Montag, 16. November 2020

Chaos und Ruhe. Judith Gruber-Rizys neuer Roman ist eine sanfte Emanzipationsgeschichte

Von Dominika Meindl

 

"Seit Rosa in dieser Stadt K. Das Chaos erlebt hat, liegt über allem ein dunkler Schatten.“ Kurz vor ihrem 40. Geburtstag hat sie ihre Arbeit verloren. Grund genug für die zurückhaltende Journalistin, eine Auszeit zu nehmen und eine erste Zwischenbilanz ihres bisherigen Lebens zu ziehen. Sie fliegt nach Griechenland – aber weniger um Urlaub zu machen, sondern um sich einer nicht allzu lange zurückliegenden, immer noch quälenden Erschütterung zu stellen. Das Ereignis, das die posttraumatische Belastung ausgelöst hat, nennt Rosa konsequent „das Chaos“, ein bloßes „Erdbeben“ verharmlost es.

Zurück am Schauplatz reflektiert sie über die wenig nährende Beziehung mit dem Phlegmatiker Gerhard, an dem das „Chaos“ in der „Stadt K.“ spurlos vorübergezogen ist, und der nicht ganz versteht, was Rosa dermaßen aus der Bahn gebracht hat. Wie auch ihr dominanter Vater nicht, dessen passiv-aggressiver Übergriffigkeit sie noch viel zu viel Raum lässt. „Dieses eine Mal konnte und durfte sie nicht seine brave Rosa sein“. Generell glaubt sie, den Männern noch sehr verpflichtet zu sein. „Denn Rosa versteht immer alles, entschuldigt alles“.

Die Stadt K. selbst erweist sich aber, anders als im Titel suggeriert, als pittoresk, und auch an ihr scheint alles spurlos vorübergegangen zu sein. Allmählich kommt wirklich so etwas wie Urlaubsstimmung auf, vor allem, als sich eine Romanze mit dem Deutsch-Chilenen Luis anbahnt, der im selben Hotel logiert und ein Faible für Sonnenaufgänge am Strand teilt. „Und wer so frei im Raum schwebt wie Rosa, darf nach allem greifen.“ Doch auch in ihm schlummern ganz eigene Traumata und belastende Bindungen.

Gruber-Rizys Roman verhandelt das seelische Auf und Ab, Rosas Weg zu sich selbt in ruhiger, stilsicher Prosa, deren Rhythmus durchaus einem sanften Seegang entspricht. Man darf „Die schreckliche Stadt K.“ durchaus als Geschichte weiblicher Selbstermächtigung lesen, wenn auch als leise. „Rosa hat plötzlich den Eindruck, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt nie gesagt hat: Ich will!“

Judith Gruber-Rizy: Die schreckliche Stadt K. Edition Art Science, 198 S.

Die Autorin und die Rezensentin stehen einander schon alleine über ihre jeweiligen "Ämter" in der GAV OÖ nahe. Wir freuen uns über ein Feedback über den Objektivitätsgrad dieser Rezension im Kommentarteil!

 

1 Kommentar:

„Man überlebt mehr, als man glaubt.“ Über Barbara Riegers Roman „Friss oder stirb“

Von Dominika Meindl Schon im August erschienen und im September gelesen, nein – gefressen: Barbara Riegers zweiter Roman. In allen Rez...