Mittwoch, 14. Januar 2026

Jahresrückblick 2025 mit Herbstlese und Apfent

Bericht zur Herbstlese: Elisabeth Strasser
Fotos: Judith Wimmer


Im nun bereits vergangenen Jahr gab es wieder eine Menge an Literaturveranstaltungen der GAV OÖ. 

Abgeschlossen wurde der Reigen mit der Apfent-Lesebühne „Keks, Drugs, Rock n‘Roll!“ am 10. Dezember im Strandgut in Linz, dem Kulturlokal direkt an der Donau, mit Dominika Meindl, Walter Kohl, Kurt Mitterndorfer und erstmals dabei Benjamin Gumpenberger.

Kurz davor, am 26. November 2025, ging die zweite Ausgabe der „Herbstlese“ über die Bühne im Willy*Fred in Linz. Auf dem Bühnensofa nahmen wiederum fünf von Elisabeth Strasser eingeladene Autor:innen Platz, um über ihre aktuellen Schreibprojekte zu sprechen und Auszüge daraus vorzulesen.

Christian Weingartner, als Fotograf wie als Autor tätig, stellte Auszüge aus seinem lyrischen Werk vor und sprach über einen entstehenden Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht, indem von einem Mühlviertler erzählt wird, der in den 1920/30er Jahren in den USA eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen hatte.



Marlene Gölz las aus zwei demnächst erscheinenden Erzählungen und trug ein Gedicht vor, das mit der Entstehungsgeschichte einer davon zu tun hat. Sie berichtete darüber, was und wer hinter der für eine Geschichte titelgebenden „Erdbeerprinzessin“ steht, und wie sie auf ihre Figuren kommt – oder diese auf sie zukommen.


Erich Wimmer, im Hauptberuf Geigenlehrer an der Landesmusikschule, stellte einige seiner Gedichte voller Sprachwitz im „eher bunten Versmaßkleid“ vor. Und dazu erzählte er eine für alle, die dabei waren, unvergessliche Anekdote über ein durch eine Kuh verursachtes „Erdbeben“.



Nach einer Pause, die für Austausch, Schmökern am Büchertisch und Erfrischungen genutzt wurde, ging es weiter mit

Christine Mack, die ihr Monologen-Drama „Zwielicht“ mit dem Untertitel „Mit meiner Sense mäh ich alles nieder“ vorstellte, in dem es um Missbrauch auf verschiedenen Ebenen geht und den Umgang der Leute in dem betroffenen Dorf damit. Dramatisch vorgetragen von der Autorin zusammen mit Elisabeth Strasser und Erich Wimmer in ihren übernommenen Rollen.



Den unterhaltsamen Abschluss im Programm gestaltete Rudolf Habringer mit Auszügen aus seinen Weihnachtssatiren. Dazu erwähnt ein entstehender Roman, über den er noch nichts weiter verraten wollte; und er berichtete über einen essayistischen Text, der sich mit der Frage beschäftigt, wieweit religiöse Bezüge in der zeitgenössischen Literatur vorhanden sind oder nicht. Was nebenbei ein ungeheuer interessantes Thema ist.



Zuhören, Kennenlernen, Gespräch und Austausch …


Das ist der Grundgedanke der „Herbstlese“, des literarischen Jahresrückblicks.

Autor:innen lesen Auszüge aus aktuellen Werken, die im vergangenen Jahr entstanden sind oder sich noch in Arbeit befinden. Dazu ist über ihre Arbeitsweisen, ihre literarischen Schwerpunkte und Themen einiges zu erfahren, samt der persönlichen Begegnung mit den Schriftsteller:innen.

Ein „feines Format bei (leider diesmal) schwachem Besuch“, wie eine Rückmeldung lautete.
Tatsächlich hätte diese Veranstaltung mehr Interesse und Besuch verdient.

Fortgeführt wird das Format gewiss. Denn genau das braucht es heute: Angebote persönlicher Begegnung im Rahmen vertiefender Auseinandersetzung, entgegen der Oberflächlichkeiten, die es heute durch (digitale) Bespaßung zur Genüge gibt.


Freitag, 9. Januar 2026

Speibende Regenbögen und sprechende Weberknechte

Benjamin Rizys „Über der Tür“. Rezension von Dominika Meindl 

Es ist eine oft und rechtmäßig vorgebrachte Klage über den deutschsprachigen Buchmarkt, dass er mit kurzen Textformen so wenig anzufangen wisse. Ausnahmsweise hofft man auf den einzigen Vorteil des grassierenden Konzentrationskollapses (die Autorin nimmt sich nicht aus!), auf eine Verschiebung des Fokus auf Erzählungen, Aphorismen – oder „short short stories“ wie jene von Benjamin Rizy. Der in Wien und Bad Leonfelden lebende Autor ist nun endlich Mitglied der GAV geworden. 

Auf einem Zettel, den er seiner ersten Kurgeschichtensammlung beilegt, notiert er „Leider kommen nur zwei Hunde vor. Naja, besser als nix“, was noch nichts über das Buch aussagt, aber doch schön ist. Vielleicht ist es auch besser für die Hunde, denn besonders gemütlich geht es in den 29 meist abgründigen und/oder absurden Mini-Thrillern, Kleindramen, Dorfgeschichten, Stadtbildern nicht zu. Was sie eint, ist die Lust des Autors, den Lesenden immer wieder den Boden unter den Füßen wegzuziehen, ihre Erwartungen und Leseautomatismen zu stören. Nicht immer ist der Erzähler ein Mensch, auch Weberknechte oder Enten haben etwas zu sagen. Die Welt ist ein Lost Place, dessen Verfall man neugierig betrachtet. 

Die Haltung Rizys als politischer Mensch ist klar, ebenso sein Sarkasmus: „Am Wahltag richten sich die Leute schön her, um dann schiach zu wählen.“ Nachvollziehbarem Land-Bashing stellt er sehr gute Beobachtungen über die Stadt entgegen: „Eine Stadt, das ist Möglichkeiten zu haben, aber sie trotzdem nicht zu nutzen.“ Oder: „Die Wände in freundlichen Farben, die aussahen, als habe sich ein Regenbogen übergeben.“ Immer gibt es einen Twist, eine überraschende Wendung. Müsste ich eine Geschichte als die beste hervorheben, fiele die Wahl auf „Das Einfamilienhaus“, eine fast apersonale und Beschreibung der Unheimlichkeit des Heimeligen. 

Biographie: Benjamin Rizy, geboren 1990 in Wien, lebt in Wien und im Mühlviertel (OÖ). Zunächst Studium der Physik an der Universität Wien, derzeit Verfahrenstechnik an der TU Wien. Davor Zivildienst im Marketing eines Kulturzentrums in Wien. Arbeitet nebenbei als Photograph und Musiker. Ausgeprägtes bis ausuferndes Interesse an Literatur, Technik, Kunst, Brettspielen, Politik, Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit. Vorlieben für Oscar Wilde, Piraterie, Schreibmaschinen, durchdachtes Design, alle Katzen und viele Hunde. Derzeit Arbeit an der zweiten Kurzgeschichtensammlung. Er ist Vater von zwei Söhnen.

Benjamin Rizy: „Über der Tür“. Short Short Stories. Löcker Verlag

Mittwoch, 7. Januar 2026

Under Construction: Apfent 9.0

  

 Fotos: H. Zirknitzer  

Und so begab es sich auch dieses Jahr wieder, dass die weihnachtliche Unterhaltungs- und Erbauungssektion der GAV OÖ zur gemeinsamen Besinnung lud. Apfent-Stalker erkennen gleich, dass der Herr rechts weder Rudi Habringer noch René Monet ist, sondern natürlich der hochgeschätzte Chevapcici. Hoffentlich gehen wir mit den Musiktalenten nicht so unpfleglich um, dass wir sie verchleißen! Dem Vernehmen nach ist Chevapcici auch heuer noch guter Dinge. Wir empfehlen an dieser Stelle dringlich sein immer noch brandneues Album "Eierlegende Wollmilchsau". 

Musikalisch wirft sich alljährlich auch Walter Kohl ins Zeug, unser: 

 

In diesem Amt ließ er das Publikum raten, welches seiner beiden Dramolette im Stil Jandls und Bernhards denn wirklich seiner gewieften Cut-Up-Technik entstamme. Sodann befahl er der KI, ein sehr hartes Weihnachtsprotestlied zu "komponieren", im Stil Ramsteins bzw. im Stampfetechno, der vom Rest des Ensembles recht gut angenommen wurde: 

Vom Kollegen Kurt Mitterndorfer ist im Fundus der Autorin (=die Meindl) derzeit kein ordentliches Performance-Bild zu finden, aber das vom Vorjahr ist umso schöner, weil von Dieter Decker, und dank der guten Erhaltung des Abgelichteten außerdem pfenninggut. 

 

Bei Mitterndorfer geriet der Weihnachtsmann zuerst unter Blasendruck und dann in die Fänge einer überschießend strengen Exekutive. Das zweite Mikrodrama beginnt so: "Sog amoi, bisd du kombledd augrend? Du kaunsd do ned fia de Blaun an Griskindl-Weabaschbodd draan! Nu dazua fosd noggad!“ Ein Paar unterhält sich über den Preis, für den man sich weggibt, siehe Kant. Denkt da mal drüber nach! 

Da sehen wir erneut den Chevapcici: 

 

Bundes- und GAV-OÖ-Präsidentin Meindl erschien im Hannibal-Lecter-Feiertags-Einteiler und verlas wie immer ihre als Wunschliste ans Christkind getarnte Gewaltfantasie gegen Patriarchat und Faschismus. Dann verdarb sie allen Frauen den supersüßen Rom-Com-Weihnachts-Hit "Tatsächlich Liebe", indem sie die Handlung nach OÖ bzw. ins Matriarchat versetzte: "Ryan Reynolds stammt in Wahrheit aus Gramastetten, als die Landeshauptfrau dort ihre Godntant besucht, kommt es zur zunächst scherzhaften Begegnung, 'Jo Ryan!' 'Jo Minki!' 'Ma, de Gramastetta Krapferl han owa tricka, do hüft nua ans, haha!' Da fackeln die beiden Main Character Energy Persons nicht lange und schmusen dann vor den Augen der etwas peinlich berührten Tanten." 

 

Am Ende sangen alle gemeinsam: 

Stille Macht! Heilige Macht!

Alles schläft; einsam wacht

Landesmutter mit grauem Haar

herrschet sanft im Matriarchat

Schaffe uns irdische Ruh!

Schaffe uns irdische Ruh! 

Und man kann sich leicht vorstellen, auf wessen Mist das auch schon wieder gewachsen ist. In diesem Sinne: Prosit 2026! 

Sonntag, 21. Dezember 2025

Mögen die Serien nie zu Ende gehen

Corinna Antelmann

 

Auch wenn als ungewiss gilt, wem die Zukunft des Geschichtenerzählens gehören, also ob die KI uns in Zukunft das Schreiben abnehmen wird, gewiss ist, dass Geschichten seit Menschengedenken erzählt wurden und dies auch weiterhin geschehen wird. Vielleicht nicht mehr am Lagerfeuer, dafür über Streaming-Dienste, wo sie mehr Menschen erreichen denn je. Und gewiss ist auch: Sie werden diese Menschen in der Tiefe nur dann berühren können, wenn sie nach wie vor von Menschen verfasst werden. Schließlich beschreiben Geschichten nichts Geringeres als Abschnitte unserer Lebensreisen, anders ausgedrückt: unseres Individuationsprozesses, wie Carl Gustav Jung ihn beschrieben hat: als Möglichkeit, uns im Laufe des Lebens weiterentwickeln zu können.

Bestenfalls.

„Der eigentliche Individuationsprozess – die bewusste Auseinandersetzung mit dem grösseren inneren Menschen oder dem eigenen Seelenzentrum – beginnt meistens mit einer Verwundung oder einem Leidenszustand, der eine Art von Berufung darstellt, aber oft nicht als solche erkannt wird. Das Ich fühlt sich vielmehr in seinem Willen oder Begehren behindert […]“[1]

Eben deshalb sind uns Schreiberlingen Konflikte und Krisen am liebsten (wenn auch nicht unbedingt im eigenen Leben!), denn freiwillig hat sich noch niemand entwickelt. Die Reise des Menschen führt ihn durch Beziehungen und Veränderungen, die auf Erfahrung basieren, niemals aber auf Daten, schließlich in die Erfüllung.

Es ist dieser Wunsch nach Erfüllung, oder auch: Erlösung, der uns laut Analytischer Theorie antreibt und sich in allen Erzählungen dieser Welt spiegelt.

So auch in Serien.

Lange Zeit galten Serien als ein unterhaltsames Fernsehformat, das für abendliche Gesellschaft sorgt, mit Personen, denen man beim Bügeln zuhören kann (hören, nicht sehen!). Nun aber feiern sie Hochkonjunktur, und hier ist es nahezu gleichgültig, ob es sich dabei um Serien handelt, die bereits in meiner Jugend über den Bildschirm flackerten oder um neue Produktionen von Netflix, Prime, DisneyPlus, die im Übrigen in der Filmbranche als das Innovativste gelten, was in den letzten Jahren produziert wurde.

Und nicht wenige von ihnen erreichen den Status von Kult, wie jedes Objekt, ob Tier, Baum, Ahne oder eben Film, das angebetet und in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wird. Kult ist alles, was über das Alltägliche herausgehoben wird, um es zu verehren, ihm zu huldigen, sich ihm hinzugeben und einzubetten in Rituale.

Den Fangemeinden ist es zu verdanken, wenn dies in Bezug auf eine Serie geschieht, aber das Bedürfnis nach Kult ist ein urmenschliches und findet sich, rein erzählerisch gesehen, nicht nur in der Liturgie wieder, sondern in jedweder Religion.

 

Erich Fromm sieht die Religion als ein System des Denkens und Tuns,

das von einer Gruppe geteilt wird und dem Individuum einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet[2],

und sieht dieses Bedürfnis nach Orientierung und Hingabe in der menschlichen Existenz selbst begründet.

Und so wage ich die These, dass sich in den Serien möglicherweise etwas findet, das eine beinahe religiöse Komponente hat, beziehungsweise sie in mancher Hinsicht ersetzt. In diesem Zusammenhang möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die Anleitung, die Autori:nnen, die für Fernsehserien schreiben, eine Orientierung durch das Geflecht der jeweiligen Serie bieten soll, die Serien-Bibel heißt. Sie soll helfen, sich im Geflecht um Abraham und seine Söhne, pardon, Captain Kirk und seiner Crew, oder FBI-Agent Dale Cooper und den Bewohner:innen von Twin Peaks, zurechtzufinden.

Trägt serielles Erzählen also tatsächlich Merkmale einer Religion?

 

Ein Merkmal der Serie ist es, dass sie den Geschichten erlaubt, immer weiter erzählt werden zu können, über Jahrzehnte hinweg, ohne vorhergedachten Endpunkt, weiter und weiter und weiter, bis ... es langweilig wird? ... es nichts mehr zu erzählen gibt? … der Untergang kommt? ... oder die Erlösung (wie oben beschrieben)?

In gewisser Weise also liefern Serien das Versprechen der Unendlichkeit, und erfüllen so den Traum der Menschen, ihre Geschichte immerfort weiterspinnen zu können, solange, bis ... es langweilig wird? … es nichts mehr zu erzählen gibt?

Die Furcht vor dem endgültigen Ende katapultiert uns mittenhinein in die großen Fragestellungen, weil niemand sagen kann, was uns erwarten wird nachdem Nachdem. Die Furcht wie die Frage determinieren das Leben, und alle Menschen haben zu jeder Zeit nach Antworten gesucht haben und suchen sie noch immer. Den Tod vor Augen erfährt der Mensch seine Begrenzung und sucht nach einer Idee, einem Ideal, nach etwas, das über das Ende und über das rein Körperliche hinausgeht. Vermutlich ist Religion aus diesem Grund eine universale geschichtliche Erscheinung, denn sie liefert uns den befriedigenden Befund, es gäbe dieses Mehr und damit auch eine Antwort auf die Frage nach dem Ende. Oder den beruhigenden Befund: Das Ende ist immer nur ein Anfang.

Aber bitte, bitte, kann es nicht noch ein bisschen weitergehen?

Ungeachtet des Todes?

Um dem Sterben zu entgehen, nutzt Schahrasad die bekanntesten Cliffhanger überlieferter Erzähltradition, auf dass es auch für sie weitergehen möge. In der ersten von tausendundeiner Nacht bricht sie ihre Geschichte in dem Moment ab, als der Geist das Schwert hebt, um den König zu töten. Der König Schahriyar verlangt nach Fortsetzung. Und sie verspricht, dass ihre Erzählung morgen Nacht noch viel schöner und viel spannender sein werde als alles, was sie heute erzählt habe.

Da sprach der König zu sich selbst: „Ich werde sie, bei Gott, nicht eher töten, bis ich die Geschichte zu Ende gehört habe.“[3]

 

Im Falle der Serie ist die Frage nach dem Ende leichter zu beantworten als im Leben: Sie endet, sobald sie nicht mehr verkauft werden kann; sobald niemand mehr darauf reagiert, wenn es heißt: „Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn Sie Doktor Bob sagen hören wollen: Wohl denn, Gevatter Schwein, ich kenne euch sehr wohl“, kurz: Sie endet, sobald die Lebenszeit der Erzählung abgelaufen ist. Aber selbst Doktor Bob von der Muppet-Show wird möglicherweise wiederbelebt, sei es auf YouTube, in einer Neuverfilmung, als Buch, App oder DVD. Ja, es gibt sie, die Wiedergänger und Totgeglaubten, die nach Jahrzehnten auferstehen und mit geballter Vitalität ihre Leben zurückfordern - als Beispiele seien genannt: Raumschiff Enterprise oder James Bond, von den ersten Folgen bis zu den heutigen im steten Wechsel. Und auch gegenwärtig erfolgreiche Serien werden eines Tages möglichweiser wiederauferstehen, nachdem sie bereits abgesetzt wurden. Sie leben solange, wie noch jemand an sie glaubt.

 

Die Umtriebigkeit der Serien-Fans, die sich, nach Lieblingsserien getrennt, im Netz tummeln, erhält diesen Glauben am Leben und ist immens. Alle haben ihre eigenen Seiten, um ihre Lieblingsserie zu feiern, doch geeint sind sie in dem Wunsch, den immer gleichen Ablauf in einem immer gleichen Setting zu zelebrieren, in dem sich die immer gleichen Menschen versammeln: Hier wird der heilige Text neu gelesen, neu interpretiert, neu gedeutet. Zugleich wird dabei das Bedürfnis nach Wiederholung gestillt, wie es schon in Ritualen der Stammeskulturen, die als Vorläufer der gängigen Religionen gesehen werden, gelebt wurde: in kultischen Handlungen, die der Anbetung des jeweils erwählten Objektes dienen. Vermutlich ist es kein Zufall, dass jede Fangemeinde ihren eigenen Stamm bildet - mit eigenen Ritualen (ja, es gibt sogar Stammeskämpfe).

Und auch das Bedürfnis, sich etwas zu widmen, dem mehr Bedeutung verliehen werden soll, um über das Alltägliche hinauszureichen, erfährt eine gewisse Befriedigung, wenn sich Gleichgesinnte zu einer zeremoniellen Wanderung treffen, bei der sie - zum Beispiel im Falle von Der Herr der Ringe, verkleidet als Elbe oder Ork, mit aufgeklebten Ohren oder gezogenem Schwert - durch das Mühlviertel marodieren und dabei einem Werk huldigen, das sie selbst zu dem gemacht haben, was es inzwischen ist: Kult.

Herr der Ringe entspricht im Übrigen keinem Serienformat, das sich endlos ausdehnen ließe, eine Bibel ist daher nicht vonnöten. Es reicht die literarische Vorlage, die verfilmt werden soll, womit ich zum Thema dieses Abends überleite: Der Literatur, die uns als Dreiteiler (mit drei Kinokartenverkäufen) oder als Mini-Serie präsentiert wird, bietet die Serie Raum zum Atmen, da sie sich über einen längeren Zeitraum entfalten darf, während Romanverfilmungen, in neunzig Minuten Kino gepresst und den Gesetzen der dramatischen Einzelerzählung unterworfen, selten genug gelingen. Und obwohl dem literarischen Stoff, anders als der episodenhaft erzählten Serie, doch ähnlich den Serien mit einem staffelumfassenden Spannungsbogen, ein Ende der Geschichte immanent ist, erfreuen wir uns hier wie dort am seriellen Erleben. Denn wenn wir Krieg und Frieden in acht Teilen schauen, lässt uns die Frage am Ende jeder Folge, ob der Frieden wohl siegen werde, am nächsten Tag wieder einschalten.

Auch der Frieden entspricht ja einer ur-menschlichen Sehnsucht, wenngleich die Menschheit sich schwertut, sich dorthin zu entwickeln, wo er sich einzulösen verspricht. Eben dafür braucht es die Geschichten, vor allem aber braucht es die Bereitschaft zur Individuation von uns Reisenden. Und es braucht Rituale, die den Wunsch nach dem Darüberhinaus ausdrücken, nach etwas, das uns transzendiert. Sorgen wir also für Objekte, die der Hingabe wert sind, für Geschichten, die sich dem Menschlichen verpflichtet sehen, geschrieben von Menschen, die ihre Erfahrungen und Gefühle in einem inneren Prozess in eine künstlerische Form transformieren.

Um noch einmal Erich Fromm zu bemühen:

Die Frage lautet nicht: ob Religion oder nicht?, sondern: welche Art der Religion? Fördert sie die Entwicklung des Menschen, die Entfaltung der spezifisch menschlichen Kräfte oder lähmt sie seine Kräfte.[4]

Ich zum Beispiel habe seit den Missionen von Raumschiff Enterprise allem vertraut, was uns in unendliche Weiten führt, meine Religion aber ist seit jeher die Literatur, gern auch als Serie. Und neulich, auf einer Lesereise im Harz, lief ich den Goetheweg bis zum Brocken hinauf. Schließlich habe ich den Faust mehrfach gelesen, zumindest in Auszügen.

Verkleidet habe ich mich nicht.



[1] von Franz, Marie-Louise: Der Individuationsprozess. in: Jung, C.G.: Der Mensch und seine Symbole, S. 166

[2] Fromm, Erich, ebenda, S. 25

[3] Tausendundeine Nacht. C.H.Beck 2004, S. 33

[4] Ebenda, S. 29

Montag, 24. November 2025

10 Jahre Keks, Drugs N' Rock N' Roll!

 

Foto: Dieter Decker <3 + Ralph Perei


Apfent, Apfent: Die große Weihnachts-Lesebühne der GAV OÖ

10. Dezember, Mittwoch, 19.30 Uhr, Kulturverein Strandgut (Ottensheimer Straße, 4040 Linz). Eintritt frei!

Mit Walter Kohl, Dominika Meindl, Kurt Mitterndorfer und Chevapcici!

Jubiläum! Hurra! Seit zehn Jahren ringt das Weihnachts-Ressort in Oberösterreichs größter Literaturvereinigung: um Stille, Frieden und innere Einkehr. Die Früchte dieses Ringens präsentiert das Quartett bei der traditionellen großen Jahresabschluss-Lesebühne. Dabei ist der Gabentisch bei der Tombola des Grauens stets überreich gedeckt. Ja, richtig gelesen: GESCHENKE!!!! Sie sind halt nicht schön.

Ein Geschenk an euch ist unser Gast Chevapcici. Er hat genug von Selbstoptimierung! Auf dem dritten Album "Tod der eierlegenden Wollmilchsau" gibt sich unser lieber lieder-licher Linzer MusikSpezi dem digitalen Detox hin, er leidet an Pixelentzug und fordert mehr Panik. Hufe statt Füße, liebe Freundinnen und Freunde!

Walter Kohl ist unser Attaché für neue Technologien und zeitgeistige Grillen. Der "Weihnacht-im-Wilden-Westen"-Fan setzt heuer einen neuen Schwerpunkt: "KI statt Karl May". Wird er vom Radebeuler Westernschwindler loskommen? Dazu kommen literarisch wertvolle Dramolette + irgendwas mit Mundharmonika.

Der liebe Senior-Chef Kurt Mitterndorfer setzt der gedankenlosen Fröhlichkeit die nötige Mahnung zur Umkehr entgegen, indem er den Preis der Würde auslotet (darf man halbnackt einen Christkind-Werbespot drehen für die FPÖ?) und den Weihnachtsmann in die Hände der Exekutive geraten lässt.

"Präsidentin" Dominika Meindl wird ihre alljährliche Wunschliste ans Christkindi verlesen (bitte eine gute Sterbstunde für die Despoten der Welt!) und enthüllt eine Episode aus ihrem früheren Leben, als sie noch keine echten Freunde hatte und mit allerhand Hollywoodstars Weihnachten feiern musste. Ihre beste Rolle ist noch die ersehnte Bescherung am ersehnten Ende: die Moderation des literarischen Schrottwichtelns!

Dienstag, 11. November 2025

X-Blatt Präsentation - Jahresproduktion!

 

Am 12. November präsentieren wir um  die X-Blatt Ausgaben der diesjährigen Produktion. 19:30 Uhr im Strandgut in Linz/Urfahr, Ottensheimerstr. 25
 
Andrea Drumbl, Erwin Einzinger, Erich Klinger und Ernst Perfahl (er liest für seine Mutter Irmgard Perfahl) tragen ihre Beiträge vor. 
 
Moderation: Kurt Mitterndorfer, Organisation: HC Stöger

Das X-Blatt ist das regelmäßig vierteljährlich erscheinende Literaturheft der GAV OÖ (Grazer Autorinnen Autorenversammlung, Regionalgruppe Oberösterreich), das einzig im Textautomaten der GAV OÖ im Lokal Exxtrablatt an der Linzer Spittelwiese 8 und bei den Veranstaltungen der GAV OÖ erhältlich ist.

Montag, 20. Oktober 2025

Unsere Neuen

 

31. Oktober, 19:30 Uhr, Strandgut

Mit großer Freude präsentiert die GAV OÖ ihre neu aufgenommenen Mitglieder! Es ist uns eine Ehre, diese fünf Kolleg*innen in unserer Mitte begrüßen zu dürfen: Tamara Imlinger, Stefan Kutzenberger, Lucia Leidenfrost, Norbert Trawöger und Christian Weingartner. An diesem Abend stellen sie ihre Arbeit in kurzen Ausschnitten vor, dazu gibt es ein Gespräch. Im Anschluss gehen wir an die geschätzte Strandgut-Bar und pflegen das Miteinander.

Moderation: Dominika Meindl


Fotocredits: punktachtneun (Lucia), Reinhard Winkler (EnTe), Kaia Kutzenberger, Patricia Weingartner, Jasmin Walter, DM-Selfie - die schrecklich ungeschickte Montage stammt von Moderatorin Dominika Meindl

Jahresrückblick 2025 mit Herbstlese und Apfent

Bericht zur Herbstlese: Elisabeth Strasser Fotos: Judith Wimmer Im nun bereits vergangenen Jahr gab es wieder eine Menge an Literaturver...