Montag, 9. Dezember 2019

Sich der Wendungen entwinden.

Zu Herbert Christian Stögers Prosaarbeit „Entwendungen“


„Motto. Fliehe inaudite und insolente Wörter wie Skopeln.“
Georg Christoph Lichtenberg


Mircea Cărtărescu hat jüngst in einem Interview bekannt, er wisse eigentlich gar nicht wie er zu seinen Texten komme; ein solcher schriebe sich quasi als Aufrechterhaltung einer einmal begonnenen Notwendigkeit fort, ohne unbedingt strenger Durchdachtheit zu folgen. Oder so ähnlich. Die Surrealisten haben das automatische Schreiben ersonnen, Spiritisten brüten über dem Ouija und Hermann Burger hat bekanntlich die Kleist-Wendung von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden aufs Schreiben übertragen. Es gibt hundert Wege nach Rom zu gelangen [mindestens!] und wenigstens ebenso viele zu einem Textkonvolut für ein Buch zu kommen. Da mögen die Pharisäer noch so maulen, es wäre eh schon alles geschrieben worden. Die haben von allem sowieso nix gelesen. Und wenn schon.

Wenn ohnehin schon alles geschrieben worden ist – was läge dann näher als das bereits Geschriebene umzuschreiben und es als ausgewiesene Neuausfertigung zu vertreiben? Man braucht nicht gleich an Kathy Acker zu denken, aber schaden tut es nicht, wieder einmal „Die Geschichte der Don Quichotte“ zur Hand zu nehmen.

Im Moment bleibt freilich anderes zu tun.

Das Buch „Entwendungen“ von Herbert Christian Stöger ist zu lesen. Es kommt im sorgfältig gesetzten Flattersatz daher, was hoffentlich nicht nur Puristen an Christoph Ransmayr denken lässt. Fadengebunden ist es auch und mit eingewirkter Kunstarbeit [Bilder unter dem Titel „verwischungen“] des Autors bestückt, der im Konterfei übrigens wie im Fotoautomaten einer Geisterbahn gestellt wirkt. [Oder im Stroboskoplicht beim Casting fürs Blair Witch-Projekt verschreckt, blafft da jemand, die nicht zitiert werden will, einem über die Schulter schauend.] Freilich: Bloß aussehen kann jeder, Künstler – nicht nur Friseure – haben etwas darzustellen. [Das notorische Tante Jolesch-Zitat hier aufzufahren, unterbleibt!]

Auch HC Stöger arbeitet mit Vorgefundenem. Behauptet er jedenfalls, bzw. der Umschlagtext. Dennoch hat man hier, gottlob, keinen Found-Footage-Scheiß zu gewärtigen, der die Ideenlosigkeit so extensiv abfeiert, wie man sich weiland auf einem Berliner Rave, schnupftabakgestärkt, erging.
Der Methode liegt der Legende nach so manche exotische Namensgebung zugrunde [Beispiel: Ergründen Sie wie die Quarks zu ihrer Bezeichnung kamen!]: Man greift zu einem Wörterbuch, schlägt es auf und liest das erstbeste Wort, auf das man stößt, das einen verstört, weil man es nicht versteht, weil man es nicht in seinem Wortschatz mit sich führt [wie gesammelte Kastanien oder saure Drops] und zu diesem Wort einen oder zwei oder sämtliche der angeführten Beispielsätze. Daraus lässt sich ein Fließtext zimmern, der vielleicht keine Welterklärung vollbringen mag, aber wem gelingt die schon verfänglich nach Lessing [Theodor]?
Stöger arbeitet sich an Füllseln und Floskeln ab, kapitelweise. Auch das wird begrüßt. [„Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige“, statuierte Voltaire.] Das Ergebnis ist durchaus mit der einen oder anderen Boutade [hier in der Wortbedeutung des Englischen wisecrack] durchsetzt, wie: „Worauf es ankommt, weiß man schließlich erst später, wenn man es vorher drauf ankommen gelassen hat.“(S. 59) Aber auch: „Somit schien der Abend gerettet, auch wenn sich niemand in Not befand.“(S. 55)
Den vierundzwanzig Kapiteln titelmäßig vorangestellten Wörtern (von A wie aber… bis Z wie zwischen) werden Sätze angarniert, so wie die Keramikerin mit dem Henkel (und anderem Dekor) am über der Töpferscheibe aus einem Tonklumpen zur Kanne geformten [durch Brandhärtung verwendbaren] Gebrauchsgegenstand verfährt. Das so Versponnene lässt einen ein Eigenes an Assoziationen anstellen. Und souffliert dem Schwadronierenden folgende Fragen:

Ist das Buch, das der Leser [er ist hier wirklich einer] liest, ein anderes als das es der Autor [er ist wirklich ein -tor und keine -torin] schrieb, das wiederum ein anderes ist, das Umschlag- wie Apropos-Text ankündigen? Wer beginnt, wer vollendet den Text? Nach Roger Willemsen [selbstredend frei nach Walter Benjamin] ist der Text „nicht das Hervorgebrachte, sondern das Hervorbringende.“ „Siehe“, sprach die Dozentin da in ihrem Kurs [eigentl.: Extracurriculum], „wir haben es also mit einer Evokation zu tun. Verfasset mir darüber eine Proseminararbeit, die mich ergreift!“

Es gibt im Wesentlichen zweierlei Arten von Lektüre: die, auf welche man sich einlässt und jene, die einen vereinnahmt, vulgo: kassiert. [Von der dritten soll hier gleich gar keine Rede sein!]
Stögers Arbeit ist eindeutig ersteres, ihrer muss man sich nicht erwehren. Schlägt man das Buch auf, schlägt man es nicht gleich wieder zu, um es vor sich auf den Boden zu werfen und darauf herumzutrampeln, weil es partout nicht unter jenes Tischbein passen will, das durch eine Nuance Abstand zum Parkett die Wackeligkeit des Ganzen verschuldet.
Zuweilen hat man an Büchern zu kiefeln, die mühsam eine Handlung nachzeichnen, die der Klappentext spoilermäßig kompiliert. Sie machen einen nicht happig [ugs. für: begierig].
Dem Himmel sei Dank ist aber auch ein Schreiben gängig, über das zusammenfassend sich gar nicht viel Nichtssagendes sagen und also auch nicht herziehen lässt. Autorinnen/Autoren dieser „Gattung“ können über die Frage „Worüber schreiben Sie gerade?“ nur bass erstaunt sein, handelt es sich doch um eine überflüssige Frage jener Kategorie, die sich von selbst beantwortet. [Wie etwa: „War der trabende Lichtfuchs von falbem Fell?“] Dass HC Stöger in der annual mitkolportierten Literaturbeilage unseres oö. Landesintelligenzblattes bislang noch nie gefragt worden ist, woran er als Schreibianer gerade arbeite, liegt wohl weniger in der Ermangelung eines [notabene: sozial konstruierten] Bekanntheitsgrades, als an seiner überhaupt nicht herablassenden Vornehmheit, sich Derartiges zu verbitten. [Die ultimative Antwort erteilte bekanntlich Edna O’Brien: „Wir Schriftsteller arbeiten immer, wir hören niemals auf.“ – Vgl. auch Mladen Stilinović’ Fotoarbeit aus 1978: „Artist at Work“ (Es zeigt einen zerknitterten Freischaffenden – üblicher Verdächtigung überführt – im Halbschlaf auf dem Sofa.)]   
 
Sartre stellte (literarisches) Schreiben einmal schnoddrig als das Gruppieren von Wörtern dar. [Natürlich nicht in Les mots, dessen zweites Kapitel Écrire, wie jeder weiß, mit den Worten Charles Schweitzer ne s’ était jamais pris pour un écrivain… anhebt.] Was sich als Plattitüde ausnimmt, erweist sich bei tieferer Überlegung als verschrobene Ungenauigkeit. Das Arrangement der Worte hat, um Verständlichkeit zu wahren, einer Struktur zu folgen. Alles andere wäre Gebrabbel.
Stöger geht es nicht um das Erzeugen von Unverständlichkeit, der die Deutung des Zinnobers als elitistischer Hokus zugrunde läge, wie es die verschworene Gemeinschaft der Experimentalklamüserer betreibt. [Hrdlicka polterte einst, in der Bildenden Kunst wäre die Neutronenbombe längst gezündet worden. Dieser Eindruck hätte sich auch in der Konfrontation mit so mancher gewerblicher Schreiberei aufdrängen können.]
Stögers Buch überreicht dem Leser und der Leserin einen Flor aus Ermunterungen, Querverweisen und – okay, ein bisschen abgeschmackt, es so platt zu sagen – guter Laune. So erfährt man etwa im zweiten Kapitel wohin es führen kann in fremder Wohnung Ordnung zu machen, man wähnt sich im zweiten in ein Ror Wolf-Szenario versetzt, erfährt im vierten über die Fatalität von Paarbegegnungen und Edmond Jabès hätte am vierzehnten gewiss seine Freude gehabt. Kalauer kommen auch nicht zu kurz: „…zur T[afel] laden kann ein jeder, auf der T. landen nicht.“(S. 119)

Bekanntlich hat Foucault [in „Was ist ein Autor?“] versucht seinen Adepten einzubläuen, das Schreiben sei ein Zeichenspiel, an das sich aufzuhängen weniger am bedeutenden Inhalt, denn am Wesen des Bedeutenden Sinn machte. Man möchte solche Verschwurbelung schlicht mit einem erikativen Seufzer <Üchz!> abtun, da man sich Pappenheimer ja Gefahr laufen wähnt, hier bedeutend als bedeutet zu lesen. Schon erwächst aus einem Missverständnis eine komplett andere Auffassung des Behaupteten. [Zugegeben: Mithilfe von Missverständnissen witzig sein zu wollen – eine gar arg billige Finte des verblichenen Vaudevilles, vulgo: der Kolportageklamotte.]
Der/die Lesende, der/die sich verliest – erläge er/sie der Entsprechung von Jacques Rancières Unvernehmen [im französischen Original: mésentente]? Naja, in diesem Sinne wüsste der Leser/die Leserin sich seines/ihres Lapsus eben nicht eingedenk und fände im Austausch mit dem Autor über ein und dasselbe sich von eigener Verirrung bestrickt. Dieser Verranntheit kommt eine gestreute Zwischenbemerkung gerade recht. Ist denn am Ende [oder in der Mitte] diese Erkenntnis: „Ihm entglitt völlig der Zusammenhang“(S. 79) programmatisch zu verstehen?
Wollen wir es an dieser Stelle mit dem Wahlspruch der Ritter des Hosenbandordens halten [Honi soit qui mal y pense] und uns folgender Direktive anempfehlen: „Wir springen zurück in den vergessenen Traum.“(S. 133)

Und wie ist nun aus vorliegender Rezension, die, um es explizit in Stein zu meißeln, eine dringende Empfehlung resümiert, elegant und Ruf wahrend wieder herauszufinden? Mit einem Vademekum. Mit Wigald Bonings zeitlos bestechender Aufforderung: „¡Vamos! ¡Kaufos!“

[Bernhard Hatmanstorfer]


Herbert Christian Stöger: Entwendungen
Wien, edition fabrik.transit, 2018
ISBN 978-3-903267-01-5 
Buchhandelspreis: Euro 15.- 







herbert christian stöger
1968 in Linz geboren und lebt dort. Studierte an der Kunstuni Linz (Diplom) und an der UdK Berlin. Ausstellung und Publikationen seit 1996. Diverse Preise und Stipen­dien für Kunst und Literatur. Kollaborationen mit Comic-Zeich­ner­Innen für diverse Projekte, Animationen und Publikationen.

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