Hermann Knapp: Die zweite Sintflut. Rebellion der Kinder.
Rezension von Elisabeth Strasser
Wir erinnern uns an die „Fridays for Future“-Kids und an die sogenannten
„Klimakleber“. Beides ist inzwischen verschwunden, das damit verbundene Thema
dagegen nicht.
Es ist noch immer ein brandheißes, der Klimawandel und all das, was die
Menschen der Erde, auf der und von der sie leben, antun. Auch wenn wir uns jetzt
im kalten Winter nach wärmeren Tagen sehnen, allzu heiß wird es schon wieder
werden. Das Weltklima ist außerdem ein so komplexes Gebiet, dass die
Auswirkungen letztlich schwer vorhersehbar sind. Dazu gibt es wissenschaftliche
Expertisen und viele Meinungen. Nur eines müsste wohl allen klar sein: All das
CO2, das in Jahrmillionen in die Erde eingespeichert wurde,
innerhalb von 200 Jahren in die Atmosphäre zu pulvern im Rahmen der Nutzung
fossiler Energie, kann nicht ohne Auswirkungen bleiben.
Hermann Knapp lässt die Gedanken an die Protestaktionen der Jugendlichen in
seinem Roman wieder aufleben, wobei hier die „Rebellion der Kinder“, wie es im
Untertitel heißt, weitaus radikaler ist.
Mara, eine Dreizehnjährige, wacht eines Morgens einfach nicht mehr auf.
Schön wie Schneewittchen in ihrem Glassarg liegt sie im Bett. Ihren
alleinerziehenden Vater ergreift Panik, er ruft die Rettung. Mara lebt, aber in
einem Zustand, der zwischen Leben und Tod schwebt. Doch nicht allein Mara ist
davon betroffen, alle Dreizehnjährigen auf der gesamten Welt sind das. Eine
Veränderung im Gehirn bewirkte das, wie Wissenschaftler bald feststellen und den
Begriff „Kant’sche Hypophyse“ dafür finden. Vielleicht eine Mutation in der Evolution
des Menschen, vom homo sapiens hin zum homo emphaticus?
Mara ist der Exemplarfall, dessen Schicksal im Roman im Mittelpunkt steht. Lukas
Wächter, ihr Vater, ein Buchhalter mit besonderem Faible fürs Einmaleins, das
er sich zur Beruhigung oder Ablenkung gerne aufsagt, ist die Hauptfigur. Er ist
bei seiner Großmutter aufgewachsen, schwer traumatisiert, nachdem sein Vater
unter Alkoholeinfluss seine Mutter und danach sich selbst getötet hatte. Irene,
Lukas Wächters Ehefrau und Maras Mutter, eine Kunstmalerin, bringt endlich Freude
und Heiterkeit in sein Leben. Allerdings ist sie zu Beginn des Romans bereits
tot, an einer Krebserkrankung ein paar Jahre davor gestorben. Dennoch tritt sie
in etlichen erzählerischen Rückblenden schillernd-lebendig auf. So wie auch
Wächters Großmutter, die einst von der „Wolkenstadt“ sprach, die im Laufe der
Geschichte noch eine ganz konkrete Rolle spielen wird.
Da Mara der erste bekannt gewordene Fall des Phänomens ist, das als
„Schneewittchen-Starre“ bekannt wird, treten an Lukas Wächter nicht nur
Wissenschaftler und ein etwas zwielichtiger Innenminister heran, er wird von
Journalisten verfolgt, ein Geheimagent taucht auf, der für allerlei
abenteuerliche Situationen sorgt, und gar ein Redeauftritt vor der UNO erwartet
ihn.
Mystery, Phantasy, Thriller, Liebesgeschichte, Gesellschaftskritik … von
alledem steckt etwas in Hermann Knapps Roman. Dazu kommt des Autors bereits von
anderen Romanen und Erzählungen bekannter schwarzer Humor und Sprachwitz. Als
kleines Beispiel etwa, wenn anfangs auf des Vaters Frage, ob Mara noch lebe,
der Arzt antwortet: „Ich kann Ihnen nur sagen, dass eine Obduktion derzeit
keine Option ist.“
Die Rückblenden auf die Liebesgeschichte zwischen Lukas und Irene, auf die
Geschichte mit der Großmutter, sowie die Begegnungen in der „Wolkenstadt“ (was
es damit auf sich hat, sei natürlich nicht verraten), ergeben berührende und
eindrücklich geschilderte Episoden. Letztlich führt der Weg zur Lösung über die
Kunst, kann man sagen, was heißt, Irenes Gemälde in dem nach ihrem Tod
verschlossenen Atelier tragen zur Lösung eine wesentliche Rolle bei. – Vom Ende
der Geschichte kann – ganz ohne zu spoilern – verraten werden, dass Lukas
Wächter zuletzt eine im wahrsten Sinne des Wortes in der Menschheitsgeschichte
einzigartige Aufgabe bekommt.
Der Begriff der „Sintflut“ ist hier nicht wörtlich zu nehmen. Es gibt keine
reinigende Flut, nach der ein Neubeginn möglich wird. Dennoch dreht sich die
Geschichte genau darum: um einen Neubeginn, der möglich werden kann, nachdem
die rebellierenden Kinder wieder aufgewacht sein werden. – Welche Probleme damit
verknüpft sind, und wie das gelingen kann, wird in der Geschichte überlegt –
innerhalb deren erfundener Realität.
Das Anliegen des Romans ist klar: Achten wir auf die Erde, schauen wir
darauf, dass unsere Welt eine Zukunft hat für die nachkommenden Generationen. –
Was dazu bisher versucht wurde und wird, reicht jedenfalls nicht aus. Das wird
in Rückblenden auf Gespräche zwischen Vater und Tochter aufgegriffen. Etwa wenn
Mara – ein Kind unserer Zeit, das an den Freitagsdemonstrationen teilnimmt und gleichzeitig
hoch energieverbrauchende Geräte nutzt – am Ende einer solchen Diskussion sagt:
„Wir können jetzt stundenlang gegeneinander aufrechnen, an welcher
Umweltzerstörung wir schuld sind. […] Aber darum geht es gar nicht. Das
Schlimme ist, dass auch du und Mama nichts dazu getan habt, um eure Generation
zum Umdenken zu bewegen. Nur im eigenen Bereich ein paar kleine Schritte zu
machen, reicht schon lange nicht mehr.“
Was im Roman passiert, ist phantastische Fiktion. Reale Lösungen für das
Problem „Klimawandel“ bietet er natürlich nicht an, sensibilisiert jedoch
eindrücklich dafür.
Die Hoffnung auf eine lebenswerte Welt für die nächsten Generationen wird
zwar nicht in einem Evolutionsschritt wie der „Kant’sche Hypophyse“ liegen,
sondern eher im Vernunftgebrauch des Menschen (wobei wir natürlich auch bei
jenem Philosophen Immanuel Kant sind, nach dem jene Gehirnmutation im Roman
offenbar benannt ist), einem Vernunftgebrauch, der sich neue Konzepte und Ideen
einfallen lässt, weil es schließlich ums Überleben geht. Ansätze dahingehend
gibt es jedenfalls.
Hermann Knapp sagt auf seiner Webseite selbst über seinen Roman: „Das Buch soll zum
Nachdenken über die Klimakrise und unsere Verantwortung für die nachkommenden
Generationen anregen. Träumt mit mir von einer besseren Welt, denn Träume
können wahr werden – und es ist noch nicht zu spät!“
Erschienen 2025, Verlag am Rande