Mittwoch, 3. März 2021

Richard Wall - Meine Position derzeit

MARGINALIEN 

oder

GIBT ES UNVEREINBARKEITEN?

I

Die an Kunst im weitesten Sinn interessierten Teile der Gesellschaft weiden sich am liebsten an den Lebensläufen jener Künstler, die im Wahnsinn oder Selbstmord geendet haben. Camille Claudel und van Gogh wären hiefür Beispiele. An Drogen oder Aids gestorben zu sein, ist ebenfalls kein Nachteil für das Ranking (Jean-Michel Basquiat, Keith Haring etc.). Nicht weniger beliebt sind jene Künstler, die der bürgerlichen Vorstellung, wie ein Künstler auszuschauen und zu leben habe, entsprechen. Dazu gehört das Handwerk der Provokation oder das Sich-zum Kasperl-machen.

II

Derzeit sind die Gesellschaften in Europa – desorientiert und indifferent wie sie derzeit erscheinen – nicht nur gespalten, sondern aufgesplittert. Sektiererische Geister verkünden ihre Unfehlbarkeit, versuchen die Mehrheit zu unterwerfen oder halten sie in Schach. Klassenunterschiede treten wieder deutlich zutage. Die Schere zwischen arm und reich, zwischen denen, die viel oder fast alles besitzen, und jenen, die zu Sozialmärkten pilgern und sich die Miete nicht mehr leisten können, geht immer weiter auseinander. Allerlei Irrationalismen, esoterische Positionen und Verschwörungstheorien dringen tief ein in die Denk- und Handlungsmuster einer verunsicherten Mittelschicht. Festzustellen ist auch ein Erstarken von nationalistischen und faschistischen Tendenzen. Gerade die Abgehängten, die Wenigverdiener und Hackler orientieren sich mehrheitlich politisch nicht mehr links, sondern marschieren nach rechts. Oder gehen der parlamentarischen Demokratie als Nichtwähler verloren.

III

Auch im Kunstbetrieb sind die Unterschiede zwischen jenen Künstlerinnen und Künstlern, die mit ihren Werken unglaubliche Summen einheimsen, und jenen, die oft nicht minder gut sind oder sogar besser, aus den verschiedensten Gründen jedoch im Abseits stehen, größer geworden. Während bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts Vermögende die Gründung von Kunst- und Kulturzeitschriften und junge Künstler und Schriftsteller gefördert haben, kaufen heute die meisten Vermögenden, vor allem die Klasse der Neureichen, alles andere als Kunst. Wenn sie Kunst kaufen, dann Artefakte von bereits berühmten, hochpreisigen Künstlerinnen und Künstlern, meist zum Zweck einer Wertanlage. Dass der Kunsthandel vom Weißwaschen ergaunerter Schwarzgelder profitiert, ist kein Geheimnis. Enorme Beträge werden bei Auktionen aufgeboten und treiben die Preise in die Höhe. Die phantastisch-abstrakten Werte (wie die Tulpenzwiebel im 17. Jahrhundert in den Niederlanden) haben zur Folge, dass öffentliche Museen beim Einkauf oder Zukauf – beispielweise um eine Sammlung zu ergänzen – nicht mehr mithalten können.

IV

Im Literaturbetrieb dominieren die Großverlage und die Gattung Roman das Geschehen. Was uns Dichter und Kleinbildkünstler betrifft, so kommt dazu, dass auch der Journalismus sämtlicher Medien gegen uns arbeitet: Auf eine ganz einfache Weise, nämlich – indem wir ignoriert werden. 

„Seien wir uns ehrlich, Krawallmacher haben es leichter heute, in der Politik ebenso wie im Literaturbetrieb. Das ist nicht verwunderlich, weil Kritik nicht erwünscht ist und durch Betrachtung ersetzt wird. (…) es werden ja Gestalten rezensiert, nicht literarische Werke. Dass so viele gelobte Bücher ohne einen Ansatz von Reflektion auskommen, gehört zu einem Betrieb dazu, der gerade dabei ist, sich das Denken abzugewöhnen.“ (Anton Thuswaldner in Literatur und Kritik, Nov. 2020) 

V

Substanzlose Maulaufreißer und künstlerische Konjunkturritter werden abgefeiert. Filmregisseure, die ohnehin mit ihren Kabarettlieblingen und Vorstadtweiber-TV-Serien bestens verdienen, müssen auch noch Romane hinfetzen; Personen, die aus ihrer Bekanntheit, die nicht aus einem künstlerischen Schaffen entstand, profitieren durch ihre Bekanntheit, wenn sie plötzlich einen Roman oder Krimi veröffentlichen. Wie aus dem Nichts kommen Journalistinnen und Journalisten für eine plötzliche Karriere als Autorin oder Autor in der Sparte Belletristik in Frage und lassen sich von Kolleginnen und Kollegen feiern. Dutzende solcher „Talente“ schwimmen als Fett auf der Magersuppe, die sich hunderte Kolleginnen und Kollegen, die seit Jahrzehnten ihrer Berufung nachgehen, am Hungertuch nagend, teilen dürfen.

VI

Kunst ist für mich keine Spielerei, kein Sträußchen am Hut, sondern eine ernste Angelegenheit. Selbst dann, wenn ich experimentiere, mit Formen oder Sprache „spiele“. Für mich war und ist das Schreiben und Bildnerisch-tätig-Sein ein Grundbedürfnis und Lebensmittel seit Jahrzehnten. Der Blick in den Abgrund ist Antrieb. Meine Existenz weist eine Grundierung auf, die mich genau beobachten lässt; Emotionen wie Angst, Leere, Liebe und Empörung waren mir stets ein Anlass, mich diesen auszuliefern, ihnen nachzuspüren, wiewohl Phasen der Melancholie immer wieder Schaffenskrisen und -pausen zur Folge hatten. 

Emotionen hat jeder Mensch, die Herausforderung ist die Wahl der ästhetischen Mittel, die Form.   

VII

Die Frage, die sich jede und jeder selber stellen muss: „Gibt es Unvereinbarkeiten?“


Februar 2021
von Richard Wall

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