Literarisch Solidarisch. Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb – Hatice Açikgöz (Hg.) Verbrecher Verlag 2026.
Rezension von Barbara Rieger
2023 startete Hatice Açikgöz gemeinsam mit Dara Brexendorf und Zara Zerbe einen Podcast mit dem Namen „literarisch solidarisch“. Der gleichnamige Sammelband verfolgt nun den Anspruch, die Erkenntnisse aus dem Podcast nicht im Internet verpuffen zu lassen, sondern Veränderungen zu bewirken. Dazu hat Açikgöz siebzehn Akteur*innen eingeladen, den Literaturbetrieb von verschiedenen marginalisierten Positionen aus zu betrachten. Anhand persönlicher Erfahrungen der Autor*innen werden strukturelle Ausschlussmechanismen deutlich. Weiter werden Ideen formuliert, wie der literarische Raum solidarischer gestaltet werden kann.
„Ich liebe, wie viel sich mittlerweile getan hat, dass so viele Frauen, trans*, queere, BIPoC, jüdische, muslimische Stimmen vertreten sind“, gesteht Açikgöz im Eingangsbeitrag (S.9), aber: „Ich hasse, wie wenig sich getan hat, dass Frauen, trans*, queere, BIPoc, jüdische, muslimische Stimmen immer noch nicht gehört werden. Ich hasse, dass uns nicht richtig zugehört wird, wir unterbrochen werden, wir weniger Geld verdienen als Markus und Clemens und Sebastian, ich hasse, dass wir so hart kämpfen müssen für Agent*innen, die an unsere Stimmen glauben.“ (S.10). In diesem Spannungsverhältnis bewegen sich auch die anderen Beiträge.
Dara Brexendorf, die sich in ihrem Beitrag mit Schreiben und mentaler
Gesundheit auseinandersetzt, erwähnt, dass im Studienlehrgang „Literarisches
Schreiben“ im renommierten Hildesheim folgender Satz kursierte: „Einer pro
Jahrgang wird es schaffen“. (S.21). Das Schreiben ist für Brexendorf – und ich
meine nicht nur für sie – „ein eigener, ein leiser Raum, quasi ein Safer Space,
überlebenswichtig.“ (S.16) Dies steht allerdings im Gegensatz zum Schreiben für
einen literarischen Markt, der von einer kapitalistischen Logik und damit nicht
zuletzt von Konkurrenz geprägt ist.
Der Literaturbetrieb, so formuliert es
Mareice Kaiser in ihrem Beitrag, ist ein System, in dem es „am Ende auch und
vor allem um Geld geht“ (S.30). Ein System, in dem selbst erfolgreiche Frauen,
wie Mareike Fallwickl in ihrem Beitrag darlegt, nicht in den Kanon aufgenommen,
sondern vergessen wurden und werden. Ein System zudem, in dem Personen, die
nicht schon umgeben von Büchern aufgewachsen sind, Personen, die eine
Behinderung haben, die unter chronischen Krankheiten wie etwa einer Depression
leiden, die Care-Arbeit leisten müssen oder deren Identität oder Themen zu
wenig tauglich für den Mainstream scheinen, benachteiligt sind.
Wie Sexismus, Ableismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Klassismus, Ageismus, Antisemitismus und Islamophobie die Realität von schreibenden und publizierenden Personen bestimmen, wird in den Beiträgen deutlich. Dabei werden nicht nur persönliche Erlebnisse und Kämpfe geschildert und in gesellschaftliche Zusammenhänge gestellt, sondern auch Vorschläge gemacht, wie wir den Literaturbetrieb gemeinsam solidarischer gestalten können.
Auch wenn sich die Verhältnisse nicht von heute auf morgen ändern
lassen, so ist es doch sinnvoll, dies zu versuchen. Schließlich brächten wir
uns sonst um die Möglichkeit, diverse Stimmen zu hören und neue, andere
Perspektiven einzunehmen. Und das ist schließlich die größte Stärke der
Literatur.
Hatice Açikgöz (Hg.): Literarisch Solidarisch
Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb
Mit Beiträgen von Josephine Apraku, Maryam Aras, Sarah Berger, Betiel Berhe, Dara Brexendorf, Seda Çalışkanoğlu, Özlem Özgül Dündar, Mareike Fallwickl, Christiane Frohmann, Heike Geißler, Linus Giese, Mareice Kaiser, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Maline Kotetzki, Hami Nguyen, Andrea Schöne und Ayna Steigerwald.
Verbrecher Verlag 2026
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