Mittwoch, 3. August 2022

Wir müssen mit Mut hinein in das Dunkel *

von Richard Wall

Zum 10. Todestag von Franz Xaver Hofer

„(…) Ich bin Zeitgenosse. Ich bin das, was so selbstverständlich ist, dass man es eigentlich gar nicht bezeichnen kann. Ich bekenne mich zum Prinzip der Verletzlichkeit, der Offenheit, des Gefühls – und der Liebe.“

Franz Xaver Hofer


In diesen Tagen, Anfang Juli, erinnere ich an Franz Xaver Hofer, der vor 10 Jahren, am 9. Juli 2012, viel zu früh verstarb. Er wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden. Seine Frau, die Malerin und Autorin Helga Hofer, die über die vergangenen Jahre akribisch den Nachlass von Franz aufgearbeitet hat, und zu einem großen Teil, ohne finanziellen Aufwand zu scheuen, publiziert hat, überrascht mit einer gediegen editierten Publikation aufs Neue: Das schmale blaue Hoffnungsland.

Sie enthält noch unveröffentlichte Prosa und Gedichte ihres Mannes, sowie eine Hommage von Helga an den Menschen an ihrer Seite. In Die Zärtlichkeit des Regens geht sie auf die 40-jährige innige Beziehung und künstlerische Partnerschaft ein. Der Text macht die seltene Tiefe, ja das Besondere einer über die Jahre nicht abgekühlten Liebesbeziehung und von Kunst und Literatur weitgehend grundierten Lebensgemeinschaft nachvollziehbar. 

Helga hat nun auch die Beziehung zwischen der Graphikerin, Malerin und Glaskünstlerin Margret Bilger und ihren späteren Mann in einem 60-seitigen Essay aufgearbeitet.

Anhand von Tagebuchaufzeichnungen von Franz – er war zu Beginn der Beziehung 19 Jahre alt – und hunderter Briefe der „Bilgerin“ (Alfred Kubin) gelingt es ihr, das in der Intensität schwankende und sich wandelnde Verhältnis von 1961 bis zum Lebensende von Margret Bilger im Jahre 1971 nachzuzeichnen. 

Für das Verständnis der Beziehung sind wichtige Briefe, die auch Gedichte enthalten, umfangreich und leitlinienartig in den Text eingearbeitet. Sie verdeutlichen das Auf und Ab des doch letztlich ungleichen Paares (Margret Bilger ist zu dieser Zeit mit dem Maler Hans Joachim Breustedt verheiratet). Helga tritt erst 1971, ein halbes Jahr vor dem Tod von Margret Bilger, nachhaltig ins Leben von Franz.

Ergänzend hat die Herausgeberin eine fotografische Kurzbiographie sowie eine ausführliche und vollständige Publikationsliste von Franz sowie von Buchbesprechungen und anderen Texten über ihn und seine Kunstvermittlertätigkeit zusammengestellt.

Franz X. Hofer hat sich für die Zeitschrift Landstrich, für das Museum Bilger-Breustedt Haus in Taufkirchen sowie für Literatur und das Œuvre regionaler wie international bekannter Bildender Künstlerinnen und Künstler eingesetzt.

Bescheiden wie er war, trat er eher selten mit eigenen Publikationen an die Öffentlichkeit, sein Werk wurde erst spät, fast ausschließlich nach seinem Tod, von der Kritik und vom Feuilleton wahrgenommen. Davon zeugen die Texte und Essays von Erich Hackl, Hans Schusterbauer,  Brita Steinwendtner, Bernhard Widder und Richard Wall, die den Kern des Buches ausmachen.

Erschienen ist der schöne Band in der edition panoptikum (Hinterholz 14, 4933 Wildenau) und kann auch bei Helga Hofer bestellt werden.

Franz X. Hofer hat vor seinem Tod um Aufnahme in die GAV angesucht, die formelle Aufnahmebestätigung, nach dem Prozedere der Jury, erlebte er nicht mehr, sie erfolgte nach seinem Tod.  

R. Wall, Helga & Franz X. Hofer im Steinbruch St. Margarethen 
nach einem Besuch der Ausstellungshalle Maria Biljan-Bilger 
in Sommerein und einem Treffen mit dem Architekten Fritz Kurrent, Juli 08
Foto: Monika Wall-Penz

* Aus einem Gedicht von F.X. Hofer aus dem Jahr 1985

P.S.: Am 28. August, 15 Uhr, wird die Ausstellung „Franz Xaver Hofer / Der bildnerische Nachlass“ im Bilger-Breustedt-Haus eröffnet, und am 25. September, 17 Uhr, Buchpräsentation „Das Ich im Freien“, Gedichte von F. X. Hofer, anlässlich des 10. Todestages des Autors.


Dienstag, 2. August 2022

Literarische Triggerwarnung. Oder: Wie unheimlich, der Mensch

„Öffne deinen Schädel doch nur einen Spalt, damit ich deinen Geist erkunden kann“, lautet ein Satz, den die Ich-Erzählerin meines letzten Romans Kafka zuspricht, obwohl er dem Schädel eines Kommilitonen entsprang. Die Zeile kommt ihr bei dem Gedanken in den Sinn, „wie hübsch konservenmäßig geschlossen ein Schädel doch ist. Und dann überlege ich, wie der passende Büchsenöffner aussehen müsste. Liebe vielleicht?“[1] 

Die Literatur vielleicht?

Schreibend tätig zu sein, kann vielerlei bedeuten: Kommendes vorwegnehmen. Vergangenes beschreiben. Bekanntes neu zusammenfügen oder das Unbekannte hervorholen. Ich finde mich darin wieder, wenn Christa Wolf sagt, für sie sei das Schreiben immer mehr der Schlüssel zu dem Tor geworden, hinter dem die unerschöpflichen Bereiche ihres Unbewussten verwahrt seien.[2] 

So vielfältig die Ansätze, zu schreiben, also auch sein mögen: Stets öffnet die Literatur eine Tür, die uns in in die Köpfe anderer Menschen eintreten lässt und somit Einblicke in ihr Denken und Fühlen gewährt.

Diese Möglichkeit ist es, die mich an der Literatur, schreibend und lesend, immer am meisten interessierte und interessiert, denn sie leistet, was auch jede unvoreingenommene Begegnung leisten kann. Vorausgesetzt, sie wird von Neugier begleitet. Von der Neugier, uns neben dem Bekannten ebenso mit all dem zu konfrontieren, was wir ablehnen, auch, oder gerade, wenn es auf die eine oder andere Art Unbehagen auslöst.

Und so kann uns manch literarischer Text unheimlich erscheinen, wann immer es ihm gelingt, eine Sprache für das zu finden, was wir von uns weisen möchten, statt es in die Schatten zurückzudrängen, denen es zu entstammen scheint. Denn in den Büchern, da laufen sie ungehemmt herum, die Figuren, und begegnen auf die eine oder andere Art diesem Zurückgedrängten, indem sie die Konfrontation mit sich selbst nicht scheuen oder in anderen gespiegelt sehen, was sie zu vermeiden trachteten. Und mehr noch: Die Leserinnen selbst sehen sich gespiegelt, sobald sie hineinschlüpfen in die Buchseiten und dort dem Fremden begegnen, das sich in dieser oder jener Figur zeigt.

Oder gar in einem Gespenst?

Das Gespenst, das in der Literatur herumwandert, schaut uns aus den Buchseiten entgegen und lässt uns das zurückgedrängte Vertraute als Fremdheit in uns selbst erblicken.

Wie unheimlich ist das, bitte?

Ja, in den Varianten der beunruhigenden Fremdheit zeigen sich Verhaltensweisen, die wir nicht an den Tag legten bisher, Gefühle, die wir nicht kennen oder nicht zu kennen behaupten, und die uns dennoch näher sind als wir wahrhaben wollen, denn alle teilen wir die Erfahrung von Menschsein.

Und deshalb erscheint mir vielmehr beunruhigend, wenn Verlage darüber nachzudenken beginnen, oder bereits durchsetzen, was anderorts, zum Beispiel auf Netflix, ohnehin üblich ist: Trigger-Warnungen auszusprechen. Dadurch sollen die Leserinnen davor geschützt werden, sich ein Buch zuzumuten, das Inhalte transportiert, die Unwohlsein hervorzurufen imstande ist. Es wird wohl als Dienst an den Kundinnen verstanden, vorzuwarnen, wenn ihre Gefühle durch Sprache, Denken oder Verhalten einer Figur, verletzt werden könnten, gleichgültig, ob sie dem Spektrum des menschlichen Daseins entsprechen mögen.

Die gute Nachricht: So müssen wir uns weder länger mit Motiven von Andershandelnden auseinandersetzen noch mit den Motiven von Andersdenkenden. Müssen weder unsere moralischen Urteile überdenken noch die eigene Blase je verlassen.

Die schlechte Nachricht: Wir müssen die eigene Blase nicht verlassen.

„Es trägt dem, der weise werden will, einen reichlichen Gewinn ein, eine Zeitlang einmal die Vorstellung vom gründlich bösen und verderbten Menschen gehabt zu haben“[4], schreibt Nietzsche 1886 und räumt zugleich ein, dass diese Vorstellung ebenso falsch sei wie die Vorstellung des sich moralisch überlegen fühlenden Menschen, der vorgibt, ihm seien sogar gedankliche Kränkung und Bosheit unbekannt.

Als Autorin versuche ich stets, eine Sprache zu finden für die Empfindungen und Widersprüche, für Ungewolltes und Abgelehntes sowie Erwünschtes und Ersehntes, nicht aber moralisch abgesichert zu schreiben, um das Versprechen einzulösen, niemandem wehzutun. Dieses Vorgehen speist sich aus der Überzeugung, dass jede noch so unbequeme Perspektive zu einem gegenseitigen Verständnis beiträgt. Sich allein mit dem zu beschäftigen, was mich nicht anficht und dabei der Konfrontation auszuweichen mit alldem, was der Mensch zu tun in der Lage ist, sich allein mit Büchern auseinanderzusetzen, die mir die eigene Weltsicht bestätigen, verhindert den Blick auf das oben beschriebene Fremde, das uns allen innewohnt.

Literatur drückt das Gemeinsame aus, das Verbindende. Sie ist kein Dienst an den konsumierenden, sondern an den Menschen in seiner Ganzheit. Sich wohlfühlen mag ein Maßstab für den Möbelkauf sein, nicht aber für das Lesen von Büchern. Weichen wir nicht aus. Begegnen wir den eigenen Verletzungen und suchen sie auszudrücken. Verlassen wir die Komfortzonen, in denen wir uns nur deshalb möglichst wohlfühlen sollen, um weitere Wohlfühlgegenstände um anzusammeln und an Lifestyles zu stylen, die uns zu unterscheiden trachten. Denn literarische Begegnungen im vorauseilenden Gehorsam von aller Unbehaglichkeit zu reinigen, führt zu einer Kultur, die dem Menschen nichts zuzumuten traut.

Und so werde ich weiterhin meinem Antrieb folgen, Figurenrede und Autorinnenmeinung zu unterscheiden und in eben diesen Figuren, mit denen ich nicht immer einer Meinung sein muss, schreibend und lesend zu begegnen: ob Täter oder Opfer, schwarz oder weiß, jung oder alt, Mann oder Frau. Mit all ihren Haken und Ösen und Abgründen. Mit Widersprüchen, Ängsten und Hoffnungen.

In all ihrer Vielfalt.



[1] Antelmann, Corinna. Drei Tage drei Nächte. Wien, 2018: 224

[2] Vergl. Wolf, Christa (1986): Die Dimension des Autors, Bd II. Essays und Reden I und II, Gespräche Auswahl: Angela Drescher. Berlin/Weimar

[3] Freud, Sigmund. Das Unheimliche. Bd 12: 231

[4] Friedrich Nietzsche. Menschliches, Allzumenschliches. Leipzig, 1930: 67

Dienstag, 19. Juli 2022

Begleittext Fotos zur Ablenkung und Erbauung XXI_18072022

von Erich Klinger

"Liebe Mail-Empfängerinnen und -Empfänger,

vom letzten Freitag wahrgenommenen Liebesspiel marineblauer Falter zwischen Kukuruz und Weizen - auf dem Weg zu K. - zu schreiben, mutet im ersten Moment beinahe obszön an. Endzeitklima, Angst vorm Winter in eiseskalten Wohnungen, Horrorszenarien von zusätzlichen monatlichen Stromkosten in Höhe von 300 bis 400 € für eine 4-köpfige Familie in Deutschland werden auf den Weg gebracht, und am Benzinhahn hängt und drängt doch alles, wozu Brot und Getreide, wenn das Auto nicht mehr fährt. Und dazu der "unendliche Krieg" zwischen Russland und der Ukraine, besser gesagt dem Vorposten der Nato. Ich weiß nicht, wie viele Menschen in der Ukraine bzw. von dort geflüchtete das Vorhaben "Kampf bis zum Sieg" mit tragen, ich weiß nur, dass Selenskis Stellvertreter-Krieg nicht der meine ist. Es ist noch nicht lange her, da musste Selenski um Kriegsgerät bitten, um der russischen Übermacht etwas weniger unterlegen zu sein. Inzwischen wird, wenn auch noch zögerlich, geliefert, was Wolodimir Selenski an modernsten Waffen bestellt. 

Rüstungsfestspiele, während der Kampf dagegen, dass Menschen verhungern, immer mehr ins Hintertreffen gerät und das liegt nun mal auch, aber bei weitem nicht nur, an den ausbleibenden Weizenlieferungen aus der Ukraine. 

Unangenehme Wahrheiten bleiben ausgeblendet, die Ukraine verteidigt westliche Werte, je mehr Waffen geliefert werden, desto länger und noch zerstörungsreicher wird dieser Krieg sein, doch die Option, auf dem Verhandlungsweg wenigstens Waffenruhe zu erreichen, scheint in immer weitere Ferne zu rücken, und den Preis für dieses ungeheure Ausmaß an Zerstörung und zumindest langzeitige Entwurzelung von Menschen zahlen sicher nicht jene, die jetzt davon profitieren, ja wer satte Profite einstreifen will, darf nicht zimperlich sein und das Schöne daran: die Verluste werden und bleiben vergesellschaftet. 

Apropos vergesellschaftet: da hat doch glatt die Bawag, die vormalige Spielbank des ÖGB, das Konto einer langjährigen Kundin gekündigt, ohne dass sich diese etwas zuschulden kommen hatte lassen, nein, die lächerlichen paar Netsch, die auf dem Konto aus und ein gingen, entsprachen nicht mehr dem Umsatzprofil, ab dem sich für eine Bank wie die Bawag die Mühewaltung, sich mit Kundschaften abgeben zu müssen, lohnt. Also das muss man doch auch verstehen, so eine Bank ist ja schließlich kein Wohltätigkeitsverein. 

Ähnliches gilt auch für Energieanbieter oder Telefongesellschaften, die noch vor kurzem mit ihren Lockangeboten à la "durchblicker.at" - oft auch leider unterstützt von AK oder KonsumentInnenverbänden, die ihren Mitgliedern Wechsel zum "Billiganbieter" empfahlen - Menschen auch mit temporären Billigpreisgarantien köderten und jetzt keine Lust mehr haben, die dünn gewordene Suppe auszulöffeln. Also ab in den Orkus mit den unliebsam gewordenen KundInnen, Ellbogen raus und überleben, heißt auch auf Verträge pfeifen. 

Es muss so Anfang der 1990er gewesen sein, als ich mit Staunen vernahm, dass in Deutschland eine große Bank bzw. ein großer Konzern jeweils nach der zweitbesten gewinnträchtigen Bilanz ihrer Geschichte ankündigten, MitarbeiterInnen entlassen zu müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. 

Heute ist derartiger Irrsinn völlig normal, und es gibt noch viele Rädchen und Schräubchen an denen gedreht werden kann, um mit Sicherheit nicht jene in die Mangel zu nehmen, die von diesem ganzen Irrsinn profitieren. 

Und man muss schon froh sein, wenn in den ö1-Nachrichten die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr zu hören ist, die eine "Reichensteuer" fordert, auch wenn sich das gar nicht so radikal-marxistisch anhört, wie manche aus unterschiedlichen Standpunkten heraus möchten. Ja, daran führt wohl kein Weg vorbei, dass entweder besonders Vermögende, steuersparende internationale Konzerne, BörsenspekulantInnen, ImmobilienhändlerInnen und z.B. jene, die durch Coronageschäfte ein goldenes Näschen verdient haben, bezahlen müssen, oder weiterer Sozialabbau und Ansteigen von Armut auch in den bisher "reichen" Ländern blüht, von zynisch an Hunger und Krankheiten und Klimaveränderungen hinweg gerafften Menschen "im globalen Süden" ganz zu schweigen. 

Noch eine unangenehme Wahrheit: die absolute Notwendigkeit Energie - in welcher Form auch immer - und Rohstoffe einzusparen, anstatt sich der Illusion hinzugeben, man könne mit Windrädern, Speicherkraftwerken, Sonnenenergie jene Energie erzeugen, die notwendig wäre um den unsinnig verschwenderischen Lebensstil mit gutem Gewissen - "grüne Energie" - weiter führen zu können. Das würde aber auch ein radikales Umdenken erfordern, in sämtlichen Lebens- und Wirtschaftsbereichen. Repräsentationsbauten mit riesigen Glasflächen und Räumen, die im Sommer nur mit großem Aufwand zu kühlen und im Winter mit großem Aufwand zu beheizen sind. Ach so, den Winter können wir ja vergessen, dank Klimawandel. Wiedereinführung autofreier Tage. Hinterfragen und Einstellen unsinniger Transportketten. Und drastische Reduktion idiotischer Konsumgewohnheiten, Ramsch aus China, dort unter vermutlich beschissenen Bedingungen produziert, hier als rosa Mädchenroller oder batteriebetriebenes Auto für 2-jährige, die nicht einmal mehr selbst treten müssen, also mir haut es da den Vogel raus. 

Nicht zu den unangenehmen Wahrheiten zählt es, dass ich zuletzt im 2-Tages-Rhythmus dreimal in Admont war, einmal mit der Wandergruppe via Bahnhof Ardning und Frauenberg, die beiden anderen Male über Liezen bzw. Bahnhof Ardning - mit Kleinbus im Schienenersatzverkehr. 

Beim zweiten Eintreffen in Admont hatte es zuvor relativ stark geregnet, die Folge Wasserlachen auf der Straße durchs Zentrum, und natürlich einer, der volle Wäsch' und ohne Rücksicht neben mir Wasser gepflügt hat. Der nächste an einer Engstelle mit überhöhtem Tempo und 15 bis maximal 20 cm Abstand an mir vorbei. Aber immerhin in der kleinen Bäckerei hinter der TouristInneninformation eine leider nur kurze Begegnung mit der scheuen grauen Bäckereikatze. Und gutes Roggenbrot, das nicht beim Anscheiden auseinander fällt. 

Admont, die dritte: von Frauenberg Ennsbrücke zuerst auf der Straße = auch Radweg - bis zur Abzweigung zum Panoramasee gegangen, dann die luxuriöse und meines Erachtens nach von zuviel Geld im Ressort zeugende neu errichtete Brücke überquert und der Bahnstrecke auf einem zuerst kommoden Feldweg gefolgt, der bis ans Ende eines Maisfeldes gangbar blieb, dann aber: umkehren oder sich durch die relative Wildnis entlang neu gepflanzter Bäume schlagen, ich entschied mich für Letzteres, um bereits zweifelnd immerhin den "Wanderweg" entlang der Enns zu erreichen. Also: nicht verloren gegangen in der Pampa, aber in weiterer Folge dann doch auch schon mit Erschöpfung gerauft, "ich bin etwa 2 Kilometer von Admont entfernt am Ennsuferwanderweg flussaufwärts" hätte ein Ortungsanruf beim Cafe Stockhammer, der Rettung, Feuerwehr usw. lauten können. Mich aber durchgekämpft, trotz mitunter kaum mehr wahrnehmbarem Pfad, vor allem das zugewanderte drüsige Springkraut hat sich links und rechts des schmalen Pfades ausgebreitet. 

Und nicht nur die Bremsen und Gelsen, sondern auch die Zecken hatte ihre Freude mit dem eher seltenen Besuch in ihren Revieren, insgesamt 6 oder 7 Stück habe ich innerhalb von etwa 2 1/2 Stunden von meinem Leiberl entfernt, ein Zeck hatte es sich bereits auf meinem Bauch gemütlich gemacht, den erwischte ich kurz vorm sich Einibeissen. Eingefangen habe ich mir die unerwünschten Tiere wahrscheinlich beim Anstreifen mit dem Bewuchs. 

Die Bäckerei, die mit der Aussicht auf davor sitzen mit Kaffee und Kuchen hilfreicher Ansporn zum doch immer wieder zügig weiter gehen war, hatte diesmal geschlossen, Krankheit, Personalmangel, aber immerhin bekam ich nebst Gebäck eine Linzerschnitte plus Eiskaffee im Packerl als Verlängerten-Ersatz, leider war die Kaffeemaschine an diesem Tag wegen notwendigem Dichtungstausch außer Betrieb und auch von der grauen Katze war nichts zu sehen. 

Die Fotos stammen vom dritten Admontausflug am 14. Juli und dem gestrigen Aisttalausflug, eines der Aisttal-Motive wurde von Renate fotografiert. 

Beste Grüße, Erich"








Samstag, 2. Juli 2022

Rettet die unnützen Bedürfnisse!

von Corinna Antelmann

Schreibend tätig zu sein, kann vielerlei bedeuten: Kommendes vorwegnehmen. Vergangenes beschreiben. Bekanntes neu zusammenfügen oder das Unbekannte hervorholen. So vielfältig die Ansätze, zu schreiben, auch sein mögen: Stets öffnet die Literatur eine Tür, die uns in die Köpfe anderer Menschen eintreten lässt und somit Einblicke in ihr Denken und Fühlen gewährt.

Der Schlüssel zum Tor des Unbewussten

Die Schriftstellerin Christa Wolf hat einmal gesagt, für sie sei das Schreiben immer mehr der Schlüssel zu dem Tor geworden, hinter dem die unerschöpflichen Bereiche ihres Unbewussten verwahrt seien.[1] Ihr schriftstellerisches Schaffen führt zu einer Selbstbefragung, die hilft, verdrängte Gefühle zu verarbeiten und verdrängte Kräfte zu befreien. Es lässt erfahren, was zuvor nicht bewusst wahrgenommen werden konnte. 

Das Schreiben entspricht hier in einem durchaus Freud‘schen Sinne einem Zwang, der zugleich dazu führt, die inneren Widerstände zu mindern, die ein Mensch gewöhnlich verspürt, wenn er Geheimnisse preisgeben soll. Es wird somit zu einem wirksamen Weg, den oben erwähnten “Schlüssel zum Tor des Unbewussten” zu nutzen: schreibend UND lesend. Das funktioniert durch den formalen, ästhetischen Kunstgewinn, ohne den literarisches Schaffen nicht denkbar wäre. 

Zugleich schöpft die Kenntnis der eigenen Person Erkenntnis, denn die Betrachtung der unbewussten Bereiche führt immer auch zu einer differenzierteren Betrachtung der Welt. In dem Zurückgedrängten, dem Verschwiegenen, das gewöhnlich keine Sprache findet, lässt sich die Perversion aller bestehenden Systeme entdecken, die mit der Ausgrenzung bestimmter Bereiche arbeiten. Das umschließt das Patriarchat ebenso wie Industrialisierung oder freie Marktwirtschaft:

Der Schrecken darüber, wie in Industriegesellschaften die Selektion der „nützlichen“ Kräfte und Strebungen eines Menschen auf Kosten seiner „unnützen“ Bedürfnisse und Wünsche funktioniert, und die Trauer über die Folgen dieser Spaltung und Amputation fließen sicherlich in mein Schreiben ein.[2]

Der Ansatz, sich dem eigenen Unbewussten zu widmen, steht somit der völligen Überbetonung des Materiellen entgegen, das zu Ideen- und Ideallosigkeit führt. 

Dem kann Literatur entgegenwirken. 

Romantische Literatur und Psychoanalyse

Auch die deutschen Romantiker*innen machen Anfang des 19. Jahrhunderts auf Widersprüche und Unbekanntes aufmerksam –- entgegen der empirischen Weltsicht des aufgeklärten Menschen, der das 18. Jahrhundert prägt. In ihre Literatur fließen Elemente von Mythos, Poesie und Traum zurück. Diese Wiederbelebung ist exemplarisch für die Annahme, dass es eine in den Tiefen des Menschen selbst liegende Wirklichkeit zu entdecken gibt. Gleichsam befassen sie sich mit dem Fremden und lokalisieren es im Menschen selbst als ein ihm Eigenes.

Die Romantiker*innen verleihen der menschlichen Zerrissenheit in ihren Held*innen ästhetisch Ausdruck, wie beispielsweise in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann". So führt die Erforschung des Subjektempfindens schließlich nicht ohne Grund zu der Annahme eines Unbewussten durch Freud. Überhaupt wäre die Psychoanalyse ohne Dichtung kaum denkbar gewesen.

Der kulturelle Konflikt eines auf Dualismus begründeten Bösen und Guten vollzieht sich somit nicht länger in der sinnlich erfahrbaren Welt, sondern im Innenleben einer jeden Person. 

Ja, in den Tiefen der eigenen Seele müssen wir nach einem sicheren Grund für das Dasein fahnden. Er entzieht sich der intellektuellen Erforschung und offenbart sich vielmehr in der instinkthaften und intimen Suche.[3]  

Zum Beispiel beim Schreiben.

Subjektivismus als Stärke

Um auf Christa Wolf zurückzukommen. 1974 beklagt sie in Ein Tag im Jahr:

Das Grund-Motiv meines Schreibens, mit mir selbst ins Reine zu kommen, setzt sich rigoros durch, ich kann und darf es nicht ignorieren, so oft es mir auch als meine Grund-Schwäche erscheint: „Subjektivismus“. [4]

Wenn es jedoch der Betrachtung der Vorgänge in unserem Inneren bedarf, um zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Welt zu gelangen, so ließe sich in diesem von Christa Wolf selbst beklagten Manko, keine Objektivität zu erzeugen, im Gegenteil ein Reichtum erkennen. Weil hier nach der Erkundung von Bedürfnissen, Ängsten, Wünschen gestrebt wird, wie sie gesellschaftlich zurückgedrängt werden. Das Nicht-Entfremdete, dem sie ihre Stimme leiht, wäre demnach eine Stärke und darf gerne als Gewinn verstanden werden.

Ein Gewinn an Ganzheit.


 

 



[1] Aufsatz: Warum schreiben Sie? (1985). Zitiert nach: Die Dimension des Autors

[2] Aufsatz: Warum schreiben Sie? (1985). Zitiert nach: Die Dimension des Autors

[3] vgl. Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst,  Frankfurt, 1990: S. 197 ff.

[4] Wolf, Christa. Ein Tag im Jahr (1974): 189

 


Wir müssen mit Mut hinein in das Dunkel *

von Richard Wall Zum 10. Todestag von Franz Xaver Hofer „(…) Ich bin Zeitgenosse. Ich bin das, was so selbstverständlich ist, dass man es ei...