Verspäteter Senf zum Scheingefecht
Dominika Meindl
Streicht Latein - aber nur im Tausch gegen zehn, nein: zwanzig Stunden "Sprache" pro Woche!
Ich hoffe, es ist in Ordnung, Tex Rubinowitz und dem Falter diese sehr schöne Karikatur zu entwenden. Ich habe ein Abo seit 1997 und sehe das als Prämie.
Angesichts großer Kalamitäten ist es wohl seelisch entlastend, auf Nebenschauplätzen ein wenig zu rangeln. Die Erregung über die kalkulierende Idee des Bildungsministers, Latein aus dem Lehrplan zu streichen, scheint eine solche Übersprungshandlung zu sein. Man kennt das vom Hundespielplatz: Zwei Maulhelden stehen einander gegenüber, aber anstatt einen Kampf zu riskieren, schauen die Tiere lieber schnell nach, ob da nicht ein Floh am Bürzel beißt. [Schreibt eine, die Hunde liebt.]
Die Zahl und "Qualität" der Leserbriefe in den OÖN bestätigt den Verdacht. Gendern ist beim "Leser" nicht nötig, der Einsatz für Latein ist ein Thema der Herren Akademiker.
Damit wir uns richtig verstehen: Ich habe Latein sehr gern gelernt, es ist mir unverdient leicht zugeflogen (wie Sisi das Ungarische, sagen zumindest die Kitsch-Verfilmungen). Einfach einen Text ins Deutsche übersetzen, mit Stowasser? Nichts leichter als das. Die Lateinmatura war in einer Stunde geschrieben. Aber alles hätte ich gegeben, in Mathematik nicht gar so dumm zu sein (oder wenn jemand Mathe ganz aus meinem Lehrplan gestrichen hätte, ein Traum!). Später habe ich Philosophie und Germanistik studiert, mit Schwerpunkt Sprachphilosophie und Linguistik. Dekonstruktion, Pragmalinguistik, Textualitäten - den ganzen herrlichen, neostrukturalistischen Trallawatsch. Glückliche Semester! (Viele Semester, danke, ihr guten Eltern).
Meine Banknachbarin im Stiftsgymnasium hatte weniger Freude an Latein, was unseren Lehrer in der Oberstufe dazu veranlasste, auffallend ekelhaft zu ihr zu sein. Geschadet hat es ihm nicht (meiner Freundin zum Glück auch nicht sehr), er ist in einem anderen Gymnasium Direktor geworden, wo er vielleicht auch die humanistischen Werte in den Herzen der Schüler*innen verankerte, indem er zu den weniger Begabten schiach war.
Das alles führt schon zum Kern meiner Meinung. Latein hat mir genützt, aber nicht nur in der geliebten Geisteswissenschaft, sondern auch, sobald die mir über den Weg laufenden Dozenten, Ärzte, Prälaten und Hofräte gemerkt haben, wo ich maturiert habe. So einfach ist das. Ärzte waren immer ein wenig freuindlicher bei der Visite, sobald sie merkten, dass sie über meine zerschmirgelten Knie nicht miteinander in einer Geheimsprache reden konnten. Im Einführungsproseminar beim Herrn Präsidenten der Akademie der Wissenschaften hatte ich es von vornherein angenehmer als die beiden Kolleginnen mit BAfEP-Matura, zu denen der Herr Professor auffallend ekelhaft war, und denen er vor aller Augen riet, das Germanistik-Studium aufzugeben. Ich schäme mich heute noch dafür, damals nicht für die beiden das Wort ergriffen zu haben.
Meinetwegen kann Bildungsminister Wiederkehr Latein weiter abwerten im Kanon. Aber nur, wenn daraus eine Reform, nein: REVOLUTION Lehrplans folgt.
Hiermit fordere ich mit der Kraft einer komischen Regionalautorin, mit der Macht des Mediums eines Blogs (Sie merken die Selbstironie):
- Pumpt Milliarden in Kindergärten und Schulen, pumpt sie in die richtigen Kanäle! Pumpt sie schnell weg vom Autobahnbau.
- Trennt die Kinder nicht so früh in Elite und Abgehängte. TRENNT SIE GAR NICHT!!!
- Alphabetisierung immer auch in der Muttersprache, und ja, das ist halt auch Arabisch. Fragt nach bei den Sprachwissenschaftler*innen, die mehr als ein Semester "Deutsch als Fremdsprache" lernen durften. Warum ist es bildungsbürgerlich anerkannt, zu sagen, dass man Deutsch erst wirklich über das Lateinische gelernt habe? Warum rennen alle gleich zur FPÖ, wenn man Lehrkräfte für Arabisch, Farsi, Türkisch etc. engagiert?
- Stoppt den Textsorten-Wahnsinn der Zentralmatura, bringt die Literatur zurück in die Schulen. Bringt die Literat*innen zurück in die Schulen!
- Am wichtigsten: Macht aus Deutsch und Fremdsprachen ein Mega-Fach namens "Sprachen"! Zeigt den Kindern die Schönheit der Deutschen Sprache! (Und des Englischen, des Arabischen, des Schwedischen ..., der Pidgin- und Kreolsprachen, des Slangs, der Dialekte, der Fach-, Programmier- und Plansprachen etc.) Bringt ihnen bei, wie sich das Indoeuropäische verbreitet hat, wie eng viele Sprachen verwandt sind, lehrt sie Philosophie und Linguistik! Schickt sie zu Poetry Slams und ladet Slam Poet*innen an die Schulen!
- Etabliert celerissime das Literaturschulwesen, nicht nur in Oberösterreich! Aber fangt meinetwegen hier an, ich helfe allen Zuständigen gerne.
- Und wenn noch ein Mann klagt, dass er im Gym Gedichte interpretieren musste, statt zu lernen, wie man eine Einkommenssteuer erklärt, lasst ihn den ersten sein, den die KI in seinem Job ersetzt (die schreibt mittlerweile sogar die korrekteren Boomer-Leserbriefe).
Nachtrag: Mein Vater, Erstgeborener von Mühlviertler Kleinsthäuslern, Jahrgang 1946, hat Latein und Griechisch geliebt. Eine höhere Schulbildung war für ihn und Seinesgleichen höchstens dann möglich, wenn sie versprachen, Priester zu werden (mit zehn Jahren, ein Irrsinn) - was er zum existenziellen Glück meiner Mutter, meiner Schwestern und mir nicht gehalten hat. Die Matura hielt er als Privileg in Ehren, und trotz einer eher lieblosen Internats-Erziehung wurde ihm das Lateinische zum Ausdruck seines Bildungsprivilegs. Ich denke, dass diese emotionale Bindung in der Debatte Respekt verdient. Trotzdem: Ich ersuche euch alle um recht emsiges Bemühen um die pädagogische Revolution.
