Donnerstag, 28. April 2022

KURGARTEN IV

Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall. 

Lisa-Viktoria Niederberger


Urlaubsorange

Vorm Gastgarten plätschert der Brunnen. Die Vögel tun, als wäre es schon Frühling und irgendwo klingelt ein Handy. Schulkinder spielen das, was bei uns Der Hase läuft über das Feld hieß, im Kurgartentheater. Auf der Freiluftbühne steht ein Kind mit dem Rücken zum Park und schreit etwas in Phantasiesprache. Kinder in Skihosen und dicken Jacken rascheln auf es zu. Wer nicht stillsteht, wenn das Bühnenkind sich umdreht, hat verloren. Ein Mädchen macht Maschinengewehrgeräusche, der Reihe nach fallen Kinder um. Bleiben kichernd im Schotter, auf der Erde, in den Büschen liegen.  Ich spüre zum ersten Mal in diesem Jahr ordentlich Sonne im Gesicht, dieses Urlaubsorange innen am Augenlid. Kiesknirschen, der Kellner räuspert sich. 

Mahlzeit, bitte? Ein kleines Soda Zitron und ein Cappuccino bitte. Der ist bei uns mit Milchschaum. Gut. Richtige Milch haben wir. Sie meinen, Kuhmilch? Ja, Kuhmilch, selbstverständlich. Was sonst. Naja, Hafer oder so. Ha, Hafer, nein, also, das hamma nicht. Hätten Sie leicht. Naja, ich hätte schon. Aber sie haben eh nicht, also. Warten Sie, ich hab gleich das 3G. Sie waren schon mal da. Ja. Aber da waren Sie drinnen. Ja. Da war es auch nicht so schön, wie Sie das letzte Mal da waren. Sie wissen das noch? Das weiß ich noch. Der Cappuccino, der kommt gleich. Wollen Sie nicht 3G? Sie waren ja schon mal da.

Vorm Gastgarten plätschert der Brunnen. Die Vögel tun, als wäre es schon Frühling und mein Handy sagt, überall explodieren wieder die Inzidenzen. Zwei Zivildiener tragen große Plastikboxen voller PCR-Teströhrchen ins Nebengebäude. Ich schaue wieder ins Urlaubsorange, und im Beet vor mir lachen noch immer die Kinder, während sie so tun, als wären sie tot.


Amselabwehr

Denn auch der Kunst- und Kultursektor hat ein Diversitätsproblem. Ich sitze an einem Auftragstext. Nicht schreiben, aufhübschen. Klarere Sätze. Aktiv her, Passivkonstruktionen weg. Aus einem Monstersatz zwei oder drei kurze, knackige machen. Ich stehe an: alle Synonyme für Netzwerk aufgebraucht, aber noch viel Netzwerk da.  Am Balkon fetzen sich zwei Amselmännlichen. Knallorange Schnäbel picken schwarze Federn. Die Meisen schauen zu. Partizipationsplätze im Kulturbetrieb erleichtern Personen aus unterschiedlichen Kulturen und Lebenszusammenhängen Interaktion. Auch von den umliegenden Bäumen schimpfen die Meisen. Wollen ungestört zu den Sonnenblumenkernen. Die Futterstelle am Balkon habe ich dreimal geändert. Jetzt liegen die Kerne trocken und ich kann den Tieren vom Schreibtisch aus beim Fressen zusehen. Die Amseln denken gar nicht dran zu verschwinden, wo zu kämpfen wo sie nicht im Weg sind. Dass Meisen so laut sein, so dermaßen schimpfen können. Auch der Kurgartenpark hat ein Diversitätsproblem. Meisenangriff. Amselabwehr. Tusch. Meise gegen Glasdach, bleibt aber flugfit. Tusch verjagt Amseln. Meise verliert Bauchfedern. Weiche, winzige Meisenbauchfedern, wie Schnee. Ruhe am Balkon. Ich wieder in den Text. Es braucht neben Sensibilisierungsmethoden auch Selbstermächtigungsstrategien für marginalisierte Meisen Akteuer*innen. 


Der Bürgermeister

Er geht jeden Tag die Kurpromenade auf und ab. Nein, er promeniert. Mit einem Zigarillo. Jeden Vormittag, wenn ich in der Küche aus dem Fenster sehe, mir die drei Minuten vertreibe, bis mein Tee durchgezogen ist, sehe ich ihn. Wie ihm die Promenade gehört, wie er alles inspiziert. Der Trachtenhut mit dem Gamsbart, der graue Janker mit den Stickereien, Haferlschuhe: egal, ob er es wirklich ist, oder nicht, für mich ist er der Bürgermeister. Aufgequollen rot ist seine Nase und würde eine junge Frau so einen prallen Bauch durch den Kurgarten schieben, sie würde oft gefragt werden, wann es den so weit ist. Vielleicht gibt es eine Frau Bürgermeisterin, vielleicht sagt sie oft, es würde ihm guttun, wenn er abnehmen würde, weniger trinken. Der Franzl, der Peter, der Horst. Aber der Bürgermeister würde sich auf den Bauch klatschen mit der flachen Hand, ihr erklären, dass sie das nicht versteht. Wie er am Freitag am Bauernmarkt der erste ist, dem die Standler ein Achterl hinstellen. Wie sie beim Stammtisch immer zusammenrutschen, für den Bürgermeister ist immer Platz. Dass Schnaps ein Schmiermittel ist, ein soziales. Alle grüßen ihn, bei seinem Spaziergang auf der Kurpromenade. Der Bürgermeister steht vor der Rabl Villa, blau wabert ihm der Zigarillorauch aus der Nase. Er schaut auf die Wiese vor der Villa, schüttelt den Kopf und zieht ein Klapphandy aus der Brusttasche seines Jankers. Ruft jemanden an, da muss sich jemand um das ganze Laub in der Wiese kümmern. Wie das ausschaut. 

Donnerstag, 14. April 2022

Um zu überleben und Zeugnis abzugeben. Helmut Rizy über die von ihm gesichtete KZ-Literatur

Von Richard Wall

Der 2. Weltkrieg und Holocaust haben in der Literatur und im Kommerz-Kino (vor allem der Provenienz Hollywood) noch immer Saison. Romane und vor allem Filme jener Konjunkturritter (welchen Geschlechts auch immer), die mit dem Infernalischen, das sie selber nicht erlebt haben, auf kommerziellen Erfolg schielen, erfreuen sich bei Hinz und Kunz nach wie vor großer Beliebtheit. Sex sells! Auch mit gewissen Aspekten des 2. Weltkriegs – wie mit der Darstellung von Gewalt generell – lässt sich ganz gut Kohle machen. Da kann es auch schon vorkommen, dass die Profiteure des Gräuels, wie der umtriebige ORF-Liebling David Schalko im Roman „Schwere Knochen“, mit historischen Wahrheiten sehr freizügig umgehen.  

Wenn auch manche dieser Film- & Romanautorinnen und -autoren mit ihren Produkten redliche Absichten verfolgen mögen, zeigen wollen, welch aufrichtige Antifaschisten sie sind, sage ich: Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Warum nicht zurück zum Authentischen?  


Und: Gelte es nicht längst die Augen offen zu halten, sich auf Gegenwärtiges künstlerisch einzulassen? Denn ein Teil der Menschheit hat uns verdammt nahe an Katastrophen herangeführt, die als Folge des Klimawandels, der Überbevölkerung, Aufrüstung sowie durch die atomare Bedrohung (nach wie vor auch durch die „friedliche Nutzung“ der Kernspaltung) demnächst uns schwer an die Nieren gehen werden. 

Es wäre in jeder Hinsicht besser – ethisch, literarisch, politisch – jenen Beachtung zu schenken, die von ihren Erfahrungen im Austrofaschismus, unter der Nazidiktatur und in den Konzentrationslagern als politisch und rassistisch Verfolgte geschrieben haben. In welcher Form auch immer. Denn es galt der Verzweiflung, dem Unsäglichen zu widerstehen – durch die Hinwendung zu Papier und Bleistift. Schöpferische Kräfte? Das war nicht die Frage. Notiert wurde, was man nicht sagen konnte. Doch auch jene, die hohe Ansprüche an die Form stellen, können fündig werden.

Der österreichische Dichter und Kabarettist Jura Soyfer wurde im März 1938 beim Versuch mit seinem Freund Hugo Ebner auf Schiern in die Schweiz zu gelangen, in Gargellen von übereifrigen Vorarlberger Zollbeamten festgenommen. Er, der Autor von Theaterstücken, Gedichten, Liedern und dem Roman „So starb eine Partei“ (bitte lesen!) wurde Monate nach der Verhaftung vom Landesgericht Feldkirch ins KZ Dachau überstellt. Hinter Stacheldraht verfasste er mit dem Komponisten Herbert Zipper das „Dachaulied“: 

Stacheldraht, mit Tod geladen, /ist um unsre Welt gespannt. /drauf ein Himmel ohne Gnaden /sendet Frost und Sonnenbrand. /Fern von uns sind alle Freuden, /fern die Heimat und die Fraun, /wenn wir stumm zur Arbeit schreiten, /Tausende im Morgengraun.

Im Refrain übernahm er den zynischen Spruch, der die Eingangstore der KZ charakterisierte, aber auch andere „Losungen“, die für die Sprache der Nazis typisch waren:

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt / und wurden stahlhart dabei. /Bleib ein Mensch, Kamerad, /sei ein Mann, Kamerad, /mach ganze Arbeit, pack an Kamerad: /Denn Arbeit, den Arbeit macht frei, /denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Nach Buchenwald deportiert starb Soyfer im Februar 1939 an Typhus. Sein Werk war auch nach dem Krieg noch präsent, eine repräsentative Sammlung daraus erschien 1947. Erst ab Mitte der 1950er Jahre setzte das Vergessen und Verdrängen ein, nicht nur aufgrund der ehemaligen Nationalsozialisten, die auch die Kulturpolitik wieder mitbestimmt haben, sondern auch weil Autorinnen und Autoren, die sich als Avantgarde sahen, auf die unmittelbare Vergangenheit bezogen apolitisch agierten, in dem sie – wie die Austrofaschisten und Nazis – die Zeit von 1934 bis zum Ende des Krieges aus ihrem Denken und Schaffen weitgehend ausklammerten. Die Werke jener Generation, die differenziert und mit großer Formenvielfalt Zeugnis abgelegt hat – Ilse Aichinger, Theodor Kramer, Hans Lebert, Franz Kain, Michael Guttenbrunner etc. sowie all die Exilautoren – gerieten absichtsvoll in Vergessenheit (Kulturjournalisten, ja selbst Germanisten betrieben und betreiben eine Literaturgeschichtsfälschung sondergleichen, wenn ihnen in ihrer Unwissenheit und/oder mit ideologischen Scheuklappen sie über die 1950er und 1960er Jahre sprechen, immer nur „die Verdienste“ der „Wiener Gruppe“ über die Lippen kommen).

Der Journalist und Schriftsteller Helmut Rizy, der sich in vielen Schriften kenntnisreich und in Kontakt mit Zeitzeugen wie Peter Kammerstätter mit der Naziherrschaft und vor allem mit dem Widerstand gegen diese literarisch auseinandergesetzt hat, legt nun einen Wälzer vor, in dem er versucht, die Literatur von KZ-Insassen nach subjektiven Kriterien zu strukturieren. Bei dieser Gelegenheit muss wieder einmal darauf hingewiesen werden, dass nicht geschlossen die Bevölkerung Hitler am Linzer Hauptplatz und Wiener Heldenplatz zugejubelt hat, sondern dass bereits an die 1400 österreichische Antifaschisten als Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner gekämpft haben, Hunderte als politische Flüchtlinge ins Exil getrieben wurden oder widerständig in Österreich tätig waren (subtil im Untergrund, oder als Partisanen in Kärnten, Tirol und im Salzkammergut).

Die Fülle an Einzelschicksalen im tödlichen Mahlwerk des menschenverachtenden Regimes hat(te) eine nahezu unübersichtliche Fülle an Literatur zur Folge, von der Rizy etwa 200 Werke zu einem ersten Band (!) gesichtet hat: „Überleben – um Zeugnis abzulegen / Essays zur KZ-Literatur“: In einer Rezension nicht zu bewältigen, ohne Auslassungen vorzunehmen. Er streicht beispielsweise die Entstehung und Bedeutung der Lieder hervor (eines habe ich eingangs erwähnt), die in den diversen Lagern entstanden sind. Die Funktionäre der KPD, Bernhard Bastlein, Karl Fischer und Karl Bloch, bereits 1933 verhaftet, verfassten im Lager Sachsenhausen den Text zur Melodie des Liedes „Die Bauern wollten freie sein“: Wir schreiten fest im gleichen Schritt, / wir trotzen Not und Sorgen, / denn uns zieht die Hoffnung mit / auf Freiheit und das Morgen. Das Morgen hat leider nur Bloch erlebt. 

Das bis heute bekanntere Zeugnis in Liedform ist gewiss das im Börgermoor entstandene „Die Moorsoldaten“. In der letzten Strophe heißt es: Doch für uns gibt es kein Klagen, /ewig kann’s nicht Winter sein. /Einmal werden froh wir sagen: /Heimat, du bist wieder mein. /Dann ziehen die Moorsoldaten /nicht mehr mit dem Spaten /ins Moor!

Dass es durch Gefangene, die in andere Lager verlegt wurden, große Verbreitung fand, ist bekannt. Dass es aber auch eine englischsprachige Version gibt, „The Peat Bog Soldiers“, gesungen von Pete Seeger und Paul Robeson, wird vielen, die das Lied kennen – interpretiert von Hannes Wader beispielsweise – nicht bekannt sein; Rizy hat es herausgefunden.  

All diesen Zeugnissen ist gemein, dass sie die Schinderei und die tägliche Nähe des Todes ansprechen, dennoch –  in der letzten Strophe oder im Refrain – Widerstand, Trotz sowie einen Funken Zuversicht verbreiten können, was gewiss auch als Absicht in den zumeist im Marschrhythmus abgefassten Liedern angelegt war.

Das Buch ist in 14 Kapitel unterteilt. Unter dem Titel „Mordhausen“ werden all jene Autoren genannt, die das Pech hatten, mit dem KZ Mauthausen und/oder einem der Nebenlager Bekanntschaft zu machen. Es galt als eines der härtesten. Der üble Ruf drang sogar bis in das nahe Danzig gelegene KZ Stutthof. Der litauische Dichter und Literaturwissenschaftler Balys Sruoga erwähnt es in seinem Buch „Der Wald der Götter“ mit den Worten: Das schlimmste Lager des Deutschen Reiches (…) war Mauthausen mit seinem Außenlager Gusen. 

Im Kapitel Frühe Zeugen zeigt Rizy beispielhaft, welche Bedeutung die frühen Berichte, die sogleich nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland im Jahre 1933 entstanden sind, gehabt haben, respektive als Warnung für die noch nicht Verfolgten (die ersten Häftlinge waren meistens Kommunisten) dienen hätten können.

Der erste Bericht stammte von Hans Beimler, als Mitglied der KPD von 1932 bis 1933 auch Abgeordneter im Reichstag: „Im Mörderlager Dachau. Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen“. Er wurde binnen wenige Jahre ins Englische, Russische, Französische und Jiddische übersetzt.  Der Dreher Wille Bredel – bereits 1933 „in Schutzhaft“ genommen – konnte in seinem Roman „Die Prüfung“ ebenfalls relativ früh von den brutalen Bedingungen im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel, in das er überstellt worden war, berichten. Entlassen floh er in die Tschechoslowakei, wo er den genannten Roman niederschrieb. Noch im selben Jahr, 1934 erschien dieser in London und wurde in kürzester Zeit in 17 Sprachen übersetzt (wieder einmal: wer wissen wollte, konnte wissen …). Bemerkenswert sein Hinweis auf die Bedeutung der Klopfzeichen bei Dunkelhaft. Wer das Klopfalphabet beherrschte, konnte mit den Mithäftlingen nebenan kommunizieren. Dieses Morsen, sowie andere „Tipps“, wurden von anderen aufgegriffen, sie konnten sich, indem sie die Berichte der frühen Zeugen lasen, über das „System“ der KZ informieren. So schrieb der Wiener Moritz Neumann in seinem Buch „Widerstehen. Vom kaiserlichen zum heutigen Österreich“, in dem er von der Einlieferung ins KZ Dachau berichtet: Ich möchte in diesem Zusammenhang erwähnen, dass ich noch unter dem Dollfuß-Regime ein Buch des deutschen Kommunisten Bredel über seinen Aufenthalt in einem KZ gelesen hatte. Diese Lektüre hat mir bezüglich meines Verhaltens in Dachau sehr geholfen.         

Ob unter den Bedingungen eines KZ „große“ Literatur entstehen kann, bleibt eine offene Frage. Ruth Klüger, die Rizy zu dieser Frage zitiert, meint: In den KZs wurde keine große Lyrik verfasst. Wäre es anders, so könnte man behaupten, diese Lager wären doch zu etwas gut gewesen, etwa zu einer Läuterung, die große Kunst zur Folge hatte. Sie waren jedoch zu nicht gut.

Um Lyrik zu schreiben, bedarf es gewiss keiner „Läuterung“. Andererseits sind auch andere schwierige Lebenslagen nicht unbedingt „zu etwas gut“, dennoch kann gute Lyrik daraus entstehen. Es sind nicht immer äußere, bedrohliche Umstände, die uns zu schaffen machen. Und Literatur entsteht nicht im luftleeren Raum. Auch eine KZ-Erfahrung kann zu ästhetisch anspruchsvollen Versen, zu einer herausragenden Prosa führen. Imre Kertèsz hat immerhin als KZ-Überlebender zwar nicht Lyrik, sondern „große“ Literatur geschrieben, die für den Literaturnobelpreis „gut“ genug war.

Jedenfalls begibt man sich bei dieser Frage auf dünnes Eis; in Extremsituationen, welche auch immer, schreibt man ohnehin nicht „zum Spaß“ sondern um im Zwiegespräch mit dem Papier zu überleben. Im Kapitel Drei junge Dichterinnen konzentriert sich Rizy auf die Notizen und Erinnerungen von drei Mädchen – Zimra Harsáni (später, als Autorin Ana Novac), Halina Nelken („Freiheit will ich noch erleben“), Janina Hescheles („Mit den Augen eines zwölfjährigen Mädchens“) –, für die das Schreiben in den KZs zur Überlebensstrategie wurde. 

Rizy zitiert aus den Notizen der 14-jährigen Zimra Harsáni, die Auschwitz und das KZ Plaszów, am Stadtrand von Krakau gelegen, überlebt hat und deren Tagebuch auf Deutsch in der Übersetzung von Barbara Frischmuth unter dem Titel „Die schönen Tage meiner Jugend“ erschienen ist, u.a. folgende Passage: Alles, was mir widerfuhr, geschah nur deshalb, um aufgeschrieben zu werden. Mein wirkliches Leben war lediglich eine Art Dienstbote, der Lieferant meines ‚formulierten‘ Lebens. Ergänzend ist hier zu sagen, dass Zimra bereits seit ihrem elften Lebensjahr ein Tagebuch führte.

Es bleibt der Leserin, dem Leser überlassen, welche Bedeutung sie oder er diesen Berichten verleiht. Mittlerweile ist jedenfalls gesichert, dass sie als das Vermächtnis einer infernalischen Hybris aus „Nationalbestialismus“ (Herbert Stourzh) und Rassismus für die Geschichtsforschung, aber auch für die Psychologie und Soziologie von eminenter Bedeutung sind.      

Letztlich ging es darum, sich das Menschsein zu erhalten, schreibt Rizy im Kapitel „Das Menschengeschlecht“ in dem er u.a. über Primo Levi und von der französischen Schriftstellerin Charlotte Delbo berichtet. Er hat, abgesehen von den Genannten, in seiner Sammlung all jene Autorinnen und Autoren in Erinnerung gerufen, die in ihrer Literatur Zeugnis abgelegt haben: Über Fluchtversuche, über die Planung von Aufständen, vom Charakter von Kapos und SS-Schergen, kurzum: über das weite brutale Feld einer ins Negative gewendeten Menschheit. Auf der anderen Seite schlagen, wie der besprochenen und damit empfohlenen Literatur ebenfalls zu entnehmen ist, humane Qualitäten wie Solidarität, Widerstand, Hoffnung auf Freiheit und Gerechtigkeit zu Buche. 

Helmut Rizy: Überleben – um Zeugnis abzulegen. Essays zur KZ-Literatur. Erster Band. Wieser Verlag Klagenfurt/Celovec 2021.

Dienstag, 5. April 2022

Frankenstein im Teilchenzoo. Über Wilfried Steiners "Schöne Ungeheuer"


Von Dominika Meindl (Langversion der Rezension im "Falter")

Georg Hollaus ist ein leicht frustrierter Wissenschaftsjournalist beim Wiener „Beobachter“, er hadert mit dem Zeitgeist und der Prokrastination, denn er soll endlich aus seiner Obsession für das Tunguska-Ereignis einen Roman machen. Dieses ist der Generation X aus „Akte X“ wohlbekannt: 1908 kam es zu einer gewaltigen, mysteriösen Detonation in Sibirien, deren Strahlen noch tagelang die Nächte in Europa erhellten. „Was mich tröstet, ist vielleicht der Gedanke, dass meine eigene Erzählung aus ebenso vielen Bruchstücken besteht wie der Stein- und Eisenhaufen aus dem All, von dem wir nicht wissen, ob es ihn jemals gegeben hat.“ Der von seiner Frau verlassene und von „Freunden“ verspottete Hollaus fände mit Steckenpferd und Selbstmitleid sein Auslangen, doch da beauftragt ihn sein neoliberal infizierter Vorgesetzter mit einer „Aufdeckergeschichte“ über die CERN-Physikerin Jelena Karpova, die soeben gestanden hat, bei einem Kongress in Linz einen Kollegen erstochen zu haben. Schnell findet sich Hollaus als Assistent von Karpovas umtriebiger Anwältin Eva Mattusch wieder. Gemeinsam machen sich die beiden auf nach Genf, um in der Physik-Elite Nachforschungen zu betreiben.

Wilfried Steiner, der von Brotberuf Leiter des Linzer Posthofs ist, kommt auf eine bessere Veröffentlichungsfrequenz als manche freiberufliche KollegInnen. Was an sich noch nichts heißt, im konkreten Fall aber qualitativ umso beachtlicher ist. In seinem neuesten Roman versucht er sich an der Verbindung von romantischer Literatur und zeitgenössischer Teilchenphysik. Subatomare Vorbildung schadet nicht, ist aber keine Voraussetzung, denn der Forschungsstand ist in „Schöne Ungeheuer“ allem Anschein nach (aber Literaturkritikerinnen wissen ja noch viel weniger als Wissenschaftsjournalisten!) gründlich recherchiert, rezent und verständlich vermittelt – so weit möglich. „Wenn Sie von der Quantenmechanik nicht völlig verwirrt werden, dann verstehen Sie sie nicht“, heißt es in einem Zitat von Nils Bohr, und: „Wenn es um Atome geht, kann Sprache nur wie in der Poesie verwendet werden.“ Steiner selbst bleibt stilistisch straight, was klargeht, denn über die Krise des Erzählens werden wir ohnehin überall anders wortreich informiert. Die Spannung ist dezent dosiert, ab und zu wird man wegen der allzu stark eingesetzten Handlungsverzögerung in den Dialogen ungeduldig, und dem Erzähler geht’s ähnlich. „Das kommt vielleicht daher“, sagte ich grimmig, „dass ich Rätsel hasse.“ Frauen spielen tragende Rollen, und der auch in Liebesdingen sympathisch täppische Erzähler verehrt sie allesamt (aber herrjeh, muss denn eine jede auch noch so über-attraktiv sein?! ;-).

Genf ist als Handlungsort nicht nur wegen des Large Hadron Collidors geschickt gewählt, sondern auch, weil Mary Shelley in der legendären Sommernacht 1816 den „Frankenstein“ erdachte. Ausgelöst übrigens durch ein anderes elementares Naturereignis, die größte historisch erfasste Eruption eines Vulkans. Die Asche des Tambora führte zum „Jahr ohne Sommer“. Die Schauergeschichte über wissenschaftliche Hybris spielt auch eine wesentliche Rolle in „Schöne Ungeheuer“. Das Tourismusbüro Genf darf sich im Übrigen sehr bei Steiner für seine kenntnisreiche und lukullische Huldigung der Stadt bedanken.

Schöne Ungeheuer“ ist ein Lob auf die Vorstellungskraft der Belletristik genauso wie der Grundlagenforschung. Literatur ist mehr als interessantes Lügen, und Forschung ist mehr als die Suche nach Wahrheit. Es geht in beidem um Ästhetik: „Manchmal ist der Irrtum schöner als die Wahrheit“, lässt er seinen Hollaus feststellen. Die Bildungsbürgerin wird am Ende gut unterhalten sein und hat – im Idealfall – noch was gelernt. Im nächsten Buch möge sich Steiner aber gefälligst eine Lösung für das Tunguska-Rätsel ausdenken!

Wilfried Steiner: Schöne Ungeheuer. Roman. Otto Müller Verlag, 316 S., 25 €

Rettet die unnützen Bedürfnisse!

von Corinna Antelmann Schreibend tätig zu sein, kann vielerlei bedeuten: Kommendes vorwegnehmen. Vergangenes beschreiben. Bekanntes neu zu...