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Mittwoch, 14. Januar 2026

Jahresrückblick 2025 mit Herbstlese und Apfent

Bericht zur Herbstlese: Elisabeth Strasser
Fotos: Judith Wimmer

Im nun bereits vergangenen Jahr gab es wieder eine Menge an Literaturveranstaltungen der GAV OÖ. 

Abgeschlossen wurde der Reigen mit der Apfent-Lesebühne „Keks, Drugs, Rock n‘Roll!“ am 10. Dezember im Strandgut in Linz, dem Kulturlokal direkt an der Donau, mit Dominika Meindl, Walter Kohl, Kurt Mitterndorfer und erstmals dabei Benjamin Gumpenberger.

Kurz davor, am 26. November 2025, ging die zweite Ausgabe der „Herbstlese“ über die Bühne im Willy*Fred in Linz. Auf dem Bühnensofa nahmen wiederum fünf von Elisabeth Strasser eingeladene Autor:innen Platz, um über ihre aktuellen Schreibprojekte zu sprechen und Auszüge daraus vorzulesen.

Christian Weingartner, als Fotograf wie als Autor tätig, stellte Auszüge aus seinem lyrischen Werk vor und sprach über einen entstehenden Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht, indem von einem Mühlviertler erzählt wird, der in den 1920/30er Jahren in den USA eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen hatte.


Marlene Gölz las aus zwei demnächst erscheinenden Erzählungen und trug ein Gedicht vor, das mit der Entstehungsgeschichte einer davon zu tun hat. Sie berichtete darüber, was und wer hinter der für eine Geschichte titelgebenden „Erdbeerprinzessin“ steht, und wie sie auf ihre Figuren kommt – oder diese auf sie zukommen.


Erich Wimmer, im Hauptberuf Geigenlehrer an der Landesmusikschule, stellte einige seiner Gedichte voller Sprachwitz im „eher bunten Versmaßkleid“ vor. Und dazu erzählte er eine für alle, die dabei waren, unvergessliche Anekdote über ein durch eine Kuh verursachtes „Erdbeben“.

Nach einer Pause, die für Austausch, Schmökern am Büchertisch und Erfrischungen genutzt wurde, ging es weiter mit

Christine Mack, die ihr Monologen-Drama „Zwielicht“ mit dem Untertitel „Mit meiner Sense mäh ich alles nieder“ vorstellte, in dem es um Missbrauch auf verschiedenen Ebenen geht und den Umgang der Leute in dem betroffenen Dorf damit. Dramatisch vorgetragen von der Autorin zusammen mit Elisabeth Strasser und Erich Wimmer in ihren übernommenen Rollen.

Den unterhaltsamen Abschluss im Programm gestaltete Rudolf Habringer mit Auszügen aus seinen Weihnachtssatiren. Dazu erwähnt ein entstehender Roman, über den er noch nichts weiter verraten wollte; und er berichtete über einen essayistischen Text, der sich mit der Frage beschäftigt, wieweit religiöse Bezüge in der zeitgenössischen Literatur vorhanden sind oder nicht. Was nebenbei ein ungeheuer interessantes Thema ist.

Zuhören, Kennenlernen, Gespräch und Austausch …


Das ist der Grundgedanke der „Herbstlese“, des literarischen Jahresrückblicks.

Autor:innen lesen Auszüge aus aktuellen Werken, die im vergangenen Jahr entstanden sind oder sich noch in Arbeit befinden. Dazu ist über ihre Arbeitsweisen, ihre literarischen Schwerpunkte und Themen einiges zu erfahren, samt der persönlichen Begegnung mit den Schriftsteller:innen.

Ein „feines Format bei (leider diesmal) schwachem Besuch“, wie eine Rückmeldung lautete.
Tatsächlich hätte diese Veranstaltung mehr Interesse und Besuch verdient.

Fortgeführt wird das Format gewiss. Denn genau das braucht es heute: Angebote persönlicher Begegnung im Rahmen vertiefender Auseinandersetzung, entgegen der Oberflächlichkeiten, die es heute durch (digitale) Bespaßung zur Genüge gibt.


Dienstag, 8. April 2025

Das waren die Hommagen 2025

Ein Rückblick von Elisabeth Strasser

Die Reihe, in der heimische Schriftsteller:innen über von ihnen verehrte, bewunderte, geschätzte Größen der Literatur sprechen, sie vorstellen oder in Erinnerung rufen, wurde – wiederum kuratiert, moderiert von Andreas Weber und stattfindend im 15. Stock des Linzer Wissensturms – an drei aufeinanderfolgenden Mittwochen im März 2025 fortgesetzt.

12.3.2025: Margit Schreiner über Sabine Scholl

19.3.2025: Walter Kohl über Leonard Cohen

26.3.2025: Rudolf Habringer über Patricia Highsmith

Einige Einblicke

Es ging um persönliche Zugänge, etwa wenn Margit Schreiner biografische Parallelen mit der von ihr vorgestellten Sabine Scholl feststellte: Beide in Oberösterreich geboren, gehören der gleichen Generation an, beide lebten und arbeiteten in verschiedenen Ländern (von Japan über Frankreich bis USA u.a.) – oft denselben, allerdings nicht gleichzeitig. Beide sind Mütter, die ihre Zeit fürs Schreiben mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren hatten. Beide beschäftigen sich mit autobiografischem Schreiben. – Als Motto über der Hommage stand „Der Mensch als Frau“. Die Frage, was es mit sogenannter „Frauenliteratur“ auf sich hat, und wie sich ein Roman ohne im Text agierende männliche Figuren gestalten lässt, war Thema, genauso wie Sabine Scholls Interesse für Benachteiligte, Randgruppen und die Sprache jener, die keine Sprache haben.

Margit Schreiner im Gespräch mit Moderator Andreas Weber

Wir sind die Früchte des Zorns“ lautet der Titel von Sabine Scholls autobiografischem Roman, den Margit Schreiner insbesondere präsentierte. Eine Besonderheit dabei ist, dass ausschließlich die Frauen dieser Geschichte als agierende Personen vorgestellt sind, die Männer nur als deren nebenbei-Anhang – wie traditionell Frauen oft bloß als „Anhängsel“ eines Mannes und in Beziehung zu ihm dargestellt wurden. Wenn etwa vom Ehemann der Hauptfigur die Rede ist, so wird dieser als „Odettes (Name der Schwiegermutter) Sohn“ bezeichnet. Dennoch gehe es in Sabine Scholls Werk nicht darum, „es den Männern heimzuzahlen“, es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sondern bloß um die Auslassung ihrer ansonsten so oft vorrangig dargestellten Positionen.

Thema in Sabine Scholls Werken sind auch der Kolonialismus und seine Auswirkungen. So stand sie in ihrer Zeit in den USA etwa mit Chicanos/Chicanas in Kontakt, das sind aus Mexiko in die USA Eingewanderte mit ihrer speziellen Kultur.


Walter Kohl vergegenwärtigte Leonard Cohen-Songs mit Gitarre und Mundharmonika – gesanglich unterstützt von seiner Frau Christiane Marina Kohl – und unterlegte am Schluss Cohens berühmtes „Halleluja“ mit seinem (kürzlich bei der „Langen Nacht der GAV“ vorgetragenen) Mundarttext „A Glashausgurkn möcht i sein“.

Walter Kohl erzählt, bevor er zusammen mit Christiane Marina Kohl wieder zu singen anhebt

Dazu gab es interessante Aspekte zu den Hintergründen einiger Songtexte zu erfahren, und Cohen wurde auch als Romanautor vorgestellt. Denn – obwohl er in seiner Jugend bereits in einer Band spielte (insbesondere, um Mädchen zu beeindrucken) – begann der 1934 in Kanada in eine gutbürgerliche jüdische Familie geborene Leonard Cohen seine Karriere als Dichter und auch Romanautor, bevor er sich hauptsächlich der gesanglichen Interpretation seiner Lyrik zuwandte.

Zwei Romane wurden an dem Hommagenabend erwähnt: Das Lieblingsspiel/The Favourite Game (1963) und Schöne Verlierer/Beautiful Losers (1966). – Ersterer wurde bezeichnet als „Roman für pubertierende männliche Jugendliche – in deren Lebensvorstellung Sex die Erlösung darstellt“. Bei zweiterem werden vier Personen vorgestellt, ein Paar samt dessen Freund, mitsamt „Sex & Drugs“, und dazu Kateri/Catherine Tekakwitha, eine Angehörige der Mohawk aus dem 17. Jh., die nach einer Pockenerkrankung in einem Kloster aufwächst, als „virgo consecrata“, d.h. geweihte Jungfrau, lebt und schließlich heiliggesprochen wird. Ihre Geschichte verschränkt sich mit jener der weiteren drei Hauptfiguren.

Besonders berührend war, den Hintergrund des vorgetragenen Songs „Who by Fire“ zu erfahren: Leonard Cohen trat während des Jom-Kippur-Krieges 1973 vor israelischen Soldaten auf. Da konnte geschehen, dass jene, die ihm zuhört hatten, wenige Stunden später tot waren. Davon und durch den jüdischen Gebetstext „Unetanneh Tokef“ inspiriert, entstand das Lied. Während der jüdische Text – nachdem verschiedenste Todesarten genannt sind – letztendlich auf die Größe Gottes hinausläuft, endet bei Cohen jede Strophe mit der offenen Frage: „And who shall I say is calling?“

Wie aus einer notierten Skizze nach einer eindrucksvollen persönlichen Begegnung ein Roman entstehen kann, damit beschäftigte sich Rudolf Habringer anhand der Entstehungsgeschichte des Romans „Das Salz und sein Preis“ von Patricia Highsmith unter anderem in seiner Hommage. Dieser 1952 zunächst unter Pseudonym veröffentlichte Roman, in dem es um eine lesbische Liebesbeziehung, die glücklich endet, geht (was zu der Zeit als doch etwas „problematisch“ galt), wurde rund 30 Jahre später unter dem eigenen Namen der Autorin neuerlich veröffentlicht und mit dem Titel „Carol“ verfilmt.

Rudolf Habringer stellt Skizze und Roman gegenüber

Das Besondere an diesem Roman ist, dass er sich von anderen berühmteren Erzählungen der Autorin unterscheidet, in denen es um Verbrechen geht, die jedoch keine klassischen Kriminalgeschichten mit Ermittlern sind. Denn nicht die Auflösung des Kriminalfalls interessiert sie und stellt sie der Leserschaft vor, sondern das Dunkle, die kriminellen Anlagen, die in jedem Menschen vorhanden seien. Highsmith arbeitete eine Zeit lang als Texterin in einer Comic-Agentur und nicht alle ihrer Bücher wurden sofort von Verlagen angenommen. Einer ihrer bekanntesten Romane „Zwei Fremde im Zug“, der bald nach Erscheinen von Alfred Hitchcock verfilmt wurde, und der allzu berühmte „talentierte Mr. Ripley“ (aus der Reihe gibt es fünf Romane und etliche Verfilmungen) wurden – ihrer allgemeinen Bekanntheit wegen – nicht näher vorgestellt. Dafür gab es Einblicke ins Privatleben der Autorin, das gut bekannt ist aufgrund ihrer mehrere tausend Seiten umfassenden Tagebücher, die sie für Veröffentlichung vorsah, so wie sie ihren gesamten schriftlichen Nachlass dem Diogenes Verlag hinterließ. Dabei geht es unter anderem um ihre (gelinde gesagt) „schwierige“ Beziehung zu ihrer Mutter, ihre zahllosen Liebesaffären mit Frauen, ihre Alkoholsucht, ihre Manie des Listen-Schreibens und ihr Schreibpensum von acht Seiten täglich.

Mit der für die Hommage vorbereitenden Lektüre der über 1000 Seiten starken Patricia-Highsmith-Biografie von Joan Schenkar („Die talentierte Miss Highsmith“) hat Rudolf Habringer ein beachtliches Pensum bewältigt und damit der Zuhörerschaft das Leben und Werk dieser faszinierenden Schriftstellerin eindrucksvoll nahegebracht.

Information und Inspiration

Informationen über die Vorgestellten lassen sich heute – dank Internet – leicht und schnell bekommen. Biografien der Autor:innen und Näheres zu deren Werken lassen sich z.B. auf Wikipedia zumindest im groben Überblick nachlesen. Es finden sich – beispielsweise auf Youtube – Filmportraits der Berühmtheiten, Aufnahmen ihrer Auftritte oder auch Verfilmungen/Hörfassungen ihrer Romane.

In dieser Fülle an Information braucht es trotzdem und gerade Orientierung. Die „Hommagen“ taugen somit ganz besonders dazu, durch persönliche Zugänge der Vortragenden aufmerksam gemacht zu werden, sich mit der einen oder anderen bedeutenden Persönlichkeit (wieder) näher zu beschäftigen, sie entweder überhaupt erst kennenzulernen oder neue Facetten an ihr zu entdecken. Und wenn das alles von Menschen kommt, die einem persönlich gegenübersitzen, wo noch dazu Möglichkeit zu Fragen und Gespräch besteht, ist das noch einmal etwas ganz Besonderes – und Inspiration. – Das ist das Wunderbare an einer Life-Veranstaltung.

Eine Menge Anregungen – Was ich aus den Hommagen mitgenommen habe

Sabine Scholls Zugang der Auslassungen etwa gibt Impulse zum Weiterdenken. Ebenso die Überlegungen zum Begriff „Frauenliteratur“, der eigentlich schon längst als überholt gelten sollte. – So wie im Vortrag gesagt wurde: Es wird schließlich auch kein Autor als „Männerschriftsteller“ bezeichnet.

Patricia Highsmith könnte man sich in Originalsprache zu lesen vornehmen, da über ihren Schreibstil (von ihren Zeitgenossen) gesagt wurde, auch Schulkinder fänden sich damit leicht zurecht.– Vor allem aber interessant scheint (besonders für selbst literarisch Schreibende) ihr Essay „Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt“.

Was Leonard Cohen betrifft, habe ich mir nach der Hommage etliche seiner Songs angehört, erstmals oder wieder neu mit neuem Wissen um Hintergründe. – Vor allem einige Aufnahmen seines Konzerts 2013 in London – wo jene Antwort auf eine wichtige Frage vorkommt, die Walter Kohl erwähnte. Diese sei an der Stelle nicht verraten für jene, die nicht bei der Hommage dabei waren. Lässt sich aber nach Anhören der Aufnahme rausbekommen.

Von Patricia Highsmith stammt der Ausspruch, mit dem sie wohl auf ihre eigene Kindheit anspielte: Wer mit einer glücklichen Kindheit gesegnet sei, werde fast nie ein guter Autor.

Da ist etwas dran, denn gerade das Schwere, Brüche im Leben, führen oft dazu, dass Großartiges entstehen kann. – Das wissen wir wohl als Menschen alle, gleich ob wir (bekannte) Autoren/Autorinnen sind oder nicht.

Eindrücklich kommt dieser Gedanke in Leonard Cohens Poem „Anthem“ zum Ausdruck:

Da ist ein Riss, ein Sprung (a crack) immer wieder da, doch gerade durch diesen kann Licht eindringen: wirkliche Freude, Erneuerung, große Kunstwerke, alles, was das Leben schön und lebenswert macht.

Als Abschluss dieses Beitrags sei der Refrain zitiert. Es lohnt sich, die Aufnahme des Londoner Konzerts anzuhören, wo Leonard Cohen den Refrain anfangs mit seiner eindrucksvollen Stimme spricht: Leonard Cohen - Anthem (Live in London)

Ring the bells that still can ring / Forget your perfect offering

There is a crack, a crack in everything / That’s how the light gets in.


Text und Fotos: Elisabeth Strasser

Montag, 25. September 2023

Jeder hat seinen Preis. Rudi Habringers "Diese paar Minuten"

Rezension von Dominika Meindl

Rudolf Habringer: Diese paar Minuten. Erzählungen

In dieser Sache habe ich keine Scheu, mich zu wiederholen: In einer besseren Welt (und die sollte uns Schreibenden leicht vorstellbar sein) zählten Erzählungen mindestens so viel wie Romane. Und in einem besseren Literaturbetrieb als dem österreichischen stünde Rudi Habringer in der ersten Reihe. In der Realität steht er zum Glück nicht weit dahinter (aber: Oh, die feinen Unterschiede!). Es bleibt die Frage offen, ob das damit zusammenhängt, dass er in Oberösterreich geblieben ist. Ein Standortnachteil? „Selbstverständlich!“ sagt er bei der Buchpräsentation im Stifterhaus, aber es klingt nicht larmoyant.

Habringer lebt im selben Vorstadtgebiet, das seine Figuren bewohnen. Ein Paar entfremdet sich bei der Suche nach einem Samenspender. Ein ehemaliger Fremdenlegionär verunglückt auf eine Weise, die man auch für Absicht halten könnte. Eine Frau wird aus Langeweile zur Erpresserin.

Es ist der Ort, der sie verbindet – und ihre inneren Dilemmata. Sie sind alle in psychischen und sozialen Schieflagen. Hier hat jeder seine Schwächen, seinen Preis, für den er sich weggibt (ja, es sind mehr Männer, aber beileibe nicht nur). Es sind nur ein paar Minuten, in denen sich die Figuren in ein Verhängnis verstricken, aus dem sie kaum noch entkommen. Kinder kommen zu Schaden, Ehen zerbrechen, Leben springen aus den Schienen. Die Existenz ist entsetzlich angreifbar und verletzlich. Gezeigt wird die Brutalität der für „normal“ erachteten Verhältnisse, die Last der monogamen Paarbeziehung, der Erwartung, dass es Vater und Mutter gibt, dass man in der Firma nicht unter die Räder gerät – sprich: die Last des Alltags. Es gehe ihm um Resonanz, sagt Habringer, und das muss keine positive sein. Seine Lektorin habe die Erzählung, in der ein Mann ein Kind umbringt und kaum Reue empfindet, als zu belastend empfunden. Gerade deswegen sei sie im Buch geblieben. „Einen Teil der Weltliteratur müsste man ja sofort canceln.“

Die elf Short Stories haben eine Klammer, einen Metatext – in ihnen geistern Protagonist:innen von anderen Romanen und Erzählungen. Sie sind aber so fein verbunden, dass eine jede für sich stehen kann. Ein schwächerer Autor würde daraus elf Romane machen, Habringer beherrscht die Reduktion und Verdichtung, weil er akkurat ist. Überhaupt ist sein Stil auffällig unauffällig. Er habe, sagt er, die Leute reden lassen, wie sie eben reden, in ihrer Sprachlosigkeit und Unfähigkeit, das Richtige zum rechten Zeitpunkt zu sagen. „Plötzlich hörte ich diese Wörter des Ungefähren, wenn sie sprach: irgendwo, irgendwie, sozusagen, sag ich mal, sag ich jetzt ganz ehrlich, sag ich jetzt mal ganz im Ernst und so weiter. Ina verwendete plötzlich häufig die Wörter natürlich und normal.“ Nicht umsonst nennt er Raymond Carver eines seiner Vorbilder.

Es sei ihm wichtig, schreibt Habringer in einem der Essays in „Das Unergründliche und das Banale“, dass sein Nachbar, „wenn er sie denn lesen würde“, seine Texte auch verstehen könnte. „Mit meinen Geschichten, meinen Texten möchte ich Kontakt zu anderen Menschen herstellen“. „In diesem Sinne halte ich mich für einen realistischen Autor. Ich versuche mich schreibend und scheiternd als Feldforscher in der Wissenschat vom Menschen“.

Da gibt es kaum Metaphern, die Sätze sind trocken, lakonisch, unmanieriert. Wichtig sei ihm aber der Sound einer Figur, der Rhythmus der Prosa – er ist ja auch Musiker.

Rudolf Habringer: Diese paar Minuten. Erzählungen. Otto Müller Verlag, S. 200, 23 €

Mittwoch, 5. Juli 2023

Lyrik & Jazz VI

 

Große Vielfalt in Inhalt und Form zeichnete den jüngsten – und sechsten – von Judith Gruber-Rizy gestalteten Lyrik & Jazz-Abend der GAV Oberösterreich im Linzer Stifterhaus aus, der trotz heftiger Außentemperatur auf reges Interesse stieß. Durchaus zurecht, wie die Beiträge der Autorinnen und Autoren – es waren dies Angela Flam, Elisabeth Strasser, Kurt Mitterndorfer, Luis Stabauer, Herbert Christian Stöger und Erich Wimmer – zeigten. Den musikalischen Part übernahm Rudolf Habringer diesmal zusammen mit dem Trompeter Manfred Paul Weinberger mit neuen Akzenten.









Mittwoch, 7. Dezember 2022

Apfent, Apfent, das Auge tränt 6.0 – Keks, Drugs N' Rock N' Roll


Die große Weihnachts-Lesebühne der GAV OÖ

20. Dezember, 19.30 Uhr, Kulturverein Strandgut (Ottensheimer Straße, 4040 Linz). Eintritt frei!

Mit Rudi Habringer, Walter Kohl, Dominika Meindl und Kurt Mitterndorfer

Alle Jahre wieder ringt das Weihnachts-Ressort in Oberösterreichs größter Literaturvereinigung um Stille, Frieden und innere Einkehr. Die Früchte dieses Ringens präsentiert das Quartett bei der traditionellen großen Jahresabschluss-Lesebühne. Und weil die literarische Weihnachtsfeier seit 2019(!) ausfallen musste, ist der Gabentisch bei der Tombola des Grauens heuer überreich gedeckt. Ja, richtig gelesen: Das ist die einzige Lesereihe, bei der es GESCHENKE gibt! 

Ein Fixstern am heimischen Firmament der satirischen Unterhaltung ist Rudi Habringer, der in Sachen Dramolett, Prosa und einschlägigem Liedgut aus der Fülle des Vollen schöpft. Musikalisch holt aber seit Kurzem auch Walter Kohl auf! Wie stets setzt er der gedankenlosen Fröhlichkeit die nötige Mahnung zur Umkehr entgegen. Das gilt auch für Kurt Mitterndorfer, der es in seinen kurzen Texten an der notwendigen gesellschaftskritischen Strenge nicht mangeln lassen wird. Im Gegensatz zur "Präsidentin" Dominika Meindl, von der bescheuerte Ansprachen zu erwarten sind, und die den drei Kollegen das eine oder andere Dramolett aufzwingen wird. Ihre beste Rolle ist noch die ersehnte Bescherung am ersehnten Ende: Tombola-Geschenke für das Publikum! Literatur und Präsente! Existenzielles Schrottwichteln!

Das Quartett performt im Ringerl, ob allein oder gemeinsam, in allen Formen und Farben. Das ist überraschend oder berührend, satirisch oder literarisch gehaltvoll – in Summe aber wahrhaft unterhaltsam.

Mittwoch, 8. Juni 2022

lyrik & jazz V - ein Nachbericht

Von Dominika Meindl. Fotos: Helmut Rizy

Zum fünften Mal lud Judith Gruber-Rizy zur Feier der Kongenialität ins Theater Phönix – und heuer waren die Sitzreihen auch endlich wieder so dicht besetzt, wie es diesem umsichtig kuratierten Literatur- und Musikereignis gebührt.

Das Line-Up an diesem 7. Juni: Marlene Gölz, Andreas Tiefenbacher Eva Fischer, Siegfried Holzbauer Till Mairhofer und Ines Oppitz lasen eigene Texte; bis auf Letztere war es für alle eine Premiere, was für die Attraktivität von Lyrik & Jazz für die Mitwirkenden spricht. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass sie von Rudi Habringer am Piano und von Franz Prandstätter am Saxophon begleitet werden. Wobei "begleiten" ein viel zu schwaches Wort dafür ist, was die beiden da alljährlich zaubern. Das ist wohlvorbereitete Improvisation, geteilte Spielfreude und höchstes Können. Die beiden unterstützen die Lesenden, dazwischen bekommt ihr Spiel den eigenen Raum, der ihm zusteht. Man wünschte, man verstünde mehr von Musik, um zu vermitteln, was zu hören war. Habringer verwies im Übrigen zu Recht darauf, dass es in der GAV OÖ etliche Menschen mit Mehrfachbegabung gebe, wobei die Bildende Kunst stärker vertreten sei als die Musik.

Marlene Gölz machte den Anfang, und es war für sie auch ungewohnt, Lyrisches zu lesen. Das erfuhr das Publikum aber nicht aus eigener Anschauung, sondern nur, weil sie es selbst feststellte. In "Schreiben 1": "alles reinhämmern an Wut und Kraft, was nötig ist". Sie weiß Bescheid, wenn sie über das Landleben schreibt, die drohende "Absiedlung ins Zwischengebiet", und indirekt wohl auch über "Wirrwarr, Wischiwaschi, Tunichtgut". Bei Gölz gibt es "Eigenarten, eigene Arten und den eigenen Garten". Ihre Lyrik schreibt sie aus dem Alltag heraus, etwa an einem trüben Sonntag Morgen im April. "Alles ist still, und ein Warten." Ihre genauen Beobachtungen sagen im Kleinen viel über das Große, etwa dass die Gurken im Eferdinger Becken geerntet werden müssen, und man weiß, dass das ein Problem wird, weil die ukrainischen Erntehelfer eingerückt sind.

Andreas Tiefenbacher las aus der "Liebesliederbox". Da kommen Zikaden vor, die im letzten Sonnenlicht baden, "wie zwei verliebte Fliegen". Das lyrische Ich steht ehrfürchtig vor der Skulptur Michelangelo Pistolettos in Pagliano, einem marmornen Riesen, "ein Körpermonument". "Und weg ist das innere Schluchzen." Er will ganz nach eigenem Willen leben, "die Sehnsucht sitzt auf jedem Zeh". Und schließlich versinken die Schwäne am Hallstättersee im Presslufthammergedröhne.

Eva Fischer hielt sich nicht sklavisch an die Vorgabe "Lyrik", stattdessen las sie drei Dialoge in ihrer bewährten Vorgangsweise, indem sie die Leute belauscht und sich dazu eigene Gedanken macht. Während der Dialoge schwiegen Saxophon und Piano, nur um sich in den kleinen Pausen zu einem besonders gelungenen Dialog zusammen zu tun. In der ersten Zwiesprache geht es um das Folgen und das Befragen von Landkarten. Oder führt das Bauchgefühl sicherer ans Ziel? "Karten und Pläne schränken meine Entscheidugsfähigkeit ein." Und Kartenzeichner könnten ja Gauner sein... "Vertrauen ist halt immer auch ein wenig riskant." Der zweite Dialog führte mit Kant in die Konditorei. Ob der Vorname "Immanuel" lautete, ist nicht überliefert, wohl aber, dass Kant schweigend seine Malakofftorte genoss. Und schließlich beschrieb Fischer Bilder zu Texten, ihre "Auftischungen", die sie "Denklinge" nennt. So ging es denn auch auf eine kleine Reise in das südbayrische Denklingen, wo es eine Denk-Kolonie zu gründen gilt, um dem Grund der eigenen Denklust doch am Ende vielleicht auf den Grund zu gehen.

Ines Oppitz beschreibt einen Platzregen in Aschach. "Eine Stromschnelle sei ich, sagst du", und das Du kann auch zur einem "Schnarren des Telefons" werden. Das lyrische Ich wird bei Oppitz zu einem Klangkörper, der sich wie ein Sonar selbst zu orten versucht. Sie findet das Namenlose auf verschütteten Wegen, in ortlosen Weiten. Ihre Gedichte sind zugänglich und doch etwas verschlossener als jene der anderen, was aber überhaupt kein Nachteil ist. "Guten Tag, guten Abend, ist das die Wirklichkeit?"

Eine einzigartige Verbindung von Lyrik und Tagesgeschehen schafft Siegfried Holzbauer schon seit mehr als 25 Jahren in seinem "Diarium": Jedes einzelne seiner Tagesgedichte besteht exakt aus 36 Buchstaben. Er geht damit seit Jänner 1996 der Frage nach, ob sich das individuelle Leben als poetischer Text begreifen (bzw, festhalten) lassen kann. Für "Lyrik & Jazz" las er seine verdichteten, assoziativen Eintragungen seit Beginn des Ukraine-Krieges bis zum aktuellen Datum vor. Am 23. Februar 2022 heißt es:

omikron rückt näher
die russen kommen
und

Im März:

aschermittwoch
charkiw
&
in schutt und asche

Profanes wie Fischverzehr und Corona stehen bei Holzbauer unmittelbar neben dem Großen, Existenziellen, der Himmel neben der Hölle – man ahnt, dass es hier gar keine rechte Grenzziehung geben kann.

Alles ist hier nachzulesen: http://advancedpoetx.com/DIARIUM/index.html

Den Abschluss machte Till Mairhofer. Er lehnte seine Darbietung an Brentanos "Der Spinnerin Lied" an – "Des Spinners Lied": Der geht die Buchreihen entlang, bevor er selbst geht. Er liest sich ein Spätwerk zusammen, von jedem Autor möglichst das letzte Werk. Daraus entsteht eine an Goethe und die eigene Gedichtinterpretation angelehnte Poetologie. Am Ende mündet der Gang durch die Bibliothek und die eigene Erinnerung in stiller Resignation. Und doch gibt es das "Blattgold", das Licht in den höchsten Birkenzweigen – und die Rettung der Welt in uns. In "Altersteilzeit" bleibt Verspieltes und vieles, das noch zu sagen ist. Für das musikalische Finale packt Mairhofer seine Violine aus, im Trio klingt dieser geglückte Abend aus.

Eine Veranstaltung der Grazer Autorinnen Autorenversammlung in Zusammenarbeit mit der GAV OÖ. Ein Live-Mitschnitt ist demnächst auf dorfTV zu sehen, ebendort gibt es einige Ausgaben der Reihe zu finden.


Montag, 17. Januar 2022

Franz Kain im Stifterhaus

Auf überaus großes Interesse stieß die Veranstaltung der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung zum 100. Geburtstag ihres 1997 verstorbenen ehemaligen Mitglieds Franz Kain im Linzer Stifterhaus. Aufgrund der gegenwärtigen Bedingungen standen allerdings nur 70 Sitzplätze zur Verfügung und bei der Anmeldung mussten manche Interessierte abgewiesen werden.

(Anmerkung: Der Abend wurde aufgezeichnet und steht unter https://www.dorftv.at/video/36956 zum Nachsehen.)

Nach der Begrüßung durch die stellvertretende Direktorin des Stifterhauses Regina Pintar stellte Judith Gruber-Rizy, die den gesamten Abend konzipiert hatte, in ihrem Eingangsreferat Lebenslauf und Werk Franz Kains vor. Begleitet wurde dies durch Photographien und Videos, die Alenka Maly zusammengestellt hatte. Rudolf Habringer brachte Kains Erzählung »Nachrede für Habsburg« zu Gehör, und im Anschluss schilderten Kurt Mitterndorfer, Franz Fend und Helmut Rizy jeweils ihre Begegnungen mit dem Schriftsteller, Journalisten und Politiker Franz Kain. Hubert Achleitner (Hubert von Goisern), der die Veranstaltung auch musikalisch begleitete, trug einen Abschnitt aus Kains Roman »Das Ende der Ewigen Ruh« vor. Mit dem Hinweis, dass der Kain einen gemütlichen Abend gern mit Gesang ausklingen habe lassen, stimmte er zum Abschluss zusammen mit Alenka Maly und Katharina Kain den »Wildschütz« an, bei dem auch manche Besucherin und mancher Besucher schließlich einstimmte.

H.R.







Fotos: Helmut Rizy

Foto: Barbara Mitterndorfer-Ehrenfellner


Freitag, 12. November 2021

Lyrik & Jazz IV

 Nach einem Jahr Pause gab es am 9. November wieder „Lyrik & Jazz“ der GAV OÖ im Phönix Beisl in Linz. 

Wie schon bei L & J III haben auch heuer wieder Rudolf Habringer (Klavier) und Franz Prandstätter (Saxophon) für den Jazz gesorgt, Lyrik und lyrische Prosa gelesen haben Corinna Antelmann, Judith Gruber-Rizy, Walter Kohl, Wally Rettenbacher, Robert Stähr und Herbert Christian Stöger

Gestartet haben wir die Reihe im Jahr 2017, das Konzept ist seither gleich geblieben: 6 Autorinnen und Autoren der GAV OÖ geben ihre Texte den Musikern, die sich schon im Vorfeld der Veranstaltung damit auseinandersetzen und zu jedem einzelnen Gedicht, zu jedem Text die entsprechende musikalische Umsetzung suchen. Improvisation steht dabei natürlich im Vordergrund. Bei der Aufführung selbst ergibt sich daraus ein wunderbares Miteinander, ein intensives Aufeinander-Eingehen von Musik und Worten. Mit Rudolf Habringer und Franz Prandstätter ist heuer wieder ein besonders schönes und mitreißendes Zusammenspiel entstanden, das für Zuhörende und Mitwirkende eine große atmosphärischen Dichte geschaffen hat. 

Wally Rettenbacher hat diesen Abend im Phönix dankenswerter Weise mitgeschnitten und so kann Lyrik & Jazz IV nun in der ganz neuen „GAV OÖ Hörbox“ nachgehört werden

Link zur Hörbox

Herzlichen Dank allen Kolleginnen und Kollegen fürs Mitmachen und für ihr großes Engagement. Und herzlichen Dank auch dem Theater Phönix, das uns den Raum und die Technik zur Verfügung gestellt hat.

Judith Gruber-Rizy









Dienstag, 13. April 2021

Komisch, dass es uns gibt!

Über Rudi Habringers neuen Roman "Leirichs Zögern"

Von Dominika Meindl

 

Ein paar herbstliche Tage im herbstlichen Leben eines alleinstehenden Mannes: Gregor Leirich hadert mit seinem Älterwerden, der Generation Y, seinem immer wieder in der friendzone endenden Liebesleben, seiner stagnierenden Karriere als freiberuflicher Historiker und Musiker. Ein langes Lamento gönnt Habringer seinem „Helden“ nicht; der handlungsauslösende (oder doch zunächst: handlungshemmende) Vorfall ereignet sich gleich zu Beginn: Nach einem Vortrag eröffnet ihm eine unbekannte Frau, dass er, Leirich, einen älteren Halbbruder habe. Die Erkenntnis zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Er muss einsehen, dass auch die eigene Familiengeschichte ein Konstrukt ist. So wird ihm der Alltag, in dem er sich eingerichtet glaubte, fraglich. „Ich war über Nacht nicht Vater geworden, wohl aber Bruder eines Bruders.“ Leirich beginnt die Frage zu quälen, warum sämtliche Ahnen bis zum Tod Stillschweigen über den unehelichen Sohn bewahrt hatten.

Bei der Recherche gerät der Historiker an die eigene Geschichte. Die „Welt war klein und gut geheizt“, erzogen wurde er mit Sprüchen wie „Wer im Frieden leben will, der leide still und dulde viel“, und dass das „kleine Glück“ mehr als ausreiche. Er denkt viel über seine allzu früh verstorbene Mutter nach, und noch mehr über seinen zweifach verwitweten Vater, der mit drei Frauen fünf Kinder gezeugt hat, eines davon als Kleinkind verlor und die drei ehelichen Kinder allein aufgezogen hat. Nach einigem Zögern(!) entscheidet Leirich sich, Offenheit zu wagen.

Eingemottete Erzählungen, gebunkerte Gefühle, verdrängte Marginalien“ nennt Leirich ein Denkprojekt, das auch den Roman gut trifft. Wiewohl nun bei Otto Müller erschienen (was ist los, Picus?!), weist Habringers neuer Roman Verbindungen zu früheren auf („Engel zweiter Ordnung“, „Was wir ahnen“), funktioniert aber ganz eigenständig. Gemein ist ihnen, dass sie in Oberösterreich und Bayern spielen. Lokalkolorit, wie etwa der „Saurüssel“, ist vorhanden, drängt sich aber nicht im Sinne verkaufsträchtiger Regionalisierung auf.

Habringer ist ganz Ähnliches tatsächlich passiert, er hat seine Überraschung über das zweite Leben seines Vaters literarisch fortgesponnen, mit der nötigen künstlerischen Distanz und viel selbstironischem Witz, etwa wenn er Leirich bemerken lässt, dass er in das „angenehm temperierte Fußbad meiner Opferrolle“ gleite. Habringer muss bei der Begriffsfindung viel Freude gehabt haben, so etwa beim „Gefühlstrottel“, beim Grübeln über „Serendipität“ oder über neue Berufe wie „Königsexperten“, „Rerserveorganisten“ und „Notlügenexperten“.

Eine bedeutsame Rolle im Roman spielt die Musik, die Habringer mindestens so beschäftigt, und die er mindestens so souverän beherrscht wie das Schreiben. Eine Passage aus einem Choral Pachelbels zeigt dem Historiker, dass der Musiker schon mehr begriffen hat: Alles „Fleisch vergeht wie Heu, was da lebet, muss verderben, soll es anders werden neu.“ Und am meisten wissen die Kinder. „Papa, es ist eigentlich komisch, dass es uns gibt“, hatte Leirichs Tochter vor Jahrzehnten schon festgestellt. Dass es uns überhaupt gibt, in unserem lebenden Fleisch, das ist schon mehr als ein kleines Glück.

Rudolf Habringer: Leirichs Zögern. Roman. Otto Müller Verlag, 302 S., 25 €

Kritik an der Literaturkritik ist nicht nur möglich - siehe Kommentarfunktion, sondern erwünscht! 

Montag, 16. Dezember 2019

Lyrik & Jazz 3

Zum dritten Mal in Folge haben Lyrikerinnen und Lyriker der GAV OÖ gemeinsam mit Jazz-Musikern einen Abend im Phönix-Beisl in Linz gestaltet. Erich Wimmer, einer der Lesenden hat über diesen Abend an einen Freund geschrieben: 

Gestern Abend haben wir wie angekündigt Gedichte gelesen bei Jazz & Lyrik im Theater Phönix. Das war ein über die Maßen überraschender Abend, weil Publikum und Mitwirkende ein "Nest" gebildet haben, das in dieser atmosphärischen Dichte nur selten erscheint. Alle waren wir glücklich, und wurden es im Lauf des Abends noch mehr, weil wir uns trafen, um fein zu sein. Fein in der Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit gegenüber dem Wunder, dass manchen Menschen noch die Gnade zuteil ist, Gedichte zu schreiben und zu hören. Einander betören, das ist gestern absichtslos gelungen und hat uns einander spürbar näher gebracht ...
Und tatsächlich haben sich die beiden Musiker Rudolf Habringer (Piano) und Franz Prandstätter  (Saxophon) ganz und gar auf die unterschiedlichen Formen der Lyrik eingelassen, sich angepasst und es gab dieses wunderbare Zusammenspiel zwischen Lyrik und Musik.
Zur Musik der beiden gelesen haben heuer Herbert Christian Stöger, Renate Silberer, Erich Wimmer, Christine Mack, Dominika Meindl. Als sechster Lyriker hat Rudi Habringer Lieder gesungen, „Gebrauchslyrik“ also, wie er selbst es nannte.

Begonnen hat die Reihe Lyrik & Jazz im Jahr 2017 im Oktober ebenfalls im Phönix in Linz, damals mit dem Gitarristen Michael Bruckner und Lyrik und lyrischer Prosa von Waltraud Seidlhofer, Richard Wall, Helmut Rizy, Judith Gruber-Rizy und Gedichten von Gregor Lepka
Im Herbst 2018 bei Lyrik & Jazz II haben Renald Deppe (Saxophon, Klarinette) und wieder Michael Bruckner (Gitarre) gespielt, gelesen haben Hans Eichhorn, Johann Kleemayr, Kurt Mitterndorfer, Ines Oppitz, Elisabeth Strasser, Gedichte von Irmgard Perfahl hat ihr Sohn gelesen. 
In etwas anderer Lyriker-Besetzung wurde diese Abend in Wien im bekanntesten Jazz-Lokal, dem Porgy & Bess, in der sogenannten „Strengen Kammer“, dem kleineren Saal, wiederholt – und wurde nicht zuletzt durch die andere Atmosphäre dieses Raums zu einem völlig neuen Erlebnis.

Im Jahr 2020 macht „Lyrik & Jazz“ der GAV OÖ Pause, aber 2021 werde ich wieder versuchen Lyriker und Musiker zusammenzubringen. 

Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen fürs Mitmachen, ob lyrisch oder musikalisch, für die schöne Stimmung, die bei jedem der vier Abende entstanden ist, und ich bedanke mich herzlich beim Theater Phönix, dessen Gäste wir sein durften.

Die ganze Veranstaltung wurde von dorf-tv aufgezeichnet und gesendet und kann (allerdings ohne Herbert Stöger) unter folgendem Link angesehen werden: https://dorftv.at/video/32316
Judith Gruber-Rizy






Irmgard Perfahl, 1921-2026, in Memoriam

Von Richard Wall    Foto: Reinhard Winkler   Ein Gedicht greift vieles auf und kleidet es in Worte die es bei aller Klärung als Rätsel be...