Montag, 2. Oktober 2023

Leben in der Nacht - Über Kulturarbeit in Zeiten der Lichtverschmutzung

von Lisa-Viktoria Niederberger

Lichtverschmutzung entsteht durch zu viel künstliches Licht in unserer Umgebung, z. B. durch Straßenlaternen, Fassadenbeleuchtungen und Werbetafeln. Wer sich näher damit beschäftigt, merkt schnell, dass die Auseinandersetzung mit nächtlichem Licht nicht nur wichtig, sondern auch dringend notwendig ist, denn zu viel oder falsches Licht in der Nacht beeinflusst viele Bereiche negativ: Es trägt immens zum Insektensterben bei, beeinträchtigt die nächtliche Bestäubung und macht Bäume anfälliger für Frostschäden. Nachtaktive Tiere wie auch der Biorhythmus des Menschen werden gestört. Unnötige Beleuchtung verschwendet darüber hinaus Energie und damit Ressourcen und Geld.













Nachtarbeit und nächtliches Licht

Auch wenn wir Kulturarbeiter*innen als Teil des Nachtlebens nur einen kleinen Teil zur globalen Lichtverschmutzung beitragen, müssen sich Kulturinitiativen, wenn sie ökologisch, klimaschonend und nicht zuletzt menschenfreundlich arbeiten wollen, der Problematik hinter der nächtlichen Beleuchtung bewusst sein. Nachtarbeit wird oft mit Pflege und Gesundheit, aber auch mit Industrie, Verkehr und Transport in Verbindung gebracht, aber auch wir, die wir Theater, Kinos, Literaturhäuser und Konzertsäle bespielen, gelten als Nachtarbeiter*innen, denn die meisten österreichischen Kollektivverträge definieren Nachtarbeit als Tätigkeit zwischen 20 und 6 Uhr. Die Kulturjournalist*in, die nach der Veranstaltung noch den Text für den nächsten Tag schreibt, die Taxifahrer*in, die sie nach Hause bringt, die Künstler*innen, die Veranstaltenden, das Garderobenpersonal, die Licht- und Tontechniker*innen, der Reinigungsdienst – sie alle sind von den Auswirkungen der nächtlichen Beleuchtung, von Light at Night, kurz LaN genannt, betroffen. Studien haben außerdem gezeigt, dass sich Unfälle nachts dort häufen, wo die Verantwortlichen durch Straßenlaternen oder Scheinwerfer geblendet werden – entsprechend ‹gefährdet› sind von Kulturveranstaltungen Heimkehrende. Es gibt keine verlässlichen Studien darüber, dass Licht in der Nacht die Kriminalitätsrate senkt. Manchen Einbruch begünstigt es sogar, weil etwa ein Haus und mögliche Schwachstellen besser aus der Entfernung ausgekundschaftet werden können.

Risiken für die Gesundheit

Die gesundheitlichen Auswirkungen von LaN sind gut erforscht, vor allem für Krankenhauspersonal, das in Nachtschichten arbeitet. Diese Rahmenbedingungen und die damit verbundenen Risiken betreffen aufgrund der Arbeitszeiten aber auch uns Kulturarbeiter*innen. Neben einer erhöhten Adrenalinausschüttung und einer Aktivierung des Sympathikus, was uns munter macht und die Herzfrequenz erhöht, bringt elektrisches Licht in der Nacht unseren Hormonhaushalt durcheinander. Die damit verbundene Unterdrückung der Melatoninproduktion erhöht das Risiko für Brust- und Prostatakrebs signifikant. Aber auch Herz-Kreislauf- und psychische Erkrankungen sowie das Risiko von Fehlgeburten nehmen bei hoher Lichtbelastung zu.

Was können wir tun?

Ein Kulturbetrieb, der sich des breiten Problemspektrums der Lichtverschmutzung bewusst ist, könnte und sollte sich z. B. dafür einsetzen, dass die Außenbeleuchtung der Kulturstätten abgeschaltet wird, sobald die Gäste fort sind, und gleichzeitig die Bedingungen im Inneren optimieren. Also weg von einer Beleuchtung mit hohem Blaulichtanteil hin zu einem wärmeren, orangefarbenen Licht, das die Melatoninausschüttung nachweislich weniger hemmt. Gleichzeitig könnte der Kulturbetrieb zu einer starken Stimme werden, die Druck auf die politischen Entscheidungsträger*innen ausübt. Wir sollten umgehend fordern, dass nicht länger die Energieversorger die Hauptverantwortung für die nächtliche Beleuchtung unserer Städte tragen, sondern jeweils die Kommunen selbst. Die Bedürfnisse der nachtaktiven Tier- und Pflanzenwelt sollten bei der Gestaltung unserer Städte berücksichtigt und unterstützt werden. Dazu gehört die Schaffung von Dunkelzonen, auf die z. B. Nachtfalter und Fledermäuse angewiesen sind, und die Reduzierung der Beleuchtung, wo immer dies möglich ist.

Im Rahmen der Ausschreibung Klimafitte Kulturbetriebe vergibt das BMKÖS bis Ende September 2023 Förderungen an Kunst- und Kulturstätten, die durch unterschiedliche Investitionen ihre CO2-Emissionen reduzieren wollen. Eine der geförderten Maßnahmen sind «Energieeffiziente Innen- und Außenbeleuchtungssysteme», wobei als spezifische Förderrichtlinie eine nachgewiesene Reduktion der elektrischen Leistung um 30 % gilt. Leider bedeutet dies nicht, dass der Bund eine Reduzierung der Beleuchtung fördert, was dem Lichtschutz zugute käme, sondern dass Kulturstätten dazu angehalten werden, von älteren Leuchtmitteln auf effizientere LEDs umzusteigen. Aus Emissions- und Kostengründen ist dies eine nachvollziehbare Empfehlung, allerdings kritisieren Fachleute seit dem Markteintritt der LEDs, dass diese sehr häufig falsch eingesetzt werden. Weil sie billiger sind, wird nicht nur mehr, sondern auch greller beleuchtet.

Wir lesen oft vom Kassabon als Stimmzettel, von der individuellen Konsumentscheidung als politisches Statement. Auch der Griff zum Lichtschalter kann ein solches sein. Wir können uns täglich entscheiden und Veränderungen anstoßen. Wir können uns als Kulturstätten für unbeleuchtete Fassaden, begrünte Innenhöfe und Vorplätze einsetzen, Anträge für verträglichere Leuchtmittel stellen und von unseren Kommunen erwarten, dass sie sich in puncto Beleuchtung von unabhängigen und interdisziplinär ausgebildeten Expert*innen beraten lassen. Wir sind vielleicht nicht die erste Stellschraube, an die man denkt, wenn es um Lichtverschmutzung geht, aber wir könnten zu einem entscheidenden Faktor werden. Denn wir sind viele, und der Abend und die Nacht sind die Räume, in denen wir arbeiten, mitgestalten oder einfach das tun, was wir lieben.


(erstmals erschienen in KUPF-Zeitung #187 am 23.9.23)

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