Dienstag, 15. Dezember 2020

Vorbeugende Verbeugungen

Zu Herbert Christian Stögers Buch „VON HIER bis bald“

„Wer findet hat nicht richtig gesucht.“ Aglaja Veteranyi [Hier Himmel. Postkartenset]

Dünkt man sich in der subtilen Bevorzugung bevorteilt, den Hervorbringungen aus Herbert Christian Stögers Schaffenskunst in bekömmlicher Dosierung teilhaftig zu werden, vermag man unter gewissen Umständen der Vorstellung sich ergehen, in welchem Aggregatzustand des Autors, Fotografen, Redakt- wie Organisators sowie Hin- u. Herreisenden, kurz: des Multi-Kulti-Künstlers Werkausgabe letzter Hand dereinst einmal daherkommen wird. In der Darreichungsform stimulierender Pastillen, die man, wie saure Drops, nicht wirft, sondern zutzelt? Als Fluidum, in das man sich vermittels irgendeines Gadgets einwickelt? Als Prachtausgabe wie einstens Unica Zürns komplette Werke in Oasenziegenleder gebunden? 


Soll bis dahin ruhig noch Zeit vergehen. Unterdessen hat er ein weiteres Buch fabriziert. Und straft damit Koeppens vorgelebtes Diktum Lügen, es habe irgendwann im Literaturzirkus damit sein Genügen zu haben, dass man sein nächstes Buch ankündigt & ankündigt und aus. (Dem Vernehmen nach hat der Gute aber auch keine Gute in Pflege, die ihn von der Obsorge fürs eigene Schrifttum fernhielte.) 

Da ist es also. Und es empfiehlt sich schon vom Format her. (Was gehen uns mittlerweile diese gewichtigen Coffee-Table-Bücher renommierter Verlagshäuser auf den Keks, zu denen ebenso renommierte Designer Beistelltische als Beigaben entwerfen!) Ein Buch wie eine Grabplatte – nein danke aber auch, nölt man da als Connaisseur und verspricht feierlich (im Beisein einer Zeugin), demnächst auf die Gesundheit des Autors anzustoßen. (In effigie desselben notgedrungen mit selbiger Zeugin.)

Was heißt lesen? Sich eines anderen verschriftlichte Elaborate zu Gemüte führen? Dann wäre man mitunter besser beraten fischen zu gehen, legte man es darauf an gehaltvolle Erträge zu erzielen. Vor den Gefahren des Lesens warnte einst die Bücherstube Fessl in Linz (an einem Ort, an dem nun lombardische und andere originalregional-italienische Spezereien in Wachspapier geschlagen werden). Was diese Betätigung an Assoziationskaskaden so allerhand auslösen kann… Stichhaltigen Gerüchten zufolge sind Lesende zu allem fähig. Worunter auch produktives Missverstehen zu zählen ist. Also man liest etwas und fasst etwas auf, was so nicht geschrieben steht. Der Autor, der das Buch schreibt und der Leser, der es liest – auch wenn der Text hier mit dem Text da in eins fällt – der Leser liest dennoch nicht deckungsgleich das, was der Autor geschrieben hat. Kein Autor/keine Autorin würde sich deshalb ins Knie schießen, weil davon auszugehen ist, dass die Leserschaft seiner/ihrer Konzeption nicht in nuce zu folgen imstande ist. 

Es gibt den (literarischen) Text, der einen vereinnahmt, wie den, der für sich einnimmt. Es gibt das triviale und das ambitionierte Schreiben. Es gibt Worte, an denen man kiefelt und das allzu milde Satzgulasch ohne Flachsen. Es gibt die Bücher, deren Überraschungsmoment sich allein im Titel erschöpft (Beispiele: „Das Neue Buch“, „Die Verhaftung der Dunkelheit wegen Einbruchs“) und es gibt das Voynich-Manuskript, über dem man aus dem Grübeln nicht mehr herauskommt, schafft man es erst einmal hinein. Der blödsinnige Werbespruch kolportiert eine Wahrheit: Alles ist möglich. Und macht es damit nicht weniger kompliziert.

Autor Stöger bläut es einem nicht mit Eindeutigkeit ein. (Was heißt schon Eindeutigkeit, wenn womöglich nicht einmal das Datum stimmt? Zu Zeiten der Kalenderreform gingen bekanntlich ganze Tage verloren.) Dieses Buch ist eine hybride Angelegenheit, das mit Prosa im Flattersatz, hier: einer handlungsverbrämenden Ereignislosigkeitsschilderung à la Ror Wolf anhebt. Auf diese folgen – tja, was eigentlich: Gedichte? Klar, Stöger beherrscht „Die Kunst des Sonetts“, gleichwohl ohne sich der Verbissenheit zu ergehen, die jenem Avantgardisten eignet(e), der für einen gesellschaftspolitischen Befund dichtet(e), dem Alfred Hrdlicka Folgendes statuierte: „In der Bildenden Kunst ist die Neutronenbombe längst gezündet worden.“ Stöger hat nämlich Humor (und bevor man jetzt entsetzt die Hände vorm Kopf zusammenschlägt, wolle man eben diese Zuschreibung im Sinngehalt ihrer englischen Entsprechung nehmen). Der Effekt der Erheiterung sollte einen nicht genieren. Stöger schafft es Schüttel-Sonett mit Limerick zu verschwistern, was schöne Erinnerungen an den lyrischen Eskapismus Meret Oppenheims evoziert. Daneben wird man mit einem Potpourri wohlfeiler Mottos bedient, wie: „einen holzstoß als freund wählen“ – als wär’ man ein Scheit. Womöglich hält es der Autor mit Jonathan Meese: „Kunst ist Kampf gegen die Realität. Realität bringt mir nichts.“ Was in diesen epidemischen Zeiten auch als Vademecum verstanden werden könnte. 


Dem Buch fehlen Seiten, aber das ist Absicht. Erkühne man sich nicht zu behaupten, den fehlenden Seiten mangelte es womöglich an Gehalt! (Man erinnert sich, kein Geringerer als Christian Futscher, gewesener Gastwirt und wesender Dichter, trug anno dazumal beim Wettlesen in Klagenfurt leere Seiten vor – was auch als Hommage zu verstehen war.) Die Sache franst schließlich beschwingt in einer Räuberpistole aus, worin folgendes Beschreibungsjuwel platziert wird: „Niemand anders kannte er so gut wie sie ihn.“

Garniert ist das Buch mit fotografischen Arbeiten des Autors.

In der Populärmusikbranche hat man vor Jahr & Tag die überzeugende Unausgegorenheit, die die einschlägigen Charts stürmte, ein Konzeptalbum genannt. Möglicherweise liegt Stögers Buch so etwas Ähnliches zugrunde, nämlich ein Konzept, das demjenigen sich erschließt, bei dem es verfängt. 

Einem Buch den Autor/die Autorin beizupacken, zu allfälliger vertiefender Nachbesprechung ohne „Kunsterklärungslatein“(Robert Stähr), wäre zwar nicht unoriginell, würde sich aber trotzdem nicht überwältigend verkaufen. Martin Amanshauser hat einem seiner Werke den programmatischen Titel „Hunderttausend verkaufte Exemplare“ gegeben. Möge sich diese Perspektive auch dem Autor Herbert Christian Stöger eröffnen. 

(Bernhard Hatmanstorfer)


Herbert Christian Stöger: VON HIER bis bald

Wien, edition fabrik.transit 2020

ISBN 978-3-903267-23-7


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