Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han wurde zum Gärtner und erlebte das Weilen und Duften der Zeit, wie er schrieb. Barbara Frischmuth widmete bekanntlich ihrer Gartenleidenschaft Bücher. Wem nicht das Glück beschieden ist, einen eigenen Garten zu bestellen, der kann sich immerhin darauf verlegen, welche zu besuchen.
HC Stöger und Lebenspartnerin Alina Staicu haben diese Tour, oder besser: Touren, in Verona auf sich genommen. (Ein Philister, dem die Perle Venetiens nicht mehr zu bieten hätte als Pavarotti in der Arena!)
Daraus ist nun ein Buch geworden, mit Prosa von Stöger und Zeichnungen von Staicu.
Auf eine Kurzcharakteristik der jeweiligen Anlage folgt in Begleitung eines Bildes ein Bild in Worten. Oder es folgen deren mehrere. Das Geschriebene rekurriert entweder direkt auf die örtliche Gegebenheit, anekdotenhaft, oder assoziiert, reflektiert, fabuliert, angestoßen durch das vorgefundene Vorhandene. Dabei kann auch eine sarkastische Chrie entstehen, wie der Text „Ein unglücklicher Fall“ belegt, der dem Besuch des Giardino della tartaruga zu danken ist. Bisweilen wähnt man sich in eine Staffage der Pittura metafisica versetzt, wie de Chirico sie ersann („Nur diese Nacht“), dann konfrontieren den Leser chronikalische Schilderungen ortsverbundener Ereignisse oder historische Moritaten, wie jene Geschichte vom unschuldig Erschossenen, der man an der Bastione delle Maddalene begegnet. Die Texte formen ein launiges Potpourri aus (überzeichneten) Begebenheiten und zuweilen fatalen Missgeschicken („Das Reh“). Dabei scheint Stöger der Dürrenmatt’schen Dramaturgie verpflichtet: Eine Geschichte ist dann zu Ende, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat („Mit Hintergrund“). Banalitäten können zu Katastrophen erblühen, ohne dass es bramarbasierendes Zutun voraussetzte.
Resümee: Jeder Ort hat seine Geschichte(n), jeder Aufenthalt seinen Gehalt.
Ein Satz fasst das Verbindende der Besuche der oftmals von morschendem Mauerwerk umfriedeten, mitunter von gärtnerischer Pflege vernachlässigten Stätten so zusammen: „Wir alle sind Nachbarn.“
Und berückende Formulierungen wie diese erbauen: „Der Tag hatte ihnen die Träume aus den Augen gewischt.“
Die Früchte der Besuche aus 2022 gehen jenen aus 2019 voran. Während die Zeichnungen zunächst auf den rechten Buchseiten aufscheinen, prangen sie dann, in reduziertem Format, auf den linken. Eignet ihnen zunächst die Anmutung von Gouachen oder Skizzen mit Pastellkreide, so finden sich ihre Umrisse dann wie von der Tuschefeder gezogen. Naturalistisch sind sie allemal. Inwieweit die Künstlerin Alina Staicu dem Befund Klees beipflichten wollte, „Kunst zeigt nicht das Sichtbare, sondern macht sichtbar“, wagt der Rezensent nicht zu entscheiden. Zeigen die Zeichnungen, was man vor Ort, je nach Standpunkt, sieht, oder was sich der Betrachterin erschließt?
Gemäß dem 'Pataphysiker' Alfred Jarry dient der Körper dazu, Jacken zu tragen und mit den Jacken die aufgenähten Taschen. Das Buch von Stöger und Staicu ist ein passendes Vademecum für unterwegs, geeignet für die Taschen an der Kleidung und für Spaziergänge.
Wollen wir es doch bedenken: In einer Welt ohne Gärten, fände die Sehnsucht nach dem Paradies zu keinem Bild.
Bernhard Hatmanstorfer
Herbert Christian Stöger / Alina Staicu: mitschatten. Veronas verborgene Gärten.
Edition fabrik.transit 2024
ISBN 978-3-903267-49-7