Mittwoch, 29. Juni 2022

Was wir lesen - 2022

Von Dominika Meindl. Fotos: Helmut Rizy

In gewohnt akribischer Vorbereitung und enthusiastischer Moderation führte Erich Wimmer durch einen Abend, der die Vielfalt der GAV OÖ stets besonders deutlich vor Augen führt: In "Was wir lesen" sprachen Andrea Drumbl, Kurt Mitterndorfer, Lisa-Viktoria Niederberger, Stephan Roiss, Elisabeth Strasser und Erich Wimmer kurz und prägnant über ihre Lieblingsbücher. Die junge Violonistin Valentina Pirklbauer spielte dazwischen einzelne Sätze aus Telemann-Fantasien für Violine Solo.


Andrea Drumbl war an diesem Abend besonders glücklich, da Christian Loidls Mutter im Publikum saß und sichtlich erfreut zuhörte, wie die Lyrikerin mehr als fachkundig über dessen Buch „schwarzer rotz“ sprach. Drumbl schaffte es auch, Erich Wimmer ins Boot zu holen, der mit der nicht sehr bildstarken, mitunter hermetischen Lyrik Loidls gehadert hatte.

Eine ganz andere Richtung schlug Lisa-Viktoria Niederberger ein. Sie erweiterte die Sichtweisen um die Perspektive einer Schwarzen Frau, der US-Amerikanerin Dantiel W. Moniz. Die Stories in „Milch Blut Hitze" zeigen die Schattenseiten des "Sunny State" Florida; wie unangenehm das Leben für die "Unterschicht" in den USA ist - vor allem für Frauen. Moniz beschreibt in ihrem Debüt Großes mit wenigen Strichen, sie beschönigt nichts und beherrscht einen klaren Stil - auch die Übersetzung von Claudia Arlinghaus und Anke Caroline Burger sei sehr gelungen.

Kurt Mitterndorfer führte das Publikum zurück nach Österreich - um Schattenseiten geht es aber auch hier. Da führt der Titel des von ihm vorgestellten Buches - „Das gute Leben“ - freilich in die Irre. Und doch beweist Fred Wander in seiner Autobiographie, was wahre Resilienz ist. Mitterndorfer und Wimmer sind sich einig, dass es ein Wunder sei, nach all den Schicksalschlägen nicht nur so ein Buch zu schreiben, sondern auch so ein Leben hinzukriegen. Dazu passt der Untertitel des 1996 erschienenen Buches: "Von der Fröhlichkeit im Schrecken". Wander hat es im Alter von fast 90 Jahren verfasst. Er beschreibt die Demütigungen eines jüdischen Buben im Nazi-Wien, von den Gefahren im Exil und dem Elend der Konzentrationslager in Buchenwald und Auschwitz. "Ich bin unterwegs, mein Gepäck ist nicht leicht", endet Wander.

Ein im Ton weitaus dunkleres Buch hat Stephan Roiss für den Abend gewählt: „Winters Garten“ von Valerie Fritsch. Roiss betont, dass für ihn die Sprache einer Erzählung das Wichtigste sei - ohne eine entsprechende Beschreibung seien die Handlung und der Gegenstand nichtig. Und wenn einer einen Stein drei Tage lang beschreibe, sei das legitim, wenn er dafür die richtige Sprache finde. Und das sei Fritsch in ihrem dystopischen Roman gelungen. Bei der Beschreibung einer Liebe im Klappentext scheiden sich kurz Wimmers und Roiss' Geister, aber es wäre gar nicht nötig gewesen, dass sich Roiss für den Bonsai-Zwist entschuldigt: Die beiden sind spürbar Freunde, und eine Debatte auf hohem Niveau schadet im Prinzip nie.

Nach Fritsch sprachmächtiger Beschreibung des Verfalls bot Elisabeth Strasser die nächste Wendung in eine komplett andere Richtung. Wimmer zeigt sich begeistert von ihrer intensiven, im allerbesten Sinne kindlichen Leselust - wir alle haben Sehnsucht nach der Versunkenheit in die Lektüre, wie sie nur den ganz Jungen gelingt. Strasser spricht über den gescheiten Witz in „Der Kater Konstantin“ von Walter Wippersberg. Nach der famosen Satire "Das Fest des Huhnes" gelang ihm mit den Erlebnissen des sprechenden Katers in einem völlig anderen Genre erneut ein großer Erfolg.

Und schließlich schloss der bekennende Bibliomane Erich Wimmer mit seinem feurigen Plädoyer für die (erneute) Lektüre der "Brüder Karamasow". Man möge sich einmal im Leben der gewaltigen Aufgabe unterwinden, sämtliche Übersetzungen ins Deutsche parallel zu lesen und die jeweiligen Ergebnisse vergleichen. Dabei erkenne man erst, was für ein Monument Fjodor Michailowitsch Dostojewski wirklich geschaffen habe - darüber stehe nur die Bibel. 

Die Nachberichterstatterin notiert noch dankbar seinen Hinweis auf Augustinus: "Sündige tapfer!" 

Valentina Pirklbauer, geboren 2004, maturiert derzeit am Stiftergymnasium, spielt bei diversen Ensembles und in der Upper Austrian Synfonietta.

 

Mittwoch, 8. Juni 2022

lyrik & jazz V - ein Nachbericht

Von Dominika Meindl. Fotos: Helmut Rizy

Zum fünften Mal lud Judith Gruber-Rizy zur Feier der Kongenialität ins Theater Phönix – und heuer waren die Sitzreihen auch endlich wieder so dicht besetzt, wie es diesem umsichtig kuratierten Literatur- und Musikereignis gebührt.

Das Line-Up an diesem 7. Juni: Marlene Gölz, Andreas Tiefenbacher Eva Fischer, Siegfried Holzbauer Till Mairhofer und Ines Oppitz lasen eigene Texte; bis auf Letztere war es für alle eine Premiere, was für die Attraktivität von Lyrik & Jazz für die Mitwirkenden spricht. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass sie von Rudi Habringer am Piano und von Franz Prandstätter am Saxophon begleitet werden. Wobei "begleiten" ein viel zu schwaches Wort dafür ist, was die beiden da alljährlich zaubern. Das ist wohlvorbereitete Improvisation, geteilte Spielfreude und höchstes Können. Die beiden unterstützen die Lesenden, dazwischen bekommt ihr Spiel den eigenen Raum, der ihm zusteht. Man wünschte, man verstünde mehr von Musik, um zu vermitteln, was zu hören war. Habringer verwies im Übrigen zu Recht darauf, dass es in der GAV OÖ etliche Menschen mit Mehrfachbegabung gebe, wobei die Bildende Kunst stärker vertreten sei als die Musik.

Marlene Gölz machte den Anfang, und es war für sie auch ungewohnt, Lyrisches zu lesen. Das erfuhr das Publikum aber nicht aus eigener Anschauung, sondern nur, weil sie es selbst feststellte. In "Schreiben 1": "alles reinhämmern an Wut und Kraft, was nötig ist". Sie weiß Bescheid, wenn sie über das Landleben schreibt, die drohende "Absiedlung ins Zwischengebiet", und indirekt wohl auch über "Wirrwarr, Wischiwaschi, Tunichtgut". Bei Gölz gibt es "Eigenarten, eigene Arten und den eigenen Garten". Ihre Lyrik schreibt sie aus dem Alltag heraus, etwa an einem trüben Sonntag Morgen im April. "Alles ist still, und ein Warten." Ihre genauen Beobachtungen sagen im Kleinen viel über das Große, etwa dass die Gurken im Eferdinger Becken geerntet werden müssen, und man weiß, dass das ein Problem wird, weil die ukrainischen Erntehelfer eingerückt sind.

Andreas Tiefenbacher las aus der "Liebesliederbox". Da kommen Zikaden vor, die im letzten Sonnenlicht baden, "wie zwei verliebte Fliegen". Das lyrische Ich steht ehrfürchtig vor der Skulptur Michelangelo Pistolettos in Pagliano, einem marmornen Riesen, "ein Körpermonument". "Und weg ist das innere Schluchzen." Er will ganz nach eigenem Willen leben, "die Sehnsucht sitzt auf jedem Zeh". Und schließlich versinken die Schwäne am Hallstättersee im Presslufthammergedröhne.

Eva Fischer hielt sich nicht sklavisch an die Vorgabe "Lyrik", stattdessen las sie drei Dialoge in ihrer bewährten Vorgangsweise, indem sie die Leute belauscht und sich dazu eigene Gedanken macht. Während der Dialoge schwiegen Saxophon und Piano, nur um sich in den kleinen Pausen zu einem besonders gelungenen Dialog zusammen zu tun. In der ersten Zwiesprache geht es um das Folgen und das Befragen von Landkarten. Oder führt das Bauchgefühl sicherer ans Ziel? "Karten und Pläne schränken meine Entscheidugsfähigkeit ein." Und Kartenzeichner könnten ja Gauner sein... "Vertrauen ist halt immer auch ein wenig riskant." Der zweite Dialog führte mit Kant in die Konditorei. Ob der Vorname "Immanuel" lautete, ist nicht überliefert, wohl aber, dass Kant schweigend seine Malakofftorte genoss. Und schließlich beschrieb Fischer Bilder zu Texten, ihre "Auftischungen", die sie "Denklinge" nennt. So ging es denn auch auf eine kleine Reise in das südbayrische Denklingen, wo es eine Denk-Kolonie zu gründen gilt, um dem Grund der eigenen Denklust doch am Ende vielleicht auf den Grund zu gehen.

Ines Oppitz beschreibt einen Platzregen in Aschach. "Eine Stromschnelle sei ich, sagst du", und das Du kann auch zur einem "Schnarren des Telefons" werden. Das lyrische Ich wird bei Oppitz zu einem Klangkörper, der sich wie ein Sonar selbst zu orten versucht. Sie findet das Namenlose auf verschütteten Wegen, in ortlosen Weiten. Ihre Gedichte sind zugänglich und doch etwas verschlossener als jene der anderen, was aber überhaupt kein Nachteil ist. "Guten Tag, guten Abend, ist das die Wirklichkeit?"

Eine einzigartige Verbindung von Lyrik und Tagesgeschehen schafft Siegfried Holzbauer schon seit mehr als 25 Jahren in seinem "Diarium": Jedes einzelne seiner Tagesgedichte besteht exakt aus 36 Buchstaben. Er geht damit seit Jänner 1996 der Frage nach, ob sich das individuelle Leben als poetischer Text begreifen (bzw, festhalten) lassen kann. Für "Lyrik & Jazz" las er seine verdichteten, assoziativen Eintragungen seit Beginn des Ukraine-Krieges bis zum aktuellen Datum vor. Am 23. Februar 2022 heißt es:

omikron rückt näher
die russen kommen
und

Im März:

aschermittwoch
charkiw
&
in schutt und asche

Profanes wie Fischverzehr und Corona stehen bei Holzbauer unmittelbar neben dem Großen, Existenziellen, der Himmel neben der Hölle – man ahnt, dass es hier gar keine rechte Grenzziehung geben kann.

Alles ist hier nachzulesen: http://advancedpoetx.com/DIARIUM/index.html

Den Abschluss machte Till Mairhofer. Er lehnte seine Darbietung an Brentanos "Der Spinnerin Lied" an – "Des Spinners Lied": Der geht die Buchreihen entlang, bevor er selbst geht. Er liest sich ein Spätwerk zusammen, von jedem Autor möglichst das letzte Werk. Daraus entsteht eine an Goethe und die eigene Gedichtinterpretation angelehnte Poetologie. Am Ende mündet der Gang durch die Bibliothek und die eigene Erinnerung in stiller Resignation. Und doch gibt es das "Blattgold", das Licht in den höchsten Birkenzweigen – und die Rettung der Welt in uns. In "Altersteilzeit" bleibt Verspieltes und vieles, das noch zu sagen ist. Für das musikalische Finale packt Mairhofer seine Violine aus, im Trio klingt dieser geglückte Abend aus.

Eine Veranstaltung der Grazer Autorinnen Autorenversammlung in Zusammenarbeit mit der GAV OÖ. Ein Live-Mitschnitt ist demnächst auf dorfTV zu sehen, ebendort gibt es einige Ausgaben der Reihe zu finden.


Mittwoch, 18. Mai 2022

krieg eier kuchen freude friede frei

von René Bauer


wer im krieg den frieden sucht findet oft nur zerbröselte eierschalen 

und begeistertes tortenwerfen

da weinen die clowns in der arena und die kinder spielen umbringen am nachmittag

zwischen schrapnell und patronenhülsen

wehleidige fratzen legen sich epidemisch über die angesichter der alten

die in neu gefundener infantilität sich hinterfotzig für ein wiederholtes großes sterben einsetzen

ein lautes bitzeln und zähneknirschen hallt opulent durchs ganze land

als ein warnendes donnergrollen 

übertönt selbst die urlaubsstaus

der kaiser reitet wieder über die gräber der längst gefallenen und holt hervor aus der erde

die geilen mit ihren zerfetzten gliedern

holt hervor die schlurfenden versehrten aus ihren wurmzerfressenen holzkisten

die geifernden untoten mit ihren verwesten gehirnen

frohlockend und zuckend tanzen sie den charleston auf der schlachtfelddisco

im wummernden artilleriefeuer im gleißenden atomblitz

ein mg-stroboskop tackert die sechzehntelnoten im trommelfeuer

den beat auf 2 und 4 hämmern haubitzen

die herabfallenden bomben jaulen backing vocals

das fernsehen spielt unter vorgehaltener pistole einen appell und eine fanfare

die druckerpresse begleitet am schlagzeug

dann folgt der genickschuss und die ungeduldigen generäle treten sie in eine feuchte grube


im sternenleeren himmel hängt der trübe mond 

herab steigt ein gewaltiger geflügelter engel mit elefantenzähnen und rotluchsohren

mit vier armen und einer blanken klinge in jeder hand

und brüllend lachend schneidet er dargebotene hälse durch

hackt lustig wackelnde köpfe ab

dann jonglieren sie mit granaten

dann schießen sie sich die kleider vom leib

dann hängen sie autobatterien an ihre hoden

vergnügen sich in der schaumdusche

bespucken sich mit mundschaum

lassen schaumwein aus den flaschenhälsen quellen und entspannen sich beim waterboarding

schieben sich glühende nadeln unter die fein gesäuberten fingernägel 

ganz ganz langsam dass sie zittern und lustvoll schreien und es nach fischmilch riecht

die männer

es sind männer 

sie binden sich ihre kleinen schrumpelschwänzchen auf raketen

binden sich ihre eier auf die raketen und zünden

zünden und fliegen über alle stufen hinauf

in die wolken ins all 

fliegen mit ihren zwischen die beine gebundenen raketen in schwarze löcher auf dass sie verschluckt werden denn schwarze löcher schlucken immer

der rest jubelt johlt

säuft nitroglyzerin 

springt auf der tanzfläche bis es den magen zerreißt

oder wird übermannt vom schlaf


doch am morgen ist ihnen kalt

der kaiser ist ersoffen im fluss

der engel war aus pappmaché der mond ist fern

mehr als die hälfte findet nicht mehr heim

dann greinen sie schluchzen sie 

dann sind sie arm und zu ihrer mama gehen sie und sagen: Nie wieder. Nie wieder. 

Und sie sagt: Schsch. 

und nimmt sie in den arm

Nie wieder.

und wiegt und schaukelt sie

Nie wieder.

und schließt ihnen die augen

Nie wieder und sie gähnen.

und sie schließt ihnen die augen, mit den daumen drückt sie 

die augen ihnen in den kopf bis sie still sind.

und endlich ist ruhe. 

Montag, 2. Mai 2022


 Am Dienstag, den 10. Mai 2022 lesen anlässlich der GAV-Veranstaltung 'Freiheit des Wortes' nicht weniger als vier Mitglieder der GAV Oberösterreich (Johann Kleemayr, Kurt Mitterndorfer, Luis Stabauer und ich) im Literaturhaus in Wien. Oberösterreichbezug hat außerdem auch noch Gerda Sengstbratl, die in St. Georgen am Walde geboren wurde.

Donnerstag, 28. April 2022

KURGARTEN IV

Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall. 

Lisa-Viktoria Niederberger


Urlaubsorange

Vorm Gastgarten plätschert der Brunnen. Die Vögel tun, als wäre es schon Frühling und irgendwo klingelt ein Handy. Schulkinder spielen das, was bei uns Der Hase läuft über das Feld hieß, im Kurgartentheater. Auf der Freiluftbühne steht ein Kind mit dem Rücken zum Park und schreit etwas in Phantasiesprache. Kinder in Skihosen und dicken Jacken rascheln auf es zu. Wer nicht stillsteht, wenn das Bühnenkind sich umdreht, hat verloren. Ein Mädchen macht Maschinengewehrgeräusche, der Reihe nach fallen Kinder um. Bleiben kichernd im Schotter, auf der Erde, in den Büschen liegen.  Ich spüre zum ersten Mal in diesem Jahr ordentlich Sonne im Gesicht, dieses Urlaubsorange innen am Augenlid. Kiesknirschen, der Kellner räuspert sich. 

Mahlzeit, bitte? Ein kleines Soda Zitron und ein Cappuccino bitte. Der ist bei uns mit Milchschaum. Gut. Richtige Milch haben wir. Sie meinen, Kuhmilch? Ja, Kuhmilch, selbstverständlich. Was sonst. Naja, Hafer oder so. Ha, Hafer, nein, also, das hamma nicht. Hätten Sie leicht. Naja, ich hätte schon. Aber sie haben eh nicht, also. Warten Sie, ich hab gleich das 3G. Sie waren schon mal da. Ja. Aber da waren Sie drinnen. Ja. Da war es auch nicht so schön, wie Sie das letzte Mal da waren. Sie wissen das noch? Das weiß ich noch. Der Cappuccino, der kommt gleich. Wollen Sie nicht 3G? Sie waren ja schon mal da.

Vorm Gastgarten plätschert der Brunnen. Die Vögel tun, als wäre es schon Frühling und mein Handy sagt, überall explodieren wieder die Inzidenzen. Zwei Zivildiener tragen große Plastikboxen voller PCR-Teströhrchen ins Nebengebäude. Ich schaue wieder ins Urlaubsorange, und im Beet vor mir lachen noch immer die Kinder, während sie so tun, als wären sie tot.


Amselabwehr

Denn auch der Kunst- und Kultursektor hat ein Diversitätsproblem. Ich sitze an einem Auftragstext. Nicht schreiben, aufhübschen. Klarere Sätze. Aktiv her, Passivkonstruktionen weg. Aus einem Monstersatz zwei oder drei kurze, knackige machen. Ich stehe an: alle Synonyme für Netzwerk aufgebraucht, aber noch viel Netzwerk da.  Am Balkon fetzen sich zwei Amselmännlichen. Knallorange Schnäbel picken schwarze Federn. Die Meisen schauen zu. Partizipationsplätze im Kulturbetrieb erleichtern Personen aus unterschiedlichen Kulturen und Lebenszusammenhängen Interaktion. Auch von den umliegenden Bäumen schimpfen die Meisen. Wollen ungestört zu den Sonnenblumenkernen. Die Futterstelle am Balkon habe ich dreimal geändert. Jetzt liegen die Kerne trocken und ich kann den Tieren vom Schreibtisch aus beim Fressen zusehen. Die Amseln denken gar nicht dran zu verschwinden, wo zu kämpfen wo sie nicht im Weg sind. Dass Meisen so laut sein, so dermaßen schimpfen können. Auch der Kurgartenpark hat ein Diversitätsproblem. Meisenangriff. Amselabwehr. Tusch. Meise gegen Glasdach, bleibt aber flugfit. Tusch verjagt Amseln. Meise verliert Bauchfedern. Weiche, winzige Meisenbauchfedern, wie Schnee. Ruhe am Balkon. Ich wieder in den Text. Es braucht neben Sensibilisierungsmethoden auch Selbstermächtigungsstrategien für marginalisierte Meisen Akteuer*innen. 


Der Bürgermeister

Er geht jeden Tag die Kurpromenade auf und ab. Nein, er promeniert. Mit einem Zigarillo. Jeden Vormittag, wenn ich in der Küche aus dem Fenster sehe, mir die drei Minuten vertreibe, bis mein Tee durchgezogen ist, sehe ich ihn. Wie ihm die Promenade gehört, wie er alles inspiziert. Der Trachtenhut mit dem Gamsbart, der graue Janker mit den Stickereien, Haferlschuhe: egal, ob er es wirklich ist, oder nicht, für mich ist er der Bürgermeister. Aufgequollen rot ist seine Nase und würde eine junge Frau so einen prallen Bauch durch den Kurgarten schieben, sie würde oft gefragt werden, wann es den so weit ist. Vielleicht gibt es eine Frau Bürgermeisterin, vielleicht sagt sie oft, es würde ihm guttun, wenn er abnehmen würde, weniger trinken. Der Franzl, der Peter, der Horst. Aber der Bürgermeister würde sich auf den Bauch klatschen mit der flachen Hand, ihr erklären, dass sie das nicht versteht. Wie er am Freitag am Bauernmarkt der erste ist, dem die Standler ein Achterl hinstellen. Wie sie beim Stammtisch immer zusammenrutschen, für den Bürgermeister ist immer Platz. Dass Schnaps ein Schmiermittel ist, ein soziales. Alle grüßen ihn, bei seinem Spaziergang auf der Kurpromenade. Der Bürgermeister steht vor der Rabl Villa, blau wabert ihm der Zigarillorauch aus der Nase. Er schaut auf die Wiese vor der Villa, schüttelt den Kopf und zieht ein Klapphandy aus der Brusttasche seines Jankers. Ruft jemanden an, da muss sich jemand um das ganze Laub in der Wiese kümmern. Wie das ausschaut. 

Donnerstag, 14. April 2022

Um zu überleben und Zeugnis abzugeben. Helmut Rizy über die von ihm gesichtete KZ-Literatur

Von Richard Wall

Der 2. Weltkrieg und Holocaust haben in der Literatur und im Kommerz-Kino (vor allem der Provenienz Hollywood) noch immer Saison. Romane und vor allem Filme jener Konjunkturritter (welchen Geschlechts auch immer), die mit dem Infernalischen, das sie selber nicht erlebt haben, auf kommerziellen Erfolg schielen, erfreuen sich bei Hinz und Kunz nach wie vor großer Beliebtheit. Sex sells! Auch mit gewissen Aspekten des 2. Weltkriegs – wie mit der Darstellung von Gewalt generell – lässt sich ganz gut Kohle machen. Da kann es auch schon vorkommen, dass die Profiteure des Gräuels, wie der umtriebige ORF-Liebling David Schalko im Roman „Schwere Knochen“, mit historischen Wahrheiten sehr freizügig umgehen.  

Wenn auch manche dieser Film- & Romanautorinnen und -autoren mit ihren Produkten redliche Absichten verfolgen mögen, zeigen wollen, welch aufrichtige Antifaschisten sie sind, sage ich: Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Warum nicht zurück zum Authentischen?  


Und: Gelte es nicht längst die Augen offen zu halten, sich auf Gegenwärtiges künstlerisch einzulassen? Denn ein Teil der Menschheit hat uns verdammt nahe an Katastrophen herangeführt, die als Folge des Klimawandels, der Überbevölkerung, Aufrüstung sowie durch die atomare Bedrohung (nach wie vor auch durch die „friedliche Nutzung“ der Kernspaltung) demnächst uns schwer an die Nieren gehen werden. 

Es wäre in jeder Hinsicht besser – ethisch, literarisch, politisch – jenen Beachtung zu schenken, die von ihren Erfahrungen im Austrofaschismus, unter der Nazidiktatur und in den Konzentrationslagern als politisch und rassistisch Verfolgte geschrieben haben. In welcher Form auch immer. Denn es galt der Verzweiflung, dem Unsäglichen zu widerstehen – durch die Hinwendung zu Papier und Bleistift. Schöpferische Kräfte? Das war nicht die Frage. Notiert wurde, was man nicht sagen konnte. Doch auch jene, die hohe Ansprüche an die Form stellen, können fündig werden.

Der österreichische Dichter und Kabarettist Jura Soyfer wurde im März 1938 beim Versuch mit seinem Freund Hugo Ebner auf Schiern in die Schweiz zu gelangen, in Gargellen von übereifrigen Vorarlberger Zollbeamten festgenommen. Er, der Autor von Theaterstücken, Gedichten, Liedern und dem Roman „So starb eine Partei“ (bitte lesen!) wurde Monate nach der Verhaftung vom Landesgericht Feldkirch ins KZ Dachau überstellt. Hinter Stacheldraht verfasste er mit dem Komponisten Herbert Zipper das „Dachaulied“: 

Stacheldraht, mit Tod geladen, /ist um unsre Welt gespannt. /drauf ein Himmel ohne Gnaden /sendet Frost und Sonnenbrand. /Fern von uns sind alle Freuden, /fern die Heimat und die Fraun, /wenn wir stumm zur Arbeit schreiten, /Tausende im Morgengraun.

Im Refrain übernahm er den zynischen Spruch, der die Eingangstore der KZ charakterisierte, aber auch andere „Losungen“, die für die Sprache der Nazis typisch waren:

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt / und wurden stahlhart dabei. /Bleib ein Mensch, Kamerad, /sei ein Mann, Kamerad, /mach ganze Arbeit, pack an Kamerad: /Denn Arbeit, den Arbeit macht frei, /denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Nach Buchenwald deportiert starb Soyfer im Februar 1939 an Typhus. Sein Werk war auch nach dem Krieg noch präsent, eine repräsentative Sammlung daraus erschien 1947. Erst ab Mitte der 1950er Jahre setzte das Vergessen und Verdrängen ein, nicht nur aufgrund der ehemaligen Nationalsozialisten, die auch die Kulturpolitik wieder mitbestimmt haben, sondern auch weil Autorinnen und Autoren, die sich als Avantgarde sahen, auf die unmittelbare Vergangenheit bezogen apolitisch agierten, in dem sie – wie die Austrofaschisten und Nazis – die Zeit von 1934 bis zum Ende des Krieges aus ihrem Denken und Schaffen weitgehend ausklammerten. Die Werke jener Generation, die differenziert und mit großer Formenvielfalt Zeugnis abgelegt hat – Ilse Aichinger, Theodor Kramer, Hans Lebert, Franz Kain, Michael Guttenbrunner etc. sowie all die Exilautoren – gerieten absichtsvoll in Vergessenheit (Kulturjournalisten, ja selbst Germanisten betrieben und betreiben eine Literaturgeschichtsfälschung sondergleichen, wenn ihnen in ihrer Unwissenheit und/oder mit ideologischen Scheuklappen sie über die 1950er und 1960er Jahre sprechen, immer nur „die Verdienste“ der „Wiener Gruppe“ über die Lippen kommen).

Der Journalist und Schriftsteller Helmut Rizy, der sich in vielen Schriften kenntnisreich und in Kontakt mit Zeitzeugen wie Peter Kammerstätter mit der Naziherrschaft und vor allem mit dem Widerstand gegen diese literarisch auseinandergesetzt hat, legt nun einen Wälzer vor, in dem er versucht, die Literatur von KZ-Insassen nach subjektiven Kriterien zu strukturieren. Bei dieser Gelegenheit muss wieder einmal darauf hingewiesen werden, dass nicht geschlossen die Bevölkerung Hitler am Linzer Hauptplatz und Wiener Heldenplatz zugejubelt hat, sondern dass bereits an die 1400 österreichische Antifaschisten als Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner gekämpft haben, Hunderte als politische Flüchtlinge ins Exil getrieben wurden oder widerständig in Österreich tätig waren (subtil im Untergrund, oder als Partisanen in Kärnten, Tirol und im Salzkammergut).

Die Fülle an Einzelschicksalen im tödlichen Mahlwerk des menschenverachtenden Regimes hat(te) eine nahezu unübersichtliche Fülle an Literatur zur Folge, von der Rizy etwa 200 Werke zu einem ersten Band (!) gesichtet hat: „Überleben – um Zeugnis abzulegen / Essays zur KZ-Literatur“: In einer Rezension nicht zu bewältigen, ohne Auslassungen vorzunehmen. Er streicht beispielsweise die Entstehung und Bedeutung der Lieder hervor (eines habe ich eingangs erwähnt), die in den diversen Lagern entstanden sind. Die Funktionäre der KPD, Bernhard Bastlein, Karl Fischer und Karl Bloch, bereits 1933 verhaftet, verfassten im Lager Sachsenhausen den Text zur Melodie des Liedes „Die Bauern wollten freie sein“: Wir schreiten fest im gleichen Schritt, / wir trotzen Not und Sorgen, / denn uns zieht die Hoffnung mit / auf Freiheit und das Morgen. Das Morgen hat leider nur Bloch erlebt. 

Das bis heute bekanntere Zeugnis in Liedform ist gewiss das im Börgermoor entstandene „Die Moorsoldaten“. In der letzten Strophe heißt es: Doch für uns gibt es kein Klagen, /ewig kann’s nicht Winter sein. /Einmal werden froh wir sagen: /Heimat, du bist wieder mein. /Dann ziehen die Moorsoldaten /nicht mehr mit dem Spaten /ins Moor!

Dass es durch Gefangene, die in andere Lager verlegt wurden, große Verbreitung fand, ist bekannt. Dass es aber auch eine englischsprachige Version gibt, „The Peat Bog Soldiers“, gesungen von Pete Seeger und Paul Robeson, wird vielen, die das Lied kennen – interpretiert von Hannes Wader beispielsweise – nicht bekannt sein; Rizy hat es herausgefunden.  

All diesen Zeugnissen ist gemein, dass sie die Schinderei und die tägliche Nähe des Todes ansprechen, dennoch –  in der letzten Strophe oder im Refrain – Widerstand, Trotz sowie einen Funken Zuversicht verbreiten können, was gewiss auch als Absicht in den zumeist im Marschrhythmus abgefassten Liedern angelegt war.

Das Buch ist in 14 Kapitel unterteilt. Unter dem Titel „Mordhausen“ werden all jene Autoren genannt, die das Pech hatten, mit dem KZ Mauthausen und/oder einem der Nebenlager Bekanntschaft zu machen. Es galt als eines der härtesten. Der üble Ruf drang sogar bis in das nahe Danzig gelegene KZ Stutthof. Der litauische Dichter und Literaturwissenschaftler Balys Sruoga erwähnt es in seinem Buch „Der Wald der Götter“ mit den Worten: Das schlimmste Lager des Deutschen Reiches (…) war Mauthausen mit seinem Außenlager Gusen. 

Im Kapitel Frühe Zeugen zeigt Rizy beispielhaft, welche Bedeutung die frühen Berichte, die sogleich nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland im Jahre 1933 entstanden sind, gehabt haben, respektive als Warnung für die noch nicht Verfolgten (die ersten Häftlinge waren meistens Kommunisten) dienen hätten können.

Der erste Bericht stammte von Hans Beimler, als Mitglied der KPD von 1932 bis 1933 auch Abgeordneter im Reichstag: „Im Mörderlager Dachau. Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen“. Er wurde binnen wenige Jahre ins Englische, Russische, Französische und Jiddische übersetzt.  Der Dreher Wille Bredel – bereits 1933 „in Schutzhaft“ genommen – konnte in seinem Roman „Die Prüfung“ ebenfalls relativ früh von den brutalen Bedingungen im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel, in das er überstellt worden war, berichten. Entlassen floh er in die Tschechoslowakei, wo er den genannten Roman niederschrieb. Noch im selben Jahr, 1934 erschien dieser in London und wurde in kürzester Zeit in 17 Sprachen übersetzt (wieder einmal: wer wissen wollte, konnte wissen …). Bemerkenswert sein Hinweis auf die Bedeutung der Klopfzeichen bei Dunkelhaft. Wer das Klopfalphabet beherrschte, konnte mit den Mithäftlingen nebenan kommunizieren. Dieses Morsen, sowie andere „Tipps“, wurden von anderen aufgegriffen, sie konnten sich, indem sie die Berichte der frühen Zeugen lasen, über das „System“ der KZ informieren. So schrieb der Wiener Moritz Neumann in seinem Buch „Widerstehen. Vom kaiserlichen zum heutigen Österreich“, in dem er von der Einlieferung ins KZ Dachau berichtet: Ich möchte in diesem Zusammenhang erwähnen, dass ich noch unter dem Dollfuß-Regime ein Buch des deutschen Kommunisten Bredel über seinen Aufenthalt in einem KZ gelesen hatte. Diese Lektüre hat mir bezüglich meines Verhaltens in Dachau sehr geholfen.         

Ob unter den Bedingungen eines KZ „große“ Literatur entstehen kann, bleibt eine offene Frage. Ruth Klüger, die Rizy zu dieser Frage zitiert, meint: In den KZs wurde keine große Lyrik verfasst. Wäre es anders, so könnte man behaupten, diese Lager wären doch zu etwas gut gewesen, etwa zu einer Läuterung, die große Kunst zur Folge hatte. Sie waren jedoch zu nicht gut.

Um Lyrik zu schreiben, bedarf es gewiss keiner „Läuterung“. Andererseits sind auch andere schwierige Lebenslagen nicht unbedingt „zu etwas gut“, dennoch kann gute Lyrik daraus entstehen. Es sind nicht immer äußere, bedrohliche Umstände, die uns zu schaffen machen. Und Literatur entsteht nicht im luftleeren Raum. Auch eine KZ-Erfahrung kann zu ästhetisch anspruchsvollen Versen, zu einer herausragenden Prosa führen. Imre Kertèsz hat immerhin als KZ-Überlebender zwar nicht Lyrik, sondern „große“ Literatur geschrieben, die für den Literaturnobelpreis „gut“ genug war.

Jedenfalls begibt man sich bei dieser Frage auf dünnes Eis; in Extremsituationen, welche auch immer, schreibt man ohnehin nicht „zum Spaß“ sondern um im Zwiegespräch mit dem Papier zu überleben. Im Kapitel Drei junge Dichterinnen konzentriert sich Rizy auf die Notizen und Erinnerungen von drei Mädchen – Zimra Harsáni (später, als Autorin Ana Novac), Halina Nelken („Freiheit will ich noch erleben“), Janina Hescheles („Mit den Augen eines zwölfjährigen Mädchens“) –, für die das Schreiben in den KZs zur Überlebensstrategie wurde. 

Rizy zitiert aus den Notizen der 14-jährigen Zimra Harsáni, die Auschwitz und das KZ Plaszów, am Stadtrand von Krakau gelegen, überlebt hat und deren Tagebuch auf Deutsch in der Übersetzung von Barbara Frischmuth unter dem Titel „Die schönen Tage meiner Jugend“ erschienen ist, u.a. folgende Passage: Alles, was mir widerfuhr, geschah nur deshalb, um aufgeschrieben zu werden. Mein wirkliches Leben war lediglich eine Art Dienstbote, der Lieferant meines ‚formulierten‘ Lebens. Ergänzend ist hier zu sagen, dass Zimra bereits seit ihrem elften Lebensjahr ein Tagebuch führte.

Es bleibt der Leserin, dem Leser überlassen, welche Bedeutung sie oder er diesen Berichten verleiht. Mittlerweile ist jedenfalls gesichert, dass sie als das Vermächtnis einer infernalischen Hybris aus „Nationalbestialismus“ (Herbert Stourzh) und Rassismus für die Geschichtsforschung, aber auch für die Psychologie und Soziologie von eminenter Bedeutung sind.      

Letztlich ging es darum, sich das Menschsein zu erhalten, schreibt Rizy im Kapitel „Das Menschengeschlecht“ in dem er u.a. über Primo Levi und von der französischen Schriftstellerin Charlotte Delbo berichtet. Er hat, abgesehen von den Genannten, in seiner Sammlung all jene Autorinnen und Autoren in Erinnerung gerufen, die in ihrer Literatur Zeugnis abgelegt haben: Über Fluchtversuche, über die Planung von Aufständen, vom Charakter von Kapos und SS-Schergen, kurzum: über das weite brutale Feld einer ins Negative gewendeten Menschheit. Auf der anderen Seite schlagen, wie der besprochenen und damit empfohlenen Literatur ebenfalls zu entnehmen ist, humane Qualitäten wie Solidarität, Widerstand, Hoffnung auf Freiheit und Gerechtigkeit zu Buche. 

Helmut Rizy: Überleben – um Zeugnis abzulegen. Essays zur KZ-Literatur. Erster Band. Wieser Verlag Klagenfurt/Celovec 2021.

Der Literaturspätherbst der GAV OÖ startet

  Der Literaturspätherbst der GAV OÖ startet am Donnerstag, 5. November 2026 mit der „Herbstlese“ im Willy*Fred und gleich darauf mit zwei T...