Montag, 16. November 2020

„Man überlebt mehr, als man glaubt.“ Über Barbara Riegers Roman „Friss oder stirb“

Von Dominika Meindl

Schon im August erschienen und im September gelesen, nein – gefressen: Barbara Riegers zweiter Roman. In allen Rezensionen wird das Label "Coming of Age" bemüht, dabei ist die Protagonistin am Ende 37, da stimmte ja noch nicht einmal "middle age". In der Tat ist "Friss oder stirb" ein Entwicklungsroman, den die von ihrem Binge-Eating geheilte Anna in Rückblenden anhand ihrer Tagebücher erzählt. Passend zum Heranwachsen der Generation X steht jedes Kapitel unter dem Motto eines zeitgenössischen Songs – im Übrigen gibt's eine Spotify-Playlist als Begleitung zum Roman.

"Smells Like Teen Spirit" ist der fast schon logische Beginn. Anna ist 14 und hasst nicht nur ihren Körper, sondern ihr ganzes Leben. Grunge ist der perfekte Soundtrack zu Matheproblemen, zum Wunsch, anders zu sein und trotzdem dazuzugehören. (Was ist das eigentlich für eine Jugend, die jetzt mit aggro-sexistischem Deutsch-Rap aufwächst, herrjeh?) Alle tragen Wollwesten und Converse und Piercings, alle färben sich die Haare und wollen einzigartig sein.

Doch Annas Sorgen sind nicht banal. Da ist einmal der fehlende Vater und die schwierige Beziehung zur Mutter. Liebeskummer ist auch unvermeidlich. Und ganz grundsätzlich ist es keine kleine Herausforderung für eine junge Frau, mit Rollenerwartungen umzugehen. Die patriarchalen Ansprüche an einen Frauenkörper stecken immer noch tief. Jugendliche müssen dafür kämpfen, ihren Raum und ihre Stimme zu finden. "Wenn man keine Sprache, keine Wörter findet, dann spricht der Körper", sagt die Therapeutin. In Annas Fall entscheidet sich der Körper für eine massive Essstörung. Trotzdem hat sie Angst, "dass sie zu feig ist für eine ordentliche Selbstzerstörung". Ihr Bauch, den sie wie jede Frau als zu dick empfindet, "erinnert sie AN MEIN STÄNDIGES TOTALES VERSAGEN ALS MENSCH". Wer das als Teenie-Hysterie abtut, frage sich einmal, warum gerade alle Freundinnen Zuckerfasten oder Pilates betreiben. Anna hat in Sachen Selbstwert einen sehr, sehr weiten Weg vor sich.

"Wie siehst du dich eigentlich selbst" fragt die Diätberaterin dann. Wie ein faules, fettes schwaches Stück Scheiße, sagt eine Stimme in Annas Kopf, aber das will sie der netten Diätberaterin nicht sagen, "ein verwöhntes Kind", sagt sie, "das den Kindern auf der ganzen Welt das Essen wegfrisst."

Resilienz muss erkämpft werden, das Schreiben ist die Therapie. Das "Leben, weiß Anna, schreibt keine Romane", Rieger gelingt aber genau das, ihr glückt die Verbindung von Empathie und künstlerischer Distanz auf der Metaebene, der Bericht Annas klingt nie nach Selbsthilfeprosa. Und doch ist es sehr gut vorstellbar, dass "Friss oder stirb" genau der Roman ist, der Betroffenen tatsächlich hilft. Das ist ein erstaunlicher Spagat.

Das Ende ist nicht happy, aber gut, denn Anna „will keine andere mehr sein als die, die sie ist.“

Barbara Rieger: Friss oder stirb. Roman. Kremayr und Scheriau, 22 €


Chaos und Ruhe. Judith Gruber-Rizys neuer Roman ist eine sanfte Emanzipationsgeschichte

Von Dominika Meindl

 

"Seit Rosa in dieser Stadt K. Das Chaos erlebt hat, liegt über allem ein dunkler Schatten.“ Kurz vor ihrem 40. Geburtstag hat sie ihre Arbeit verloren. Grund genug für die zurückhaltende Journalistin, eine Auszeit zu nehmen und eine erste Zwischenbilanz ihres bisherigen Lebens zu ziehen. Sie fliegt nach Griechenland – aber weniger um Urlaub zu machen, sondern um sich einer nicht allzu lange zurückliegenden, immer noch quälenden Erschütterung zu stellen. Das Ereignis, das die posttraumatische Belastung ausgelöst hat, nennt Rosa konsequent „das Chaos“, ein bloßes „Erdbeben“ verharmlost es.

Zurück am Schauplatz reflektiert sie über die wenig nährende Beziehung mit dem Phlegmatiker Gerhard, an dem das „Chaos“ in der „Stadt K.“ spurlos vorübergezogen ist, und der nicht ganz versteht, was Rosa dermaßen aus der Bahn gebracht hat. Wie auch ihr dominanter Vater nicht, dessen passiv-aggressiver Übergriffigkeit sie noch viel zu viel Raum lässt. „Dieses eine Mal konnte und durfte sie nicht seine brave Rosa sein“. Generell glaubt sie, den Männern noch sehr verpflichtet zu sein. „Denn Rosa versteht immer alles, entschuldigt alles“.

Die Stadt K. selbst erweist sich aber, anders als im Titel suggeriert, als pittoresk, und auch an ihr scheint alles spurlos vorübergegangen zu sein. Allmählich kommt wirklich so etwas wie Urlaubsstimmung auf, vor allem, als sich eine Romanze mit dem Deutsch-Chilenen Luis anbahnt, der im selben Hotel logiert und ein Faible für Sonnenaufgänge am Strand teilt. „Und wer so frei im Raum schwebt wie Rosa, darf nach allem greifen.“ Doch auch in ihm schlummern ganz eigene Traumata und belastende Bindungen.

Gruber-Rizys Roman verhandelt das seelische Auf und Ab, Rosas Weg zu sich selbt in ruhiger, stilsicher Prosa, deren Rhythmus durchaus einem sanften Seegang entspricht. Man darf „Die schreckliche Stadt K.“ durchaus als Geschichte weiblicher Selbstermächtigung lesen, wenn auch als leise. „Rosa hat plötzlich den Eindruck, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt nie gesagt hat: Ich will!“

Judith Gruber-Rizy: Die schreckliche Stadt K. Edition Art Science, 198 S.

Die Autorin und die Rezensentin stehen einander schon alleine über ihre jeweiligen "Ämter" in der GAV OÖ nahe. Wir freuen uns über ein Feedback über den Objektivitätsgrad dieser Rezension im Kommentarteil!

 

Vorbeugende Verbeugungen

Zu Herbert Christian Stögers Buch „VON HIER bis bald“ „Wer findet hat nicht richtig gesucht.“ Aglaja Veteranyi [Hier Himmel. Postkartenset] ...