Dienstag, 25. Mai 2021

Was schreiben die Menschen, die für uns sprechen? Teil 2: Flieder fladern

Beginn einer kleinen Rezensionsreihe über KollegInnen der GAV. Von Dominika Meindl

Karin Ivancsics: Aufzeichnungen einer Blumendiebin

Es ist im Grunde einfach nicht einzusehen, dass ein Buch quasi ein einziges Mal erscheinen soll und dann entweder per kommerziellem Erfolg oder sofortiger Kanonisierung in der öffentlichen Wahrnehmung weiterleben darf – oder nach kurzer Zeit wieder in die Halbvergessenheit zurücksinkt. Viel zu viele KollegInnen wissen, was damit gemeint ist – ihre Neuerscheinungen fielen in die dummen Monate der Pandemie und damit aus dem Raster des Betriebes. Hängen bleibt nur das massiv Beworbene. Rezensiert wird nur das ganz Aktuelle. Verlegt wird nur das Erfolg Versprechende.

Umso schöner, dass der verdienstvolle Klever Verlag in diesem Frühling eine Neuauflage besorgt: „Aufzeichnungen einer Blumendiebin“ ist erstmals 1996 im Ritter Verlag erschienen. Karin Ivancsics ist Vorstandsmitglied der GAV, Sprecherin der GAV Burgenland, Präsidiumsmitglied der Erich-Fried-Gesellschaft und – gemeinsam mit Andreas Okopenko – ausgezeichnet mit dem Hertha-Kräftner-Preis (ein Beispiel von vielen).

Ihrem Text ist sein Alter nicht anzumerken, es ist ein hervorragendes Exempel gegen den Aktualitätsfetischismus. Ihn gattungsmäßig einzuordnen ist zwar nicht leicht, aber auch nicht unbedingt nötig. Das Ignorieren von literarischen, geographischen, biologischen (Gattungs-)Grenzen ist ihm wesentlich. Die titelgebende Blumendiebin lädt zur Teilhabe an einem Bewusstseinsstrom, der mal Naturlyrik im neueren Sinn ist, mal Flashback einer Reise, mal pflanzlich-menschliche Erotik. „Brauche ich einen Punkt zur Definition, außerhalb meiner Selbst eine Position, da ich mir selbst genüge und mich selbst vergesse, im Verwachsen mit der Natur?“ Kindheitserinnerungen an beerdigte Mäuse (samt geschmettertem „Näher mein Gott zu dir“, wer kennt das nicht?), Hahnenkämpfe in Mexico, Straßenszenen in Bangkok oder irgendwo in Cuba – alles ist mit allem verbunden. Klaus Taschwer hat das damals im Falter sehr treffend eine „florale Reise um den Tag in 80 Welten“ genannt. Im aktuellen Nachwort erfreut sich Petra Ganglbauer zu recht an der „poetischen Fülle“ dieser Aufzeichnungen, und am beobachtenden Ich, das „alles hereinholt, was es mit seinen Sinnen zu erfassen imstande ist“. Und man kann tatsächlich lernen, wie der Diebstahl von Topfpflanzen am besten zu bewerkstelligen ist. Die vielleicht allerwichtigste Botschaft: „Wenn du etwas anderes tust als das, was dir Freude macht, machst du dich der Verweigerung schuldig“!

Karin Ivancsics: „Aufzeichnungen einer Blumendiebin.“ Klever Verlag

Was schreiben die Menschen, die für uns sprechen? Teil 1: Die Bitte um eine gute Sterbstunde.

Beginn einer kleinen Rezensionsreihe über KollegInnen der GAV.  Von Dominika Meindl

Martin Fritz: Die Vorbereitung der Tiere / Two Princesses

Für ein Bundesland zu sprechen, daraus machen Politiker einen Fulltime-Job – Martin Fritz aber baut die GAV Tirol aus, während er glitzernde Lesebühnen inszeniert, Poetry Slams hochjazzt, Literaturwissenschaft pflegt (Dr. Mag. Mag. Phil, prack!) und Bücher schreibt. Voilà die Überleitung!

„Die Vorbereitung der Tiere“ ist nicht einfach ein lieblos aus Kurztexten zusammenklabüsertes Manuskript, sondern gereifte Slam Poetry, die verschriftlicht für sich steht (und das lässt sich ja wahrlich nicht über alle Texte dieses Genres sagen; es muss ja auch nicht jede reale Performanz in Buchstaben gezwungen werden!). Diese Sammlung ist also schon alleine ein Geschenk für alle, die diesen gleißend intelligenten Blödsinn noch einmal im Stillen nachlesen wollen. Oft hat man dem Fritz auf der Bühne zugehört und sich gewünscht, das soeben Gehörte und Verklungene gleich memorieren und bei Gelegenheit in klugen Konversationen zitieren zu können!

Hier gibt es Fußnoten zuhauf, darin eigene Erzählungen. Hier verbinden sich moralisch höchstwertige, ernsthafte Anliegen mit akademischem, elegantem Unsinn. Wenn Fritz nachweist, dass der Tiger sich für Innenarchitektur interessiert, möchte man ungern widersprechen. Oder: Der Biber „wird nicht umsonst, um an dieser stelle auch ein persönliches urteil abzugeben, er wird nicht umsonst als der helmut berger des tierreichs bezeichnet“. Die Biene etwa ist eine Dilettantin, die es gut meint. „es darf nur nie jemand etwas in die hände bekommen, das nach der art der biene gemacht ist, oder der schwindel wird gewahr.“

Neben den proaktiv anthropomorphisierenden Tierberichten erzählt Fritz von seinen Leidenschaften (Schneefräsen auf dem Balkon, so ist das halt in Tirol), Schnapsideen beim Kiffen (unter Einbeziehung von Amphibien), Abenteuern mit Installateuren (eine eigene Welt), Philosophisches zur Zeit, aber ohne Hegel (wie Pralinen bewusst ohne Schokolade) und zutreffende Klagen über Nachkriegsadventkalender, in denen die Generation X zum Beten für eine gute Sterbstunde angehalten wurde: „Wir haben ja nichts gehabt!“

„Bier ist ein Quell nur einer Freude: des Trostes, dass, wenn gar kein Bier vorhanden ist, immerhin auch kein Corona da ist.“ Ist es falsch, Fritz den Max Goldt von Innsbruck zu nennen? So doof kann jedenfalls nur der wirklich Gescheite sein. 


 

Nicht unerwähnt darf die jüngste Hervorbringung Fritzens bleiben: In der ganz und gar einzigartigen Broschüre „Two Princesses“ setzt er sich mit dem Phänomen der Produktkönigin auseinander, was speziell für uns Menschen rund um das Eferdinger Becken höchst relevant ist (#puppingergemüseprinzessin). Er nennt sie „elegante zeuginnen untergegangener industrie“ mit Verbindung zur späteren Popkultur. Die Untersuchung hat immens viel über Vergangenheit und Zukunft der Weiblichkeit zu sagen. Theoretischer Bonus: Einsichten über „diese vielleicht letzte generation von menschen, deren leben im netz nur eine einzige spur hinterlassen hat: wie schön ist es, über sie so wenig zu wissen.“ Er wundert sich darüber, wie leicht ein Produkt wie Safran von Afghanistan nach Europa kommt, und wie schwer ein Mensch.

Martin Fritz: "Die Vorbereitung der Tiere". Edition Laurin. „Two Princesses (Queens, Pt. III)“ ist in Form einer Lecture Performance hier zu sehen: https://youtu.be/NwDo4WsCSGg

Kritik an der Literaturkritik ist im Kommentarteil nicht nur möglich, sondern erwünscht! 

Zeit für Utopien zwischendurch?

Reflexionen zum Thema „Utopien“ angeregt durch die Online-Aufführung eines Lesedramas von Corinna Antelmann von Elisabeth Strasser Ist heute...