Mittwoch, 23. Februar 2022

KURGARTEN III

 Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall. 

Lisa-Viktoria Niederberger



Altlasten

Zur Schlafenszeit werde ich unruhig, weil der Boden ruckelt, alles zu vibrieren scheint. Ich google oft Erdbeben Oberösterreich jetzt Fragezeichen. Aber keine Erdbeben. Und: von Erdbeben würden sich nicht die Vorhänge einfach so bewegen, die Böden knarren. Da ist dieses Scharren an der Außenwand, obwohl keine Bäume, keine Sträucher, keine Hecken, an die Villa grenzen. Ich mag nachts nicht aus den Fenstern sehen, nicht zu den dunkelorange leuchtenden Straßenlaternen im Kurgarten. Wenn da einer steht. Wenn da einer zu mir raufsieht. „Hier hat ein Arzt gewohnt früher“, schreibe ich einer Freundin. „Tagsüber ist alles gut, es geht viel weiter mit dem Buch. Aber in der Nacht habe ich das Gefühl, es tropft eine fremde Angst aus den Wänden.“ 

Sie sagt, dass ich mich nicht schämen soll, wenn ich mich fürchte. Dass das Altlasten sind. Sie sagt, dass das nichts mit mir zu tun hat. Dass ich trotzdem schlafen soll, für das Buch. 


Ich kann:

Mich in vier Sprachen halbwegs verständigen. Immer sofort reden über: Tiere, Feminismus, Rom, Weltrettung, Bücher.  Ich kann die Lyrics aller Lieder, die die Ärzte vor 2000 veröffentlicht haben. Die hohen Töne in Süßer die Glocken singen. Zwölf Telefonnummern, von denen es zehn nicht mehr gibt, auswendig. Meinen Körper in 37 Asanas biegen und 3000 Wörter schreiben, an guten Tagen. Ich kann mit Augen zu auf einem Bein stehen und einen Köpfler von überraschend weit oben. Ich kann in 10 Sprachen bis 10 zählen. Gut aktives Zuhören. Ich kann 23 Dinosaurier, alle europäischen Hauptstädte und fast alle Gemälde von Caravaggio.

Ich kann nicht:

In ein paar Sätzen erklären, um was es in diesem Buch gehen wird.

Diesen scheiß Liegestuhl aufstellen. 


Arbeit

In dieses Mittagstief, auf die Couch, habe ich mir aus der Küche das Gästebuch geholt. Dieses Buch mit dickem, schwarzem Kunstledereinband, an das uns die Kunstsammlung des Landes schon zweimal erinnert hat. Wir wären Ihnen so dankbar, wenn Sie uns in das Gästebuch schreiben, wie Ihnen der Aufenthalt gefallen hat. Ich blättere das Gästebuch durch, weil ich wissen möchte, von wem die blauen Flecken sind.  Keine Hämatome: Farbspritzer, kobaltblaue Farbflecken. Auf dem mittleren Vorhang im Atelier. Am Klolichtschalter, auf der Klospülung. Am Duschkopf, dort, wo man bei manchen Modellen durch eine Drehbewegung die Härte des Wasserstrahls ändern kann. Die Künstler*innen vor mir schreiben auch über Krähen, Bäume, Stille und Eichhörnchen. Niemand schreibt: Ich habe mit dem Körper gemalt, ganz blau habe ich mich gemacht. Statt dem Pinsel, den Finger, den Fuß, den Körper auf die Leinwand gedrückt. Und wie ich mich geplagt habe, um wieder sauber zu werden, mit einem festen Wasserstrahl. Das hätte ich mir gewünscht, vom Gästebuch.

Donnerstag, 10. Februar 2022

KURGARTEN II

Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall. 

Lisa-Viktoria Niederberger




Lutealphase I

Bis zwei in der Früh habe ich gestern Videos auf meinem Handy geschaut. Von Straßenkatzen und Schildkröten ohne Beine. Eine Datingshow aus England. Menschen, die von ihrem Coming-out erzählen. Ein Waisenhaus für Orang-Utans. Heute verweigert mein Hirn.  Die kognitiven Fähigkeiten haben sich alle zusammengeschlossen für einen Generalstreik. Ich schreibe trotzdem, ist ja eine Residency hier. Ich habe vergessen, was „Show“ und was „Tell“ ist. Ich esse eine Schachtel Bitterschokoladenbutterkekse, höre mir Youtube-Tutorials darüber an, wie man gut schreibt und lösche alles, was ich heute geschrieben habe.


Grillparzer

Ich schreibe gerne mit gekipptem Fenster, damit ich die Krähen höre, das Rauschen der Bäume und die Kirchenglocken. Es ist Sonntag, ich arbeite an einer traurigen Szene. Schon zweimal geheult. Vor meinem Fenster hat die Stadtführung Halt gemacht. Ich lerne, dass die medizinische Leistung von Dr. Rabl, dem Erbauer und Namensgeber der Villa, in der ich wohne, eine Augenbehandlung mit Jod gewesen ist. Vor einem Monat bin ich an den Augen operiert worden. Ich denke wieder an die Aufspreizhaken, daran, wie mir die OP-Assistentin die Wimpern mit Tixo oben und unten festgeklebt hat, damit ich nicht blinzle. Höre das Brutzeln des Lasers und sehe wieder die Weltraumschlacht. Die Stadtführerin sagt, dass Dr. Rabl hier berühmte Künstler während ihrer Kur behandelt hat: Grillparzer, Anzengruber, Makart. Ich stelle mir vor, wie Dr. Rabl Grillparzer an einen Lederstuhl bindet. Den Dichterschädel am Kopfteil festschnallt, einen Lederriemen rund um die Stirn. Ihm Jod in die Augen tropft. Wie es brennt. Wie Grillparzer sich winden würde, wenn er könnte. Wie er schreit stattdessen, den Doktor in einer unflätigen Sprache, dem Schriftsteller unwürdig, beleidigt. „Aber gehn S‘, Herr Grillparzer, das ist ja alles nicht so schlimm. Da müssen S‘ jetzt durch. Ja Sie als Schriftsteller, was täten Sie denn ohne Ihre Augen. Danken werden Sie mir noch.“ Dr. Rabl streichelt dem Autor väterlich den Unterarm. Aber Grillparzer schreit und schreit, reißt sich die Haut an den Lederriemen auf. Und später, als Grillparzer den Alpenkönig schreibt, wird er sich, immer dann, wenn er am Menschenfeind arbeitet, zurückerinnern. Wie schön die Vöglein vor dem Fenster gezwitschert, und die Brunnen geplätschert haben, als der Doktor ihm Feuer in die Augen gegossen hat. Ihm danken, weil er jetzt Hass kann, weil er all seinen Schmerz in diese Figur reinschreiben kann.               


Lutealphase II

Ich wache auf, und bin der Überzeugung, dass alles was ich schreibe, geschrieben habe und je schreiben werde kompletter Schrott ist. Mittags schaffe ich es irgendwie aus dem Bett, putze mir die Zähne und bin zu viel auf Social Media. Ich zwinge mich zum Spazierengehen. Finde ein Renaissanceschlösschen mittelmäßig spannend und eine Rokokokirche auch nicht gerade berauschend. Stehe lange an der offenen Tür und kann nicht reingehen. Heute ist ein Tag, an dem ich Heiligenstatuen und Kruzifixe extra gruselig finde. Wo ich keine gefolterten Menschen, nicht mal aus Holz, sehen will, mir allein der Gedanke an diese Gewalt ein Gefühl von Ameisen auf der Haut gibt. Es überall zwickt, wenn ich Jesus da hängen sehe. Dass ich mich beobachtet fühlen würde, da drinnen. Später mache ich lustlos drei Fotos von einem rostigen Kriegerdenkmal, um mir beweisen zu können, dass ich draußen war. Ich spucke von einer Brücke in den Bach und frage mich, wie viele Preise, wie viele Stipendien und Verlagsanrufe ich bekommen muss, bis ich auch dann finde, dass ich sie verdiene, wenn meine Regel in ein paar Tagen kommt. 

Donnerstag, 3. Februar 2022

KURGARTEN I

Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall. 

Lisa-Viktoria Niederberger



Sagari

Bäume, Misteln, Krähen. Ich mag meine Aussicht. Ich kann vom Schreibtisch in den Kurpark sehen. Im Kurpark gehen zwei Mädchen mit Pferden spazieren, wie Hunde führen sie sie an der Leine. Wenn die Pferde wiehern, klingt es nach Panik, nach Stress. Das Wiehern kommt aus dem Nebel, ich muss an die Sagari denken, Pferdekopfgeister der japanischen Folklore. Wenn ein Pferd auf der Straße stirbt, wenn es liegen gelassen wird, um dort zu verwesen, dann kann es sein, dass sich die Pferdeseele in den Ästen der Bäume verfängt. Ab dann erschreckt der Pferdekopfgeist Wandernde, in dem er sich aus Baumkronen fallen lässt und laut schreit, seine Opfer vor Schreck lähmend. Es wiehert wieder vor meinem Fenster, ich verschütte Tee. Es wiehert wieder vor meinem Fenster, und ich weiß, ich werde im Nebel hier nicht spazieren gehen können. 


Schnittblumen

Zuerst Fair Trade Rosen, jetzt Tulpen. 

Beide Sträuße vom Spar, beide Sträuße rot und gelb.

Räucherstäbchen und Duftkerzen im Frauenarbeitszimmer. 

Farbstifte. Haftnotizzettel in vier Neonfarben. Disney-Piano-Medleys zum Schreiben.

Farblich sortierte, nummerierte Notizen: weibliche Pedanterie.

Frauenthemen:

Abtreibung und Trennung Ü35 (gelb)

Missbrauch, Bindungsprobleme, undiagnostizierter Autismus (orange).

Prekariat (grün)

Sexualisierte Gewalt, Rassismus (pink)

Ich bastle Motivationssprüche. Erinnerungen an mich selbst. Mahnungen.

Schokolade, Marillenmarmeladebrote und zum Durchschnaufen an den Blumen riechen. 


X

Dort wo der Kurpark aufhört, und der Wald anfängt, treffe ich eine traurige Frau. Ich habe an einem Bach drei hohe, alte Eichen entdeckt. Totgeweihte Eichen: sie tragen ein neonpinkes X auf ihrer Rinde. Der einzige Farbklecks in der monochromen Regenwelt. Die traurige Frau sieht mich lange an, bevor ich sie bemerke und meine Kopfhörer abnehme. „Ihnen gefallen die Bäume“, sagt sie. Ich nicke. „Mögen Sie Misteln auch, hier haben alle Bäume so viele Misteln.“ Ihre Traurigkeit, eine unsichtbare dunkelgraue Wolke rund um sie. „Sie sind so jung, und trotzdem schon da“, sagt die traurige Frau. „Wie? Ich?“ „Darf ich Sie fragen, was Sie haben?“ Ich will ihr nicht sagen, dass ich kein Kurgast bin. „Mich macht manchmal alles so traurig, dass ich mich nicht mehr bewegen kann“, sage ich. „Das kenne ich. Wollen Sie etwas sehen?“ Ich nicke. Sie hält mir eine Schlüsselblume entgegen. Hellgelbe Blüten, frischgrüne Blätter, ein Wurzelstock voller Erdbröckchen, eine dreckige Hand. „Ich hab sie ausreißen müssen. Himmelschlüssel im Januar, das ist ein übler Vorbote. Die haben wegmüssen.“ Mir fällt dazu nichts Positives ein. 




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von Corinna Antelmann Schreibend tätig zu sein, kann vielerlei bedeuten: Kommendes vorwegnehmen. Vergangenes beschreiben. Bekanntes neu zu...