Donnerstag, 12. Dezember 2019

Präsentation der Porträt-Rampe über Walter Kohl

Es war eine unschöne, nicht zu verhindernde Koinzidenz, dass die Präsentation im Stifterhaus exakt zur selben Zeit stattfand wie "Lyrik & Jazz" im Theater Phönix. Dass beide Veranstaltungen gut besucht waren, tröstet jene, die nicht kommen konnten. Fakt ist, dass Walter Kohl nicht nur wegen seiner jahrelangen Arbeit als "Finanzminister" der GAV OÖ sehr, sehr wichtig ist.


Walter Kohl im Gespräch mit Claudia Lehner


Im Duett mit Vaheen Said


Fotos: Helmut Rizy

Partner-Tauschhandlung. Über René Freunds "Swinging Bells"

Rezension von Dominika Meindl (Falter 50/2019)

Weihnachten bietet ein weites Feld des Scheiterns, und Weihnachtsliteratur sowieso. Das Fest, das René Freund in „Swinging Bell“ beschreibt, geht ziemlich in die Hose – sein Roman jedoch nicht. Und das, obwohl man den vermeintlichen Twist bald errät: Die spießigen Enddreißiger Sandra und Thomas wollen endlich ohne Herkunftsfamilie feiern, „das schönste Weihnachten unseres Lebens“! Stört nur, dass die Online-Käufer das auf einem Online-Portal angebotene Doppelbett ausgerechnet heute, am Heiligen Abend abholen wollen. Als es läutet, stehen Elisabeth und Leo vor der Tür, die ihre Beziehung über Partnertausch-Plattformen beleben will und sich über die einschlägige Einladung ausgerechnet am Heiligen Abend wundern. Bald sitzen die vier befangen und über die Verwechslung aufgeklärt in der Wohnlandschaft. Es folgt keine seichte Verwechslungskomödie, sondern ein tatsächlich herzerwärmendes, vifes Kammerspiel über die Irrungen und Wirrungen zeitgenössischer Heterosexualität. Das muss nicht überraschen, Freund beherrscht sein Handwerk bestens.


René Freund: Swinging Bells. Roman. Deuticke, 192 S., 18,50 €
Freund und Meindl sind gut befreundet - Urteile über die Objektivität der Rezension können Sie gerne in den Kommentarteil schreiben!

Montag, 9. Dezember 2019

Sich der Wendungen entwinden.

Zu Herbert Christian Stögers Prosaarbeit „Entwendungen“


„Motto. Fliehe inaudite und insolente Wörter wie Skopeln.“
Georg Christoph Lichtenberg


Mircea Cărtărescu hat jüngst in einem Interview bekannt, er wisse eigentlich gar nicht wie er zu seinen Texten komme; ein solcher schriebe sich quasi als Aufrechterhaltung einer einmal begonnenen Notwendigkeit fort, ohne unbedingt strenger Durchdachtheit zu folgen. Oder so ähnlich. Die Surrealisten haben das automatische Schreiben ersonnen, Spiritisten brüten über dem Ouija und Hermann Burger hat bekanntlich die Kleist-Wendung von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden aufs Schreiben übertragen. Es gibt hundert Wege nach Rom zu gelangen [mindestens!] und wenigstens ebenso viele zu einem Textkonvolut für ein Buch zu kommen. Da mögen die Pharisäer noch so maulen, es wäre eh schon alles geschrieben worden. Die haben von allem sowieso nix gelesen. Und wenn schon.

Wenn ohnehin schon alles geschrieben worden ist – was läge dann näher als das bereits Geschriebene umzuschreiben und es als ausgewiesene Neuausfertigung zu vertreiben? Man braucht nicht gleich an Kathy Acker zu denken, aber schaden tut es nicht, wieder einmal „Die Geschichte der Don Quichotte“ zur Hand zu nehmen.

Im Moment bleibt freilich anderes zu tun.

Das Buch „Entwendungen“ von Herbert Christian Stöger ist zu lesen. Es kommt im sorgfältig gesetzten Flattersatz daher, was hoffentlich nicht nur Puristen an Christoph Ransmayr denken lässt. Fadengebunden ist es auch und mit eingewirkter Kunstarbeit [Bilder unter dem Titel „verwischungen“] des Autors bestückt, der im Konterfei übrigens wie im Fotoautomaten einer Geisterbahn gestellt wirkt. [Oder im Stroboskoplicht beim Casting fürs Blair Witch-Projekt verschreckt, blafft da jemand, die nicht zitiert werden will, einem über die Schulter schauend.] Freilich: Bloß aussehen kann jeder, Künstler – nicht nur Friseure – haben etwas darzustellen. [Das notorische Tante Jolesch-Zitat hier aufzufahren, unterbleibt!]

Auch HC Stöger arbeitet mit Vorgefundenem. Behauptet er jedenfalls, bzw. der Umschlagtext. Dennoch hat man hier, gottlob, keinen Found-Footage-Scheiß zu gewärtigen, der die Ideenlosigkeit so extensiv abfeiert, wie man sich weiland auf einem Berliner Rave, schnupftabakgestärkt, erging.
Der Methode liegt der Legende nach so manche exotische Namensgebung zugrunde [Beispiel: Ergründen Sie wie die Quarks zu ihrer Bezeichnung kamen!]: Man greift zu einem Wörterbuch, schlägt es auf und liest das erstbeste Wort, auf das man stößt, das einen verstört, weil man es nicht versteht, weil man es nicht in seinem Wortschatz mit sich führt [wie gesammelte Kastanien oder saure Drops] und zu diesem Wort einen oder zwei oder sämtliche der angeführten Beispielsätze. Daraus lässt sich ein Fließtext zimmern, der vielleicht keine Welterklärung vollbringen mag, aber wem gelingt die schon verfänglich nach Lessing [Theodor]?
Stöger arbeitet sich an Füllseln und Floskeln ab, kapitelweise. Auch das wird begrüßt. [„Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige“, statuierte Voltaire.] Das Ergebnis ist durchaus mit der einen oder anderen Boutade [hier in der Wortbedeutung des Englischen wisecrack] durchsetzt, wie: „Worauf es ankommt, weiß man schließlich erst später, wenn man es vorher drauf ankommen gelassen hat.“(S. 59) Aber auch: „Somit schien der Abend gerettet, auch wenn sich niemand in Not befand.“(S. 55)
Den vierundzwanzig Kapiteln titelmäßig vorangestellten Wörtern (von A wie aber… bis Z wie zwischen) werden Sätze angarniert, so wie die Keramikerin mit dem Henkel (und anderem Dekor) am über der Töpferscheibe aus einem Tonklumpen zur Kanne geformten [durch Brandhärtung verwendbaren] Gebrauchsgegenstand verfährt. Das so Versponnene lässt einen ein Eigenes an Assoziationen anstellen. Und souffliert dem Schwadronierenden folgende Fragen:

Ist das Buch, das der Leser [er ist hier wirklich einer] liest, ein anderes als das es der Autor [er ist wirklich ein -tor und keine -torin] schrieb, das wiederum ein anderes ist, das Umschlag- wie Apropos-Text ankündigen? Wer beginnt, wer vollendet den Text? Nach Roger Willemsen [selbstredend frei nach Walter Benjamin] ist der Text „nicht das Hervorgebrachte, sondern das Hervorbringende.“ „Siehe“, sprach die Dozentin da in ihrem Kurs [eigentl.: Extracurriculum], „wir haben es also mit einer Evokation zu tun. Verfasset mir darüber eine Proseminararbeit, die mich ergreift!“

Es gibt im Wesentlichen zweierlei Arten von Lektüre: die, auf welche man sich einlässt und jene, die einen vereinnahmt, vulgo: kassiert. [Von der dritten soll hier gleich gar keine Rede sein!]
Stögers Arbeit ist eindeutig ersteres, ihrer muss man sich nicht erwehren. Schlägt man das Buch auf, schlägt man es nicht gleich wieder zu, um es vor sich auf den Boden zu werfen und darauf herumzutrampeln, weil es partout nicht unter jenes Tischbein passen will, das durch eine Nuance Abstand zum Parkett die Wackeligkeit des Ganzen verschuldet.
Zuweilen hat man an Büchern zu kiefeln, die mühsam eine Handlung nachzeichnen, die der Klappentext spoilermäßig kompiliert. Sie machen einen nicht happig [ugs. für: begierig].
Dem Himmel sei Dank ist aber auch ein Schreiben gängig, über das zusammenfassend sich gar nicht viel Nichtssagendes sagen und also auch nicht herziehen lässt. Autorinnen/Autoren dieser „Gattung“ können über die Frage „Worüber schreiben Sie gerade?“ nur bass erstaunt sein, handelt es sich doch um eine überflüssige Frage jener Kategorie, die sich von selbst beantwortet. [Wie etwa: „War der trabende Lichtfuchs von falbem Fell?“] Dass HC Stöger in der annual mitkolportierten Literaturbeilage unseres oö. Landesintelligenzblattes bislang noch nie gefragt worden ist, woran er als Schreibianer gerade arbeite, liegt wohl weniger in der Ermangelung eines [notabene: sozial konstruierten] Bekanntheitsgrades, als an seiner überhaupt nicht herablassenden Vornehmheit, sich Derartiges zu verbitten. [Die ultimative Antwort erteilte bekanntlich Edna O’Brien: „Wir Schriftsteller arbeiten immer, wir hören niemals auf.“ – Vgl. auch Mladen Stilinović’ Fotoarbeit aus 1978: „Artist at Work“ (Es zeigt einen zerknitterten Freischaffenden – üblicher Verdächtigung überführt – im Halbschlaf auf dem Sofa.)]   
 
Sartre stellte (literarisches) Schreiben einmal schnoddrig als das Gruppieren von Wörtern dar. [Natürlich nicht in Les mots, dessen zweites Kapitel Écrire, wie jeder weiß, mit den Worten Charles Schweitzer ne s’ était jamais pris pour un écrivain… anhebt.] Was sich als Plattitüde ausnimmt, erweist sich bei tieferer Überlegung als verschrobene Ungenauigkeit. Das Arrangement der Worte hat, um Verständlichkeit zu wahren, einer Struktur zu folgen. Alles andere wäre Gebrabbel.
Stöger geht es nicht um das Erzeugen von Unverständlichkeit, der die Deutung des Zinnobers als elitistischer Hokus zugrunde läge, wie es die verschworene Gemeinschaft der Experimentalklamüserer betreibt. [Hrdlicka polterte einst, in der Bildenden Kunst wäre die Neutronenbombe längst gezündet worden. Dieser Eindruck hätte sich auch in der Konfrontation mit so mancher gewerblicher Schreiberei aufdrängen können.]
Stögers Buch überreicht dem Leser und der Leserin einen Flor aus Ermunterungen, Querverweisen und – okay, ein bisschen abgeschmackt, es so platt zu sagen – guter Laune. So erfährt man etwa im zweiten Kapitel wohin es führen kann in fremder Wohnung Ordnung zu machen, man wähnt sich im zweiten in ein Ror Wolf-Szenario versetzt, erfährt im vierten über die Fatalität von Paarbegegnungen und Edmond Jabès hätte am vierzehnten gewiss seine Freude gehabt. Kalauer kommen auch nicht zu kurz: „…zur T[afel] laden kann ein jeder, auf der T. landen nicht.“(S. 119)

Bekanntlich hat Foucault [in „Was ist ein Autor?“] versucht seinen Adepten einzubläuen, das Schreiben sei ein Zeichenspiel, an das sich aufzuhängen weniger am bedeutenden Inhalt, denn am Wesen des Bedeutenden Sinn machte. Man möchte solche Verschwurbelung schlicht mit einem erikativen Seufzer <Üchz!> abtun, da man sich Pappenheimer ja Gefahr laufen wähnt, hier bedeutend als bedeutet zu lesen. Schon erwächst aus einem Missverständnis eine komplett andere Auffassung des Behaupteten. [Zugegeben: Mithilfe von Missverständnissen witzig sein zu wollen – eine gar arg billige Finte des verblichenen Vaudevilles, vulgo: der Kolportageklamotte.]
Der/die Lesende, der/die sich verliest – erläge er/sie der Entsprechung von Jacques Rancières Unvernehmen [im französischen Original: mésentente]? Naja, in diesem Sinne wüsste der Leser/die Leserin sich seines/ihres Lapsus eben nicht eingedenk und fände im Austausch mit dem Autor über ein und dasselbe sich von eigener Verirrung bestrickt. Dieser Verranntheit kommt eine gestreute Zwischenbemerkung gerade recht. Ist denn am Ende [oder in der Mitte] diese Erkenntnis: „Ihm entglitt völlig der Zusammenhang“(S. 79) programmatisch zu verstehen?
Wollen wir es an dieser Stelle mit dem Wahlspruch der Ritter des Hosenbandordens halten [Honi soit qui mal y pense] und uns folgender Direktive anempfehlen: „Wir springen zurück in den vergessenen Traum.“(S. 133)

Und wie ist nun aus vorliegender Rezension, die, um es explizit in Stein zu meißeln, eine dringende Empfehlung resümiert, elegant und Ruf wahrend wieder herauszufinden? Mit einem Vademekum. Mit Wigald Bonings zeitlos bestechender Aufforderung: „¡Vamos! ¡Kaufos!“

[Bernhard Hatmanstorfer]


Herbert Christian Stöger: Entwendungen
Wien, edition fabrik.transit, 2018
ISBN 978-3-903267-01-5 
Buchhandelspreis: Euro 15.- 







herbert christian stöger
1968 in Linz geboren und lebt dort. Studierte an der Kunstuni Linz (Diplom) und an der UdK Berlin. Ausstellung und Publikationen seit 1996. Diverse Preise und Stipen­dien für Kunst und Literatur. Kollaborationen mit Comic-Zeich­ner­Innen für diverse Projekte, Animationen und Publikationen.

Montag, 2. Dezember 2019

Offener Brief an Landeshauptmann Stelzer: Die GAV OÖ ist linksextrem?!

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!


Nun haben wir uns offenbar – ohne es selbst zu bemerken – radikalisiert: Laut oberösterreichischem Handlungskonzept gegen Extremismus müssen wir OrganisatorInnen von Donnerstags-Demos unter dem Kapitel „Linksradikalismus & Linksextremismus“ behandelt werden. Darin sehen wir einen Affront. Wer ist dafür verantwortlich, uns auf diese Weise zu kategorisieren? Das grenzt an Ruf- und Kreditschädigung, zumal im Verfassungsschutzbericht des BVT 2018 der Begriff „Linksextremismus“ Positionen bezeichnet, „die mit Gewaltakzeptanz und -befürwortung verbunden sind und deren Anhänger für die Durchsetzung ihrer Ideologien und in der Auseinandersetzung mit anderen politischen Weltanschauungen bewusst Gesetzesbrüche einkalkulieren."
Wir, die größte Vereinigung von SchriftstellerInnen in Oberösterreich, weisen derlei Haltungen schärfstens zurück. Wir stehen für sozialen Zusammenhalt und setzen uns gegen Rechtsextremismus ein. Darauf sollte sich auch die Landesregierung konzentrieren, da selbst das Handlungskonzept beweist, dass hier Gefahr droht. Die Rede vom „Extremismus von beiden Seiten“ soll lediglich verdecken, dass Oberösterreich beim Anstieg rechtsextremistischer Straftaten Spitzenreiter ist.
Eine Regierung, die ernsthaft ihre friedlich für Meinungsfreiheit eintretende Bevölkerung als linksextrem einschätzt, müsste sich die Frage stellen lassen, ob nicht sie selbst es ist, die sich radikalisiert hat. Wir möchten nicht glauben, dass Sie und die oberösterreichische Landesregierung die GAV OÖ und alle KollegInnen von der Initiative „In Linz ist Donnerstag“ als GewaltbefürworterInnen erachten. Unsere konstruktiven Gespräche miteinander haben einen anderen Eindruck erweckt.
Veranlassen Sie daher bitte umgehend die Neuformulierung dieses Kapitels. Wir sind stolz, Teil der Initiative zu sein und erinnern Sie an deren Prinzipien erinnern: „Für eine lebendige Demokratie. Für eine solidarische Gesellschaft. Für einen achtsamen Umgang mit Ressourcen. Wir fordern Menschlichkeit in Politik und Gesellschaft!“


Mit freundlichen Grüßen im Namen der Grazer Autorinnen Autorenversammlung:
Dominika Meindl



Stimmen unserer Mitglieder


Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!
Ich gestehe, dass ich als Hauptverantwortlicher für die GAV OÖ das Demo-Fest am 12. September unter dem Motto „Kultur für mehr Demokratie“ vorbereitet und organisiert habe. Bin ich in Ihren Augen deshalb (schon) linksradikal? Mit Erschütterung habe ich mich in Ihrer „Handlungsanweisung gegen Extremismus“ wiedergefunden.
Ich glaube, dass es die verdammte Schuldigkeit und Pflicht jedes demokratisch denkenden Menschen in unserem Land ist, aufzustehen gegen jegliche Tendenz zum Radikalismus, für den nun einmal Ihr Regierungspartner FPÖ steht?
Mit freundlichen Grüßen, Kurt Mitterndorfer, GAV OÖ


Ist denn das Eintreten für Menschenrechte als "linksradikal" einzustufen? Dann wäre ja auch die UNO "linksradikal", oder der Papst!
Richard Wall


Sollten die Leute nach den jüngsten Skandalen nicht etwas leisertreten, anstatt auf die einzuschlagen, die bereits vorher gewarnt haben?
Lisa Spalt


Die Zuschreibung dient offenbar dazu, eine – weitere – Begriffsverschiebung im Zusammenhang mit "links" zu etablieren und natürlich auch dazu, ein künstliches Gegengewicht zu den wesentlich präsenteren (und gefährlicheren) Rechtsradikalen herzustellen und dabei Ausgewogenheit vorzutäuschen.
Der Sinn dieser Zuordnung liegt offenbar darin, die Proteste gegen Türkis oder Schwarz-Blau in ein schmutziges Eck zu rücken, NestbeschmutzerInnen, und noch bedrohlicher, die ohnedies doch sehr harmlose Gegenbewegung zu kriminalisieren und vielleicht auch einen Spaltpilz zu pflanzen.
Erich Klinger




Ich will nicht vergessen, welche Leiden und Opfer abertausende ArbeiterInnen für den Erhalt ihrer Rechte erbracht haben. Sie waren links. Auch ich bekenne mich dazu, will die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung nicht am Altar der neuen, und offensichtlich auch von Ihnen vertretenen Bourgeoisie und Neoliberalen opfern.
Herr Landeshauptmann, nehmen Sie die TeilnehmerInnen der Donnerstagdemos, deren Organisatoren und andere, für Demokratie eintretende Gruppierungen aus der Liste, die Sie fälschlicherweise als linksextrem bezeichnen.
Mit freundlichen Grüßen, Luis Stabauer


Ist man denn wirklich schon linksradikal, wenn man die politischen Konzepte eines HC Strache und Herbert Kickl aus tiefstem Herzen verabscheut?
Ist man wirklich schon linksradikal, wenn man gegen allwöchtentliche ‘Einzelfälle’ allergisch ist?
Ist man wirklich schon linksradikal, wenn man gegen die Relativierung fundamentaler Menschenrechte protestiert?
Ist man wirklich schon linksradikal, wenn man Sozialhilfekürzungen bei den Ärmsten der Armen als unmenschlich empfindet?
Dass die FPÖ versucht, jede Kritik an ihrer nationalen Gesinnunspolitik als ‘linksradikal’ abzutun, ist verständlich.
Aber Sie als Landeshauptmann sollten da doch etwas genauer differenzieren.
So wie rechtskonservative Politik nicht gleichbedeutend ist mit rechtsradikaler Politik, ist auch linker Protest nicht gleichbedeutend mit linksradikalem Protest.

Freundliche Grüße, Dietmar Füssel


Samstag, 30. November 2019

Waltraud Seidlhofer: "wie ein fließen die stadt" Buchpräsentation und Lesung


Lieblingsmitglieder? Würden wir nie offiziell verkünden, wir sind ja kein neoliberaler Wirtschaftsbetrieb, der Mitarbeiter durch Motivation schindet! Aber zwänge man uns dazu, könnten wir uns recht wahrscheinlich auf Waltraud Seidlhofer einigen. 
Das wäre das Mindeste, nicht nur angesichts ihres runden Geburtstages! 


Am Donnerstag präsentierte sie gemeinsam mit ihrem Verleger Ralph Klever ihre jüngste Publikation "wie ein fließen die stadt". Das Stifterhaus war - wenig überraschend - mehr als gut besucht. 


Besser als Blumen ist zwar immer eine Rezension (s.u.), geschadet haben die Orchideen aber offensichtlich auch nicht.



Die Rezension des Buches im Falter (Nov. 2019): 

Waltraud Seidlhofer, die Ende November 80 wird, ist ein stiller Fixstern der österreichischen Literatur. In „wie ein fliessen die stadt“ nimmt sie sich ganz zurück, ein „Ich“ kommt höchstens in Zitaten von Adorno oder Benjamin vor. Sie wechselt zwischen der Beschreibung dessen, was sich im Blick aus einem Chicagoer Hotelzimmer fängt, und architektonischen Reflexionen über das Leben in Riesenstädten. Welche Glaspaläste bauen die Superreichen, in welchen Schachteln hausen die Arbeiter? Wie organisieren moderne Nomaden ihr Dasein, was bewahren sie in den boomenden self-stores? Seidlhofers literarische Erkundungen drehen sich um Stadtentwicklung, Ruinen oder Tiere im urbanen Naturraum. Ihr Schreiben ist Prosa und Lyrik, Essay und Gedicht in einem. Sprache, Ton und Takt ähneln dem bedächtigen Flanieren einer älteren Dame durch ihre Umgebung: „feine striche aus bewegung und zeit.“

Waltraud Seidlhofer: wie ein fliessen die stadt. Klever Verlag, 150 S., 18 €

Montag, 28. Oktober 2019

Aggregat eines Vielgestaltigen
Betrachtungen zu Anestis Logothetis Werk im Rahmen der Veranstaltungsreihe "LOGOtheSEN".

Zum 25. Todestag des Komponisten und Künstlers Anestis Logothetis [1921-1994] initierte Herbert Christian Stöger in Zusammenarbeit mit Günter Köllemann unter dem Titel "LOGOtheSEN" eine bemerkenswerte Veranstaltungsreihe, die eine Annäherung an das umfangreiche Schaffen eines Künstlers ist, der sich nicht leicht einer "Schublade" zuordnen lässt.

In zwei Veranstaltungen im Theater Phönix, setzten sich 8 AutorInnen der GAV OOE [Anestis Logothetis war 1973 Gründungsmitglied der GAV]  mit dem Künstler selbst oder mit Werken des Künstlers, sowohl der graphischen Notation als auch den Tonbandkompositionen, auseinander. [Dies sind Angela Flam,
Angelika Ganser. Foto: WallyRe
Angelika Ganser, Herbert Christian Stöger, Peter Hodina, Wally Rettenbacher, Waltraud Seidlhofer, Robert Stähr und Richard Wall sowie der Klangkünstler Stefan Tiefengraber].

Die Ergebnisse dieser literarischen Auseinandersetzungen und Annäherungen sind im Oktober 2019 in einer Publikation im Schundheft [ Unartproduktion Dornbirn; Heft Nr. 28-2019] unter dem Titel "LOGOtheSEN" erschienen. In einer anschließenden Ausstellung im Oberösterreichischen Kunstverein, die noch bis 13. November 2019 zu sehen ist, werden  u.a. Siebdrucke von Partituren, die Logothetis im Eigenverlag veröffentlicht hat, sowie auch Leihgaben der Künstlervereinigung MAERZ gezeigt [Anestis Logothetis war ab 1980 auch Mitglied der Künstlervereinigung MAERZ].


Günter Köllemann. Foto: WallyRe
Logothetis´ Notationsgrafiken erscheinen auf den ersten Blick wie Zeichen und Linien, die sich gebündelt oder strahlenförmig über ein Blatt Papier ausweiten und sich vom 5-Linien-System abheben. Richard Wall beschreibt die Wirkung dieses Abhebens vom 5-Linien-System in seinem Beitrag in den LOGOtheSEN so: "...Nur in der Synthese ist zu erreichen ........eine Korrespondenz zwischen Strich & optischem Klang......"[1].

Neben dem Komponieren arbeitete Logothetis immer wieder mit Tonbändern.  Im ersten österreichischen Tonbandstück "FANTASMATA 60"[2], das 1959/60 entstand, setzt er die Akzente bewusst aufs "klangliche und emotional assoziative"[3]. Das Begriffliche - obwohl vorhanden - wird durch die Klanglichkeit überdeckt und nur durch stark aktives Hineinhören wahrgenommen"[4]. "Besonders erwähnte er in seiner "Autobiographie"", so schreibt Waltraud Seidlhofer in den LOGOtheSEN, " die Begegnungen mit John Cage und Earle Brown"[5]. John Cage hat Logothetis eingeladen, in der Sammlung "Notations", die er mittels dem Zufallsverfahren des chinesischen I Ging zusammenstellte,  eine Partitur zu veröffentlichen. Der Komponist Earle Brown definiert, was Logothetis wohl auch inspiriert
Theater Phönix Beisl. Foto: WallyRe
hat: "Zeit ist die eigentliche Dimension, in der die Musik existiert, wenn sie aufgeführt wird, sie ist von Natur aus ein unendlich teilbares Kontinuum. Schall kann ....... in dieser Dimension beginnen oder enden."
[6]

Links:
Das aktuelle Schundheft ist bei www.Unartproduktion.at zu erhalten:
 
WallyRe 10/19


[1] vgl. Schundheft. Richard Wall S. 20
[2] vgl. openmusic.at: "Phantasmata & Meditation (1960/61, 19'58, Erstes österreichisches Tonbandstück, Première 1963 zu Hermann Nitschs erster öffentlichen Aktion [Aktion Perinetgasse - Die Blutorgel], Galerie Lagergasse)"
[3] vgl. Krones [Hg], Klangbild und Bildklang, S. 63.
[4] vgl. Krones s. 63
[5] vgl. Schundheft. Waltraud Seidlhofer S. 38 [Waltraud Seidlhofer hat Logothetis persönlich getroffen, u.a. bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt, wo sie Teilnehmerin war und Earle Brown von 1957-1965 Dozent]
[6] vgl. http://www.earle-brown.org/works/view/12

Montag, 21. Oktober 2019

Literaturaustausch Sachsen-Oberösterreich geht zu Ende

Nach elf Jahren Austausch Sachsen-Oberösterreich zwischen dem Sächsischen AutorInnen Verband und der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung waren nun, vorerst zum letzten Mal, die Sachsen zu Gast im Stifterhaus Linz.

Bettine Reichelt und Francis Mohr zu Gast lasen aus ihren Texten und erlaubten im Gespräch einen Einblick in die Veränderungen, wie sie seit der Wende erlebbar geworden sind. Oder seit der „revolutionären Erneuerung“, wie Christa Wolf es in ihrer Rede auf dem Alexanderplatz auszudrücken versuchte, da es um genutzte Möglichkeiten gehen sollte und nicht um das Wegducken der Crew während einer Totalumkehr, weil der Wind sich gedreht habe (vergl. Auf dem Weg nach Tabou, S. 13). Wurden diesen Möglichkeiten je eine Chance eingeräumt? Was können wir rückblickend sehen, erfahren, darüber schreiben?

Die beiden AutorInnen aus Sachsen formulierten es so, dass die Sprache konkreter habe werden können, seit es nicht länger nötig gewesen sei, zwischen den Zeilen lesen zu müssen. Deutlich wurde in diesem Zusammenhang dennoch, dass es gerade in der DDR ein ausgesprochen aufmerksames Publikum gab (auch das ist nachzulesen bei Christa Wolf, die rückblickend konstatiert, das Publikum sei nirgend zahlreicher, anspruchsvoller, fordernder und dankbarer gewesen als in der DDR). Und auch die Autorin Elisabeth Strasser, die dieses Jahr Oberösterreich in Leipzig vertreten hat, fand dort ein zugewandtes Publikum, wie sie ergänzte.

Im Stifterhaus jedoch herrschte ebenfalls eine aufmerksame Bereitschaft zum Zuhören, Fragen und Sich-einlassen auf die doch sehr verschiedenen Zugänge, mit denen die vorgestellten Texte erstellt wurden: "Der Stoff liegt auf der Straße, man muss sich nur krümmen", meint Francis Mohr und bedient sich am reichhaltigen Alltag, während Bettine Reichelt die Bibel als unerschöpflichen Pool sieht, den kriminellen Energien des Menschen nachzuspüren, die durch alle Systeme hindurch offenbar gleichbleibend konstant bleiben. Als des Menschen Natur?

Danke für den Abend und die sowohl sprachliche als auch inhaltliche Rückkehr in die Ostberliner Gartenlaube meiner Kindheit. Damals verspürte ich neben der Hoffnung auf Wiedervereinigung, die mir als utopisch abgetan wurde, die unerschütterliche Hoffnung auf eine Gesellschaft, die eine humanistische Tradition und die Freiheit des Menschen in sich vereint.

Ich hoffe, diese Utopie entpuppt sich eines Tages als ebenso wenig reine Utopie wie es der Mauerfall gewesen ist und die menschliche Natur widerlegt ihre altherbebrachten Zuschreibungen innerhalb der nächsten 2000 Jahre.

https://corinna-antelmann.com/sachsen-oberoesterreich-literaturaustausch/

Selbst-Einlagerung, Stadt-Tiere und feine Striche. Waltraud Seidlhofers "wie ein fliessen die stadt"

Waltraud Seidlhofer, ein still leuchtender Fixstern österreichischer Literatur, macht sich mit ihrem neuen Buch selbst das beste Geschenk zum 80. Geburtstag.

Rezension: Dominika Meindl

Es ist keine leichte Übung, Seidlhofer ins Rampenlicht zu stellen, insbesondere zu ihrem Jubiläum am 26. November. Ihre Bescheidenheit steht in exakt umgekehrtem Verhältnis zur Relevanz ihrer Arbeit. Und die Lektüre ihrer neuesten Publikation „wie ein fliessen die stadt“ (Klever Verlag) zeigt, wie aktuell ihr Schreiben ist, wie nahe es der Gegenwart ist (warum sollte das auch anders sein?).


 Waltraud Seidlhofer bei "Zur Lage" im Posthof, 2017. Foto: Meindl
 
Ihre Prosastücke gehen von der Arbeit an einem Projekt im Architekturzentrum von Chicago aus, sie drehen sich um Strukturen einer Megacity, um Stadtentwicklung, Ruinen oder um Tiere im urbanen Naturraum. Wie stets denkt Seidlhofer bei ihren literarischen Erkundungen in offenen Dialektiken von Stadt und Natur, Raum und Zeit; auf alle Phänomene lenkt sie denselben scharfen Blick. Ihr Schreiben ist Prosa, Lyrik und Essay in einem. Sprache, Ton und Takt sind ganz eigentümlich, sie ähneln dem bedächtigen Flanieren einer älteren Dame durch ihre Umgebung: „feine striche aus bewegung und zeit.“
Seidlhofer nimmt sich auch im Text ganz zurück, ein „Ich“ kommt höchstens in Zitaten von Adorno, Butor oder Benjamin vor. Seite für Seite schreitet sie voran, wechselt zwischen der Beschreibung dessen, was sich im Blick aus dem Hotelzimmer fängt, und globalen architektonischen Reflexionen über den Entwurf von Riesenstädten und das Leben darin. Welche Glaspaläste werden den Reichen gebaut, in welchen Schachteln müssen die ArbeiterInnen oder Flüchtlinge hausen? Wie organisieren moderne Nomaden ihr Dasein, was bewahren sie in den boomenden self-stores? In den Vorstädten weiß sie auch die Eintönigkeit zu interessieren. Besonders fasziniert sie die verlassene Stadt, etwa nach einem Atomunfall oder nach einer Naturkatastrophe, wie „die restlinien einer industriearchitektur, die langsam und stetig in die oekologie eingepasst wird“.



Waltraud Seidlhofer: wie ein fliessen die stadt. Klever Verlag, 150 S., 18 €
Am 28. November liest sie bei der Verlagspräsentation im Stifterhaus aus dem Buch. 
Hinter dieser Rezension: Dominika Meindl ist so wie Waltraud Seidlhofer Mitglied der GAV OÖ und schätzt die Autorin auch persönlich. Es wäre der Rezensentin eine Freude, überprüften LeserInnen ihre Rezension durch eigene Lektüre auf deren Objektivität hin. Kommentare sind willkommen!

Samstag, 12. Oktober 2019

Literatur im Flößerhaus

Mit dem Herbst setzt der Reigen an Literaturveranstaltungen wieder ein. Die Saison begann fulminant mit der Herbstlesung im Flößerhaus in Wels/Thalheim am 27. September 2019.

Johann Kleemayr initiierte 2018 in engagierter Eigeninitiative eine Literaturreihe in seinem Haus nahe der Traun. Drei Lesungen mit jeweils drei Autorinnen und Autoren fanden bereits statt. Alle, wie auch die Herbstlesung, mit großem Publikumsinteresse: alle Plätze besetzt.

Waltraud Seidlhofer begann den Abend mit Lyrik und Prosa. Bilder entstanden beim Zuhören ihrer Texte, in denen es ihr um genaues Beschreiben geht. Eindrücklich etwa Bilder von Hochhäusern in den USA mit Swimmingpools auf den Dächern, die bei Erdbeben überschwappen. Aus ihren zahlreichen Reisen schöpft sie ihre Ideen, erzählte sie im Kurzinterview, das Stefan Reiser mit den Auftretenden führte, und als Gründungsmitglied der GAV sprach sie auch über deren Entstehungshintergründe.

Mit Rudi Habringer und Stefan Reiser traten zwei großartige Vortragskünstler auf.
Stefan Reiser, Schöpfer von witzig-geistreichen Dramoletten, ließ etwa einen Regisseur zu seinem Ensemble sprechen und nahm dabei Neid und Eifersüchteleien am Theater genauso satirisch aufs Korn wie das vordergründige Sprechen über Teamgeist und Zusammenhalt.
Rudi Habringer, literarischer und musikalischer Allround-Künstler, der das Spektrum vom Romanschriftsteller über den Kabarettisten bis zum Jazz-Musiker abdeckt, imaginierte u.a. eine Umfrage, wie Leute es mit dem Zweitbuch halten, und brachte dabei einen Studenten aus Afrika, einen Wiener Hausmeister, einen türkischstämmigen Jugendlichen und einen Kellner aus dem Mühlviertel in ihrer jeweiligen Sprache so lebensecht auf die Lesebühne, dass man sie wörtlich sprechen zu hören vermeinte.

Die Frage nach dem „Zweitbuch“, ließ das Problem des sekundären Analphabetismus und die Marginalisierung der Literatur im Schulunterricht ansprechen. Und die damit verbundene Idee eines „Landesliteraturschulwerks“, das vergleichbar dem Musikschulwerk Kinder und Jugendliche für Literatur beigeistern kann.

Interesse und Begeisterung für Literatur ist jedenfalls vorhanden, wie sich bei diesem gut besuchten Literaturabend wiederum zeigte. Literatur lesen ist immer gut, doch eine Life-Lesung macht die persönliche Begegnung mit Autorinnen und Autoren möglich. Eine Besonderheit im Flößerhaus: Das Buffet, selbst zubereitet von Sibylle Gandler, der Lebensgefährtin von Johann Kleemayr, im Anschluss an die Lesung bot einen stimmungsvollen Ausklang.

Johann Kleemayr über seine Initiative: „Wenn Begegnungen stattfinden, findet Literatur statt.“

Dies geschah allemal an diesem Abend.

Bericht: Elisabeth Strasser
Fotos: Johann Kleemayr


Montag, 7. Oktober 2019

Fehlprägungen der Liebe. Privat sind wir ganz anders

 

Anna Weidenholzers Roman „Finde einem Schwan ein Boot“ zeigt kraft Empathie, wie die kollektive Rechtsdrift vonstatten geht. Und beglückt trotz allem durch seinen menschenfreundlichen Witz.

Rezension: Dominika Meindl

Elisabeth und Peter sind seit fünf Jahren ein Paar. Es kriselt nicht, aber ob sich noch einmal fünf Jahre miteinander ausgehen? So nennt er sie unbeirrt „Prinzessin“, schenkt ihr wöchentlich Supermarktrosen und mansplaint unentwegt. „Irgendwann wirst du noch die Vorteile eines Handstaubsaugers entdecken“. Der Wetter- und Lokaljournalist ist nicht unsympathisch, aber Elisabeths leise Entfremdung ist nachvollziehbar.
Weidenholzer zeichnet ihre Figuren stets sehr fein und empathisch, nie schreibt sie über Hipster oder andere schicke Leute, nie über elitäre Tatmenschen. Ihren neune Roman erzählt sie aus der Perspektive Elisabeths, einer zurückhaltenden Beobachterin. Die Handlung spielt sich in Rückblenden während einer schlaflosen Nacht ab. Der Text ließe sich in diesem Zeitraum auch lesen; die Kapitel enden ungefähr im Viertelstundentakt.
„Schau, wie die Leben dort drüben gestapelt sind.“ Elisabeth ist wach und schaut hinaus in die Nacht, von ihrer Wohnung hinüber in die ihrer Freunde Karla und Heinz, mit denen das Paar viel Zeit im Café Maria verbringt. Karla hat den Bogen raus: „Ich mache weniger, denn dauert das Leben länger.“ Heinz, trinkfest und gesellig, versucht sich als Energetiker, nachdem er als Versicherungsvertreter nicht reüssiert hat. So wie Peter hat er den Drang, etwas darzustellen, beide wollen ihre Frauen stolz machen, sind aber ziemliche Würschtel (ohne dass Weidenholzer das allzu plakativ macht). Dementsprechend verlaufen ihre Karrieren. Peter nimmt das Angebot einer rechten Wochenzeitschrift an. Weil als Schauplatz des Romans Linz angenommen werden kann („es ist die Stadt, die noch nie das Meer gesehen hat und doch unablässig Wasser dorthin weiterschiebt“), darf man dabei an das oberösterreichische Gratis-Blatt „Wochenblick“ denken, in dem die ehemaligen FPÖ-Minister gerne inseriert haben und das laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als „Desinformationsprojekt am rechten Rand“ fungiert. Heinz bewirbt sich erfolgreich bei der Sicherheitswache. 
Elisabeth hat ein feines Radar für kleine Freundlichkeiten und skurrile Bilder. „Peter sagte: Du siehst Geschichten, wo keine sind.“ An ihrem Unbehagen verdeutlicht sich auch das gegenwärtige kollektive Abdriften nach rechts. Wenn etwa Peter nicht mehr über Graupelregen schreibt, sondern über Menschen als „tickende Zeitbomben“. Privat sind alle immer ganz anders, aber wo kriegt man heute noch eine Festanstellung her, außerdem muss man ja journalistisch beim Volk bleiben. Das ist der Kern der Sache. Wir haben es tatsächlich selten mit Unmenschen oder Neonazis zu tun, wenn wir Neoliberalismus und Rechtspopulismus anklagen. Ins Werk wird das Böse von denen gesetzt, die wider besseres Wissen dem „Pöbel“ die nächste soziale Gemeinheit als Wahrheit verkaufen und sich selbst eine moralisch akzeptable Privatmeinung gönnen.
Finde einem Schwan ein Boot“ ist Anna Weidenholzers dritter Roman, nach „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ der zweite beim Berliner Verlag Matthes & Seitz. Der Schwan beginnt gleichsam, wo die Seesterne enden: Dort hatte ein pensionierter Lehrer die Menschen nach ihren Glücksbedürfnissen befragt; diese Rolle übernimmt die schrullige Professorin, die nun aber auf verlorenem Posten (= an der Bar) über Vorurteilsforschung referiert, und darüber, was sich da im reichen Mitteleuropa zusammenbraut. „Wenn es am Horizont dunkel ist, sieht man schlecht, was darunter liegt.“
Es ist schön und selten im Literaturbetrieb, dass sich Weidenholzer beim Schreiben nicht hetzen lässt. Dementsprechend gut sitzen die Worte. Mindestens einen Satz pro Seite möchte man sich als Aphorismus merken. „Plot driven“ ist das natürlich nicht, denn nur so lässt sich darstellen, wie sich der soziale Gletscher bricht. Von „unaufdringlicher Kunstfertigkeit“ spricht Falter-Kollege Sebastian Fasthuber: „Der Blick auf die Mitte der Gesellschaft offenbart Abgründe“.


 
Die Hintergründe sind ernst, es gibt allen Grund zur Melancholie, und doch blitzt viel feiner Witz auf. Etwa als Peter von der Landesgartenschau – das längste Kapitel – berichten und Pensionisten nach ihren Motiven befragen muss. „Die Welt ist groß und es gibt viel zu entdecken, und am besten ist es, wenn man vorher weiß, wo man sitzen wird“, antwortet ein passionierter Busreisender. Weidenholzer kennt sich bestens aus, wenn sie über journalistische Prekarisierung und die Verschwendung von Talent in Lokalredaktionen schreibt. „Wir brauchen noch ein gutes Zitat, damit es menschlich wird“.
Und man erfährt sehr viel über Tiere, auch das ein Merkmal von Weidenholzers Kunstwollen: Der titelgebende Schwan hat sich – wahre Geschichte – in ein schwanenförmiges Tretboot verliebt, seine Liebe ist „nichts als ein großes Stück Plastik“.
 
Hinter dieser Rezension: Dominika Meindl ist mit der Autorin eng befreundet; gemeinsam haben sie die Lesebühne „Original Linzer Wort“ gegründet. Anna Weidenholzer ist Mitglied der GAV OÖ. Es wäre der Rezensentin eine Freude, überprüften LeserInnen ihre Rezension durch eigene Lektüre auf deren Objektivität hin. Kommentare sind willkommen! 

Am Donnerstag, dem 10. Oktober, spricht die Rezensentin mit der Autorin, dazu spielt die Band "Fargo". "Owa vom gas", eine Kooperation von Experiment Literatur und dem Medien Kultur Haus. MKH Wels, Pollheimerstraße. Beginn: 19:30 Uhr. 

Freitag, 23. August 2019

Donnerstagsdemo - 12. 9. 2019 in Linz

Hier ein kurzer Veranstaltungshinweis!

Am 12. 9. findet am Steinmetzplatzl in Linz wieder die Donnerstagsdemo mit Texten von Mitgliedern der GAV und mit Musik von Linzer Musikern statt!

Es lesen:
Markus Köhle
Mieze Medusa
Richard Wall
Anna Weidenholzer (Text wird in Vertretung von Anna verlesen)
Rudi Habringer

Wir hoffen auf Euer zahlreiches Erscheinen!

Montag, 19. August 2019

Worüber ich mich wundere. Ein Essay zur Lage.

Von Judith Gruber-Rizy.

 
Wir würden uns noch wundern, was alles möglich sein wird, sagte im Bundespräsidenten-Wahlkampf Norbert Hofer, damals FP-Kandidat für dieses höchste Amt in unserer Republik, später Minister, jetzt ehemaliger Minister, aber dafür neuer Parteiobmann. Ich weiß noch genau, wie mich dieser Satz erschreckt hat, als ich ihn bei der Fernsehdiskussion gehört habe.
Und ja, Hofer hatte völlig recht, ich jedenfalls wundere mich seither immer wieder, jeden Tag aufs Neue, was in unserem Land alles möglich geworden ist, ja, was beinahe selbstverständlich und in kürzester Zeit irgendwie normal werden konnte.
Vor etwas mehr als einem Jahr durfte ich Erich Kandel in Wien persönlich kennenlernen. Kandel gebürtiger Österreicher, jetzt US-Bürger, Nobelpreisträger für Physiologie der Medizin im Jahr 2000 und mit seinen 90 Jahren ein sehr beeindruckender Mann. Ihm gelang im Jahr 1939 als 10 Jähriger gemeinsam mit seinem Bruder die Flucht vor den Nazis. Anlässlich der Enthüllung einer Erinnerungstafel an die vertriebenen und teilweise ermordeten jüdischen Bewohner des Hauses, in dem Erich Kandel aufgewachsen war, kam er auf Besuch nach Wien.
Wie immer bei solchen Gelegenheiten, wurden eine ganze Reihe von Reden gehalten. Unter anderem sprach auch die damalige Bezirksvorsteherin, eine Frau in meinem Alter, eine Jüdin, deren Großmutter als eine von ganz wenigen der Familie die Shoah überlebt hat. Diese Frau sagte schließlich in ihrer Rede: Es hieß immer, wehret den Anfängen! Dafür aber ist es jetzt schon zu spät, wir sind schon viel weiter als in den Anfängen.
Auch das ist ein Satz, der mich seither nicht mehr loslässt, der sofort wieder präsent ist, bei jedem der zumindest 66 sogenannten Einzelfälle, die bekannt geworden sind, vom Liederbuch, in dem die Ermordung einer siebten Million Juden besungen wird, über die „stichhaltigen Gerüchte“, dass George Soros, der Jude Soros, Europa „umvolken“ will, bis zu diesem grässlichen Rattengedicht und zum „Bevölkerungsaustausch“ von dem ein Vizekanzler dieser unserer Republik sprach, bis zur Nominierung eines Odin Wiesinger für den oberösterreichischen Kulturbeirat, aber auch bis zur ständigen Nennung des Namens Silberstein, auch durch den nunmehrigen Ex-Bundeskanzler. Auch er bedient sich so wie seine rechtsextremen Koalitionspartner damit eines antisemitischen Codes, benutzt antisemitisches Framing, und niemand soll mir erzählen, das sei zufällig. Denn ich bin überzeugt: würde dieser Mann nicht Silberstein, sondern Müller, Meier oder Gruber heißen, der Name würde nicht mehr genannt werden.
Es ist dieses Spiel mit Worten, mit Codes, mit Anspielungen, mit Bedeutungsänderungen oder Bedeutungsaufladungen von Worten, das vor allem in den vergangenen zwei Jahren geradezu über uns hereingebrochen ist und - das erscheint mir als das eigentlich Erschreckende daran – von den meisten einfach hingenommen wird, unhinterfragt, unreflektiert.
Da ließ ein Innenminister der Republik Österreich das „Erstaufnahmezentrum“ für Flüchtlinge in „Ausreisezentrum“ umbenennen, einfach so, ganz offiziell, und kein einziges Mitglied der Regierung, auch nicht der Bundeskanzler, protestierte dagegen, keine Ministerin, kein Minister, keine Staatssekretärin wies auf die Orwell-mäßige Absurdität dieser Umbenennung hin, schon gar nicht wurden Bedenken bezüglich der europäischen Menschenrechtskonvention und der Internationalen Menschenrechte laut.
Da ist das Überhandnehmen in der Verwendung von Codes, denen sehr viele Menschen, so habe ich immer mehr den Eindruck, unwissend und auch hilflos gegenüberstehen. „Bevölkerungsaustausch“ etwa. In einschlägig rechtsextremen Kreisen ist schon länger vom „großen Austausch“ die Rede, wer also heute und hier bei uns „Bevölkerungsaustausch“ sagt, tut dies nicht zufällig, der weiß, was er damit erreichen will und wen er damit anspricht. Aber der verwendet dieses Wort auch, damit es langsam aber sicher in den normalen gebräuchlichen Wortschatz Einzug hält. Und wir erinnern uns: dieses Wort ist nicht harmlos, die rechtsextremen Identitären verwenden es und der Attentäter von Christchurch in Neuseeland hat es propagiert, bevor er so viele Menschen ermordet hat. Bei uns wurde es nach diesen Morden vom Vizekanzler unserer Republik Österreich verwendet - und verteidigt.
Dass das Wort vom angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ auf fruchtbaren Boden fällt, dafür reicht ein Blick nach Weikendorf, einer kleinen Gemeinde 35 km östlich von Wien, wo ein ÖVP Bürgermeister den Hauskauf durch eine palästinensische Familie zu verhindern versucht, weil er nicht will, dass sich Muslime in diesem verschlafenen und wahrlich unattraktivem Nest ansiedeln. Die türkischstämmigen Landarbeiter, die dort in der Umgebung leben und für minimale Löhne auf den Feldern der im Marchfeld wirklich großen Bauern arbeiten, stören ihn nicht, der ehemalige Universitätsprofessor für Englisch mit seiner Familie schon.

Die Umdeutung von bestimmten Worten, die Verwendung von Codes, von einschlägigen Begriffen ist immer nur der Anfang. Und wenn ich auf Facebook die von mir ungewünschte Werbung des Ex-Kurz-Bundeskanzlers lese: „Das Parlament hat bestimmt, das Volk wird entscheiden“, dann kriecht die Gänsehaut über meinen Rücken, denn immer wenn das gerade bei uns durch die Nazivergangenheit so stark aufgeladene Wort „Volk“ als Gegensatz zum gewählten Parlament ins Spiel gebracht wird, dann sollten wir sehr schnell und sehr intensiv darüber nachdenken, wohin das führen kann. Denn damit wird eigentlich eine Delegitimierung des ja doch vom „Volk“ gewählten Parlaments angedeutet. Und es ist die Wortwahl der Rechtsextremen und Rechtspopulisten, die hier durchklingt.

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal den Begriff „Gutmenschen“ gehört habe, erschien es mir unvorstellbar, dass sich dieser Ausdruck als negative Beschreibung eines Menschen durchsetzen und in den allgemeinen Sprachgebrauch als Beschimpfung eingehen könnte. Der Begriff „guter Mensch“, also ein Mensch, der einfach menschlich ist und menschlich handelt - ob aus Solidarität, aus Vernunft, aus Mitgefühl oder auch aus christlicher Nächstenliebe – so dachte ich mir damals, kann doch nie negativ besetzt werden, nie zur Beschimpfung werden - wir sind doch nicht bei Orwell 1984. Ich habe mich geirrt.

Dienstag, 13. August 2019

OÖN: "Schriftsteller fordern Konjunktur-Paket für Literatur"

Peter Grubmüller über das Forderungspapier der GAV Oö; OÖN, 13. August 2019:

Oberösterreich-Gruppe der Grazer Autorenversammlung (GAV): Kürzung des Literaturbudgets ist Tiefpunkt nach langem Sinkflug

Das ,Land der Möglichkeiten’ steht Literaturschaffenden nicht offen", schreiben Corinna Antelmann, Judith Gruber-Rizy, Elisabeth Strasser, Dominika Meindl und Rudolf Habringer in ihrer Bestandsaufnahme der "Situation der Literatur in Oberösterreich". Die Autorinnen und Autoren gehören allesamt der Regionalgruppe der Grazer Autorenversammlung (GAV OÖ) an, der größten Schriftsteller-Vereinigung Oberösterreichs. Die GAV nennt die 2018 vorgenommene Kürzung der Literaturförderung des Landes um 34 Prozent einen "Tiefpunkt" nach langem "Sinkflug" und fordert deshalb ein zwölf Punkte umfassendes Konjunktur-Paket für Literatur: unter anderem "eine deutliche Erhöhung des Literaturbudgets"; "ein Haus für die Literatur, in dem Autoren die Möglichkeit haben, selbstverantwortet literarische und performative Programme zu veranstalten"; "die Rückkehr zur jährlichen Vergabe eines Landeskulturpreises für Literatur" (seit 2015 auf zwei Jahre reduziert, Anm.) ; "ein von Autoren selbst verwaltetes und gestaltetes Literaturfestival, bei dem das oberösterreichische Literaturschaffen in seiner Vielfalt präsentiert wird".
Hatte das Literaturbudget des Landes 1998 noch 3,92 Millionen Schilling (rund 284.800 Euro) betragen, so belief sich die Förderung 2018 auf 180.000 Euro (0,1 Prozent des Kulturbudgets). Der bürokratische Aufwand bei der Beantragung von Förderungen habe sich jenem Maß erhöht, in dem deren Höhe schrumpfte.
Der Ankauf literarischer Publikationen durch das Land wurde abgeschafft, wie auch Lesungen in der Landesbibliothek. Zurückgefahrene Budgets für Lesungen und Workshops in Schulen verschärfen die Lage, wobei Literatur in Zentralmatura-Zeiten "zur unbedeutenden Nebensache und zur Herzensangelegenheit engagierter Lehrkräfte verkommen" sei.
Die GAV schlägt deshalb ein "Landesliteraturschulwerk" (vergleichbar mit dem Musikschulwerk) vor, in dem Kinder und Jugendliche, unabhängig vom Einkommen der Eltern, während der gesamten Schulzeit zusätzliche Förderung im "Denken, Lesen, Schreiben, Dichten, Philosophieren" bekommen. Die GAV weiter: "Wir denken auch an Deutschförderkurse, Creative-Writing-Kurse, Präsentationstechniken, Poetry Slams, Gedichte, Songtexte, Reportagen und an die Förderung kritischen Medienkonsums."
Die Landeskulturdirektion erklärt auf OÖN-Anfrage, dass der Ankauf literarischer Publikationen eingestellt wurde, da es sich um eine Doppelförderung gehandelt habe und Literatur nach wie vor durch Druckkostenzuschüsse unterstützt werde. Dass in der Landesbibliothek keine Lesungen mehr stattfinden, sei kein Zeichen mangelnder Wertschätzung, sondern liege an deren Positionierung als Haus der Wissenschaft – und des Adalbert Stifter Instituts als Zentrum für Literatur. Das StifterHaus stelle den Autorenvereinigungen jährlich acht bis zehn Veranstaltungstermine zur Verfügung, die sie eigenverantwortlich gestalten können. Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP): "Das Land unterstützt Literaturveranstaltungen, Festivals und literarische Projekte sowie ansässige Autorenvereinigungen." Und mit dem Stifter-Institut verfüge Oberösterreich über eine Einrichtung, die sich zur Gänze der oberösterreichischen Literatur der Gegenwart und der Vergangenheit widme.

Präsentation der Porträt-Rampe über Walter Kohl

Es war eine unschöne, nicht zu verhindernde Koinzidenz, dass die Präsentation im Stifterhaus exakt zur selben Zeit stattfand wie "Lyri...