zu „Lahea“ von Lisa-Viktoria Niederberger
Roman, erschienen im Otto Müller Verlag, 2026
Rezension von Elisabeth Strasser
Eine Insel, fruchtbar und lebensfreundlich, auf der Menschen eine gerechte
Gesellschaftsordnung verwirklichen wollen. Sie heißt nicht Utopia, sondern
Ebria.
Lisa-Viktoria Niederberg schöpft aus dem Fundus utopischer Erzählungen und
schafft daraus ihre eigene Version. Detailreich, geradezu liebevoll, ist das
Leben auf der Insel beschrieben: die Landschaft – eine Karte von Ebria ist
vorne im Buch abgedruckt –, die Pflanzen und die Speisen, die daraus zubereitet
werden; die Gesellschaftsordnung, das politische System und die Personen, die
auf der Insel leben, deren Charaktere eindrücklich vorgestellt sind.
Der Roman ist im Präsens erzählt, was all das Geschilderte unmittelbar
miterleben lässt und eine Sogwirkung erzeugt. – Zunächst lernen wir das Leben
auf der Insel anhand des Dorfes Ipane kennen, in dem die Hauptfigur Lahea lebt.
Sie ist die Tochter der Dorfvorsteherin, die ihr zu Beginn des Erzählten dieses
Amt übergeben will, und selbst – wie es den Gepflogenheiten der Insel
entspricht – in die Hauptstadt übersiedeln, um dem Ältestenrat anzugehören.
Dieser besteht – genauso wie das Amt des Dorfvorstandes – ausschließlich aus
Frauen. Lahea zweifelt an einigen dieser Regelungen, die seinerzeit – als die
Männer das alte, patriarchale System ihrer Herkunftswelt weiterführen wollten –
ihre Berechtigung hatten, aber ihr inzwischen antiquiert und unnötig
erscheinen. Denn Lahea gehört einer Generation an, die nur mehr das Leben auf
der Insel kennt.
„Ihre Mutter und die anderen wollten damals auf Ebria eine neue Welt
schaffen. Eine neue Realität, eine bessere Gesellschaftsform. Leben im
Kollektiv. Solidargemeinschaft. Der Versuch, im Einklang mit der Natur zu
bleiben, sie zu bewahren, anstatt auszubeuten. Freie Liebe, aber nicht wie in
den gescheiterten Versuchen in der Alten Welt, sondern wirklich. Das
Patriarchat mit seinen unterdrückerischen Regeln wollten sie zurücklassen. Sie
haben nicht nur mit Worten, auch mit Aktionen, mit Gewalt dafür gekämpft, als
das die einzige Möglichkeit war, die noch blieb.“ (S. 30 f)
Dieser Absatz fasst das Leben auf der Insel trefflich zusammen: Arbeit ist
gerecht aufgeteilt: alle arbeiten vier Tage pro Woche; zwei Wochen in der
selbst gewählten und bevorzugten Tätigkeit, dann eine Woche in einer Gemeinschaftsarbeit,
die zugeteilt wird, sodass auch notwendige unbeliebte Tätigkeiten erledigt
werden; und keine Arbeit ist mehr oder weniger wert oder angesehen als eine
andere. Geschlecht spielt keine Rolle – mit Ausnahme der für Frauen
reservierten Führungsämter –, Variani, die nicht-binäre Personen bezeichnen,
sind selbstverständlich. Sexualität ist von konventionellen Vorstellungen
befreit – so lebt Lahea mit zwei Männern zusammen, die ihrerseits in Liebe
verbunden sind. Tiere werden nicht getötet, somit wird kein Fleisch gegessen.
Angeschwemmtes Treibgut ist die wichtigste Ressourcenquelle, wird sortiert und
verwertet. Vor allem aus Plastik besteht dieses Treibgut. Und gleich zu Anfang
des Romans wird ein toter Wal angeschwemmt, in dessen Eingeweiden sich
ebenfalls eine Menge Plastik befindet. – Dies ist gleich zu Beginn die
Irritation, die die Idylle stört, und damit Spannungsträger: Was ist mit der
Welt außerhalb der Insel los? Existiert sie überhaupt noch in der uns bekannten
Form? Woher sind die Menschen, die die Insel besiedelten, gekommen, und warum
sind sie hier? Und was genau hatte es mit dem Befreiungskampf der Frauen auf
sich?
Um sich auf ihre Aufgabe als Dorfvorsteherin vorzubereiten, muss Lahea in
der Hauptstadt beim Ältestenrat vorstellig werden und danach in Begleitung
einer Protokollierenden die ganze Insel bereisen, um sie und die Menschen, die
auf ihr leben, kennenzulernen.
Bereits auf dem Weg zur Hauptstadt durchbricht eine Begebenheit die wohlgefügte
Ordnung der Insel. Lahea wird mit einer Begegnung konfrontiert, die ihre
Vorstellung von der guten und gewaltfreien Welt, in der sie zu leben meint, zerbrechen
lässt. Bald erfährt sie, dass der Ältestenrat von dieser Gefahr, dieser
Bedrohung, weiß, aber sie der Bevölkerung verschweigt. Und dann gibt es auf der
Insel auch noch einen ruhenden Vulkan.
Im Laufe ihrer Reise durch Ebria wird Lahea einiges über Verschwiegenes erfahren.
Und schließlich jemandem im Höhlensystem einer Insel inmitten des
Vulkankratersees, die nur auf einer einzigen Landkarte eingezeichnet ist,
begegnen. Eine Begegnung, die Lahea und damit uns Lesenden eine überraschende
Wendung beschert, bevor in einem großen „Showdown“ es um alles geht und die
Weichen neu gestellt werden müssen – besser gesagt: der Kurs neu festgelegt
werden muss. Ob, und wenn ja, wie das gelingt, sei hier selbstverständlich
nicht verraten.
Utopien sind stets Gedankenkonstrukte. Jene, die in der Realität 1:1 umzusetzen
versucht wurden, sind gescheitert. Das wirkliche Leben ist dafür allzu komplex.
Wer bestimmt, was Gerechtigkeit ist? Kann es wirkliche Gleichheit für alle
geben? Was geschieht mit jenen, die sich der – noch so gut gemeinten – Ordnung
nicht unterwerfen wollen, sei es aus Eigennutz oder aus der Überzeugung, sich
„bessere“ Vorschläge ausgedacht zu haben, oder weil sie schlicht unzufrieden
sind, Verlierende des Systems? Wie geht man mit Verrätern und Verbrechern um,
wenn Gewaltlosigkeit das Ziel ist? Wie leicht lässt sich die Bevölkerung durch
Hetzkampagnen manipulieren? – All diesen Fragen weicht der Roman nicht aus. Sie
sind einer Utopieerzählung immanent.
Gleichwohl sind Utopien immens wichtig, weil sie anregen, das Gewohnte zu
überdenken, Alternativen zu suchen, die zu einem oft gar nicht so kleinen Teil
sehr wohl in der realen Welt umsetzbar sind oder wären. Vieles an Fortschritt
zu einem besseren, gerechteren Zusammenleben, vieles, was wir heute als
selbstverständlich erachten und womöglich gar nicht mehr zu schätzen wissen,
beruht auf einstmaligen Utopien.
Die Gegner des „Modells Ebria“ im Roman werfen dieser errungenen Lebensform
vor, Fortschritt zu verhindern. Gleichheit und Zufriedenheit würden Konkurrenz
und damit Ehrgeiz hemmen, somit keinen Fortschritt zulassen. Die Figur des
Ilyas im Roman steht genau für das Gegenteil dieser Sicht: ein kluger Kopf, ein
Erfinder, der seine Begabung für das Allgemeinwohl einsetzt, und dabei auch
schon mal aus einem angeschwemmten Fahrrad einen Springbrunnen zur Belustigung nicht
nur der Kinder baut. Einfach, weil er es kann, und weil er weiß, dass nicht
allein das, was unmittelbaren Nutzen und Profit bringt, wesentlich im Leben
ist.
Vieles gäbe es noch zu sagen: wie wichtig Erzählen und Erinnern ist; dass
Gewächshäuser und Bibliotheken zentrale Orte sind; dass Gefühle zu zeigen nichts mit Schwäche zu tun hat; dass Liebe der „Treibstoff“ ist, und die Liebe
zu einem Menschen, keinem anderen, den man genauso liebt, etwas wegnimmt. Neben
den erwähnten „Variani“ haben sich die Inselbewohner – also die Autorin – noch
einige Begriffe für Ämter oder Umstände einfallen lassen, etwa „Emergentia“ für
den Umsturz und „Ruptura“ für die dunkle Zeit davor. Dazu findet sich am Ende
des Romans ein Glossar.
Einiges, was an Spannungsmomenten und offenen Fragen angedeutet wird, was
noch besonders interessant zu erfahren wäre, löst sich nicht auf. Das mag
vielleicht bewusst so von der Autorin gestaltet sein, um die Phantasie der
Leser:innen anzuregen, selber gedanklich weiterzuspinnen, was die jeweiligen
Hintergründe sein könnten.
Diese Rezension kann unbedingt als Lesetipp gelten. Ein Buch, das man – so
ging es mir jedenfalls – nicht aus der Hand legen mag, bevor es ausgelesen ist.
Nachsatz: Zum Thema Utopien gibt es auf diesem Blog einen weiteren
lesenswerten Beitrag vom 21.7.2021, der sich mit einem Lesedrama von Corinna
Antelmann beschäftigt: https://www.gavoö.at/2021/07/zeit-für-utopien-zwischendurch.html