Benjamin Rizys „Über der Tür“. Rezension von Dominika Meindl
Es ist eine oft und rechtmäßig vorgebrachte Klage über den deutschsprachigen Buchmarkt, dass er mit kurzen Textformen so wenig anzufangen wisse. Ausnahmsweise hofft man auf den einzigen Vorteil des grassierenden Konzentrationskollapses (die Autorin nimmt sich nicht aus!), auf eine Verschiebung des Fokus auf Erzählungen, Aphorismen – oder „short short stories“ wie jene von Benjamin Rizy. Der in Wien und Bad Leonfelden lebende Autor ist nun endlich Mitglied der GAV geworden.
Auf einem Zettel, den er seiner ersten Kurgeschichtensammlung beilegt, notiert er „Leider kommen nur zwei Hunde vor. Naja, besser als nix“, was noch nichts über das Buch aussagt, aber doch schön ist. Vielleicht ist es auch besser für die Hunde, denn besonders gemütlich geht es in den 29 meist abgründigen und/oder absurden Mini-Thrillern, Kleindramen, Dorfgeschichten, Stadtbildern nicht zu. Was sie eint, ist die Lust des Autors, den Lesenden immer wieder den Boden unter den Füßen wegzuziehen, ihre Erwartungen und Leseautomatismen zu stören. Nicht immer ist der Erzähler ein Mensch, auch Weberknechte oder Enten haben etwas zu sagen. Die Welt ist ein Lost Place, dessen Verfall man neugierig betrachtet.
Die Haltung Rizys als politischer Mensch ist klar, ebenso sein Sarkasmus: „Am Wahltag richten sich
die Leute schön her, um dann schiach zu wählen.“ Nachvollziehbarem Land-Bashing stellt er sehr gute Beobachtungen über die Stadt
entgegen: „Eine Stadt, das ist Möglichkeiten zu haben, aber sie
trotzdem nicht zu nutzen.“ Oder: „Die Wände in freundlichen
Farben, die aussahen, als habe sich ein Regenbogen übergeben.“
Immer gibt es einen Twist, eine überraschende Wendung. Müsste ich
eine Geschichte als die beste hervorheben, fiele die Wahl auf „Das
Einfamilienhaus“, eine fast apersonale und Beschreibung der
Unheimlichkeit des Heimeligen.
Biographie: Benjamin Rizy, geboren 1990 in Wien, lebt in Wien und im Mühlviertel (OÖ). Zunächst Studium der Physik an der Universität Wien, derzeit Verfahrenstechnik an der TU Wien. Davor Zivildienst im Marketing eines Kulturzentrums in Wien. Arbeitet nebenbei als Photograph und Musiker. Ausgeprägtes bis ausuferndes Interesse an Literatur, Technik, Kunst, Brettspielen, Politik, Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit. Vorlieben für Oscar Wilde, Piraterie, Schreibmaschinen, durchdachtes Design, alle Katzen und viele Hunde. Derzeit Arbeit an der zweiten Kurzgeschichtensammlung. Er ist Vater von zwei Söhnen.
Benjamin Rizy: „Über der Tür“. Short Short Stories. Löcker Verlag
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