Corinna Antelmann
Auch wenn als ungewiss gilt, wem die Zukunft des
Geschichtenerzählens gehören, also ob die KI uns in Zukunft das Schreiben
abnehmen wird, gewiss ist, dass Geschichten seit Menschengedenken erzählt
wurden und dies auch weiterhin geschehen wird. Vielleicht nicht mehr am
Lagerfeuer, dafür über Streaming-Dienste, wo sie mehr Menschen erreichen denn
je. Und gewiss ist auch: Sie werden diese Menschen in der Tiefe nur dann
berühren können, wenn sie nach wie vor von Menschen verfasst werden.
Schließlich beschreiben Geschichten nichts Geringeres als Abschnitte unserer
Lebensreisen, anders ausgedrückt: unseres Individuationsprozesses, wie Carl
Gustav Jung ihn beschrieben hat: als Möglichkeit, uns im Laufe des Lebens weiterentwickeln
zu können.
Bestenfalls.
„Der
eigentliche Individuationsprozess – die bewusste Auseinandersetzung mit dem
grösseren inneren Menschen oder dem eigenen Seelenzentrum – beginnt meistens
mit einer Verwundung oder einem Leidenszustand, der eine Art von Berufung
darstellt, aber oft nicht als solche erkannt wird. Das Ich fühlt sich vielmehr
in seinem Willen oder Begehren behindert […]“[1]
Eben deshalb sind uns Schreiberlingen Konflikte und
Krisen am liebsten (wenn auch nicht unbedingt im eigenen Leben!), denn
freiwillig hat sich noch niemand entwickelt. Die Reise des Menschen führt ihn
durch Beziehungen und Veränderungen, die auf Erfahrung basieren, niemals aber
auf Daten, schließlich in die Erfüllung.
Es ist dieser Wunsch nach Erfüllung, oder
auch: Erlösung, der uns laut Analytischer Theorie antreibt und sich in allen
Erzählungen dieser Welt spiegelt.
So auch in Serien.
Lange Zeit galten Serien als
ein unterhaltsames Fernsehformat, das für abendliche Gesellschaft sorgt, mit
Personen, denen man beim Bügeln zuhören kann (hören, nicht sehen!). Nun aber
feiern sie Hochkonjunktur, und hier ist es nahezu gleichgültig, ob es sich
dabei um Serien handelt, die bereits in meiner Jugend über den Bildschirm flackerten
oder um neue Produktionen von Netflix, Prime, DisneyPlus, die im Übrigen in der
Filmbranche als das Innovativste gelten, was in den letzten Jahren produziert
wurde.
Und nicht wenige von ihnen
erreichen den Status von Kult, wie jedes Objekt, ob Tier, Baum, Ahne oder eben
Film, das angebetet und in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wird. Kult
ist alles, was über das Alltägliche herausgehoben wird, um es zu verehren, ihm
zu huldigen, sich ihm hinzugeben und einzubetten in Rituale.
Den Fangemeinden ist es zu
verdanken, wenn dies in Bezug auf eine Serie geschieht, aber das Bedürfnis nach
Kult ist ein urmenschliches und findet sich, rein erzählerisch gesehen, nicht
nur in der Liturgie wieder, sondern in jedweder Religion.
Erich Fromm sieht die
Religion als ein System des Denkens und Tuns,
das von einer Gruppe
geteilt wird und dem Individuum einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt
der Hingabe bietet[2],
und sieht dieses Bedürfnis
nach Orientierung und Hingabe in der menschlichen Existenz selbst begründet.
Und so wage ich die These,
dass sich in den Serien möglicherweise etwas findet, das eine beinahe religiöse
Komponente hat, beziehungsweise sie in mancher Hinsicht ersetzt. In diesem
Zusammenhang möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die Anleitung, die Autori:nnen,
die für Fernsehserien schreiben, eine Orientierung durch das Geflecht der
jeweiligen Serie bieten soll, die Serien-Bibel
heißt. Sie soll helfen, sich im Geflecht um Abraham und seine Söhne, pardon,
Captain Kirk und seiner Crew, oder FBI-Agent Dale Cooper und den Bewohner:innen von
Twin Peaks, zurechtzufinden.
Trägt serielles Erzählen
also tatsächlich Merkmale einer Religion?
Ein Merkmal der Serie ist es,
dass sie den Geschichten erlaubt, immer weiter erzählt werden zu können, über
Jahrzehnte hinweg, ohne vorhergedachten Endpunkt, weiter und weiter und weiter,
bis ... es langweilig wird? ... es nichts mehr zu erzählen gibt? … der
Untergang kommt? ... oder die Erlösung (wie oben beschrieben)?
In gewisser Weise also liefern
Serien das Versprechen der Unendlichkeit, und erfüllen so den Traum der
Menschen, ihre Geschichte immerfort weiterspinnen zu können, solange, bis ...
es langweilig wird? … es nichts mehr zu erzählen gibt?
Die Furcht vor dem
endgültigen Ende katapultiert uns mittenhinein in die großen Fragestellungen, weil
niemand sagen kann, was uns erwarten wird nachdem Nachdem. Die Furcht wie die
Frage determinieren das Leben, und alle Menschen haben zu jeder Zeit nach
Antworten gesucht haben und suchen sie noch immer. Den Tod vor Augen erfährt
der Mensch seine Begrenzung und sucht nach einer Idee, einem Ideal, nach etwas,
das über das Ende und über das rein Körperliche hinausgeht. Vermutlich ist
Religion aus diesem Grund eine universale geschichtliche Erscheinung, denn sie
liefert uns den befriedigenden Befund, es gäbe dieses Mehr und damit auch eine
Antwort auf die Frage nach dem Ende. Oder den beruhigenden Befund: Das Ende ist
immer nur ein Anfang.
Aber bitte, bitte, kann es
nicht noch ein bisschen weitergehen?
Ungeachtet des Todes?
Um dem Sterben zu entgehen, nutzt
Schahrasad die bekanntesten Cliffhanger überlieferter Erzähltradition, auf dass
es auch für sie weitergehen möge. In der ersten von tausendundeiner Nacht
bricht sie ihre Geschichte in dem Moment ab, als der Geist das Schwert hebt, um
den König zu töten. Der König Schahriyar verlangt nach Fortsetzung. Und sie
verspricht, dass ihre Erzählung morgen Nacht noch viel schöner und viel
spannender sein werde als alles, was sie heute erzählt habe.
Da sprach der König zu sich selbst: „Ich werde sie, bei
Gott, nicht eher töten, bis ich die Geschichte zu Ende gehört habe.“[3]
Im Falle der Serie ist die
Frage nach dem Ende leichter zu beantworten als im Leben: Sie endet, sobald sie
nicht mehr verkauft werden kann; sobald niemand mehr darauf reagiert, wenn es
heißt: „Schalten Sie auch nächste Woche
wieder ein, wenn Sie Doktor Bob sagen hören wollen: Wohl denn, Gevatter
Schwein, ich kenne euch sehr wohl“, kurz: Sie endet, sobald die Lebenszeit
der Erzählung abgelaufen ist. Aber selbst Doktor Bob von der Muppet-Show wird
möglicherweise wiederbelebt, sei es auf YouTube, in einer Neuverfilmung, als
Buch, App oder DVD. Ja, es gibt sie, die Wiedergänger und Totgeglaubten, die
nach Jahrzehnten auferstehen und mit geballter Vitalität ihre Leben
zurückfordern - als Beispiele seien genannt: Raumschiff Enterprise oder James Bond, von den
ersten Folgen bis zu den heutigen im steten Wechsel. Und auch gegenwärtig
erfolgreiche Serien werden eines Tages möglichweiser wiederauferstehen, nachdem
sie bereits abgesetzt wurden. Sie leben solange, wie noch jemand an sie glaubt.
Die Umtriebigkeit der
Serien-Fans, die sich, nach Lieblingsserien getrennt, im Netz tummeln, erhält
diesen Glauben am Leben und ist immens. Alle haben ihre eigenen Seiten, um ihre
Lieblingsserie zu feiern, doch geeint sind sie in dem Wunsch, den immer
gleichen Ablauf in einem immer gleichen Setting zu zelebrieren, in dem sich die
immer gleichen Menschen versammeln: Hier wird der heilige Text neu gelesen, neu
interpretiert, neu gedeutet. Zugleich wird dabei das Bedürfnis nach
Wiederholung gestillt, wie es schon in Ritualen der Stammeskulturen, die als
Vorläufer der gängigen Religionen gesehen werden, gelebt wurde: in kultischen
Handlungen, die der Anbetung des jeweils erwählten Objektes dienen. Vermutlich
ist es kein Zufall, dass jede Fangemeinde ihren eigenen Stamm bildet - mit
eigenen Ritualen (ja, es gibt sogar Stammeskämpfe).
Und auch das Bedürfnis, sich
etwas zu widmen, dem mehr Bedeutung verliehen werden soll, um über das
Alltägliche hinauszureichen, erfährt eine gewisse Befriedigung, wenn sich Gleichgesinnte
zu einer zeremoniellen Wanderung treffen, bei der sie - zum Beispiel im Falle
von Der Herr der Ringe, verkleidet
als Elbe oder Ork, mit aufgeklebten Ohren oder gezogenem Schwert - durch das
Mühlviertel marodieren und dabei einem Werk huldigen, das sie selbst zu dem
gemacht haben, was es inzwischen ist: Kult.
Herr der Ringe entspricht
im Übrigen keinem Serienformat, das sich endlos ausdehnen ließe, eine Bibel ist
daher nicht vonnöten. Es reicht die literarische Vorlage, die verfilmt werden
soll, womit ich zum Thema dieses Abends überleite: Der Literatur, die uns als
Dreiteiler (mit drei Kinokartenverkäufen) oder als Mini-Serie präsentiert wird,
bietet die Serie Raum zum Atmen, da sie sich über einen längeren Zeitraum
entfalten darf, während Romanverfilmungen, in neunzig Minuten Kino gepresst und
den Gesetzen der dramatischen Einzelerzählung unterworfen, selten genug gelingen.
Und obwohl dem literarischen Stoff, anders als der episodenhaft erzählten
Serie, doch ähnlich den Serien mit einem staffelumfassenden Spannungsbogen, ein
Ende der Geschichte immanent ist, erfreuen wir uns hier wie dort am seriellen
Erleben. Denn wenn wir Krieg und Frieden
in acht Teilen schauen, lässt uns die Frage am Ende jeder Folge, ob der Frieden
wohl siegen werde, am nächsten Tag wieder einschalten.
Auch der Frieden entspricht ja
einer ur-menschlichen Sehnsucht, wenngleich die Menschheit sich schwertut, sich
dorthin zu entwickeln, wo er sich einzulösen verspricht. Eben dafür braucht es die
Geschichten, vor allem aber braucht es die Bereitschaft zur Individuation von
uns Reisenden. Und es braucht Rituale, die den Wunsch nach dem Darüberhinaus
ausdrücken, nach etwas, das uns transzendiert. Sorgen wir also für Objekte, die
der Hingabe wert sind, für Geschichten, die sich dem Menschlichen verpflichtet
sehen, geschrieben von Menschen, die ihre Erfahrungen und Gefühle in einem
inneren Prozess in eine künstlerische Form transformieren.
Um noch einmal Erich Fromm
zu bemühen:
Die
Frage lautet nicht: ob Religion oder nicht?, sondern: welche Art der Religion?
Fördert sie die Entwicklung des Menschen, die Entfaltung der spezifisch
menschlichen Kräfte oder lähmt sie seine Kräfte.[4]
Ich zum Beispiel habe seit
den Missionen von Raumschiff Enterprise allem vertraut, was uns in unendliche
Weiten führt, meine Religion aber ist seit jeher die Literatur, gern auch als
Serie. Und neulich, auf einer Lesereise im Harz, lief ich den Goetheweg bis zum
Brocken hinauf. Schließlich habe ich den Faust
mehrfach gelesen, zumindest in Auszügen.
Verkleidet habe ich mich
nicht.
von Franz, Marie-Louise: Der Individuationsprozess. in: Jung, C.G.: Der Mensch
und seine Symbole, S. 166
[2] Fromm,
Erich, ebenda, S. 25
Tausendundeine Nacht.
C.H.Beck 2004, S. 33