Donnerstag, 3. September 2026

Utopien weiterdenken

 


zu „Lahea“ von Lisa-Viktoria Niederberger
Roman, erschienen im Otto Müller Verlag, 2026

Rezension von Elisabeth Strasser 


Eine Insel, fruchtbar und lebensfreundlich, auf der Menschen eine gerechte Gesellschaftsordnung verwirklichen wollen. Sie heißt nicht Utopia, sondern Ebria.

Lisa-Viktoria Niederberg schöpft aus dem Fundus utopischer Erzählungen und schafft daraus ihre eigene Version. Detailreich, geradezu liebevoll, ist das Leben auf der Insel beschrieben: die Landschaft – eine Karte von Ebria ist vorne im Buch abgedruckt –, die Pflanzen und die Speisen, die daraus zubereitet werden; die Gesellschaftsordnung, das politische System und die Personen, die auf der Insel leben, deren Charaktere eindrücklich vorgestellt sind.


Der Roman ist im Präsens erzählt, was all das Geschilderte unmittelbar miterleben lässt und eine Sogwirkung erzeugt. – Zunächst lernen wir das Leben auf der Insel anhand des Dorfes Ipane kennen, in dem die Hauptfigur Lahea lebt. Sie ist die Tochter der Dorfvorsteherin, die ihr zu Beginn des Erzählten dieses Amt übergeben will, und selbst – wie es den Gepflogenheiten der Insel entspricht – in die Hauptstadt übersiedeln, um dem Ältestenrat anzugehören. Dieser besteht – genauso wie das Amt des Dorfvorstandes – ausschließlich aus Frauen. Lahea zweifelt an einigen dieser Regelungen, die seinerzeit – als die Männer das alte, patriarchale System ihrer Herkunftswelt weiterführen wollten – ihre Berechtigung hatten, aber ihr inzwischen antiquiert und unnötig erscheinen. Denn Lahea gehört einer Generation an, die nur mehr das Leben auf der Insel kennt.


„Ihre Mutter und die anderen wollten damals auf Ebria eine neue Welt schaffen. Eine neue Realität, eine bessere Gesellschaftsform. Leben im Kollektiv. Solidargemeinschaft. Der Versuch, im Einklang mit der Natur zu bleiben, sie zu bewahren, anstatt auszubeuten. Freie Liebe, aber nicht wie in den gescheiterten Versuchen in der Alten Welt, sondern wirklich. Das Patriarchat mit seinen unterdrückerischen Regeln wollten sie zurücklassen. Sie haben nicht nur mit Worten, auch mit Aktionen, mit Gewalt dafür gekämpft, als das die einzige Möglichkeit war, die noch blieb.“ (S 30 f)


Dieser Absatz fasst das Leben auf der Insel trefflich zusammen: Arbeit ist gerecht aufgeteilt: alle arbeiten vier Tage pro Woche; zwei Wochen in der selbst gewählten und bevorzugten Tätigkeit, dann eine Woche in einer Gemeinschaftsarbeit, die zugeteilt wird, sodass auch notwendige unbeliebte Tätigkeiten erledigt werden; und keine Arbeit ist mehr oder weniger wert oder angesehen als eine andere. Geschlecht spielt keine Rolle – mit Ausnahme der für Frauen reservierten Führungsämter –, Variani, die nicht-binären Personen bezeichnen, sind selbstverständlich. Sexualität ist von konventionellen Vorstellungen befreit – so lebt Lahea mit zwei Männern zusammen, die ihrerseits in Liebe verbunden sind. Tiere werden nicht getötet, somit wird kein Fleisch gegessen. Angeschwemmtes Treibgut ist die wichtigste Ressourcenquelle, wird sortiert und verwertet. Vor allem aus Plastik besteht dieses Treibgut. Und gleich zu Anfang des Romans wird ein toter Wal angeschwemmt, in dessen Eingeweiden sich ebenfalls eine Menge Plastik befindet. – Dies ist gleich zu Beginn die Irritation, die die Idylle stört, und damit Spannungsträger: Was ist mit der Welt außerhalb der Insel los? Existiert sie überhaupt noch in der uns bekannten Form? Woher sind die Menschen, die die Insel besiedelten, gekommen, und warum sind sie hier? Und was genau hatte es mit dem Befreiungskampf der Frauen auf sich?


Um sich auf ihre Aufgabe als Dorfvorsteherin vorzubereiten, muss Lahea in der Hauptstadt beim Ältestenrat vorstellig werden und danach in Begleitung einer Protokollierenden die ganze Insel bereisen, um sie und die Menschen, die auf ihr leben, kennenzulernen.


Bereits auf dem Weg zur Hauptstadt durchbricht eine Begebenheit die wohlgefügte Ordnung der Insel. Lahea wird mit einer Begegnung konfrontiert, die ihre Vorstellung von der guten und gewaltfreien Welt, in der sie zu leben meint, zerbrechen lässt. Bald erfährt sie, dass der Ältestenrat von dieser Gefahr, dieser Bedrohung, weiß, aber sie der Bevölkerung verschweigt. Und dann gibt es auf der Insel auch noch einen ruhenden Vulkan.


Im Laufe ihrer Reise durch Ebria wird Lahea einiges über Verschwiegenes erfahren. Und schließlich jemandem im Höhlensystem einer Insel inmitten des Vulkankratersees, die nur auf einer einzigen Landkarte eingezeichnet ist, begegnen. Eine Begegnung, die Lahea und damit uns Lesenden eine überraschende Wendung beschert, bevor in einem großen „Showdown“ es um alles geht und die Weichen neu gestellt werden müssen – besser gesagt: der Kurs neu festgelegt werden muss. Ob, und wenn ja, wie das gelingt, sei hier selbstverständlich nicht verraten.


Utopien sind stets Gedankenkonstrukte. Jene, die in der Realität 1:1 umzusetzen versucht wurden, sind gescheitert. Das wirkliche Leben ist dafür allzu komplex. Wer bestimmt, was Gerechtigkeit ist? Kann es wirkliche Gleichheit für alle geben? Was geschieht mit jenen, die sich der – noch so gut gemeinten – Ordnung nicht unterwerfen wollen, sei es aus Eigennutz oder aus der Überzeugung, sich „bessere“ Vorschläge ausgedacht zu haben, oder weil sie schlicht unzufrieden sind, Verlierende des Systems? Wie geht man mit Verrätern und Verbrechern um, wenn Gewaltlosigkeit das Ziel ist? Wie leicht lässt sich die Bevölkerung durch Hetzkampagnen manipulieren? – All diesen Fragen weicht der Roman nicht aus. Sie sind einer Utopieerzählung immanent.


Gleichwohl sind Utopien immens wichtig, weil sie anregen, das Gewohnte zu überdenken, Alternativen zu suchen, die zu einem oft gar nicht so kleinen Teil sehr wohl in der realen Welt umsetzbar sind oder wären. Vieles an Fortschritt zu einem besseren, gerechteren Zusammenleben, vieles, was wir heute als selbstverständlich erachten und womöglich gar nicht mehr zu schätzen wissen, beruht auf einstmaligen Utopien.


Die Gegner des „Modells Ebria“ im Roman werfen dieser errungenen Lebensform vor, Fortschritt zu verhindern. Gleichheit und Zufriedenheit würden Konkurrenz und damit Ehrgeiz hemmen, somit keinen Fortschritt zulassen. Die Figur des Ilyas im Roman steht genau für das Gegenteil dieser Sicht: ein kluger Kopf, ein Erfinder, der seine Begabung für das Allgemeinwohl einsetzt, und dabei auch schon mal aus einem angeschwemmten Fahrrad einen Springbrunnen zur Belustigung nicht nur der Kinder baut. Einfach, weil er es kann, und weil er weiß, dass nicht allein das, was unmittelbaren Nutzen und Profit bringt, wesentlich im Leben ist.


Vieles gäbe es noch zu sagen: wie wichtig Erzählen und Erinnern ist; dass Gewächshäuser und Bibliotheken zentrale Orte sind; dass Gefühle zu zeigen, nichts mit Schwäche zu tun hat; dass Liebe der „Treibstoff“ ist, und die Liebe zu einem Menschen, keinem anderen, den man genauso liebt, etwas wegnimmt. Neben den erwähnten „Variani“ haben sich die Inselbewohner – also die Autorin – noch einige Begriffe für Ämter oder Umstände einfallen lassen, etwa „Emergentia“ für den Umsturz und „Ruptura“ für die dunkle Zeit davor. Dazu findet sich am Ende des Romans ein Glossar.

Einiges, was an Spannungsmomenten und offenen Fragen angedeutet wird, was noch besonders interessant zu erfahren wäre, löst sich nicht auf. Das mag vielleicht bewusst so von der Autorin gestaltet sein, um die Phantasie der Leser:innen anzuregen, selber gedanklich weiterzuspinnen, was die jeweiligen Hintergründe sein könnten.


Diese Rezension kann unbedingt als Lesetipp gelten. Ein Buch, das man – so ging es mir jedenfalls – nicht aus der Hand legen mag, bevor es ausgelesen ist.


Nachsatz: Zum Thema Utopien gibt es auf diesem Blog einen weiteren lesenswerten Beitrag vom 21.7.2021, der sich mit einem Lesedrama von Corinna Antelmann beschäftigt: https://www.gavoö.at/2021/07/zeit-für-utopien-zwischendurch.html

 

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