Montag, 25. September 2023

Jeder hat seinen Preis. Rudi Habringers "Diese paar Minuten"

Rezension von Dominika Meindl

Rudolf Habringer: Diese paar Minuten. Erzählungen

In dieser Sache habe ich keine Scheu, mich zu wiederholen: In einer besseren Welt (und die sollte uns Schreibenden leicht vorstellbar sein) zählten Erzählungen mindestens so viel wie Romane. Und in einem besseren Literaturbetrieb als dem österreichischen stünde Rudi Habringer in der ersten Reihe. In der Realität steht er zum Glück nicht weit dahinter (aber: Oh, die feinen Unterschiede!). Es bleibt die Frage offen, ob das damit zusammenhängt, dass er in Oberösterreich geblieben ist. Ein Standortnachteil? „Selbstverständlich!“ sagt er bei der Buchpräsentation im Stifterhaus, aber es klingt nicht larmoyant.

Habringer lebt im selben Vorstadtgebiet, das seine Figuren bewohnen. Ein Paar entfremdet sich bei der Suche nach einem Samenspender. Ein ehemaliger Fremdenlegionär verunglückt auf eine Weise, die man auch für Absicht halten könnte. Eine Frau wird aus Langeweile zur Erpresserin.

Es ist der Ort, der sie verbindet – und ihre inneren Dilemmata. Sie sind alle in psychischen und sozialen Schieflagen. Hier hat jeder seine Schwächen, seinen Preis, für den er sich weggibt (ja, es sind mehr Männer, aber beileibe nicht nur). Es sind nur ein paar Minuten, in denen sich die Figuren in ein Verhängnis verstricken, aus dem sie kaum noch entkommen. Kinder kommen zu Schaden, Ehen zerbrechen, Leben springen aus den Schienen. Die Existenz ist entsetzlich angreifbar und verletzlich. Gezeigt wird die Brutalität der für „normal“ erachteten Verhältnisse, die Last der monogamen Paarbeziehung, der Erwartung, dass es Vater und Mutter gibt, dass man in der Firma nicht unter die Räder gerät – sprich: die Last des Alltags. Es gehe ihm um Resonanz, sagt Habringer, und das muss keine positive sein. Seine Lektorin habe die Erzählung, in der ein Mann ein Kind umbringt und kaum Reue empfindet, als zu belastend empfunden. Gerade deswegen sei sie im Buch geblieben. „Einen Teil der Weltliteratur müsste man ja sofort canceln.“

Die elf Short Stories haben eine Klammer, einen Metatext – in ihnen geistern Protagonist:innen von anderen Romanen und Erzählungen. Sie sind aber so fein verbunden, dass eine jede für sich stehen kann. Ein schwächerer Autor würde daraus elf Romane machen, Habringer beherrscht die Reduktion und Verdichtung, weil er akkurat ist. Überhaupt ist sein Stil auffällig unauffällig. Er habe, sagt er, die Leute reden lassen, wie sie eben reden, in ihrer Sprachlosigkeit und Unfähigkeit, das Richtige zum rechten Zeitpunkt zu sagen. „Plötzlich hörte ich diese Wörter des Ungefähren, wenn sie sprach: irgendwo, irgendwie, sozusagen, sag ich mal, sag ich jetzt ganz ehrlich, sag ich jetzt mal ganz im Ernst und so weiter. Ina verwendete plötzlich häufig die Wörter natürlich und normal.“ Nicht umsonst nennt er Raymond Carver eines seiner Vorbilder.

Es sei ihm wichtig, schreibt Habringer in einem der Essays in „Das Unergründliche und das Banale“, dass sein Nachbar, „wenn er sie denn lesen würde“, seine Texte auch verstehen könnte. „Mit meinen Geschichten, meinen Texten möchte ich Kontakt zu anderen Menschen herstellen“. „In diesem Sinne halte ich mich für einen realistischen Autor. Ich versuche mich schreibend und scheiternd als Feldforscher in der Wissenschat vom Menschen“.

Da gibt es kaum Metaphern, die Sätze sind trocken, lakonisch, unmanieriert. Wichtig sei ihm aber der Sound einer Figur, der Rhythmus der Prosa – er ist ja auch Musiker.

Rudolf Habringer: Diese paar Minuten. Erzählungen. Otto Müller Verlag, S. 200, 23 €

Sonntag, 3. September 2023

 

Erich Klinger



Ötschergräben



Bei der Annäherung an oder dem fließenden Übergang in jene Lebensphase, die einst von Jethro Tull mit "Too old to rock'n roll, too young too die" bezeichnet wurde, sollte man sich Erfolgserlebnisse suchen, die dem möglicherweise drohenden zwangsläufigen Benützen von Aufzug und Rollator eindeutig entgegen stehen.

Wobei man sich ohnehin davor hüten sollte, Liedtexte allzu ernst zu nehmen, sie also ung'schaut auf das eigene Leben zu übertragen. Im angesprochenen Lied stirbt der Rocker durch einen Unfall mit seinem Motorrad, also Bike, was Liedtexter Ian Anderson zur Schlussfolgerung bringt, seine Hauptperson wäre zu früh gestorben, somit noch nicht zu alt für Rock'n'Roll gewesen.

Hüten sollte sich unsereins allerdings auch vor dem zu exzessiven Gebrauch von youtube-Musikvideos. Oder konkreter formuliert: vor dem Hineinfallen in die von mathematischen Prozessen indizierten Endlosschleifen. Auch vor aktuellen Konzert-Aufnahmen, mit denen zwar im günstigsten Fall die Entscheidung, einem Konzert noch lebender Idole aus der eigenen Frühzeit beizuwohnen, leichter fällt, sei gewarnt, vor allem, wenn man ohnehin mit der eigenen Vergänglichkeit in mehr oder minder intensivem Clinch liegt.

Somit zum erfreulichen Aspekt dieser Geschichte. Am 24. August bin ich mit meiner Partnerin Renate nach Wienerbruck gefahren, um vom dortigen Nationalparkzugang aus den vorderen Teil der Ötschergräben zu durchwandern. Jahre, Jahrzehnte hindurch galt mir diese Wanderung als unmöglich, Einladungen zum gemeinsamen Erkunden und Durchqueren der Gräben habe ich mit dem Hinweis darauf, dass ich mich vor der Bewältigung dieser Strecke fürchte, abgelehnt und so bin ich auch nie in die Nähe der Ötschergräben gekommen. Mir reichten Fotos von Wegabschnitten ohne Absicherung nach unten in die Schlucht und die Warnung, dass Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt erforderlich seien, um bisweilen auftauchende zarte Gelüste, die Ötschergräben zu durchqueren, innerhalb weniger Minuten im Keim zu ersticken.

 

Mit ausschlaggebend für dieses Zurückscheuen war vielleicht auch ein Ereignis vor gut 40 Jahren, als ich bei einer Wanderung mit Freunden im alpinen Gelände bei einer mit Geröll versetzten Hangquerung den Halt verlor und vorerst ziemlich schnell im Geröll nach unten rutschte.

Irgendwie gelang es mir dann doch, die Abwärtsbewegung zu stoppen - lebensgefährlich war dieser Unfall meiner Erinnerung zufolge mangels naher Abgründe nicht, als scheußlich empfand ich dieses Ereignis trotzdem.

 

Wiederum einige Jahre später begann ich systematisch, an Abgründe heran zu treten und mein Verhalten auf Wegen zu testen, auf denen es auf einer Seite relativ steil nach unten geht. Am Salzburger Kapuzinerberg entdeckte ich beim Aufstieg von der Schallmooser Hauptstraße aus, dass rechts vom Weg liegende "Abgründe" eine stärkere Verunsicherung hervorrufen als Gefahrenstellen linkerhands. Durch Experimentieren mit kurzen Wegstücken in der Gegenrichtung bzw. durch Abstieg über den selben Weg, den ich bergauf genommen hatte, wurde mir klar, dass etwaige Ängste bevorzugt auftreten, wenn ich mit meinem guten Auge näher zur Gefahrenseite bin. Die selbe Stelle in entgegengesetzter Richtung - bei gleichwertigen Bedingungen - konnte ich leichtfüssiger passieren.

Es hilft einem schon weiter, wenn man gewisse Eigenheiten durchschaut und sich vor allem auch vorstellen kann, Hindernisse zu bewältigen, ohne dabei frei von Angst sein zu "müssen". Für Hochalpinist*innen mag ja der Aufstieg zum vorarlbergerischen Lünersee über den Bösen Tritt eine relativ leichte Übung sein/gewesen sein - dem Vernehmen nach wurden die ausgesetzteren Passagen in der Zwischenzeit entschärft - für mich war dieser Weg eine Herausforderung und die Bewältigung einer derartigen Herausforderung, die sich auch in den bereits genannten Attributen bleibt lange im Gedächtnis und im Körper verhaftet und so lassen sich Schritt für Schritt Ängste überwinden.

Mut zeigt sich ja, abseits von Klischees, nicht darin, frei von Ängsten zu sein, sondern sich den Ängsten zu stellen und dieser Mut „darf“ auch beinhalten, den Ängsten nicht mit der Brechstange zu begegnen, sondern sie auch als berechtigte Warnungen wahrzunehmen.



Wir waren durch den vorderen Teil der Ötschergräben - bis zur Weggabelung beim Ötscherhias, von wo aus man weiter durch die Gräben gehen oder durch das Mühlbachtal zur Erlaufklause bzw. in Richtung Mitterbach aufsteigen kann - gut zwei Stunden unterwegs, mit einer Geh-Pause beim Kraftwerk Wienerbruck, das 1911 gemeinsam mit dem Kraftwerk Erlaufböden in Betrieb genommen wurde, um die Mariazellerbahn fürderhin mit elektrischem Strom zu versorgen.

Die letzte Viertelstunde, die letzten 20 Minuten der Ötschergräbenpassage wurde ich unsicher beim Gehen und Schritt fassen, was bei Holzkonstruktionen mit einer leichten Querneigung bzw. engen steinigen Stellen, wo es auf einer Seite so weit nach unten geht, dass die Wahrscheinlichkeit, ohne gröbere Verletzung - wenn überhaupt - davon zu kommen, gering wäre, keine gute Grundlage mehr ist.

Somit auf das Weitergehen und die Besichtigung des Mira-Falles verzichtet und nach kurzer Rast , der letztlich entspannte und entspannende Weg nach Mitterbach, zuletzt am Erlauf-Stausee entlang, um mit der Mariazellerbahn von dort aus zurück nach St. Pölten zu fahren.

Fortsetzung der Ötschergräben-Abenteuer könnte bald folgen, sicher nicht erst in 20 oder 30 Jahren, auch abhängig von den finanziellen Mitteln, um ein paar Tage in der Nähe von Ausgangspunkten für Wanderungen zu verbringen, auch wenn die geschilderte Unternehmung stressfrei an einem Tag mit Hinfahrt und Rückreise ab und nach Linz zurückgelegt werden konnte.

Naja, soweit man die gemeinsame Fahrt mit Rapid-Fans auf dem Heimweg vom Spiel gegen Fiorentina unter "stressfrei" einordnen kann, letztlich hielt sich dieser Teil des Abenteuers in einem erträglichen Rahmen, von Bier- und sonstigen Ausdünstungen abgesehen und dem leider oder zum Glück nicht verstehen können, was am archaisch gegröhlten Hüt-tel-dorf so berauschend oder rauschverstärkend sein kann.

Eckdaten: Abfahrt Linz Hbf um 9.17 Uhr, Ankunft in Wienerbruck-Josefsberg um 12.31 Uhr, Rückfahrt ab Mitterbach um 19.12 Uhr, Ankunft in Linz Hbf um 22.31 Uhr plus Nachhauseweg. Umstiege jeweils in St. Pölten Hbf.

P.S.: Sämtliche Fotos stammen von dieser Wanderung, das Foto von mir hat Renate aufgenommen.

25. und 29.8., 3.9.2023

 

Montag, 28. August 2023

Der Fuchs

 Ein Gedicht von Richard Wall, veröffentlicht im "Standard"


Der Fuchs


Nächtens bewegt er die Landschaft –

bewegt sich hungrig und wachsam zugleich

unter kreisenden Sternen, unterm Mond,

der die Gezeiten der Ozeane bewegt.

Selten hortet er seine Beute.

Der Quarz in den Felsen schimmert.


Er hat sein Revier markiert.

Er hält inne, lauscht –

gräbt sich ein Loch zu einer Maus am Feldrain,

trabt weiter, durch Wälder, seine Rute

streift über blühende Heidelbeersträucher,

gleitet im Schnee über Wellen und Gräben –

und verschwindet auf einem Blatt Papier.

Donnerstag, 24. August 2023

„Blind Date“ mit Herbert Christian Stöger

Von Judith Gruber-Rizy


Unter dem Titel „Blind Date“ zeigt derzeit das Linzer Stadtmuseum Nordico einen sehr bunten Einblick in seine verschiedenartigsten Sammlungen. Da gibt es vom Herren-Zylinder aus dem Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Tellern aus der Kantine der Linzer Tabakfabrik aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, von der Totenmaske des ehemaligen Linzer Bürgermeisters Dametz bis zum zweiteiligen Damen-Badeanzug um 1900, von riesigen Herren-Unterhosen aus dieser Zeit bis zu einer Art Deco Tischuhr eine Vielfalt an Sammlungsstücken zu sehen, die sonst nur im Depot lagern und bisher noch nie von Besuchern betrachtet werden konnten.

Ein wesentlicher Teil dieser „Verabredung mit einer Sammlung“ ist natürlich der Bildenden Kunst gewidmet. Und da finden sich zwischen Zeichnungen von Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Klemens Brosch und Gemälden von Johann Baptist Reiter auch zwei sehr markante Siebdrucke unseres Linzer GAV-Kollegen Herbert Christian Stöger, der wie viele Kolleginnen und Kollegen in der GAV nicht nur Schriftsteller, sondern eben auch Bildender Künstler ist. 


„Blind Date“ im Nordico gehört jedenfalls zu den kurzweiligsten Ausstellungen, die in Linz derzeit zu sehen sind, und lässt man sich auf das wilde Kunterbunt ein, so kann man zwischen einer Streichzither (noch nie zuvor gesehen) und Linde-Kaffeefiguren (die ich als kleines Kind natürlich auch gesammelt habe) einen wirklich vergnüglichen Ausstellungsrundgang genießen. Mit ganz besonderer Beachtung der beiden Werke von Herbert Christian Stöger selbstverständlich. Noch bis 22. Oktober zu sehen.

Foto: © Helmut Rizy

Freitag, 7. Juli 2023

Die tabuisierte Frau

Corinna Antelmann

In meiner Kindheit und Jugend ist es mir erfolgreich gelungen, mich beim Lesen und Filmeschauen von meinem Geschlecht zu entkoppeln und mich ausschließlich mit den männlichen Autoren und den ihnen entsprechenden Protagonisten meiner Lektüre zu identifizieren. Als Mann durfte ich mir die Welt aneignen und Subjekt sein; als Frau hätte ich in die Rolle des Objekts schlüpfen müssen. In Folge fiel es mir leicht, in einem Museum der Maler zu sein, der sich sein weibliches Modell zurechtrückt. Ich war erfolgreich darin, den männlichen Blick anzunehmen. Und auf Frauen herabzuschauen.

Ob das tatsächlich einen Erfolg dargestellt hatte, stellte ich spätestens während des Studiums in Frage: Konnte ich mir einen Platz in der Welt tatsächlich nur als Mann erobern? Wer war ich, wenn ich selbst schrieb? Und wer bestimmte, welche Sicht auf die Welt die Inhalte vorgibt, über die geschrieben werden darf?

Ich hatte seit frühester Kindheit geschrieben, meist aus der Perspektive des Mannes, doch nun begann ich, der Geschlechterkonfusion in meinem Inneren bewusst die Lektüre schreibender Frauen entgegenzusetzen: Neben Simone de Beauvoir und Christa Wolf las ich auch Prosa von Elfriede Jelinek und Ingeborg Bachmann, obgleich ich mich im Norden von Deutschland befand und die Erfahrung, in Österreich zu leben, noch nicht teilte. Andere Übereinstimmungen zu den von ihnen beschriebenen Erfahrungen überwogen, die schmerzhaften Variationen des Zwischen-den-Welten-Stehens, das Gefühl, als (künstlerisch tätige) Frau zu verschwinden, weil die eigene Stimme ungehört bleibt.

Sie erzählten von Frauenleben und -erfahrungen, die magisch sein können oder tödlich oder auch beides. Von der Vielschichtigkeit, Migrantin im Männerland zu sein. Hier bahnte sich eine Sprache den Weg in die Literatur, die Inhalt und Ausdrucksform erweiterte und das Spektrum menschlicher Erfahrung um einen Blick bereicherte: um allgemein Menschliches ebenso wie um spezifisch Weibliches.

„Was bringt mich dazu, die früh eingeprägte Mahnung: Nimm dich doch nicht so wichtig! zu mißachten? Selbstüberhebung?, fragte sich Christa Wolf 1961[1] und weiter: Aber ist Selbstüberhebung, sich wichtig nehmen, nicht die Wurzel allen Schreibens?“

Während meines Studiums, also gut ein Vierteljahrhundert später, nachdem Wolf diesen Satz geschrieben hatte, schien langsam aber stet auch für Frauen selbstverständlich zu werden, was in hunderten von Jahren allein Männern zugebilligt worden war: Endlich, so dachte ich, steht nicht länger in Frage, dass dem Erleben einer Frau die gleiche Wichtigkeit gebührt wie dem eines Mannes. Immer lauter würden die Stimmen zu hören sein, die ich in Kindheit und Jugend vermisst hatte. Würde meine Stimme gehört, wenn ich schreibe, ohne vorzugeben, eigentlich keine Frau zu sein, sondern jemand, der an der männlichen Literatursphäre teilzuhaben versucht. Und deshalb, so folgerte ich, kann ich entscheiden, welche Inhalte meiner Literatur ich für relevant erachte. Kann ich mir erlauben, spürbar werden zu lassen, was sich aus meinem Denken und Fühlen formt. Der Versuch, dabei immer auch Perspektivwechsel vorzunehmen, ist Teil des literarischen Prozesses, aber trotz aller Empathie, die hier wirksam ist, wird es nie möglich sein, alle denkbaren Perspektiven gleichzeitig zu berücksichtigen und wäre meinem Verständnis von Literatur, die uns auffordert, einen Ausschnitt Leben näher zu betrachten, wohl auch nicht zuträglich.

Offenbar hatte ich mich getäuscht. Was Männern jahrtausendelang zugebilligt wurde, nämlich die Erlaubnis, selbst zu bestimmen, was als literarisch relevant gilt, und die Erlaubnis, eine einzelne spezifische Perspektive einzunehmen, gilt offenbar noch lange nicht für schreibenden Frauen. Was ist los mit dir, Frau?, scheint die Frage zu lauten, bist du nicht diejenige, die früh lernte, dich in ALLE hineinfühlen zu können?

Ich empfinde es noch immer als Bereicherung, lesend seit jeher wie selbstverständlich einen Einblick in männliches Denken und Fühlen bekommen zu haben, und verstehe das Schreiben als Versuch, zu verstehen, was in einem Menschen vorgeht. Als den Versuch, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, indem ich meinen Fokus auf einen spezifischen Aspekt richte, der eine spezifische Figuren-Konstellation nach sich zieht, die sich mir inhaltlich begründet und über die spezifische Perspektive entscheidet. Und ja, sie kann männlich sein, weiblich, transgender, niemals jedoch alles gleichzeitig.

So wählte ich für meinen letzten (noch unveröffentlichten) Roman beispielsweise doch wieder einmal einen Mann als Protagonisten, um ihn aus seiner Perspektive mit einer ihm fremden Sicht auf die Welt zu konfrontieren - vertreten durch ein Konsortium aus Frauen. Und erhalte die Expertise, dass biologische Geschlechter im gegenwärtigen Literaturbetrieb abgelehnt werden. Ich argumentiere, dass jede einzelne Sicht, in diesem Fall, einen Unterschied von Mann und Frau zu behaupten, Anstoß zur Diskussion sein kann, da sie keinen Anspruch auf Wahrheit erhebt. Und bekomme zur Antwort, dass der aktuelle Diskurs es verlange, das binäre System der Geschlechter in Frage zu stellen.

Wer bestimmt, was geschrieben werden darf?

Ich halte an dem Manuskript fest, überarbeite und versuche, stärker hervorzuheben, dass es hier in erster Linie darum geht, eine feministische Sicht auf naturwissenschaftliche Standards zu entwickeln. Dennoch bekomme ich auf der Suche nach einem Verlag die Auskunft, trotz feministischer Absicht sei der Text nicht feministisch, da er erstens einen Mann zum Protagonisten mache, apropos Perspektive, und zweitens die Frauen in die Nähe von Begriffen wie gebären und Geburt rücke, was dahingehend missverstanden werden könne, dass eine Frau über ihre Gebärmutter definiert werde. „Tota mulier in utero“ – gegen diese Definition habe bereits Simone de Beauvoir gehöhnt. Die Frau im Zusammenhang mit ihrer Gebärfähigkeit zu erwähnen, so ein weiterer Einwand von anderer Seite,  könne zudem als transphob interpretiert werden.

Folgende Fragen stellen sich hingegen mir: Hat Simone de Beauvoir sich nicht vielmehr gegen die Reduktion auf das biologische Geschlecht ausgesprochen? Gegen die Schlüsse, die aus der Gebärfähigkeit der Frau für ihr soziales Leben abgeleitet wurden? Und: Ist es tatsächlich nicht möglich, sich als Frau auf biologische Merkmale zu beziehen, ohne den Verdacht zu erwecken, Transfrauen ausgrenzen zu wollen (meine Vermutung ist dahingehend, dass nicht-binäre Personen aufgeschlossener sind als der Literaturbetrieb ihnen zu attestieren scheint)? Und weiter: Wenn wir in der Literatur nach einer Sensibilisierung der Begriffe von Mann und Frau streben, schließt das spezifisch weibliche und spezifisch männliche Texte aus? Oder erweitert sich das Spektrum abermals, ohne es an anderer Stelle wieder einschränken zu müssen?

Ich bin froh, dass das Verständnis von Geschlechteridentität fließender geworden ist, froh, dass nicht mehr alle und alles ausgegrenzt wird, was nicht weiß und männlich ist, sondern zu Wort kommen darf. Und eben darum möchte ich als Frau, die nach einigen Irrungen endlich ihre Stimme gefunden hat und sich erlaubt, beim Schreiben - wie viele Autoren vor ihr - aus ihrer Wahrnehmung des Lebens zu schöpfen, nicht abermals verstummen müssen. Möchte ich weder mein Denken noch mein Schreiben in neue Schubladen zwängen, wenn es doch nach lang vermisster Vielfalt strebt.

Sollte mein Manuskript dem Geschlechter-Begriff hinterherhinken, so breche ich mir ein Bein, denn meine Gedanken eilen voraus: Vorbei an den überwunden geglaubten Vorgaben, worüber es sich schreiben ließe und worüber besser nicht. Ich will mir erlauben, das Vorhandensein meiner Gebärmutter nicht verstecken zu müssen, nur um part of the game sein zu dürfen. Ich denke und hoffe nämlich, dass wir gesellschaftlich an einem Punkt angelangt sind, zwischen Mutterschaft und Mütterlichkeit unterscheiden zu können. Weder geht es darum, sich für Kinder zu entscheiden oder dagegen, noch darum, sie als Vater oder Mutter, als homosexuelles Paar, allein, im Verbund oder im Dorf aufzuziehen, sondern allein darum, dass gegenwärtig NIEMAND mehr gezwungen sein sollte, die eigene Identität vom Körper entkoppeln zu müssen, um teilhaben zu dürfen am Chor der Stimmen.

Es lebe die Polyphonie!

Das Thema meines Romans behandelt im Übrigen nicht das Gebären, sondern die Geburt als Sinnbild allen Lebendigen, das jeden Menschen, Frauen, Männer, Transfrauen, ***, daran erinnert, Teil dieser Welt zu sein.

Vielleicht gibt es keinen Verlag für das, was ich zu erzählen versuche. Und somit eine (meine) Stimme weniger, um oben aufgeworfene Fragen zu stellen, auf die es sicher so vielfältige Antworten wie Sichtweisen gibt.

Eine letzte Frage: Bleiben wir neugierig?

Ansonsten bliebe abermals nur der Riss in der Wand.


[1] Wolf, Christa, Ein Tag im Jahr (1961): 25

Irmgard Perfahl, 1921-2026, in Memoriam

Von Richard Wall    Foto: Reinhard Winkler   Ein Gedicht greift vieles auf und kleidet es in Worte die es bei aller Klärung als Rätsel be...