Montag, 21. Oktober 2019

Literaturaustausch Sachsen-Oberösterreich geht zu Ende

Nach elf Jahren Austausch Sachsen-Oberösterreich zwischen dem Sächsischen AutorInnen Verband und der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung waren nun, vorerst zum letzten Mal, die Sachsen zu Gast im Stifterhaus Linz.

Bettine Reichelt und Francis Mohr zu Gast lasen aus ihren Texten und erlaubten im Gespräch einen Einblick in die Veränderungen, wie sie seit der Wende erlebbar geworden sind. Oder seit der „revolutionären Erneuerung“, wie Christa Wolf es in ihrer Rede auf dem Alexanderplatz auszudrücken versuchte, da es um genutzte Möglichkeiten gehen sollte und nicht um das Wegducken der Crew während einer Totalumkehr, weil der Wind sich gedreht habe (vergl. Auf dem Weg nach Tabou, S. 13). Wurden diesen Möglichkeiten je eine Chance eingeräumt? Was können wir rückblickend sehen, erfahren, darüber schreiben?

Die beiden AutorInnen aus Sachsen formulierten es so, dass die Sprache konkreter habe werden können, seit es nicht länger nötig gewesen sei, zwischen den Zeilen lesen zu müssen. Deutlich wurde in diesem Zusammenhang dennoch, dass es gerade in der DDR ein ausgesprochen aufmerksames Publikum gab (auch das ist nachzulesen bei Christa Wolf, die rückblickend konstatiert, das Publikum sei nirgend zahlreicher, anspruchsvoller, fordernder und dankbarer gewesen als in der DDR). Und auch die Autorin Elisabeth Strasser, die dieses Jahr Oberösterreich in Leipzig vertreten hat, fand dort ein zugewandtes Publikum, wie sie ergänzte.

Im Stifterhaus jedoch herrschte ebenfalls eine aufmerksame Bereitschaft zum Zuhören, Fragen und Sich-einlassen auf die doch sehr verschiedenen Zugänge, mit denen die vorgestellten Texte erstellt wurden: "Der Stoff liegt auf der Straße, man muss sich nur krümmen", meint Francis Mohr und bedient sich am reichhaltigen Alltag, während Bettine Reichelt die Bibel als unerschöpflichen Pool sieht, den kriminellen Energien des Menschen nachzuspüren, die durch alle Systeme hindurch offenbar gleichbleibend konstant bleiben. Als des Menschen Natur?

Danke für den Abend und die sowohl sprachliche als auch inhaltliche Rückkehr in die Ostberliner Gartenlaube meiner Kindheit. Damals verspürte ich neben der Hoffnung auf Wiedervereinigung, die mir als utopisch abgetan wurde, die unerschütterliche Hoffnung auf eine Gesellschaft, die eine humanistische Tradition und die Freiheit des Menschen in sich vereint.

Ich hoffe, diese Utopie entpuppt sich eines Tages als ebenso wenig reine Utopie wie es der Mauerfall gewesen ist und die menschliche Natur widerlegt ihre altherbebrachten Zuschreibungen innerhalb der nächsten 2000 Jahre.

https://corinna-antelmann.com/sachsen-oberoesterreich-literaturaustausch/

Selbst-Einlagerung, Stadt-Tiere und feine Striche. Waltraud Seidlhofers "wie ein fliessen die stadt"

Waltraud Seidlhofer, ein still leuchtender Fixstern österreichischer Literatur, macht sich mit ihrem neuen Buch selbst das beste Geschenk zum 80. Geburtstag.

Rezension: Dominika Meindl

Es ist keine leichte Übung, Seidlhofer ins Rampenlicht zu stellen, insbesondere zu ihrem Jubiläum am 26. November. Ihre Bescheidenheit steht in exakt umgekehrtem Verhältnis zur Relevanz ihrer Arbeit. Und die Lektüre ihrer neuesten Publikation „wie ein fliessen die stadt“ (Klever Verlag) zeigt, wie aktuell ihr Schreiben ist, wie nahe es der Gegenwart ist (warum sollte das auch anders sein?).


 Waltraud Seidlhofer bei "Zur Lage" im Posthof, 2017. Foto: Meindl
 
Ihre Prosastücke gehen von der Arbeit an einem Projekt im Architekturzentrum von Chicago aus, sie drehen sich um Strukturen einer Megacity, um Stadtentwicklung, Ruinen oder um Tiere im urbanen Naturraum. Wie stets denkt Seidlhofer bei ihren literarischen Erkundungen in offenen Dialektiken von Stadt und Natur, Raum und Zeit; auf alle Phänomene lenkt sie denselben scharfen Blick. Ihr Schreiben ist Prosa, Lyrik und Essay in einem. Sprache, Ton und Takt sind ganz eigentümlich, sie ähneln dem bedächtigen Flanieren einer älteren Dame durch ihre Umgebung: „feine striche aus bewegung und zeit.“
Seidlhofer nimmt sich auch im Text ganz zurück, ein „Ich“ kommt höchstens in Zitaten von Adorno, Butor oder Benjamin vor. Seite für Seite schreitet sie voran, wechselt zwischen der Beschreibung dessen, was sich im Blick aus dem Hotelzimmer fängt, und globalen architektonischen Reflexionen über den Entwurf von Riesenstädten und das Leben darin. Welche Glaspaläste werden den Reichen gebaut, in welchen Schachteln müssen die ArbeiterInnen oder Flüchtlinge hausen? Wie organisieren moderne Nomaden ihr Dasein, was bewahren sie in den boomenden self-stores? In den Vorstädten weiß sie auch die Eintönigkeit zu interessieren. Besonders fasziniert sie die verlassene Stadt, etwa nach einem Atomunfall oder nach einer Naturkatastrophe, wie „die restlinien einer industriearchitektur, die langsam und stetig in die oekologie eingepasst wird“.



Waltraud Seidlhofer: wie ein fliessen die stadt. Klever Verlag, 150 S., 18 €
Am 28. November liest sie bei der Verlagspräsentation im Stifterhaus aus dem Buch. 
Hinter dieser Rezension: Dominika Meindl ist so wie Waltraud Seidlhofer Mitglied der GAV OÖ und schätzt die Autorin auch persönlich. Es wäre der Rezensentin eine Freude, überprüften LeserInnen ihre Rezension durch eigene Lektüre auf deren Objektivität hin. Kommentare sind willkommen!

Samstag, 12. Oktober 2019

Literatur im Flößerhaus

Mit dem Herbst setzt der Reigen an Literaturveranstaltungen wieder ein. Die Saison begann fulminant mit der Herbstlesung im Flößerhaus in Wels/Thalheim am 27. September 2019.

Johann Kleemayr initiierte 2018 in engagierter Eigeninitiative eine Literaturreihe in seinem Haus nahe der Traun. Drei Lesungen mit jeweils drei Autorinnen und Autoren fanden bereits statt. Alle, wie auch die Herbstlesung, mit großem Publikumsinteresse: alle Plätze besetzt.

Waltraud Seidlhofer begann den Abend mit Lyrik und Prosa. Bilder entstanden beim Zuhören ihrer Texte, in denen es ihr um genaues Beschreiben geht. Eindrücklich etwa Bilder von Hochhäusern in den USA mit Swimmingpools auf den Dächern, die bei Erdbeben überschwappen. Aus ihren zahlreichen Reisen schöpft sie ihre Ideen, erzählte sie im Kurzinterview, das Stefan Reiser mit den Auftretenden führte, und als Gründungsmitglied der GAV sprach sie auch über deren Entstehungshintergründe.

Mit Rudi Habringer und Stefan Reiser traten zwei großartige Vortragskünstler auf.
Stefan Reiser, Schöpfer von witzig-geistreichen Dramoletten, ließ etwa einen Regisseur zu seinem Ensemble sprechen und nahm dabei Neid und Eifersüchteleien am Theater genauso satirisch aufs Korn wie das vordergründige Sprechen über Teamgeist und Zusammenhalt.
Rudi Habringer, literarischer und musikalischer Allround-Künstler, der das Spektrum vom Romanschriftsteller über den Kabarettisten bis zum Jazz-Musiker abdeckt, imaginierte u.a. eine Umfrage, wie Leute es mit dem Zweitbuch halten, und brachte dabei einen Studenten aus Afrika, einen Wiener Hausmeister, einen türkischstämmigen Jugendlichen und einen Kellner aus dem Mühlviertel in ihrer jeweiligen Sprache so lebensecht auf die Lesebühne, dass man sie wörtlich sprechen zu hören vermeinte.

Die Frage nach dem „Zweitbuch“, ließ das Problem des sekundären Analphabetismus und die Marginalisierung der Literatur im Schulunterricht ansprechen. Und die damit verbundene Idee eines „Landesliteraturschulwerks“, das vergleichbar dem Musikschulwerk Kinder und Jugendliche für Literatur beigeistern kann.

Interesse und Begeisterung für Literatur ist jedenfalls vorhanden, wie sich bei diesem gut besuchten Literaturabend wiederum zeigte. Literatur lesen ist immer gut, doch eine Life-Lesung macht die persönliche Begegnung mit Autorinnen und Autoren möglich. Eine Besonderheit im Flößerhaus: Das Buffet, selbst zubereitet von Sibylle Gandler, der Lebensgefährtin von Johann Kleemayr, im Anschluss an die Lesung bot einen stimmungsvollen Ausklang.

Johann Kleemayr über seine Initiative: „Wenn Begegnungen stattfinden, findet Literatur statt.“

Dies geschah allemal an diesem Abend.

Bericht: Elisabeth Strasser
Fotos: Johann Kleemayr


Montag, 7. Oktober 2019

Fehlprägungen der Liebe. Privat sind wir ganz anders

 

Anna Weidenholzers Roman „Finde einem Schwan ein Boot“ zeigt kraft Empathie, wie die kollektive Rechtsdrift vonstatten geht. Und beglückt trotz allem durch seinen menschenfreundlichen Witz.

Rezension: Dominika Meindl

Elisabeth und Peter sind seit fünf Jahren ein Paar. Es kriselt nicht, aber ob sich noch einmal fünf Jahre miteinander ausgehen? So nennt er sie unbeirrt „Prinzessin“, schenkt ihr wöchentlich Supermarktrosen und mansplaint unentwegt. „Irgendwann wirst du noch die Vorteile eines Handstaubsaugers entdecken“. Der Wetter- und Lokaljournalist ist nicht unsympathisch, aber Elisabeths leise Entfremdung ist nachvollziehbar.
Weidenholzer zeichnet ihre Figuren stets sehr fein und empathisch, nie schreibt sie über Hipster oder andere schicke Leute, nie über elitäre Tatmenschen. Ihren neune Roman erzählt sie aus der Perspektive Elisabeths, einer zurückhaltenden Beobachterin. Die Handlung spielt sich in Rückblenden während einer schlaflosen Nacht ab. Der Text ließe sich in diesem Zeitraum auch lesen; die Kapitel enden ungefähr im Viertelstundentakt.
„Schau, wie die Leben dort drüben gestapelt sind.“ Elisabeth ist wach und schaut hinaus in die Nacht, von ihrer Wohnung hinüber in die ihrer Freunde Karla und Heinz, mit denen das Paar viel Zeit im Café Maria verbringt. Karla hat den Bogen raus: „Ich mache weniger, denn dauert das Leben länger.“ Heinz, trinkfest und gesellig, versucht sich als Energetiker, nachdem er als Versicherungsvertreter nicht reüssiert hat. So wie Peter hat er den Drang, etwas darzustellen, beide wollen ihre Frauen stolz machen, sind aber ziemliche Würschtel (ohne dass Weidenholzer das allzu plakativ macht). Dementsprechend verlaufen ihre Karrieren. Peter nimmt das Angebot einer rechten Wochenzeitschrift an. Weil als Schauplatz des Romans Linz angenommen werden kann („es ist die Stadt, die noch nie das Meer gesehen hat und doch unablässig Wasser dorthin weiterschiebt“), darf man dabei an das oberösterreichische Gratis-Blatt „Wochenblick“ denken, in dem die ehemaligen FPÖ-Minister gerne inseriert haben und das laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als „Desinformationsprojekt am rechten Rand“ fungiert. Heinz bewirbt sich erfolgreich bei der Sicherheitswache. 
Elisabeth hat ein feines Radar für kleine Freundlichkeiten und skurrile Bilder. „Peter sagte: Du siehst Geschichten, wo keine sind.“ An ihrem Unbehagen verdeutlicht sich auch das gegenwärtige kollektive Abdriften nach rechts. Wenn etwa Peter nicht mehr über Graupelregen schreibt, sondern über Menschen als „tickende Zeitbomben“. Privat sind alle immer ganz anders, aber wo kriegt man heute noch eine Festanstellung her, außerdem muss man ja journalistisch beim Volk bleiben. Das ist der Kern der Sache. Wir haben es tatsächlich selten mit Unmenschen oder Neonazis zu tun, wenn wir Neoliberalismus und Rechtspopulismus anklagen. Ins Werk wird das Böse von denen gesetzt, die wider besseres Wissen dem „Pöbel“ die nächste soziale Gemeinheit als Wahrheit verkaufen und sich selbst eine moralisch akzeptable Privatmeinung gönnen.
Finde einem Schwan ein Boot“ ist Anna Weidenholzers dritter Roman, nach „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ der zweite beim Berliner Verlag Matthes & Seitz. Der Schwan beginnt gleichsam, wo die Seesterne enden: Dort hatte ein pensionierter Lehrer die Menschen nach ihren Glücksbedürfnissen befragt; diese Rolle übernimmt die schrullige Professorin, die nun aber auf verlorenem Posten (= an der Bar) über Vorurteilsforschung referiert, und darüber, was sich da im reichen Mitteleuropa zusammenbraut. „Wenn es am Horizont dunkel ist, sieht man schlecht, was darunter liegt.“
Es ist schön und selten im Literaturbetrieb, dass sich Weidenholzer beim Schreiben nicht hetzen lässt. Dementsprechend gut sitzen die Worte. Mindestens einen Satz pro Seite möchte man sich als Aphorismus merken. „Plot driven“ ist das natürlich nicht, denn nur so lässt sich darstellen, wie sich der soziale Gletscher bricht. Von „unaufdringlicher Kunstfertigkeit“ spricht Falter-Kollege Sebastian Fasthuber: „Der Blick auf die Mitte der Gesellschaft offenbart Abgründe“.


 
Die Hintergründe sind ernst, es gibt allen Grund zur Melancholie, und doch blitzt viel feiner Witz auf. Etwa als Peter von der Landesgartenschau – das längste Kapitel – berichten und Pensionisten nach ihren Motiven befragen muss. „Die Welt ist groß und es gibt viel zu entdecken, und am besten ist es, wenn man vorher weiß, wo man sitzen wird“, antwortet ein passionierter Busreisender. Weidenholzer kennt sich bestens aus, wenn sie über journalistische Prekarisierung und die Verschwendung von Talent in Lokalredaktionen schreibt. „Wir brauchen noch ein gutes Zitat, damit es menschlich wird“.
Und man erfährt sehr viel über Tiere, auch das ein Merkmal von Weidenholzers Kunstwollen: Der titelgebende Schwan hat sich – wahre Geschichte – in ein schwanenförmiges Tretboot verliebt, seine Liebe ist „nichts als ein großes Stück Plastik“.
 
Hinter dieser Rezension: Dominika Meindl ist mit der Autorin eng befreundet; gemeinsam haben sie die Lesebühne „Original Linzer Wort“ gegründet. Anna Weidenholzer ist Mitglied der GAV OÖ. Es wäre der Rezensentin eine Freude, überprüften LeserInnen ihre Rezension durch eigene Lektüre auf deren Objektivität hin. Kommentare sind willkommen! 

Am Donnerstag, dem 10. Oktober, spricht die Rezensentin mit der Autorin, dazu spielt die Band "Fargo". "Owa vom gas", eine Kooperation von Experiment Literatur und dem Medien Kultur Haus. MKH Wels, Pollheimerstraße. Beginn: 19:30 Uhr. 

Freitag, 23. August 2019

Donnerstagsdemo - 12. 9. 2019 in Linz

Hier ein kurzer Veranstaltungshinweis!

Am 12. 9. findet am Steinmetzplatzl in Linz wieder die Donnerstagsdemo mit Texten von Mitgliedern der GAV und mit Musik von Linzer Musikern statt!

Es lesen:
Markus Köhle
Mieze Medusa
Richard Wall
Anna Weidenholzer (Text wird in Vertretung von Anna verlesen)
Rudi Habringer

Wir hoffen auf Euer zahlreiches Erscheinen!

Montag, 19. August 2019

Worüber ich mich wundere. Ein Essay zur Lage.

Von Judith Gruber-Rizy.

 
Wir würden uns noch wundern, was alles möglich sein wird, sagte im Bundespräsidenten-Wahlkampf Norbert Hofer, damals FP-Kandidat für dieses höchste Amt in unserer Republik, später Minister, jetzt ehemaliger Minister, aber dafür neuer Parteiobmann. Ich weiß noch genau, wie mich dieser Satz erschreckt hat, als ich ihn bei der Fernsehdiskussion gehört habe.
Und ja, Hofer hatte völlig recht, ich jedenfalls wundere mich seither immer wieder, jeden Tag aufs Neue, was in unserem Land alles möglich geworden ist, ja, was beinahe selbstverständlich und in kürzester Zeit irgendwie normal werden konnte.
Vor etwas mehr als einem Jahr durfte ich Erich Kandel in Wien persönlich kennenlernen. Kandel gebürtiger Österreicher, jetzt US-Bürger, Nobelpreisträger für Physiologie der Medizin im Jahr 2000 und mit seinen 90 Jahren ein sehr beeindruckender Mann. Ihm gelang im Jahr 1939 als 10 Jähriger gemeinsam mit seinem Bruder die Flucht vor den Nazis. Anlässlich der Enthüllung einer Erinnerungstafel an die vertriebenen und teilweise ermordeten jüdischen Bewohner des Hauses, in dem Erich Kandel aufgewachsen war, kam er auf Besuch nach Wien.
Wie immer bei solchen Gelegenheiten, wurden eine ganze Reihe von Reden gehalten. Unter anderem sprach auch die damalige Bezirksvorsteherin, eine Frau in meinem Alter, eine Jüdin, deren Großmutter als eine von ganz wenigen der Familie die Shoah überlebt hat. Diese Frau sagte schließlich in ihrer Rede: Es hieß immer, wehret den Anfängen! Dafür aber ist es jetzt schon zu spät, wir sind schon viel weiter als in den Anfängen.
Auch das ist ein Satz, der mich seither nicht mehr loslässt, der sofort wieder präsent ist, bei jedem der zumindest 66 sogenannten Einzelfälle, die bekannt geworden sind, vom Liederbuch, in dem die Ermordung einer siebten Million Juden besungen wird, über die „stichhaltigen Gerüchte“, dass George Soros, der Jude Soros, Europa „umvolken“ will, bis zu diesem grässlichen Rattengedicht und zum „Bevölkerungsaustausch“ von dem ein Vizekanzler dieser unserer Republik sprach, bis zur Nominierung eines Odin Wiesinger für den oberösterreichischen Kulturbeirat, aber auch bis zur ständigen Nennung des Namens Silberstein, auch durch den nunmehrigen Ex-Bundeskanzler. Auch er bedient sich so wie seine rechtsextremen Koalitionspartner damit eines antisemitischen Codes, benutzt antisemitisches Framing, und niemand soll mir erzählen, das sei zufällig. Denn ich bin überzeugt: würde dieser Mann nicht Silberstein, sondern Müller, Meier oder Gruber heißen, der Name würde nicht mehr genannt werden.
Es ist dieses Spiel mit Worten, mit Codes, mit Anspielungen, mit Bedeutungsänderungen oder Bedeutungsaufladungen von Worten, das vor allem in den vergangenen zwei Jahren geradezu über uns hereingebrochen ist und - das erscheint mir als das eigentlich Erschreckende daran – von den meisten einfach hingenommen wird, unhinterfragt, unreflektiert.
Da ließ ein Innenminister der Republik Österreich das „Erstaufnahmezentrum“ für Flüchtlinge in „Ausreisezentrum“ umbenennen, einfach so, ganz offiziell, und kein einziges Mitglied der Regierung, auch nicht der Bundeskanzler, protestierte dagegen, keine Ministerin, kein Minister, keine Staatssekretärin wies auf die Orwell-mäßige Absurdität dieser Umbenennung hin, schon gar nicht wurden Bedenken bezüglich der europäischen Menschenrechtskonvention und der Internationalen Menschenrechte laut.
Da ist das Überhandnehmen in der Verwendung von Codes, denen sehr viele Menschen, so habe ich immer mehr den Eindruck, unwissend und auch hilflos gegenüberstehen. „Bevölkerungsaustausch“ etwa. In einschlägig rechtsextremen Kreisen ist schon länger vom „großen Austausch“ die Rede, wer also heute und hier bei uns „Bevölkerungsaustausch“ sagt, tut dies nicht zufällig, der weiß, was er damit erreichen will und wen er damit anspricht. Aber der verwendet dieses Wort auch, damit es langsam aber sicher in den normalen gebräuchlichen Wortschatz Einzug hält. Und wir erinnern uns: dieses Wort ist nicht harmlos, die rechtsextremen Identitären verwenden es und der Attentäter von Christchurch in Neuseeland hat es propagiert, bevor er so viele Menschen ermordet hat. Bei uns wurde es nach diesen Morden vom Vizekanzler unserer Republik Österreich verwendet - und verteidigt.
Dass das Wort vom angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ auf fruchtbaren Boden fällt, dafür reicht ein Blick nach Weikendorf, einer kleinen Gemeinde 35 km östlich von Wien, wo ein ÖVP Bürgermeister den Hauskauf durch eine palästinensische Familie zu verhindern versucht, weil er nicht will, dass sich Muslime in diesem verschlafenen und wahrlich unattraktivem Nest ansiedeln. Die türkischstämmigen Landarbeiter, die dort in der Umgebung leben und für minimale Löhne auf den Feldern der im Marchfeld wirklich großen Bauern arbeiten, stören ihn nicht, der ehemalige Universitätsprofessor für Englisch mit seiner Familie schon.

Die Umdeutung von bestimmten Worten, die Verwendung von Codes, von einschlägigen Begriffen ist immer nur der Anfang. Und wenn ich auf Facebook die von mir ungewünschte Werbung des Ex-Kurz-Bundeskanzlers lese: „Das Parlament hat bestimmt, das Volk wird entscheiden“, dann kriecht die Gänsehaut über meinen Rücken, denn immer wenn das gerade bei uns durch die Nazivergangenheit so stark aufgeladene Wort „Volk“ als Gegensatz zum gewählten Parlament ins Spiel gebracht wird, dann sollten wir sehr schnell und sehr intensiv darüber nachdenken, wohin das führen kann. Denn damit wird eigentlich eine Delegitimierung des ja doch vom „Volk“ gewählten Parlaments angedeutet. Und es ist die Wortwahl der Rechtsextremen und Rechtspopulisten, die hier durchklingt.

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal den Begriff „Gutmenschen“ gehört habe, erschien es mir unvorstellbar, dass sich dieser Ausdruck als negative Beschreibung eines Menschen durchsetzen und in den allgemeinen Sprachgebrauch als Beschimpfung eingehen könnte. Der Begriff „guter Mensch“, also ein Mensch, der einfach menschlich ist und menschlich handelt - ob aus Solidarität, aus Vernunft, aus Mitgefühl oder auch aus christlicher Nächstenliebe – so dachte ich mir damals, kann doch nie negativ besetzt werden, nie zur Beschimpfung werden - wir sind doch nicht bei Orwell 1984. Ich habe mich geirrt.

Dienstag, 13. August 2019

OÖN: "Schriftsteller fordern Konjunktur-Paket für Literatur"

Peter Grubmüller über das Forderungspapier der GAV Oö; OÖN, 13. August 2019:

Oberösterreich-Gruppe der Grazer Autorenversammlung (GAV): Kürzung des Literaturbudgets ist Tiefpunkt nach langem Sinkflug

Das ,Land der Möglichkeiten’ steht Literaturschaffenden nicht offen", schreiben Corinna Antelmann, Judith Gruber-Rizy, Elisabeth Strasser, Dominika Meindl und Rudolf Habringer in ihrer Bestandsaufnahme der "Situation der Literatur in Oberösterreich". Die Autorinnen und Autoren gehören allesamt der Regionalgruppe der Grazer Autorenversammlung (GAV OÖ) an, der größten Schriftsteller-Vereinigung Oberösterreichs. Die GAV nennt die 2018 vorgenommene Kürzung der Literaturförderung des Landes um 34 Prozent einen "Tiefpunkt" nach langem "Sinkflug" und fordert deshalb ein zwölf Punkte umfassendes Konjunktur-Paket für Literatur: unter anderem "eine deutliche Erhöhung des Literaturbudgets"; "ein Haus für die Literatur, in dem Autoren die Möglichkeit haben, selbstverantwortet literarische und performative Programme zu veranstalten"; "die Rückkehr zur jährlichen Vergabe eines Landeskulturpreises für Literatur" (seit 2015 auf zwei Jahre reduziert, Anm.) ; "ein von Autoren selbst verwaltetes und gestaltetes Literaturfestival, bei dem das oberösterreichische Literaturschaffen in seiner Vielfalt präsentiert wird".
Hatte das Literaturbudget des Landes 1998 noch 3,92 Millionen Schilling (rund 284.800 Euro) betragen, so belief sich die Förderung 2018 auf 180.000 Euro (0,1 Prozent des Kulturbudgets). Der bürokratische Aufwand bei der Beantragung von Förderungen habe sich jenem Maß erhöht, in dem deren Höhe schrumpfte.
Der Ankauf literarischer Publikationen durch das Land wurde abgeschafft, wie auch Lesungen in der Landesbibliothek. Zurückgefahrene Budgets für Lesungen und Workshops in Schulen verschärfen die Lage, wobei Literatur in Zentralmatura-Zeiten "zur unbedeutenden Nebensache und zur Herzensangelegenheit engagierter Lehrkräfte verkommen" sei.
Die GAV schlägt deshalb ein "Landesliteraturschulwerk" (vergleichbar mit dem Musikschulwerk) vor, in dem Kinder und Jugendliche, unabhängig vom Einkommen der Eltern, während der gesamten Schulzeit zusätzliche Förderung im "Denken, Lesen, Schreiben, Dichten, Philosophieren" bekommen. Die GAV weiter: "Wir denken auch an Deutschförderkurse, Creative-Writing-Kurse, Präsentationstechniken, Poetry Slams, Gedichte, Songtexte, Reportagen und an die Förderung kritischen Medienkonsums."
Die Landeskulturdirektion erklärt auf OÖN-Anfrage, dass der Ankauf literarischer Publikationen eingestellt wurde, da es sich um eine Doppelförderung gehandelt habe und Literatur nach wie vor durch Druckkostenzuschüsse unterstützt werde. Dass in der Landesbibliothek keine Lesungen mehr stattfinden, sei kein Zeichen mangelnder Wertschätzung, sondern liege an deren Positionierung als Haus der Wissenschaft – und des Adalbert Stifter Instituts als Zentrum für Literatur. Das StifterHaus stelle den Autorenvereinigungen jährlich acht bis zehn Veranstaltungstermine zur Verfügung, die sie eigenverantwortlich gestalten können. Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP): "Das Land unterstützt Literaturveranstaltungen, Festivals und literarische Projekte sowie ansässige Autorenvereinigungen." Und mit dem Stifter-Institut verfüge Oberösterreich über eine Einrichtung, die sich zur Gänze der oberösterreichischen Literatur der Gegenwart und der Vergangenheit widme.

Literaturaustausch Sachsen-Oberösterreich geht zu Ende

Nach elf Jahren Austausch Sachsen-Oberösterreich zwischen dem Sächsischen AutorInnen Verband und der Grazer Autorinnen Autoren Versammlun...