Freitag, 18. September 2020

„Allen ist immer alles zuviel“. Stephan Roiss' bemerkenswertes Debüt „Triceratops“

Von Dominika Meindl

Nein, man soll Stephan Roiss', dessen Roman zwar auf der Long-, nicht mehr aber auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis gelistet war, nicht mit dem doofen Hinweis trösten, dass es für ein Debüt eh total respektabel sei, so weit zu kommen. „Triceratops“ ist nicht „super für den ersten Roman“, sondern es ist per se ein super Roman. Von einem super Typen, aber das ist germanistisch wertlos, denn dieses Urteil fälle ja ich, die Vereinskollegin. Und Roiss könnte ein Ungustl sein, ohne dass seine Prosa Schaden nähme. Die glänzt in ihrem klaren Stil. Damit dem Urteil Relevanz und seiner Bildung Transparenz zuteil werde, sprechen wir also über den Text. 

Foto: detailsinn.at

Im Gegensatz zu seinem Zweitdasein als Musiker ist es Roiss mit der Literatur sehr ernst. Behaglich wird einem hier nicht, das macht das erste Schluchzen der Mutter im zweiten Satz zunichte. „Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr.“ Das Unbehagen steigert sich, sobald klar wird, dass es sich hier nicht um mehrere Geschwister handelt, sondern um ein Kind, das in diesem bedenklichen Plural Modestiae von sich selbst spricht. Immer wieder stolpert man über diese Verdoppelung der Ich-Perspektive. In der Familie haben alle schwere Lastan zu tragen, die Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach schwer bipolar, die Schwester pathologisch autistisch, der Vater überfordert, der Großvater erliegt seinem Hirntumor und die Tante hat einen esoterischen Hau, sie erkennt aber immerhin, dass der Sohn (=“wir“) der Stärkste in diesem prekären Gefüge ist. Das muss er auch sein, denn zum Hauptproblem Familie kommt ein ordentliches Hautproblem des Heranwachsenden.

Roiss erzählt vom coming of age des Jungen in kurzen Rückblenden, atmosphärisch verdichtet und manchmal nur drei Sätze lang – in harten Schnitten und in sehr starken Bildern, bei denen er sich einer Wertung oder gar billiger Psychologismen enthält. „Mutter las Beipackzettel und Kalorientabellen, Vater die Evangelien und Teletext.“ Die Mutter fürchtet sehr, zuzunehmen, nicht aber zu verhungern. „Ein einzelner Mensch kann das nicht ertragen!“ sagt sie bei einem ihrer Zusammenbrüche. „Allen ist... alles immer zuviel“, sagt der Vater und bringt den Sohn immer wieder zur Großmutter, wenn die Mutter wieder in die Psychiatrie muss, weil er nicht fähig ist, mehr als Frankfurter kochen zu lernen. Er ist so brav, dass es ihn nicht wundern würde, wenn eines Tages ein Engel in sein Kinderzimmer schwebte, „um uns zu eröffnen, dass wir Gottes Sohn sind. Wir hätten ihn bloß gefragt, was genau unsere Aufgabe ist.“ Den Titel hat sein Roman, weil die Verpanzerung des Dinosauriers gut zum Wesen des Kindes passt.

Die Distanz zur Familie setzt mit der Pubertät ein, und hier ist sie nicht nur eine normale Entwicklung, sondern die Rettung. Auch hier passt das Bild des Triceratops, der ein gewaltiges Nackenschild und Hörner trug, und doch nur Pflanzen fraß: „Er stand fest auf der Erde.“

Schon in einer seiner ersten Veröffentlichungen zeigte Roiss viel Gespür und Wärme beim Betrachten menschlicher Engpässe. „Gramding“ war nicht nur von der Länge her eine starke Novelle über die Widerfahrnisse eines Zivildieners im Altersheim. Da steht ein Satz, der mich sogleich für seine Literatur eingenommen hat, im Text spricht ihn eine alte Dame, die gefragt wird, wie es ihr gehe: „Wie einem mittleren Hund. Ein leichter würde eingehen.“ 

 

Stephan Roiss: Triceratops. Roman, Kremayr und Scheriau, 204 S., 20

Mittwoch, 16. September 2020

Richard Wall: Am Äußersten. Irlands Westen, Tim Robinson und Connemara

 


In Walls neuem Buch wird das erste Mal im deutschen Sprachraum ein in Irland und Großbritannien gefeierter „Non-Fiction“-Autor vorgestellt: Tim Robinson (1935-2020), Kartograph, Kulturphilosoph, Schriftsteller und Umweltaktivist. Er starb Anfang April dieses Jahres als eines der ersten prominenten Opfer der Covid-19-Pandemie.

Im äußersten Westen Europas liegt Connemara, eine Kulturlandschaft von herber Schönheit. Robinson, ein gebürtiger Engländer, hat diesem Land zwischen kahlen Bergen und vom Atlantik geformten Küsten – einem der letzten Gebiete Irlands, wo noch Irisch gesprochen wird – mit seiner Connemara-Trilogie ein Denkmal gesetzt: Listening to the Wind, 2006; The last Pool of Darkness, 2008; A little Gaelic Kingdom, 2011.

Der österreichische Autor und Künstler Richard Wall kennt Connemara seit 1975, hat Tim Robinson mehrmals getroffen, würdigt sein Schaffen und seine Haltung mit seinem neuem Buch „Am Äußersten“ und schafft im 2. Teil des Buches ein kenntnisreiches wie vielstimmiges Porträt dieser dünn besiedelten Region Er stellt Personen vor, die in ihr leb(t)en, erzählt von einem kauzigen Zeitzeugen, der Wittgenstein kannte, und betont die Bedeutung der irischen Sprache für die Topographie der Landschaft.

Richard Wall: Am Äußersten. Irlands Westen, Tim Robinson und Connemara. Pb., 82 Seiten, Euro 14.80, ISBN: 978-3-923611-83-6. Bestellungen aus Österreich direkt beim Autor (Au 10, 4209 Engerwitzdorf, mit Widmung, falls gewünscht).

Klaus Gasseleder, Sperlingstraße 1, 91056 Erlangen
Tel. 09131-933596
Klaus.Gasseleder@t-online.de / klaus-gasseleder.de

Freitag, 21. August 2020

Schreiben als Existenzform (in diesen Zeiten)

Von Bernhard Hatmanstorfer

Im Interim der Einschränkung gestalterischer Möglichkeiten auf Verknappung der Freiheiten bilden sich Lebensfragen mitunter konturgenauer vor kenntlicheren Hintergründen ab als man es wünschte, dass sie es täten. Im Trott des eingeübten wie eingetrübten Alltagshandelns leistet man sich selten insistierendes Hinterfragen, das mehr sein wollte als rhetorische Redefigur. So ist es beispielsweise um ein Nachdenken über das Mitteilungsbedürfnis bestellt, das im schwärenden Ausnahmezustand des Nichtzustandekommens von Kulturveranstaltungen sich mit fehlender Resonanz und einem Durchkreuzen seiner Absichten konfrontiert findet, das so weit geht, es selbst als solches in Frage zu stellen. Der Ruf, der ins Leere geht, weil niemand ihn vernimmt, offenbart eine gänzlich andere Qualität des Umsonst, des erwiesenen Unnützen, des Unnötigen als es jenem entspricht, der zwar vernommen, aber dennoch nicht gehört wird.

In Zeiten gesundheitspolitisch angezeigten Notfallmanagements fokussiert ein konzentriertes Nachdenken darüber auf das Wozu. Wozu die Ausformungen der Kultur, oder, um es auf vertrautes Metier abzustellen: Wozu überhaupt Literatur? Die triviale Anmutung dieser Frage bezeugt dennoch eine von Gewicht, mit der sich auseinanderzusetzen die Banausen nie scheuen, einerseits – vor allem wenn es um brüske Zurückweisung von Unverstandenem geht („Das soll Kunst sein?“) – die andererseits die Inszenatoren dazu inspiriert sie zu verbrämen („Kunst und Wahrheit fallen in eins.“).

Doch sollten wir uns der Worte Nietzsches eingedenk wissen: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“ Mitunter verhilft die geistige Gesundheit zu erhalten, sich deren Gegenteil zu imaginieren. Die Möglichkeit nicht Wirklichkeit werden zu lassen – auch das findet sich im Spektrum menschlicher Vorstellungskraft, die in künstlerischen Hervorbringungen kondensiert. So gesehen hat es mit der Botschaft, die ein Agens des Mitteilungsbedürfnisses sein kann – vor allem diesseits des außermoralischen Bereichs – eine gewisse Paradoxie. Die Belehrung adressiert sich jeweils an die der Belehrung vermeintlich Bedürftigen, die indes einer Belehrung anderer Art bedürftig sein könnten. Wer will das entscheiden, findet eine breitestmögliche Auseinandersetzung darüber nicht statt? 

Sich anderen nicht mitteilen zu können – nicht: nicht sich selbst – weil ein Medium oder deren mehrere nicht zur Verfügung stehen, heißt für den Schreibenden sich der Bestätigung seines Betreibens beraubt sehen. Ein Elendszustand, der selbst den Schöpfern der Samisdat-Literatur nicht zuteilwurde und jeglichen Sinn des Nicht-für-sich-Schreibens zurücksetzt auf die Frage – wie eben bereits erhoben – des Wozu. Damit verknüpft sich unabweisbar die Existenzfrage.

Ist ein schriftstellerisches Schreiben vorstellbar, das nicht gelenkt würde vom Mitteilungsbedürfnis seines Autors oder seiner Autorin? Der Verweis auf die Technik der Écriture automatique, wie sie unter anderem die Surrealisten ersonnen haben, geht ins Leere, da sie über die Absichtslosigkeit nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass da jemand ist, der sich dazu verhält keine bewusste Absicht zu haben. Die fortschreitende Entwicklung textgenerativer Programme, die auch imstande sind Belletristik zu produzieren – das „schreibende Perpetuum mobile“ aus Tschechows „Waldschratt“ entpersonalisiert – ist zu keiner künstlerischen Hervorbringung imstande, steht fest, solange noch Wert darauf gelegt wird „künstlerisch“ definitorisch unterscheidbar zu halten von „künstlich“.

Eine Mitteilung, aus einem Bedürfnis heraus artikuliert, und sei es ein zuweilen zu Verklärung neigendes Zur-Sprache-bringen selbst, wünscht sich Anzusprechende. Das Theater der „Publikumsbeschimpfung“ vor Publikum ist zweifellos eines, das Theater ohne Publikum jedoch keines. Es geht seiner Existenz verlustig, ebenso wie der Schreibende, der niemand erreicht, Gefahr läuft die seine zu verlieren.

Man könnte es natürlich auch so verstehen: Der Unterbruch des Redeflusses lässt Geschwätzigkeit aussetzen. Bei dem einen. Und den tiefschürfenden Gedankengang, der Dunkles zu erschließen vermag, bei der anderen. Erleichterung darüber wäre so wenig angebracht wie ein Bedauern hierüber, räumte man beidem nicht ein, dass aus dem Spektrum der den Menschen gegebenen Möglichkeiten die je eigene legitim zu ergreifen wäre.

Zuletzt drängt sich die Skizze der Tucholskyschen Treppe ins Gedächtnis, die ein Emporsteigen vom Sprechen zum Schreiben und vom Schreiben zum Schweigen nahelegt. Diese missverstehen hieße, das ins Schweigen gezwungene Schreiben als die Errettung aus dem Gerede fehldeuten.   


Mittwoch, 22. Juli 2020

Eine Frage und eine Bitte an uns als Menschen

Von Corinna Antelmann:

... und auch an Sie, Herr Stelzer - anlässlich der Entscheidung in Oberösterreich, nach der Entdeckung eines Clusters in fünf Bezirken ausnahmslos alle Veranstaltungen abzusagen (auch outdoor und gewissenhaft organisiert wie in Ottensheim ) und alle Schulen und Kindergärten zu schließen. 

Wir sollten entscheiden, wie wir als Menschen leben wollen und uns gewahr zu werden, wo es hingehen soll mit dieser Menschen-Gemeinschaft. Frage: Was macht eine Gesellschaft aus? Woher nehmen wir Sinn und Gehalt und Nahrung für die Seele? Das Gefühl für Schönheit? Die Freude und innere Gesundheit?

Der Weg dorthin ist ebenso gepflastert mit Entscheidungen, zum Beispiel die Entscheidung, wie wir mit unserem Leben umgehen wollen. Und zwar langfristig, weil Krankheiten uns weiterhin begleiten werden, je länger wir das Leben weiterhin mit Füßen treten, missachten, und uns von allem Verbindenden und Verbindlichen abschneiden.

Anfang Juli stieg in Oberösterreich die Zahl der Infizierten abermals (und erstmals in diesem Maße nach dem Shutdown), nicht ganz überraschend für alle, die ohnehin Vorsicht haben walten lassen, um ihren Wiedereinstieg ins berufliche und gesellschaftliche Leben nicht zu gefährden, zum Beispiel uns KünstlerInnen. Nach dem kurzen Aufatmen dann kamen erste zarte Bemühungen (und hier kommt die persönliche Betroffenheit), als Kunstschaffende unter Berücksichtigung von Vorsichtsmaßnahmen an Strategien zu basteln, die Veranstaltungen möglich machen könnten, wie es gehen könnte, ohne Teil des Problems zu werden, sondern Teil einer Lösung zu sein. Dieses erstes Wiederaufblühen ist noch vor der Blüte (vor der Ernte sowieso) wieder niedergetreten worden. In meinem Falle: eine Freiluft-Veranstaltung in kleinem Rahmen, mit Abstand und Maske, eine Lesung ohne direkten Körperkontakt. Durch die pauschale Absage an ALLE Veranstaltungen in fünf oberösterreichischen Bezirken, ohne Differenzierung, musste sie ausfallen, während alles andere unangetastet blieb, selbst die Maskenpflicht nicht mit sofortiger Wirkung wieder eingeführt wurde. Aha. Kultur, und ebenso pauschal die Bildung unserer Kinder, deren Schulalltag abermals von einem auf den anderen Tag ausgesetzt wurde (das trifft mich als Mutter UND freischaffende Künstlerin doppelt), das zutiefst Humane, Sinnstiftende, Nährende, gelten also als weniger wert, weniger relevant als die Bereiche, die uns in erster Linie als KonsumentInnen sehen? 

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass Geld nicht sinnstiftend sein kann und auch nicht heilend. Ja, Unterstützung braucht es dennoch - für viele von uns, und ich bin dankbar, in einem Land wie Österreich aufgefangen zu werden, aber: Es geht nicht nur um Geld; der Mensch will (allen anders lautenden Meinungen zum Trotz) arbeiten! Ich will arbeiten, ja, denn ich halte Arbeit für wichtig und erfüllend. Meine Eltern wollen Berührung und mein Kind will eingebettet sein in soziale Zusammenhänge und sein Recht auf Bildung ausüben (anders lautenden Meinungen zum Trotz, auch hier). Studierenden wollen „in Beziehung“ lernen, bevor die Wut um sich greift, die jede Solidarität in ihren Flammen erstickt. Fallengelassen zu werden, aber als Konsumentengruppe willkommen zu sein, das hält eine kindliche Psyche bedingt aus. Fallengelassen zu werden, weil es sich nicht rechnet, hält niemand aus.

Also fragen wir bitte, und ich frage auch Sie, Herr Stelzer: Wie wollen wir die Säulen Gesundheit, Kultur, Bildung stabilisieren, auf denen jede Gemeinschaft fußt? Wie wollen wir der allgemeinen Frustration entgegenwirken: von den Kindern, den Eltern, von all jenen, die ihre Arbeit nicht ausüben dürfen, nicht berührt werden, nicht gehört werden, keine Stimme haben, keine Sprache? Bitte, bitte keine undifferenzierte Willkür mehr, wann welche Maßnahmen getroffen werden. Allein deshalb, um die Solidarität ALLER nicht zu gefährden. Wo ist Vorsicht sinnvoll, unvermeidbar und zielführend, wo pauschal, undurchsichtig und krankmachend, ja, kränkend? Bitte, überlegen wir eine Strategie, die soziale, psychische, emotionale, kreative Aspekte vor Umsätze reiht.

Denn auch deshalb will ich arbeiten und sehe es als sinnstiftend an, (im Rahmen des Möglichen) öffentlich zu lesen, gemeinsam auch mit Schüler und Schülerinnen: Weil über das Geschichtenerzählen das Staunen, Atmen, Denken, ja das Menschliche, in den Vordergrund gerückt wird. Alles, was je erzählt wurde und wird, drückt das Gemeinsame aus, das Verbindende, das, was das Leben ausmacht, statt durch voranschreitende Ökonomisierung an Lifestyles zu stylen, die uns zu unterscheiden versuchen. Wir sind keine Einzelwesen, sondern brauchen jede Einzelne mit dem, was er oder sie tut und ist. Den politischen EntscheidungsträgerInnen sei an dieser Stelle empfohlen, sich gelegentlich mit der schreibenden Zunft auseinanderzusetzen. Wir sitzen alle in einem Boot, allein dadurch, dass wir Menschen sind. Auch das erfahren wir gerade. Wir sind Gesellschaft und sollten die Verantwortung übernehmen: uns selbst und unserer Umwelt gegenüber. Wie können wir uns gegenseitig schützen, wertschätzen, unterstützen? Wie können wir verantwortungsbewusst handeln, ohne das Leben fallenzulassen?

Nehmen wir unser Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit ernst.

Danke.

Freitag, 26. Juni 2020

Meine Coronareisen - Tag 2

Anm.: Tagesreise nach Singapur, eine Art Tagebuch, von René Bauer, durchgeführt während der Corona-Reisebeschränkungen 2020 mit Google Street View auf einer Virtual-Reality-Brille zuhause in meinem Schlafzimmer. Es folgen noch weitere Reisen. 

19. April 2020

In Santa Juliana habe ich zwar schlecht, aber doch geschlafen. Wache am nächsten Tag exakt am Mittelstreifen einer Straße in einem Hafenviertel auf. Rundum nur Industrie, hohe Kräne, ziemlich große Schiffe und Verladestationen für ebendiese. In der Ferne Hochhäuser. Keine Ahnung wo ich bin, die Straßenschilder sind alle knallrot, was vielleicht einer Baustelle geschuldet ist. Das näheste, lesbare Schild warnt mich mit "Caution! Watch for <unleserlich>" vor etwas nicht Entzifferbaren. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als einfach in irgendeine Richtung zu gehen. Mal schauen, ob ich herausfinden kann, wo ich bin.

Works Access

Dürfte Asien sein. Auf einem Bagger lese ich "Hitachi", obwohl das noch nichts heißen soll. Das schlechte Englisch eines weiteren Schilds "Works Access - Danger Keep Out" vermischt mit Schriftzeichen, die dem Chinesischen oder Japanischen ähneln, aber doch nicht gleich sind und darunter "bahaia jangkang dekat" lässt mich Südostasien vermuten.

Ich erreiche die erste große Kreuzung. Hier fährt man links. Check. Straßenschilder sind hauptsächlich auf Englisch. Jetzt erreiche ich die ersten großen Firmengebäude und da hab ich schon des Rätsels Lösung. Die Gebäudeaufschrift lautet DHL, DB Schenker, 17 Changi South Street 2, Singapur.

Singapur, war ich eh noch nie. Ich frag' mich worauf ich Lust hab. Würde ja gern in ein Museum gehen, etwas erleben, aber Singapur ... null Ahnung. Das einzige, was ich weiß, ist, dass ich keinen Kaugummi auf die Straße spucken sollte. Hier bin ich eindeutig in der falschen Umgebung. Alles Autos, nur Verkehr, keine Fußgänger. Ich bemühe mich, so etwas wie ein Stadtzentrum zu finden. Dort sind doch meistens die Museen. Ein paar Straßenzüge weiter ein großes, auffälliges Gebäude.
Funeral Parlour – also eher kein Museum.

Nach vielen Irrungen und einigen Sackgassen entscheide ich mich dafür, zu schummeln. Ich schlage eine Karte auf und navigiere zum Nationalmuseum in Singapur. Betrete es. Kenn mich nicht aus. Was kann man hier sehen? Ein großes Plakat im Eingangsbereich begrüßt mich mit einem Schwarzweißfoto eines jungen Mannes. "In memoriam Lee Kuan Yew 1923 – 2015".  Meine Geschichtskenntnisse über diesen Flecken Erde sind mehr als dürftig.

Man lässt mich ausnahmsweise ins Museum, es gibt aber leider keine Führungen, die meisten Türen sind zugesperrt, nur in der Haupthalle darf ich mich umsehen. Hier hängen die Präsidenten von Singapur in Form von Plaketten mit Namen und Geburts- und Sterbedaten. Nein. So wird das nichts. Ich spreche einen Mann an, den einzigen, dessen Gesicht nicht unscharf ist und heuere ihn als meinen Local Guide an.

Er bringt mich zu einem Aquarium, das Van-Kleef-Aquarium. Scheint ähnlich wie Sea World angelegt zu sein, ist aber auch zu. Der Local Guide (ich nenne ihn mal Wu) lässt mich auf seinen Schultern sitzen. Nett von ihm! Jetzt gehen wir erstmal ein bisschen durch die Gegend, spazieren, also er spaziert, ich lasse mich von ihm tragen. Schon wieder eine dumme Shopping Mall. Ich hasse diese Orte. Wenigstens essen kann ich hier. Das erste Lokal heißt "Fun Toast – Have Fun since 1941". Aber Toasts schmecken mir nicht. Daneben ein weiteres Restaurant. Auf dem Schild steht "Let’s Eat!”. Warum komplizierte Namen ausdenken, wenn man es einfach ausdrücken kann? "Let's Eat!". Keep it simple.
Hier in der Mall gibt es auffallend viele Pre Schools, wo man seine Kinder schon ab einem Alter von 2 Monaten bis 6 Jahren abgeben kann. Diese hier ist "Pats award winning". Es gibt also Preise für besonders herausragende Vorschulen.

Ooooh, Photo Booth! Ich liebe diese Fotoautomatenumkleidekabinen! Aber weil ich noch immer auf den Schultern meines Guides sitze, passen wir nicht rein. Ein andermal vielleicht ...

In einem Laden gehe ich die Zeitschriften durch. Es sind Frauenzeitschriften. “Simply her - hubby special”, daneben “HER upsized". Was das wohl bedeuten mag? Aufschlagen lassen sie sich nicht, sie sind in den Haltern festgeklebt.

Wu ist lästig, er schleppt mich wieder in eine Mall, diesmal eine Outdoor Mall. Plötzlich erblicke ich ein "Hooters"! Lustig, war noch nie in einem Hooters. Ist das nicht etwas amerikanisches, eher anrüchiges, so Richtung große Oberweiten? Das Logo ist eine Eule. Natürlich betrete ich sofort das Lokal, innen zieren allerhand Straßenschilder die Wände. Haha. Eines warnt vor “Bumps” in der Form zweier Brüste. Ein weiteres vor "Double Curves". Es geht noch sexistischer: "Caution blondes thinking!". Sehr lustig der Humor hier. Leider ist es leer. Kein Schwein da, obwohl Fußball im Flatscreen läuft. Niemand bedient mich. Wo sind denn jetzt die Hooters? Hallooo? Seltsam. Mit jedem Sitzplatz kommt eine eigene, dicke Küchenrolle. Lässt mich an schmieriges Denken. Schnell unterdrücke ich pubertäre Erinnerungen bezüglich dieser weißen Tücher.

Küchenrollen im "Hooters"

Natürlich! Alle sitzen sie draußen im Gastgarten, wie ich durchs Fenster erkennen kann. "Bring mich raus Wu! Hühott!" Aber auch hier: Keine Hooters. Bin schwer enttäuscht. Eine einzige Barfrau steht an einer Kaffemaschine und sieht völlig normal aus. So bekommt man keine Eulenaugen.

Wir gehen den Singapur River entlang, auf der Fahrspur eine Aufschrift, "HUMP AHEAD". Klingt vielversprechend, dem werde ich nachgehen. Frage Wu nach einem Park. Wir wenden uns nach Osten. Im Pearls Hill City Park verbringen wir einige Zeit und finden ein abgesperrtes Gelände. Wenn ich den Warnschildern glauben kann, wird man erschossen, wenn man reingehen will.

Achtung, hier wird man erschossen.

Wu, mein Führer, hält mich vor suizidalem Verhalten ab und schleppt mich stattdessen in den Buddha Tooth Relic Temple. Ob hier Buddhas dritte Zähne zu besichtigen sind?
Innen ist alles sehr prächtig. Gold, rote Farbe, hunderte Kerzen. Der Buddhismus ist mir eher fremd und mein  Begleiter sehr schweigsam und so mache ich mir meine eigenen Gedanken. Anscheinend sind auf den Altären lauter Opfergaben abgelegt: Bananen, Ananas, hunderte Arten Obst und Blumen. Buddhas müssen sehr hungrig sein. Und Buddhas sitzen überall: Fette Buddhas, dünne Buddhas, Buddhas aus Wachs, Buddhas aus Stein, tausende Minibuddhas in Regalen an den Wänden. Der Zahntempel entpuppt sich als Labyrinth, aber wenigstens ein schönes. Ich soll spenden. So weit kommts noch! Genug jetzt. Ausgang.

Rund um den Tempel Souvenierläden. Es gibt Rucksäcke und Steine. Alpinisten aufgemerkt!

Auf dem Weg zum Natural History Museum kommen wir an einer ehemaligen Zweigstelle der Kempetai vorbei, dem japanischen Pendant der Gestapo. Nett hier. Die Dinosaurier im Museum sind riesig. Hab keine Lust auf Dinos. Muss jetzt langsam ins Bett, also los, ein Hotel finden. Mein Guide  empfiehlt mir noch die "Hau Par Villa" und macht sich aus dem Staub. Nur wo bin ich jetzt wieder gelandet? Sieht nicht nach Hotel aus, eher eine singapuritanische (sagt man das so?) Grottenbahn.  In  künstlichen Höhlen voller Dioramen für Touristen entdecke ich viel Fantasy: Hirschköpfige Menschen, kleine Zwergerl, alles schön beleuchtet, erinnert frapant an die pöstlingbergsche Version, nur dass man hier zu Fuß gehen muss und nicht in einem wilden, feuerspeienden Drachen auf Gleisen durch die dunkle Unterwelt reitet, während in den Seitenwänden Zwerge und Sagenfiguren ihren Tätigkeiten nachgehen. Nein. Hier wird viel getötet, es werden Gedärme aus Menschen herausgefädelt, sie werden abgestochen, überall fließt Blut, man hackt ihnen die Hände ab, schneidet sie mit Riesenmessern in zwei Teile, tanzt mit Heugabeln, die man schlussendlich in Leiber stößt.

Gedärme in der Singapuritanischen Grottenbahn
Ziemlich schrecklich. Bin müde. Das ist zwar kein Hotel, aber ohne Wu gehe ich nicht nochmal in die Stadt hinaus. Ich schlafe zwischen den Zwerglein und den toten, abgeschlachteten Menschen. Mir fröstelt.

„Allen ist immer alles zuviel“. Stephan Roiss' bemerkenswertes Debüt „Triceratops“

Von Dominika Meindl Nein, man soll Stephan Roiss', dessen Roman zwar auf der Long-, nicht mehr aber auf der Shortlist für den deutschen ...