Donnerstag, 18. Februar 2021

Schönheit der Unvermeidlichkeit

von Corinna Antelmann


„Aber wir können unmöglich ein Gartenfest geben, wenn gleich hinter unserm Tor ein Toter liegt!“

Das Draußen ist immer dort, wo die Welt tobt, das Innen der Raum, in dem Introspektion stattfindet und geruht wird. Das eine bedeutet Geselligkeit, Aktivität, Gemeinschaft, das andere Versunkenheit in sich selbst, Lektüre, Konzentration.

Ist das so?

Sagen wir: Neben den Spaziergängen, die draußen in aller Versunkenheit stattfinden, auch in der Literatur zahlreich zu finden, ersetzt uns das Draußen derzeit die einzige Möglichkeit, Feste zu feiern und feste zu feiern, und hier sei die ursprüngliche Form des Festes gemeint, in der es der Zusammenkunft dient, als Ausdruck von Zugehörigkeit, von Freude und Begeisterung. Das gemeinschaftliche Erleben verlagert sich aus den Innenräumen, solange diese auf eine überschaubare Anzahl von Menschen beschränkt bleiben müssen.

Feste gehören zum Leben wie das Säen, das Reifen, die Ruhe des Feierabends, das zielgerichtete Werken. Denn so wie jede dieser Phasen sich in die nächste wandeln will, so will auch jede Arbeit einen Abschluss finden in der Dynamik und Ausgelassenheit. Und auf die Ausgelassenheit folgt dann wieder ein Sich-Sammeln, damit sich neue Früchte bilden können, die wiederum reifen wollen und betrachtet, um abermals ins Schaffen zu führen ... undsoweiterundsofort.

Gerade in der Kunst ist der Abschluss einer Arbeit an Formen der Zusammenkunft gebunden: Das Bühnenstück benötigt die Bühne, der Kinofilm den Kinosaal, das Gemälde die Ausstellung, das Schreiben von Literatur die Lesung, und so kann der digitale Raum (wie er derzeit genutzt wird) nur beschränkt bleiben, wird er doch nach dem Genuss von Kunst zumeist eben im dem Moment verlassen, wenn die Arbeit geliefert wurde, ohne das Fest mitzudenken, den Moment, an dem das Holz nach der daoistischen Lehre der Fünf Wandlungsphasen ins Feuer übergeht, also im Körper transformiert wird.

Die Ausgelassenheit wird zur Eingelassenheit.

Nehmen wir beispielsweise die literarische Arbeit: Bevor eine Lesung stattfindet, werden ebenfalls all diese Phasen durchlaufen: Die Fruchtbildung, oft einsam am Schreibtisch, manchmal doch auch draußen, wie wir es von Peter Handke kennen, der vor seinem Haus in Frankreich sitzend in seiner kleinen Handschrift Buchstaben aneinanderreiht, die zu Sätzen werden und schließlich zu einem Buch, wenn der Text gereift ist und in Ruhe gelassen wurde, bevor er im konzentrierten Endspurt noch einmal eine Steigerung erfährt, dann korrigiert, gesetzt und gedruckt wird. Und jetzt geht das Buch an die Leserschaft, die sich versunken der Lektüre widmet, doch dazwischen liegt, bitteschön, das Fest, genau. Die abgeschlossene Arbeit dürstet auch hier nach Ausgelassenheit, damit die Anstrengung in Freude und Ekstase übergehen und der Nährboden erneut genährt werden kann, um den Keim des Neuen zu ermöglichen. Ja, das Feuer nährt die Erde, Erde Metall und Metall das Wasser, das Wasser dann wieder das Holz, doch wird eine der fünf Wandlungen ausgelassen (oder eingelassen), so beginnt der Kreislauf zu stocken und nicht allein in der Traditionellen Chinesischen Medizin führt ein unterbrochener Energiefluss unweigerlich in die Erschöpfung und schließlich zu Krankheit. Eben die Krankheit aber ist es, die wir zu vermeiden suchen, indem wir derzeit auf Feste verzichten.

Was tun?

Werden wir erfinderisch und nutzen die Möglichkeiten, die sich bieten, um dennoch im Fluss zu bleiben und in mehrfacher Hinsicht gesund. Holen wir das Feuer nach draußen, vor die Rodlbude, auf die Plätze, lesen wir vor Publikum, statt allein in der Laube, und begeistern uns im gemeinsamen Erleben.

Veranstalten wir ein Gartenfest (mit Abstand).

Wenige Bilder steigen in mir auf, wenn ich nach literarischen Beispielen suche, in denen ein Gartenfest von inhaltlicher Bedeutung wäre, aber dann kommt mir Katherine Mansfield und ihre gleichnamige Erzählung in den Sinn, in der anhand des Festes zugleich vom Nebeneinander von Tod und Leid, Freude und Fülle erzählt- von nichts anderem also als vom Wesen des Lebens selbst, in dem alle Dinge, die vermeintlich nicht auf einmal geschehen dürften, da sie sich auszuschließen scheinen, unvermeidlich eben doch nicht voneinander zu trennen sind: Während des Gartenfestes, zu dem die Familie Sheridan in Mansfields Erzählung lädt, stirbt ein Nachbar.

Gefeiert wird dennoch.

Das Format Literatur-frei-Haus, das ich mit meinem Kollegen Rudolf Habringer bereits vor dem ersten Lockdown entwickelte, fordert Privatpersonen auf, uns einzuladen, um sich im Laufe des Abends im kleinen Kreise per Voting ein literarisches Wunschprogramm zusammenzustellen. Dass diese Form der Veranstaltung auch in Form eines (überschaubaren) Gartenfestes durchgeführt werden kann, hat es uns im Sommer, der Jahreszeit des Feuers, ermöglicht, mit der Einladung zur Gartenlesung eben dieses Feuer zu spüren, das Teil des Lebens ist - ein wunderbarer Nebeneffekt des Konzepts 

… und schließlich war das Wetter ideal. Sie hätten keinen makelloseren Tag für ein Gartenfest haben können.

Der lange Tisch bog sich unter der Vielfalt an Speisen (verbuchen wir die Sentenz unter Hyperbel), wie wir es, wenn nicht aus der Literatur, so doch aus zahlreichen Filmen kennen, vor allem solchen, die in der französischen Provence spielen (schon wieder Frankreich!).

Die Geselligkeit, der Garten, die Rückkehr in die Welt nach langer Zeit des Ruhens und Schaffens, welch eine Freude, 

was für ein Glück mit Menschen zusammen zu sein, die alle glücklich sind, und Hände drücken und Wangen berühren (das müssen wir auslassen, Anmerkung der Autorin) und andern Augen zulächeln (das wiederum ist möglich bis unentbehrlich!).

Die Literatur ist ein kleiner Teil des Lebens nur und die Lesung ein Ausschnitt, und dennoch gehören alle Teile zum großen Ganzen und können ein Beispiel liefern für den Wechsel der verschiedene Zustände, den wir durchlaufen wollen. Nehmen wir also das Bild des Gartenfestes und nutzen es, um punktuell immer wieder in den Fluss des Lebens zu steigen, der alles beinhaltet, von der Geburt bis zum Tod, und allen Geschehnissen zum Trotz nicht am Fließen gehindert werden will.

Gestaut gar.

Ein kleiner Nachtrag noch, weil auch der Sommer nicht Sommer bleiben will, sondern übergeht in den Herbst und schließlich in den Winter, sodass nicht jede Zeit den Duft von Lavendel verströmen kann: Ich, die ich aus Norddeutschland stamme, erinnere mich an ein Osterfest im Schnee. Im Schrebergarten meiner Schwester eröffneten wir die Grillsaison, dem Wetter zum Trotz, um zusammenzukommen an der frischen Luft.

Es ist köstlich, wenn man einen Vorwand dafür hat, im Freien zu essen.

Wir sind den Wandlungen unterworfen wie den Jahreszeiten, und jeder Abschnitt hat seine eigene Besonderheit, aber immer gilt das deutsche Sprichwort: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur ungeeignete Kleidung.

„Ist das Leben …“, stammelte sie, „ist das Leben nicht …“ Aber wie das Leben war, konnte sie nicht erklären. Es machte nichts.

 

Zitate aus Katherine Mansfield: Das Gartenfest, 1922


 

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