitte nie wieder zurück in die Zeiten, in denen Frauen den Knechten und Herren gleichermaßen ausgeliefert waren. In denen Kinder in einer männerdominierten Welt nur umgeben von Frauen aufwachsen, die sich um sie kümmern. „Sie sind es, die das Leben in Gang halten. Du siehst es, als kleines Kind, aber du lernst sehr schnell, dass alles, was die Frauen tun, keine Bedeutung hat.“ Walter Kohl schildert deren Lage sehr, sehr treffend. Insbesondere die Lebensgeschichte seiner Tante Maria macht wütend. 

 Foto: Meindl

Schauplatz der Jugend ist das ungeliebte Dorf nahe Linz, und eine Aulandschaft, die im Staubereich der Donau verschwunden ist. Und hier verwandelt sich die Rezension in etwas anderes. Ich kenne dieses Dorf. Ich kenne das Stiftsgymnasium, ich kenne ein paar der handelnden Figuren. Ich kenne die Erzählungen meiner Eltern (die nur sechs Jahre älter als Walter Kohl waren, aber als unmittelbare Nachkriegskinder viel älter wirkten. Und die aus noch einfacheren Verhältnissen stammten und einen noch viel steileren Aufstieg geschafft hatten).

Gerade deswegen treten mir die Kontraste mit aller Schärfe ins Auge. Kaum eine Generation später hat sich dieses Schönering in eine Speckgürtelgemeinde verwandelt, mit Wilia-Bus, Möstl-Markt und Fußgängerunterführung. Der Vater angehender Oberarzt, die Mutter halbwegs zufriedene Hausfrau (ein eigenes Kapitel, mein Kindheitsprivileg). Die älteste Schwester untertags gut im Institut Hartheim betreut.

Erst ein neuer Nachbar (übrigens Sohn eines Großbauern) machte mich bei einem meiner damals (kurz nach der Jahrtausendwende) seltenen Besuchen Zuhause auf Walter Kohl aufmerksam, dessen Bücher ich bis dahin nicht gekannt hatte (Schande!). Ich fraß „Spuren in der Haut“ nachgerade, ich las erschüttert die „Pyramiden von Hartheim“ und frage mich seither, wie ich so ahnungslos in meinem Einfamilienhausghetto aufwachsen konnte. Behütet eben.

Ficken mit dem Klassenfeind“ ist ein ernster Text voll stiller Wut. Aber an mindestens einer Stelle ist er so komisch, wie es nur die nüchterne Beschreibung der Realität sein kann – als der Erzähler mit einer Gruppe maoistischer Studenten (allesamt rich kids) krachend daran scheitert, die Arbeiter an der Kraftwerksbaustelle zu bekehren.

Am Ende stellt der Erzähler fest: „Ich habe ein Drittel meines Lebens falsch gelebt. Jenes Drittel, in dem ich Schriftsteller war.“ Das ist die einzige Stelle, an der man Walter Josef Kohl vehement widersprechen möchte: Wir sind froh um dieses Drittel seines Lebens.


Walter Josef Kohl: Ficken mit dem Klassenfeind. Schriftenstand Verlag, 209 S., 18 €

https://www.isbn.de/buch/9783903250956/ficken-mit-dem-klassenfeind

Mittwoch, 14. Februar 2024

Der Strom und das Hirngespinst als Kunst

"Flussgeister" von Patricia Brooks

Aus der Reihe: Was schreiben jene, die für uns sprechen? Von Dominika Meindl

Eigentlich verwunderlich, dass in der österreichischen Literatur die Donau nicht eine noch viel größere Rolle spielt! Bei aller Liebe zu den Alpen (auch sie kümmern sich nicht groß um Grenzen) – aber wie erhebend ist es, über einen fast 3000 Kilometer langen Strom mit dem Schwarzen Meer, mit zehn anderen Ländern verbunden zu sein? In Patricia Brooks neuem, insgesamt fünten Roman ist die Donau mehr als ein bloßer Schauplatz, und das macht ihn besonders und besonders lesenswert*.

Dem erfolgreichen Anwalt Adam scheint es an nichts zu fehlen – bis auf sich selbst. Die Beziehung eingefahren, der Job anstrengend, das künstlerische Talent vergeudet zugunsten der Karriere. Als er im Auwald nahe Wien eine alte Fischerhütte findet, kauft er sie und beschließt spontan, sich ein Jahr Auszeit zu nehmen. „Adam glaubte fest daran, dass sich hier am Fluss alles zum Guten wenden würde.“ Von Männern in der (Midlife-)Crisis handeln wohl ca. 56 Prozent aller je veröffentlichten Bücher (konservative Schätzung), aber in den „Flussgeistern“ geht es um sehr viel mehr – die Hauptrolle teilen sich der Fluss und eine sterbende, junge Frau. Lola ist leichtsinnig in doppelter Wortbedeutung. Zum einen lässt sie sich auf Sex mit teilweise gewalttätigen Unbekannten ein. Zum anderen schreitet sie auf leichten Füßen durch den Auwald, durch Wien, durch ihr Leben und das der anderen. „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so ist wie sie, sie lebt in ihrer eigenen Welt, ihren eigenen Gedanken, ihrer Geschichte, so wie sie sich diese Geschichte selbst erzählt“, stellt Adam am Ende fest. Es tut der Handlung auch gut, dass er und Lola kein Paar werden, sondern eine merkwürdige Freundschaft schließen, die bald auf ihre Belastbarkeit getestet wird – und Adams Sicht auf seine eigene Realität verändert. Lange streitet er höflich ab, die Flussgeister wahrnehmen zu können, von denen sie immer wieder spricht. Aber dass der kein grober Klotz ist, ist von Anfang an klar, zu genau beobachtet er seine Umgebung. Es ist schön, mit ihm den Jahreskreis in diesem naturnahen Flecken zu beobachten, die Veränderung und das Gleichbleibende. „Der Fluss wechselte je nach Tageszeit und Wetter die Farbe.“ Die Donau ist selbst ein Kunstwerk, man muss nur zusehen lernen. „Dieses Spiel zwischen festem Material und luftigem, zwischen klarer Linie und erahnter Kontur“. Und was ist die Literatur anderes als ein großartiges Netz an Hirngespinsten?

Flussgeister. Roman, Septime Verlag.

Patricia Brooks wurde 1957 in Wien geboren, schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik und Hörspiele. Idee, Konzept und künstlerische Leitung des interdisziplinären Performanceprojektes „Radio rosa – TextMix Lab“ (seit 2008).

* Ob das zutrifft oder nur einer Kolleginnenschaft im Vorstand der GAV geschuldet ist, mögen Leserinnen und Leser bitte unbedingt selbst beurteilen!



Montag, 8. Januar 2024

Besinnen auf einst Vertrautes Zu Peter Paul Wiplingers jüngstem Gedichtband »Blian und Vablian«

 Von Helmut Rizy

 Foto: Annemarie Susanne Nowak

Wei auf oamoi wird ma kloar, daß i / mit dera Schproch, de i nia valernt hob, / hoamkemma tua in mei Kindheit, / in a längst vaschwundane Wät, heißt es in Peter Paul Wiplingers Gedicht »Hoamkemma«. Und er meint darin auch, dass aus den Gedichten, die da innerhalb weniger Monate in einem »Schreibrausch« entstehen, a scheens Biachö werden könnte. Und das ist Wiplingers 55. Buchpublikation tatsächlich auch geworden.

Der mittlerweile 84jährige Poet und Photograph kehrt darin in seine Kindheit zurück, in Lebensräume, die vielfach im Verdrängen und Vergessen verschüttet waren. Und er bedient sich dazu jener Sprache, die er – wie er sagt – seinerzeit als erstes gehört und gesprochen hat, seiner »Muttersprache«, dem Mühlviertler Dialekt.

Peter Paul wurde am 25. Juni 1939 als zehntes Kind des Kaufmanns Max Wiplinger in Haslach im Oberen Mühlviertel geboren. Den hatten die Nazi im Jahr zuvor, gleich nach dem Einmarsch als Bürgermeister als »politisch unzuverlässig« abgesetzt. Bezüglich der tiefen Religiosität, die im Haus herrschte, schreibt Peter Paul Wipplinger in seinem Gedicht »A finstare Wät« oiwäu homma dahoam /nur betn miassn oiwäu /nur betn betn betn. Aber es war gerade der mächtige Turm der Haslacher Kirche mit seiner Galerie, von der man bei gutem Wetter weit in die Umgebung sehen kann, die es dem Buben erlaubte, der Enge zu entkommen, wie er im Gedicht »Fliagn wia a Vogö« erzählt. Dort hinauf flüchtete er gelegentlich mit dem Wunsch, fortfliegen zu können, ins Unbekannte, weit weg, auf Nimmerwiedersehen.

In den ersten Jahren seines Lebens während der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland hätte er sehr weit fliegen müssen. Da wurden die Kinder ermahnt: Kinda, seids a weng brav! / Wei draußn is da Kriag. / Und do hed ma hoid gern / dahoam a weng mehr Ruah, wie es im Gedicht »A Ermohnung« heißt. Und die Angst vor Gespenstern, die im Finstern lauern, wie der Momo, erübrigte sich, dem Gedicht »Da Momo und de ondan« zufolge: De schwoarzn Mona, de mit de Stifön / und de schwoarzn Uniformen und mit’n / schwoarzn Kappö mit’n Todnschädl draf, / de woarn jo in Wirklichkeit do, iwaroi. / Da ondare Momo woar eh nur a Geist.

Eine besondere Rolle kommt in den Gedichten dem damaligen Gemeindearzt von Haslach, Dr. Kaufmann, zu, der – nachdem er einen schmerzenden Zahn gezogen hat –, im Gedicht »Da Doktor Kaufmann« den kleinen Peter Paul, der wie am Spieß schreit, mit den Worten zu beruhigen sucht: Heast, bleda Bua, plear ned aso. / Ondare valian in dera Zeit hiazt / an Fuaß, an Oarm oda a Hond. / Du host eh nur an Zohn valoarn, / des is vaglichn dagegn goar nix. Eine wesentlich bedeutsamere Rolle kam dem Arzt allerdings in einem anderen Fall zu, wie man aus dem Gedicht »S’Onnamierl – d’Anschi« erfährt. Peter Pauls Schwester Annemarie stand schon auf der Liste jener Haslacherinnen und Haslacher, die ins Schloss Hartheim, einer der Mordanstalten im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms, verbracht werden sollten. Annemarie entging dem Tod nur, da ihr der Dr. Kaufmann bescheinigte, sie hätte lediglich eine sprachliche Behinderung.

Im Wissen darum versteht man noch besser, warum es Peter Paul Wiplinger ein so großes Anliegen war, dass vor der Haslacher Kirche ein Mahnmal errichtet wurde, mit dem der in Hartheim ermordeten Haslacherinnen und Haslacher gedacht wird. Und mittlerweile wird auf seine Anregung hin auch des Deserteurs Josef Steffelbauer, der im Februar 1943 auf der Flucht erschossen wurde, mit einer Tafel gedacht, nachdem man ihn und seinen Tod über Jahrzehnte totgeschwiegen hatte.

Aber es ist nicht nur die Sprache, mit der Wiplinger, der seit etwa sechzig Jahren in Wien lebt, in seine Heimat zurückkehrt. Er, der einst der Enge daheim entfliegen wollte, ist in Wien, wie er immer wieder in seinen Gedichten festhält, nie richtig heimisch geworden und fühlt sich da immer noch als Zuagroasta. Nur wenige Gedichte aus früheren Jahren hat er in den Band »Blian und vablian« aufgenommen. Aus dem Jahr 1991 stammt eins mit dem Titel »Da Untaschiad«, in dem es heißt: bei uns dahoam /obm im Mühlviadl / do griaßt di a jeda / wonnst ausn Haus / aussegehst, um dann zum Schluss zu kommen: owa redn duat koana mit dir /da in dem bledn wean / und drum ko i d’leid do /ned leidn i mogs oafoch ned. Nicht anders im Gedicht »s’Mühlviadl z’Wean und i« vom Juli 2022: Nur wonn i von Zeit zu Zeit affe ins Mühlviadl foahr / donn gschpia i, wo i dahoam bin, ned untn in Wean, / sondan dort wo i durch d’Londschoft geh oda foahr, / wonn mi scho a Kirchaturm von da Weidn her griaßt.

Dort scheint es offenbar auch leichter zu sein, seinen Gedanken nachzuhängen – vor allem im heimatlichen Dialekt. So liest man im Gedicht »Wia’s sein kunnt«: Wonn da Newö / scho iwa’n Toi liegt / und d’Sunn scho / untagonga und / runherum oiss / so lautlos stüh is, / do deng i ma oft: / Mei God, wia scheen /kunnt’s af da Wät sein, / wonn’s koan Hunga gab / und koan Kriag.

Meine Mutter – sie unterrichtete einst Deutsch an der Hauptschule des Orts im mittleren Mühlviertel, in dem ich aufgewachsen bin – machte mich darauf aufmerksam, dass es Unterschiede gebe zwischen dem Dialekt, den man im Oberen Mühlviertel, und dem, den man im Mittleren Mühlviertel spreche. Es ist mir aber nicht schwer gefallen, Peter Paul Wiplingers Dialektgedichte zu verstehen und mich auf seine Sprache einzulassen. Das gilt wohl auch für andere Oberösterreicher und Oberösterreicherinnen, andere Österreicher und Österreicherinnen, denn der Autor hat zur besseren Lesbarkeit stumme Konsonanten eingefügt, sodass manche Wörter leichter erkennbar sind. Und wenn einem doch einmal ein Wortbild auf Anhieb fremd erscheint, muss man lediglich das Wort buchstabengetreu lesen, und wird es rasch erkennen.

He(erschienen im "Podium"

Montag, 25. September 2023

Jeder hat seinen Preis. Rudi Habringers "Diese paar Minuten"

Rezension von Dominika Meindl

Rudolf Habringer: Diese paar Minuten. Erzählungen

In dieser Sache habe ich keine Scheu, mich zu wiederholen: In einer besseren Welt (und die sollte uns Schreibenden leicht vorstellbar sein) zählten Erzählungen mindestens so viel wie Romane. Und in einem besseren Literaturbetrieb als dem österreichischen stünde Rudi Habringer in der ersten Reihe. In der Realität steht er zum Glück nicht weit dahinter (aber: Oh, die feinen Unterschiede!). Es bleibt die Frage offen, ob das damit zusammenhängt, dass er in Oberösterreich geblieben ist. Ein Standortnachteil? „Selbstverständlich!“ sagt er bei der Buchpräsentation im Stifterhaus, aber es klingt nicht larmoyant.

Habringer lebt im selben Vorstadtgebiet, das seine Figuren bewohnen. Ein Paar entfremdet sich bei der Suche nach einem Samenspender. Ein ehemaliger Fremdenlegionär verunglückt auf eine Weise, die man auch für Absicht halten könnte. Eine Frau wird aus Langeweile zur Erpresserin.

Es ist der Ort, der sie verbindet – und ihre inneren Dilemmata. Sie sind alle in psychischen und sozialen Schieflagen. Hier hat jeder seine Schwächen, seinen Preis, für den er sich weggibt (ja, es sind mehr Männer, aber beileibe nicht nur). Es sind nur ein paar Minuten, in denen sich die Figuren in ein Verhängnis verstricken, aus dem sie kaum noch entkommen. Kinder kommen zu Schaden, Ehen zerbrechen, Leben springen aus den Schienen. Die Existenz ist entsetzlich angreifbar und verletzlich. Gezeigt wird die Brutalität der für „normal“ erachteten Verhältnisse, die Last der monogamen Paarbeziehung, der Erwartung, dass es Vater und Mutter gibt, dass man in der Firma nicht unter die Räder gerät – sprich: die Last des Alltags. Es gehe ihm um Resonanz, sagt Habringer, und das muss keine positive sein. Seine Lektorin habe die Erzählung, in der ein Mann ein Kind umbringt und kaum Reue empfindet, als zu belastend empfunden. Gerade deswegen sei sie im Buch geblieben. „Einen Teil der Weltliteratur müsste man ja sofort canceln.“

Die elf Short Stories haben eine Klammer, einen Metatext – in ihnen geistern Protagonist:innen von anderen Romanen und Erzählungen. Sie sind aber so fein verbunden, dass eine jede für sich stehen kann. Ein schwächerer Autor würde daraus elf Romane machen, Habringer beherrscht die Reduktion und Verdichtung, weil er akkurat ist. Überhaupt ist sein Stil auffällig unauffällig. Er habe, sagt er, die Leute reden lassen, wie sie eben reden, in ihrer Sprachlosigkeit und Unfähigkeit, das Richtige zum rechten Zeitpunkt zu sagen. „Plötzlich hörte ich diese Wörter des Ungefähren, wenn sie sprach: irgendwo, irgendwie, sozusagen, sag ich mal, sag ich jetzt ganz ehrlich, sag ich jetzt mal ganz im Ernst und so weiter. Ina verwendete plötzlich häufig die Wörter natürlich und normal.“ Nicht umsonst nennt er Raymond Carver eines seiner Vorbilder.

Es sei ihm wichtig, schreibt Habringer in einem der Essays in „Das Unergründliche und das Banale“, dass sein Nachbar, „wenn er sie denn lesen würde“, seine Texte auch verstehen könnte. „Mit meinen Geschichten, meinen Texten möchte ich Kontakt zu anderen Menschen herstellen“. „In diesem Sinne halte ich mich für einen realistischen Autor. Ich versuche mich schreibend und scheiternd als Feldforscher in der Wissenschat vom Menschen“.

Da gibt es kaum Metaphern, die Sätze sind trocken, lakonisch, unmanieriert. Wichtig sei ihm aber der Sound einer Figur, der Rhythmus der Prosa – er ist ja auch Musiker.

Rudolf Habringer: Diese paar Minuten. Erzählungen. Otto Müller Verlag, S. 200, 23 €

Utopien weiterdenken

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