Montag, 13. Januar 2020

"in memoriam EUGENIE KAIN" - SENDUNG auf Radio FRO

produziert 2006 von Helga Schager / SPACEfemFM Frauenradio

ON DEMAND zum Nachhören -> https://cba.fro.at/438046

Vor 10 Jahren - am 8. Januar 2010 - verstarb die österreichische Schriftstellerin Eugenie Kain.
In Gedenken an diese beeindruckende Autorin, höchst politisierte Frauenpersönlichkeit sendete Radio FRO, das im Jahr 2006 produzierte Audioporträt mit der Literatin.

EUGENIE KAIN: geboren 1960 in Linz, gestorben am 08. Januar 2010.
Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Wien. Autorin - Kulturjournalistin - Beraterin im Sozialbereich.
Schreibt seit 1976 Prosa. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien sowie im Österreichischen Rundfunk.

Einzelpublikationen:
"Flüsterlieder" - Erzählung - Otto Müller Verlag, Salzburg 2006.
"Hohe Wasser" - Erzählungen - Otto Müller Verlag, Salzburg 2004.
"Atemnot" - Roman - Resistenz Verlag, Wien, Linz 2001
"Sehnsucht nach Tamanrasset" - Erzählungen - Resistenz Verlag, Linz, Wien 1999.

"Und am 31. März 2020 gibt es dann in meiner Sendereihe Nachspann in Radio FRO eine Gedenksendung an Eugenie Kain, bei der ich nicht nur Ausschnitte aus Sendungen mit Eugenie bringen werde, sondern auch den Text 'Nasszelle' sowie einen journalistischen Text von Eugenie Kain über das Medium Radio vortragen werde, Eugenie war ja auch Print- sowie Radiojournalistin."

https://www.fro.at/nachspann-2020/

Erich Klinger

Freitag, 10. Januar 2020

Fast. Eine Rezension

[Dominika Meindl im "Falter"]
 

Auf stolzen 600 Seiten und mit Dutzenden Collagen legt Hans Eichhorn die Notizen eines stillen Betrachters vor, der denselben Blick auf den Attersee wirft wie auf die Ereignisse der Gegenwart. Die Genauigkeit der landschaftlichen wie der sprachlichen Wahrnehmungen kommt nicht von ungefähr, ist doch das Beobachten für seine beiden Professionen als Lyriker wie als Berufsfischer unerlässlich. „Um also irgendetwas in Bewegung zu bringen, muss es gegen den eigenen Kopf gedacht werden.“ Trotz phonetischer Assoziationen, lyrischer Anwandlungen sind die „Wiederholungen“ nicht unpolitisch. Und trotz des experimentellen Zugangs ist ihre Lektüre nicht mühsam. Das Lyrische, die Natur und das Profane mischen sich locker. Synchron und oft unvermittelt stehen die Sätze über den Einmarsch Hitlers neben jenen über das Ausnehmen von Forellen. News-Fetzen fliegen vorüber. Wenn der soeben mit dem Georg-Trakl- und dem Gleißner-Preis Ausgezeichnete über Bud Spencer, die Ärgernisse des Warenumtausches, den Wahlkampf, das alljährliche Todesopfer des Attersees oder Rhythmusstörungen schreibt, hat das stets metaphorischen Mehrwert. „Übrig bleibt der Arabische Frühling und das gegenseitige Abschlachten auf ein Neues hin. Nichts tun, nur schauen, zuschauen, wie der Gärtner mit einer verzinkten Scheibtruhe ausfährt, das tut gut und mit diesem Guttun hat es sich schon, zumindest für diesen Moment, der alles ist und alles gewesen ist und wie niemals war. Wie schön!“ Ein schöner Ziegel!

Hans Eichhorn: FAST das Große Haus. Wiederholungen. Bibliothek der Provinz, 600 S., € 44

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Ausblick: Veranstaltungen 2020


Hommagen, kuratiert von Andreas Weber, Wissensturm Linz

22.1. Walter Kohl über Bob Dylan

29.1. Erich Wimmer über Haruki Murakami

5.2. Elisabeth Strasser über Herman Bahr

27.2. Stadtwerkstatt, „Zur Lage“, organisiert von Kurt Mitterndorfer

10.3. Theater Phönix, „Frauenstimmen“, organisiert von Elisabeth Strasser

Zwei Abende im Stifterhaus, einer für Rudi Habringers Abend für Eugenie Kain, einer für Erich Wimmers „Was wir lesen“: 28. April, Dienstag, 19.30 Uhr und 4. Juni, Donnerstag, 19.30 Uhr

Präsentation „Die Neuen“: Eva Fischer, David Fuchs, Mieze Medusa, Luis Stabauer + Sommerfest. Moderation Dominika Meindl

Zweite Dezemberwoche: Apfent, Apfent 6.0

Montag, 16. Dezember 2019

Lyrik & Jazz 3

Zum dritten Mal in Folge haben Lyrikerinnen und Lyriker der GAV OÖ gemeinsam mit Jazz-Musikern einen Abend im Phönix-Beisl in Linz gestaltet. Erich Wimmer, einer der Lesenden hat über diesen Abend an einen Freund geschrieben: 

Gestern Abend haben wir wie angekündigt Gedichte gelesen bei Jazz & Lyrik im Theater Phönix. Das war ein über die Maßen überraschender Abend, weil Publikum und Mitwirkende ein "Nest" gebildet haben, das in dieser atmosphärischen Dichte nur selten erscheint. Alle waren wir glücklich, und wurden es im Lauf des Abends noch mehr, weil wir uns trafen, um fein zu sein. Fein in der Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit gegenüber dem Wunder, dass manchen Menschen noch die Gnade zuteil ist, Gedichte zu schreiben und zu hören. Einander betören, das ist gestern absichtslos gelungen und hat uns einander spürbar näher gebracht ...
Und tatsächlich haben sich die beiden Musiker Rudolf Habringer (Piano) und Franz Prandstätter  (Saxophon) ganz und gar auf die unterschiedlichen Formen der Lyrik eingelassen, sich angepasst und es gab dieses wunderbare Zusammenspiel zwischen Lyrik und Musik.
Zur Musik der beiden gelesen haben heuer Herbert Christian Stöger, Renate Silberer, Erich Wimmer, Christine Mack, Dominika Meindl. Als sechster Lyriker hat Rudi Habringer Lieder gesungen, „Gebrauchslyrik“ also, wie er selbst es nannte.

Begonnen hat die Reihe Lyrik & Jazz im Jahr 2017 im Oktober ebenfalls im Phönix in Linz, damals mit dem Gitarristen Michael Bruckner und Lyrik und lyrischer Prosa von Waltraud Seidlhofer, Richard Wall, Helmut Rizy, Judith Gruber-Rizy und Gedichten von Gregor Lepka
Im Herbst 2018 bei Lyrik & Jazz II haben Renald Deppe (Saxophon, Klarinette) und wieder Michael Bruckner (Gitarre) gespielt, gelesen haben Hans Eichhorn, Johann Kleemayr, Kurt Mitterndorfer, Ines Oppitz, Elisabeth Strasser, Gedichte von Irmgard Perfahl hat ihr Sohn gelesen. 
In etwas anderer Lyriker-Besetzung wurde diese Abend in Wien im bekanntesten Jazz-Lokal, dem Porgy & Bess, in der sogenannten „Strengen Kammer“, dem kleineren Saal, wiederholt – und wurde nicht zuletzt durch die andere Atmosphäre dieses Raums zu einem völlig neuen Erlebnis.

Im Jahr 2020 macht „Lyrik & Jazz“ der GAV OÖ Pause, aber 2021 werde ich wieder versuchen Lyriker und Musiker zusammenzubringen. 

Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen fürs Mitmachen, ob lyrisch oder musikalisch, für die schöne Stimmung, die bei jedem der vier Abende entstanden ist, und ich bedanke mich herzlich beim Theater Phönix, dessen Gäste wir sein durften.

Die ganze Veranstaltung wurde von dorf-tv aufgezeichnet und gesendet und kann (allerdings ohne Herbert Stöger) unter folgendem Link angesehen werden: https://dorftv.at/video/32316
Judith Gruber-Rizy






Donnerstag, 12. Dezember 2019

Präsentation der Porträt-Rampe über Walter Kohl

Es war eine unschöne, nicht zu verhindernde Koinzidenz, dass die Präsentation im Stifterhaus exakt zur selben Zeit stattfand wie "Lyrik & Jazz" im Theater Phönix. Dass beide Veranstaltungen gut besucht waren, tröstet jene, die nicht kommen konnten. Fakt ist, dass Walter Kohl nicht nur wegen seiner jahrelangen Arbeit als "Finanzminister" der GAV OÖ sehr, sehr wichtig ist.


Walter Kohl im Gespräch mit Claudia Lehner


Im Duett mit Vaheen Said


Fotos: Helmut Rizy

Partner-Tauschhandlung. Über René Freunds "Swinging Bells"

Rezension von Dominika Meindl (Falter 50/2019)

Weihnachten bietet ein weites Feld des Scheiterns, und Weihnachtsliteratur sowieso. Das Fest, das René Freund in „Swinging Bell“ beschreibt, geht ziemlich in die Hose – sein Roman jedoch nicht. Und das, obwohl man den vermeintlichen Twist bald errät: Die spießigen Enddreißiger Sandra und Thomas wollen endlich ohne Herkunftsfamilie feiern, „das schönste Weihnachten unseres Lebens“! Stört nur, dass die Online-Käufer das auf einem Online-Portal angebotene Doppelbett ausgerechnet heute, am Heiligen Abend abholen wollen. Als es läutet, stehen Elisabeth und Leo vor der Tür, die ihre Beziehung über Partnertausch-Plattformen beleben will und sich über die einschlägige Einladung ausgerechnet am Heiligen Abend wundern. Bald sitzen die vier befangen und über die Verwechslung aufgeklärt in der Wohnlandschaft. Es folgt keine seichte Verwechslungskomödie, sondern ein tatsächlich herzerwärmendes, vifes Kammerspiel über die Irrungen und Wirrungen zeitgenössischer Heterosexualität. Das muss nicht überraschen, Freund beherrscht sein Handwerk bestens.


René Freund: Swinging Bells. Roman. Deuticke, 192 S., 18,50 €
Freund und Meindl sind gut befreundet - Urteile über die Objektivität der Rezension können Sie gerne in den Kommentarteil schreiben!

Montag, 9. Dezember 2019

Sich der Wendungen entwinden.

Zu Herbert Christian Stögers Prosaarbeit „Entwendungen“


„Motto. Fliehe inaudite und insolente Wörter wie Skopeln.“
Georg Christoph Lichtenberg


Mircea Cărtărescu hat jüngst in einem Interview bekannt, er wisse eigentlich gar nicht wie er zu seinen Texten komme; ein solcher schriebe sich quasi als Aufrechterhaltung einer einmal begonnenen Notwendigkeit fort, ohne unbedingt strenger Durchdachtheit zu folgen. Oder so ähnlich. Die Surrealisten haben das automatische Schreiben ersonnen, Spiritisten brüten über dem Ouija und Hermann Burger hat bekanntlich die Kleist-Wendung von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden aufs Schreiben übertragen. Es gibt hundert Wege nach Rom zu gelangen [mindestens!] und wenigstens ebenso viele zu einem Textkonvolut für ein Buch zu kommen. Da mögen die Pharisäer noch so maulen, es wäre eh schon alles geschrieben worden. Die haben von allem sowieso nix gelesen. Und wenn schon.

Wenn ohnehin schon alles geschrieben worden ist – was läge dann näher als das bereits Geschriebene umzuschreiben und es als ausgewiesene Neuausfertigung zu vertreiben? Man braucht nicht gleich an Kathy Acker zu denken, aber schaden tut es nicht, wieder einmal „Die Geschichte der Don Quichotte“ zur Hand zu nehmen.

Im Moment bleibt freilich anderes zu tun.

Das Buch „Entwendungen“ von Herbert Christian Stöger ist zu lesen. Es kommt im sorgfältig gesetzten Flattersatz daher, was hoffentlich nicht nur Puristen an Christoph Ransmayr denken lässt. Fadengebunden ist es auch und mit eingewirkter Kunstarbeit [Bilder unter dem Titel „verwischungen“] des Autors bestückt, der im Konterfei übrigens wie im Fotoautomaten einer Geisterbahn gestellt wirkt. [Oder im Stroboskoplicht beim Casting fürs Blair Witch-Projekt verschreckt, blafft da jemand, die nicht zitiert werden will, einem über die Schulter schauend.] Freilich: Bloß aussehen kann jeder, Künstler – nicht nur Friseure – haben etwas darzustellen. [Das notorische Tante Jolesch-Zitat hier aufzufahren, unterbleibt!]

Auch HC Stöger arbeitet mit Vorgefundenem. Behauptet er jedenfalls, bzw. der Umschlagtext. Dennoch hat man hier, gottlob, keinen Found-Footage-Scheiß zu gewärtigen, der die Ideenlosigkeit so extensiv abfeiert, wie man sich weiland auf einem Berliner Rave, schnupftabakgestärkt, erging.
Der Methode liegt der Legende nach so manche exotische Namensgebung zugrunde [Beispiel: Ergründen Sie wie die Quarks zu ihrer Bezeichnung kamen!]: Man greift zu einem Wörterbuch, schlägt es auf und liest das erstbeste Wort, auf das man stößt, das einen verstört, weil man es nicht versteht, weil man es nicht in seinem Wortschatz mit sich führt [wie gesammelte Kastanien oder saure Drops] und zu diesem Wort einen oder zwei oder sämtliche der angeführten Beispielsätze. Daraus lässt sich ein Fließtext zimmern, der vielleicht keine Welterklärung vollbringen mag, aber wem gelingt die schon verfänglich nach Lessing [Theodor]?
Stöger arbeitet sich an Füllseln und Floskeln ab, kapitelweise. Auch das wird begrüßt. [„Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige“, statuierte Voltaire.] Das Ergebnis ist durchaus mit der einen oder anderen Boutade [hier in der Wortbedeutung des Englischen wisecrack] durchsetzt, wie: „Worauf es ankommt, weiß man schließlich erst später, wenn man es vorher drauf ankommen gelassen hat.“(S. 59) Aber auch: „Somit schien der Abend gerettet, auch wenn sich niemand in Not befand.“(S. 55)
Den vierundzwanzig Kapiteln titelmäßig vorangestellten Wörtern (von A wie aber… bis Z wie zwischen) werden Sätze angarniert, so wie die Keramikerin mit dem Henkel (und anderem Dekor) am über der Töpferscheibe aus einem Tonklumpen zur Kanne geformten [durch Brandhärtung verwendbaren] Gebrauchsgegenstand verfährt. Das so Versponnene lässt einen ein Eigenes an Assoziationen anstellen. Und souffliert dem Schwadronierenden folgende Fragen:

Ist das Buch, das der Leser [er ist hier wirklich einer] liest, ein anderes als das es der Autor [er ist wirklich ein -tor und keine -torin] schrieb, das wiederum ein anderes ist, das Umschlag- wie Apropos-Text ankündigen? Wer beginnt, wer vollendet den Text? Nach Roger Willemsen [selbstredend frei nach Walter Benjamin] ist der Text „nicht das Hervorgebrachte, sondern das Hervorbringende.“ „Siehe“, sprach die Dozentin da in ihrem Kurs [eigentl.: Extracurriculum], „wir haben es also mit einer Evokation zu tun. Verfasset mir darüber eine Proseminararbeit, die mich ergreift!“

Es gibt im Wesentlichen zweierlei Arten von Lektüre: die, auf welche man sich einlässt und jene, die einen vereinnahmt, vulgo: kassiert. [Von der dritten soll hier gleich gar keine Rede sein!]
Stögers Arbeit ist eindeutig ersteres, ihrer muss man sich nicht erwehren. Schlägt man das Buch auf, schlägt man es nicht gleich wieder zu, um es vor sich auf den Boden zu werfen und darauf herumzutrampeln, weil es partout nicht unter jenes Tischbein passen will, das durch eine Nuance Abstand zum Parkett die Wackeligkeit des Ganzen verschuldet.
Zuweilen hat man an Büchern zu kiefeln, die mühsam eine Handlung nachzeichnen, die der Klappentext spoilermäßig kompiliert. Sie machen einen nicht happig [ugs. für: begierig].
Dem Himmel sei Dank ist aber auch ein Schreiben gängig, über das zusammenfassend sich gar nicht viel Nichtssagendes sagen und also auch nicht herziehen lässt. Autorinnen/Autoren dieser „Gattung“ können über die Frage „Worüber schreiben Sie gerade?“ nur bass erstaunt sein, handelt es sich doch um eine überflüssige Frage jener Kategorie, die sich von selbst beantwortet. [Wie etwa: „War der trabende Lichtfuchs von falbem Fell?“] Dass HC Stöger in der annual mitkolportierten Literaturbeilage unseres oö. Landesintelligenzblattes bislang noch nie gefragt worden ist, woran er als Schreibianer gerade arbeite, liegt wohl weniger in der Ermangelung eines [notabene: sozial konstruierten] Bekanntheitsgrades, als an seiner überhaupt nicht herablassenden Vornehmheit, sich Derartiges zu verbitten. [Die ultimative Antwort erteilte bekanntlich Edna O’Brien: „Wir Schriftsteller arbeiten immer, wir hören niemals auf.“ – Vgl. auch Mladen Stilinović’ Fotoarbeit aus 1978: „Artist at Work“ (Es zeigt einen zerknitterten Freischaffenden – üblicher Verdächtigung überführt – im Halbschlaf auf dem Sofa.)]   
 
Sartre stellte (literarisches) Schreiben einmal schnoddrig als das Gruppieren von Wörtern dar. [Natürlich nicht in Les mots, dessen zweites Kapitel Écrire, wie jeder weiß, mit den Worten Charles Schweitzer ne s’ était jamais pris pour un écrivain… anhebt.] Was sich als Plattitüde ausnimmt, erweist sich bei tieferer Überlegung als verschrobene Ungenauigkeit. Das Arrangement der Worte hat, um Verständlichkeit zu wahren, einer Struktur zu folgen. Alles andere wäre Gebrabbel.
Stöger geht es nicht um das Erzeugen von Unverständlichkeit, der die Deutung des Zinnobers als elitistischer Hokus zugrunde läge, wie es die verschworene Gemeinschaft der Experimentalklamüserer betreibt. [Hrdlicka polterte einst, in der Bildenden Kunst wäre die Neutronenbombe längst gezündet worden. Dieser Eindruck hätte sich auch in der Konfrontation mit so mancher gewerblicher Schreiberei aufdrängen können.]
Stögers Buch überreicht dem Leser und der Leserin einen Flor aus Ermunterungen, Querverweisen und – okay, ein bisschen abgeschmackt, es so platt zu sagen – guter Laune. So erfährt man etwa im zweiten Kapitel wohin es führen kann in fremder Wohnung Ordnung zu machen, man wähnt sich im zweiten in ein Ror Wolf-Szenario versetzt, erfährt im vierten über die Fatalität von Paarbegegnungen und Edmond Jabès hätte am vierzehnten gewiss seine Freude gehabt. Kalauer kommen auch nicht zu kurz: „…zur T[afel] laden kann ein jeder, auf der T. landen nicht.“(S. 119)

Bekanntlich hat Foucault [in „Was ist ein Autor?“] versucht seinen Adepten einzubläuen, das Schreiben sei ein Zeichenspiel, an das sich aufzuhängen weniger am bedeutenden Inhalt, denn am Wesen des Bedeutenden Sinn machte. Man möchte solche Verschwurbelung schlicht mit einem erikativen Seufzer <Üchz!> abtun, da man sich Pappenheimer ja Gefahr laufen wähnt, hier bedeutend als bedeutet zu lesen. Schon erwächst aus einem Missverständnis eine komplett andere Auffassung des Behaupteten. [Zugegeben: Mithilfe von Missverständnissen witzig sein zu wollen – eine gar arg billige Finte des verblichenen Vaudevilles, vulgo: der Kolportageklamotte.]
Der/die Lesende, der/die sich verliest – erläge er/sie der Entsprechung von Jacques Rancières Unvernehmen [im französischen Original: mésentente]? Naja, in diesem Sinne wüsste der Leser/die Leserin sich seines/ihres Lapsus eben nicht eingedenk und fände im Austausch mit dem Autor über ein und dasselbe sich von eigener Verirrung bestrickt. Dieser Verranntheit kommt eine gestreute Zwischenbemerkung gerade recht. Ist denn am Ende [oder in der Mitte] diese Erkenntnis: „Ihm entglitt völlig der Zusammenhang“(S. 79) programmatisch zu verstehen?
Wollen wir es an dieser Stelle mit dem Wahlspruch der Ritter des Hosenbandordens halten [Honi soit qui mal y pense] und uns folgender Direktive anempfehlen: „Wir springen zurück in den vergessenen Traum.“(S. 133)

Und wie ist nun aus vorliegender Rezension, die, um es explizit in Stein zu meißeln, eine dringende Empfehlung resümiert, elegant und Ruf wahrend wieder herauszufinden? Mit einem Vademekum. Mit Wigald Bonings zeitlos bestechender Aufforderung: „¡Vamos! ¡Kaufos!“

[Bernhard Hatmanstorfer]


Herbert Christian Stöger: Entwendungen
Wien, edition fabrik.transit, 2018
ISBN 978-3-903267-01-5 
Buchhandelspreis: Euro 15.- 







herbert christian stöger
1968 in Linz geboren und lebt dort. Studierte an der Kunstuni Linz (Diplom) und an der UdK Berlin. Ausstellung und Publikationen seit 1996. Diverse Preise und Stipen­dien für Kunst und Literatur. Kollaborationen mit Comic-Zeich­ner­Innen für diverse Projekte, Animationen und Publikationen.

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