Freitag, 1. Mai 2020

Möglichkeiten



Es ist still geworden. Wir sind, kollektiv, aus der Zeit gefallen.
Die gefüllt war mit Besorgungen, Treffen, Besprechungen, Terminen, Abgaben. Wir feiern allein Geburtstag. Wir sterben allein in fremden Zimmern. Wir denken allein: Doch die Möglichkeit, diese Gedanken teilen, zu hören, auszusprechen, ist geringer geworden. Nicht die virtuelle, ich spreche von der realen, an unsere Körper gebundene.
An unseren Atem, die Bewegung unseres Brustkorbs, während wir jemandem eine Geschichte erzählen, während die Worte anderer Bilder in unsere Köpfe zaubern. Das Pulsieren in unseren Adern, während wir einander gegenüberstehen, einander halten, einander versichern, dass wir existieren: durch Berührung. Haut, Poren, Haare, Finger, Münder.

Es ist still geworden in der Welt, das hat auch sein Gutes.
Neben der Unsicherheit, die aufsteigt, ein Gefühl des Schwimmens, in einem Fass ohne Boden (woher werden die nächsten Förderungen kommen? wird man Projekte fördern, die in der Fremde stattfinden? wann werden die Grenzen geöffnet?), hat sich in dieser Stille, in diesem Warten, dieser bedingten Ruhe, ein Raum aufgetan.
In diesem liegt die Möglichkeit von Kommunion. Wenn der Geist nicht mehr abgelenkt wird von tausend Dingen, können sich seine Prioritäten neu ordnen. Erinnert man sich der Texte, die einer Ruhe bedürfen. Ein Roman schreibt sich nicht von selbst.
Das Reisen in Gedanken ist die schönste Freiheit, die ich mir vorstellen kann.
Das Reisen im Äußeren nur ein Ausdruck dieses Inneren.

Es ist still geworden.
Ich bin im Kollektiv aus der Zeit gefallen, und in diesem Vakuum zurück in meinen Text.
In eine Geschichte eingetaucht, die erzählt werden will, an der Hand genommen von einer unsichtbaren Kraft, die jeden Schreibprozess begleitet. Das hat nichts Religiöses, um Himmels willen, sondern etwas sehr Humanes, es bedingt nur eine Zutat: Hingabe.
Dieses Zauberhafte lässt Grenzen schwinden, lässt jede Enge weit werden.
Gedanken geteilt, nur eben zeitversetzt. Aus der Zeit genommen, jetzt geschrieben für eine spätere.

Später werden wir wieder feiern, einander berühren, und auch sterben, aber nicht mehr allein.
Bis dahin bleibt uns die Möglichkeit der Phantasie.

© Marianne Jungmaier


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