Donnerstag, 1. Oktober 2020

Über die Kunst und über das Leben. Neue Romane von Ruth Aspöck und Erich Wimmer

Von Dominika Meindl

Das Unterwegssein zur Kunst eint die beiden im Folgenden vorgestellten Neuerscheinungen, wie auch die augenfällige Nähe (wenn nicht gar Identität) von Aspöck und Wimmer zu ihren jeweiligen ProtagonistInnen. Aspöcks Text ist „faktional“, jener Wimmers leicht fiktionalisiert. Dazu passt die Passage aus Aspöcks „James Ensor“: „Es ist nicht notwendig, eine Geschichte zu erfinden. Das Leben selbst ist so spannend, dass ich die realen Geschehnisse und Handlungen nur erzählen muss. Die Kunst ist, sie von meinem Kopf in meine Schreibhand und von da in das Bewusstsein der Menschen zu bringen die den Text lesen.“

In beiden Romanen erhält die Leserin Einblick in die poetologischen Zugänge. Was bedeutet Kunst, was Literatur im Speziellen, wie werden Reflexionen zu einem Text? 

Aspöck war im Übrigen Wimmers erste Verlegerin. 

 

Ruth Aspöck: James Ensor nachgespürt. Meine Reisen zu dem Maler.

Aspöck ist eine Autorin, der die Bedingungen der Möglichkeiten literarischen Schaffens wichtig sind, und zwar nicht nur der eigenen, wie ihre Vita zeigt. Die in Salzburg geborene, in Linz aufgewachsene und in Wien lebende Literatin hat die feministische Zeitschrift „Auf“ mitbegründet, sie ist Verlegerin (Edition "Die Donau abwärts"), Lehrbeauftragte, Organisatorin von Symposien. Das alles seit einiger Zeit „in Ruhe“, wie man so sagt, nicht aber als Schreibende. Sie legt sich nicht zwingend fest, schreibt Prosa, Lyrik, Essay, Fachpublikationen und betreut Anthologien. „Die Grenzen von Wissenschaft und Literatur sind fließend, wie auch in anderen Bereichen Grenzen verschwimmen.“

In ihrem neuen Roman, der coronabedingt erst im September erscheinen konnte, geht sie dem Leben und Werk von James Sidney Ensor nach, der 1949 in Ostende gestorben ist. Mit seinem Namen wird der Symbolismus verbunden, ein Vorläufer des Expressionismus. Aspöck erfasst Ensor, „Maler der Masken“ in Forschungsreisen nach Belgien, München, Gardasee, Gent, Venedig. Und: „Zum ersten Mal in meinem Leben möchte ich literarisch zusammenarbeiten“, schreibt sie, das Projekt unternimmt sie gemeinsam mit der in Brüssel lebenden Freundin Dr. Jasminka Derveaux-Filipovic, welche auch die Idee zum folgenschweren „Ausflug“ an die belgische Küste hatte. Schon sprachlich ergibt das ein kleines Abenteuer, das gut zum Inhalt passt. Aspöck formuliert, der Inhalt geht auf die Arbeit beider zurück, die

Wenn ich seine Worte von dieser Rede lese, habe ich das Gefühl, dass er einer von uns ist, einer von uns Schreibenden, ein Literat.“ Es geht um die Frage, ob Ensor die Utopie der Versöhnung von Christentum und Marxismus anstrebte, aber auch um die Identitätsfindung des damals jungen Staates Belgiens – das gespaltene Herz der EU. Es geht um die eigene Handschrift im Wechsel der Strömungen, um die untrennbare Dialektik von Kunst und Kontext (die gerade angesichts der beiden Weltkriege unumgehbar ist).

Recherche und Inspiration sind Aspöck keine Gegensätze, darum auch der Zusatz „nachgespürt“ im Titel, und der Begriff der „Gedankenreise“. Es handelt sich hier um wahrlich umfassende Forschung, der eigene Zugang bleibt deutlich – sie fragt sich etwa, warum sie sich für einen Künstler interessiert, nicht für eine zeitgenössische Malerin, obwohl sie sich da bestens auskennt.

Eingeflochten sind immer wieder persönliche, berührende Erinnerung an ihre Jugendliebe Franz Xaver Ecker, verstorben 1999 in Leonding. Diese Passagen haben mich von allen am meisten berührt. Es gibt Parallelen, aber auch Kontraste in den Vitae zweier großer Künstler. „Lebenslang erfolgreiche und psychisch stabile Künstler gibt es wenige.“

Passagen zur Poetologie: „Ich möchte selbst zu einem tiefen (wenn auch niemals vollständigen) Verständnis einer Sache kommen und werde glücklich sein, wenn ich das auch auf die Leser und Leserinnen übertragen kann. Ich will ihnen meine Gedanken vor die Füße legen. Diesen Anspruch habe ich mit der Literatur, die ich schreibe.“

Ich will ja kein wissenschaftlich-akademisches Buch für Fachleute schreiben, sondern ein literarisches, das mit Neugierde, Lust und Fleiß entsteht und Freude beim Lesen macht. Es ist das Vorrecht der Literatur nicht nur zu informieren, sondern auch zu unterhalten. Um ein solches Werk entstehen zu lassen, muss Zeit vorhanden sein, eine gewisse meditative Leere, aus der heraus Kunst entstehen kann.“



Erich Wimmer: Die Eimannfrau. Eine Schweiz-Odyssee

Einen schönen Kontrast zur Biographie Aspöcks bildet jene des Autors und Musikers Erich Wimmer, der zusammen mit Gattin, Hühnern und Katzen in einem rustikalen Idyll bei den Vorderweißenbacher „Firsamböhmen“ lebt. Als „Brotberuf“ arbeitet er als Geigenlehrer im Landesmusikschulwerk, wie auch als Kunstvermittler, Autor und Dichter. „Vom Schreiben könnte ich fünf Stunden lang leben, schreibt er in seinem neuenmittlerweile neunten Roman, und: „Gelesen werden meine Werke, wenn überhaupt, nur von ganz wenigen, zumeist etwas schrulligen Menschen.“ Bei der Präsentation erzählt Wimmer davon, dass er für sein Debüt 50 Verlage anschreiben musste, bis es gedruckt wurde, als ausgleichende Gerechtigkeit habe nun gleich der allererste angefragte (Münster) zugesagt. 

In der „Eimannfrau“ geht es um die Erlebnisse eines Mühlviertler Stipendiaten, der ein halbes Jahr in der Villa der Mäzenin Lydia Eimann zubringen darf, die als eine Art freundliches Gespenst auch ein kleiner Teil der Handlung ist. Der Roman trachtet danach, die Exotik der Schweiz herauszuarbeiten, die ja tatsächlich gegeben ist, das alemannische Ethos, die demokratische Historie haben eklatante Mentalitätsunterschiede fundiert.

Es ist eine Art Schlüsselroman, die Biographie des Ich-Erzählers und des Autors decken sich in Eckpunkten, dazu kommen Bezugnahmen auf Gegebenheiten des lokalen Literaturbetriebs [Fürs Protokoll: Hier vermerkt die Autorin zum entsprechenden Kapitel über eine Dichtersitzung ihren Dissens].

Die Dinge, die den Erzähler glücklich machen: (Schwarz)fischen, Musik, seine Frau und die Poesie. Er ist von einem zutiefst humanistischem Zugang zum Leben getragen, in manchen Passagen geht er zugleich recht streng mit sich zu Gericht. Damit in Verbindung steht eine Selbstironie, die von eklatanter Uneitelkeit in Bezug auf das Äußere stammt, man wagt fast nicht zu lachen, tut's aber, wenn die eigene Frisur als „zwei flachsbraune Gästepantoffel“ beschrieben wird.

Der Ton ist fast durchwegs von freundlichem Humor getragen, die aber jene Abgründe, die auch zu besprechen sind, umso härter kennzeichnen. Stilistisch ist die Freude am Spiel mit den Worten zu vermerken (man erinnere nur an den Titel), wie auch der Zug zur kreativen Metapher; das ist – nicht abwertend gemeint! – in manchen Passagen Poetry-Slam-tauglich.

In die Schilderung des halben Jahres in Langetal schummeln sich besonders gegen Ende immer wieder absurd-komische Kapitel, die etwa von der versuchten Entführung seiner Mutter durch KGB-Spione handeln.

Ruth Aspöck: James Ensor nachgespürt. Meine Reisen zu dem Maler. Löcker Verlag

Erich Wimmer: Die Eimannfrau. Eine Schweiz-Odyssee. Münster Verlag

Die Buchpräsentation im Stifterhaus ist im Archiv von dorftv nachzusehen: https://dorftv.at/video/34239


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