Mittwoch, 22. Juli 2020

Eine Frage und eine Bitte an uns als Menschen

von Corinna Antelmann:

... und auch an Sie, Herr Stelzer - anlässlich der Entscheidung in Oberösterreich, nach der Entdeckung eines Clusters in fünf Bezirken ausnahmslos alle Veranstaltungen abzusagen (auch outdoor und gewissenhaft organisiert wie in Ottensheim ) und alle Schulen und Kindergärten zu schließen. 

Wir sollten entscheiden, wie wir als Menschen leben wollen und uns gewahr zu werden, wo es hingehen soll mit dieser Menschen-Gemeinschaft. Frage: Was macht eine Gesellschaft aus? Woher nehmen wir Sinn und Gehalt und Nahrung für die Seele? Das Gefühl für Schönheit? Die Freude und innere Gesundheit?

Der Weg dorthin ist ebenso gepflastert mit Entscheidungen, zum Beispiel die Entscheidung, wie wir mit unserem Leben umgehen wollen. Und zwar langfristig, weil Krankheiten uns weiterhin begleiten werden, je länger wir das Leben weiterhin mit Füßen treten, missachten, und uns von allem Verbindenden und Verbindlichen abschneiden.

Anfang Juli stieg in Oberösterreich die Zahl der Infizierten abermals (und erstmals in diesem Maße nach dem Shutdown), nicht ganz überraschend für alle, die ohnehin Vorsicht haben walten lassen, um ihren Wiedereinstieg ins berufliche und gesellschaftliche Leben nicht zu gefährden, zum Beispiel uns KünstlerInnen. Nach dem kurzen Aufatmen dann kamen erste zarte Bemühungen (und hier kommt die persönliche Betroffenheit), als Kunstschaffende unter Berücksichtigung von Vorsichtsmaßnahmen an Strategien zu basteln, die Veranstaltungen möglich machen könnten, wie es gehen könnte, ohne Teil des Problems zu werden, sondern Teil einer Lösung zu sein. Dieses erstes Wiederaufblühen ist noch vor der Blüte (vor der Ernte sowieso) wieder niedergetreten worden. In meinem Falle: eine Freiluft-Veranstaltung in kleinem Rahmen, mit Abstand und Maske, eine Lesung ohne direkten Körperkontakt. Durch die pauschale Absage an ALLE Veranstaltungen in fünf oberösterreichischen Bezirken, ohne Differenzierung, musste sie ausfallen, während alles andere unangetastet blieb, selbst die Maskenpflicht nicht mit sofortiger Wirkung wieder eingeführt wurde. Aha. Kultur, und ebenso pauschal die Bildung unserer Kinder, deren Schulalltag abermals von einem auf den anderen Tag ausgesetzt wurde (das trifft mich als Mutter UND freischaffende Künstlerin doppelt), das zutiefst Humane, Sinnstiftende, Nährende, gelten also als weniger wert, weniger relevant als die Bereiche, die uns in erster Linie als KonsumentInnen sehen? 

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass Geld nicht sinnstiftend sein kann und auch nicht heilend. Ja, Unterstützung braucht es dennoch - für viele von uns, und ich bin dankbar, in einem Land wie Österreich aufgefangen zu werden, aber: Es geht nicht nur um Geld; der Mensch will (allen anders lautenden Meinungen zum Trotz) arbeiten! Ich will arbeiten, ja, denn ich halte Arbeit für wichtig und erfüllend. Meine Eltern wollen Berührung und mein Kind will eingebettet sein in soziale Zusammenhänge und sein Recht auf Bildung ausüben (anders lautenden Meinungen zum Trotz, auch hier). Studierenden wollen „in Beziehung“ lernen, bevor die Wut um sich greift, die jede Solidarität in ihren Flammen erstickt. Fallengelassen zu werden, aber als Konsumentengruppe willkommen zu sein, das hält eine kindliche Psyche bedingt aus. Fallengelassen zu werden, weil es sich nicht rechnet, hält niemand aus.

Also fragen wir bitte, und ich frage auch Sie, Herr Stelzer: Wie wollen wir die Säulen Gesundheit, Kultur, Bildung stabilisieren, auf denen jede Gemeinschaft fußt? Wie wollen wir der allgemeinen Frustration entgegenwirken: von den Kindern, den Eltern, von all jenen, die ihre Arbeit nicht ausüben dürfen, nicht berührt werden, nicht gehört werden, keine Stimme haben, keine Sprache? Bitte, bitte keine undifferenzierte Willkür mehr, wann welche Maßnahmen getroffen werden. Allein deshalb, um die Solidarität ALLER nicht zu gefährden. Wo ist Vorsicht sinnvoll, unvermeidbar und zielführend, wo pauschal, undurchsichtig und krankmachend, ja, kränkend? Bitte, überlegen wir eine Strategie, die soziale, psychische, emotionale, kreative Aspekte vor Umsätze reiht.

Denn auch deshalb will ich arbeiten und sehe es als sinnstiftend an, (im Rahmen des Möglichen) öffentlich zu lesen, gemeinsam auch mit Schüler und Schülerinnen: Weil über das Geschichtenerzählen das Staunen, Atmen, Denken, ja das Menschliche, in den Vordergrund gerückt wird. Alles, was je erzählt wurde und wird, drückt das Gemeinsame aus, das Verbindende, das, was das Leben ausmacht, statt durch voranschreitende Ökonomisierung an Lifestyles zu stylen, die uns zu unterscheiden versuchen. Wir sind keine Einzelwesen, sondern brauchen jede Einzelne mit dem, was er oder sie tut und ist. Den politischen EntscheidungsträgerInnen sei an dieser Stelle empfohlen, sich gelegentlich mit der schreibenden Zunft auseinanderzusetzen. Wir sitzen alle in einem Boot, allein dadurch, dass wir Menschen sind. Auch das erfahren wir gerade. Wir sind Gesellschaft und sollten die Verantwortung übernehmen: uns selbst und unserer Umwelt gegenüber. Wie können wir uns gegenseitig schützen, wertschätzen, unterstützen? Wie können wir verantwortungsbewusst handeln, ohne das Leben fallenzulassen?

Nehmen wir unser Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit ernst.

Danke.


Freitag, 26. Juni 2020

Meine Coronareisen - Tag 2

Anm.: Tagesreise nach Singapur, eine Art Tagebuch, von René Bauer, durchgeführt während der Corona-Reisebeschränkungen 2020 mit Google Street View auf einer Virtual-Reality-Brille zuhause in meinem Schlafzimmer. Es folgen noch weitere Reisen. 

19. April 2020

In Santa Juliana habe ich zwar schlecht, aber doch geschlafen. Wache am nächsten Tag exakt am Mittelstreifen einer Straße in einem Hafenviertel auf. Rundum nur Industrie, hohe Kräne, ziemlich große Schiffe und Verladestationen für ebendiese. In der Ferne Hochhäuser. Keine Ahnung wo ich bin, die Straßenschilder sind alle knallrot, was vielleicht einer Baustelle geschuldet ist. Das näheste, lesbare Schild warnt mich mit "Caution! Watch for <unleserlich>" vor etwas nicht Entzifferbaren. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als einfach in irgendeine Richtung zu gehen. Mal schauen, ob ich herausfinden kann, wo ich bin.

Works Access

Dürfte Asien sein. Auf einem Bagger lese ich "Hitachi", obwohl das noch nichts heißen soll. Das schlechte Englisch eines weiteren Schilds "Works Access - Danger Keep Out" vermischt mit Schriftzeichen, die dem Chinesischen oder Japanischen ähneln, aber doch nicht gleich sind und darunter "bahaia jangkang dekat" lässt mich Südostasien vermuten.

Ich erreiche die erste große Kreuzung. Hier fährt man links. Check. Straßenschilder sind hauptsächlich auf Englisch. Jetzt erreiche ich die ersten großen Firmengebäude und da hab ich schon des Rätsels Lösung. Die Gebäudeaufschrift lautet DHL, DB Schenker, 17 Changi South Street 2, Singapur.

Singapur, war ich eh noch nie. Ich frag' mich worauf ich Lust hab. Würde ja gern in ein Museum gehen, etwas erleben, aber Singapur ... null Ahnung. Das einzige, was ich weiß, ist, dass ich keinen Kaugummi auf die Straße spucken sollte. Hier bin ich eindeutig in der falschen Umgebung. Alles Autos, nur Verkehr, keine Fußgänger. Ich bemühe mich, so etwas wie ein Stadtzentrum zu finden. Dort sind doch meistens die Museen. Ein paar Straßenzüge weiter ein großes, auffälliges Gebäude.
Funeral Parlour – also eher kein Museum.

Nach vielen Irrungen und einigen Sackgassen entscheide ich mich dafür, zu schummeln. Ich schlage eine Karte auf und navigiere zum Nationalmuseum in Singapur. Betrete es. Kenn mich nicht aus. Was kann man hier sehen? Ein großes Plakat im Eingangsbereich begrüßt mich mit einem Schwarzweißfoto eines jungen Mannes. "In memoriam Lee Kuan Yew 1923 – 2015".  Meine Geschichtskenntnisse über diesen Flecken Erde sind mehr als dürftig.

Man lässt mich ausnahmsweise ins Museum, es gibt aber leider keine Führungen, die meisten Türen sind zugesperrt, nur in der Haupthalle darf ich mich umsehen. Hier hängen die Präsidenten von Singapur in Form von Plaketten mit Namen und Geburts- und Sterbedaten. Nein. So wird das nichts. Ich spreche einen Mann an, den einzigen, dessen Gesicht nicht unscharf ist und heuere ihn als meinen Local Guide an.

Er bringt mich zu einem Aquarium, das Van-Kleef-Aquarium. Scheint ähnlich wie Sea World angelegt zu sein, ist aber auch zu. Der Local Guide (ich nenne ihn mal Wu) lässt mich auf seinen Schultern sitzen. Nett von ihm! Jetzt gehen wir erstmal ein bisschen durch die Gegend, spazieren, also er spaziert, ich lasse mich von ihm tragen. Schon wieder eine dumme Shopping Mall. Ich hasse diese Orte. Wenigstens essen kann ich hier. Das erste Lokal heißt "Fun Toast – Have Fun since 1941". Aber Toasts schmecken mir nicht. Daneben ein weiteres Restaurant. Auf dem Schild steht "Let’s Eat!”. Warum komplizierte Namen ausdenken, wenn man es einfach ausdrücken kann? "Let's Eat!". Keep it simple.
Hier in der Mall gibt es auffallend viele Pre Schools, wo man seine Kinder schon ab einem Alter von 2 Monaten bis 6 Jahren abgeben kann. Diese hier ist "Pats award winning". Es gibt also Preise für besonders herausragende Vorschulen.

Ooooh, Photo Booth! Ich liebe diese Fotoautomatenumkleidekabinen! Aber weil ich noch immer auf den Schultern meines Guides sitze, passen wir nicht rein. Ein andermal vielleicht ...

In einem Laden gehe ich die Zeitschriften durch. Es sind Frauenzeitschriften. “Simply her - hubby special”, daneben “HER upsized". Was das wohl bedeuten mag? Aufschlagen lassen sie sich nicht, sie sind in den Haltern festgeklebt.

Wu ist lästig, er schleppt mich wieder in eine Mall, diesmal eine Outdoor Mall. Plötzlich erblicke ich ein "Hooters"! Lustig, war noch nie in einem Hooters. Ist das nicht etwas amerikanisches, eher anrüchiges, so Richtung große Oberweiten? Das Logo ist eine Eule. Natürlich betrete ich sofort das Lokal, innen zieren allerhand Straßenschilder die Wände. Haha. Eines warnt vor “Bumps” in der Form zweier Brüste. Ein weiteres vor "Double Curves". Es geht noch sexistischer: "Caution blondes thinking!". Sehr lustig der Humor hier. Leider ist es leer. Kein Schwein da, obwohl Fußball im Flatscreen läuft. Niemand bedient mich. Wo sind denn jetzt die Hooters? Hallooo? Seltsam. Mit jedem Sitzplatz kommt eine eigene, dicke Küchenrolle. Lässt mich an schmieriges Denken. Schnell unterdrücke ich pubertäre Erinnerungen bezüglich dieser weißen Tücher.

Küchenrollen im "Hooters"

Natürlich! Alle sitzen sie draußen im Gastgarten, wie ich durchs Fenster erkennen kann. "Bring mich raus Wu! Hühott!" Aber auch hier: Keine Hooters. Bin schwer enttäuscht. Eine einzige Barfrau steht an einer Kaffemaschine und sieht völlig normal aus. So bekommt man keine Eulenaugen.

Wir gehen den Singapur River entlang, auf der Fahrspur eine Aufschrift, "HUMP AHEAD". Klingt vielversprechend, dem werde ich nachgehen. Frage Wu nach einem Park. Wir wenden uns nach Osten. Im Pearls Hill City Park verbringen wir einige Zeit und finden ein abgesperrtes Gelände. Wenn ich den Warnschildern glauben kann, wird man erschossen, wenn man reingehen will.

Achtung, hier wird man erschossen.

Wu, mein Führer, hält mich vor suizidalem Verhalten ab und schleppt mich stattdessen in den Buddha Tooth Relic Temple. Ob hier Buddhas dritte Zähne zu besichtigen sind?
Innen ist alles sehr prächtig. Gold, rote Farbe, hunderte Kerzen. Der Buddhismus ist mir eher fremd und mein  Begleiter sehr schweigsam und so mache ich mir meine eigenen Gedanken. Anscheinend sind auf den Altären lauter Opfergaben abgelegt: Bananen, Ananas, hunderte Arten Obst und Blumen. Buddhas müssen sehr hungrig sein. Und Buddhas sitzen überall: Fette Buddhas, dünne Buddhas, Buddhas aus Wachs, Buddhas aus Stein, tausende Minibuddhas in Regalen an den Wänden. Der Zahntempel entpuppt sich als Labyrinth, aber wenigstens ein schönes. Ich soll spenden. So weit kommts noch! Genug jetzt. Ausgang.

Rund um den Tempel Souvenierläden. Es gibt Rucksäcke und Steine. Alpinisten aufgemerkt!

Auf dem Weg zum Natural History Museum kommen wir an einer ehemaligen Zweigstelle der Kempetai vorbei, dem japanischen Pendant der Gestapo. Nett hier. Die Dinosaurier im Museum sind riesig. Hab keine Lust auf Dinos. Muss jetzt langsam ins Bett, also los, ein Hotel finden. Mein Guide  empfiehlt mir noch die "Hau Par Villa" und macht sich aus dem Staub. Nur wo bin ich jetzt wieder gelandet? Sieht nicht nach Hotel aus, eher eine singapuritanische (sagt man das so?) Grottenbahn.  In  künstlichen Höhlen voller Dioramen für Touristen entdecke ich viel Fantasy: Hirschköpfige Menschen, kleine Zwergerl, alles schön beleuchtet, erinnert frapant an die pöstlingbergsche Version, nur dass man hier zu Fuß gehen muss und nicht in einem wilden, feuerspeienden Drachen auf Gleisen durch die dunkle Unterwelt reitet, während in den Seitenwänden Zwerge und Sagenfiguren ihren Tätigkeiten nachgehen. Nein. Hier wird viel getötet, es werden Gedärme aus Menschen herausgefädelt, sie werden abgestochen, überall fließt Blut, man hackt ihnen die Hände ab, schneidet sie mit Riesenmessern in zwei Teile, tanzt mit Heugabeln, die man schlussendlich in Leiber stößt.

Gedärme in der Singapuritanischen Grottenbahn
Ziemlich schrecklich. Bin müde. Das ist zwar kein Hotel, aber ohne Wu gehe ich nicht nochmal in die Stadt hinaus. Ich schlafe zwischen den Zwerglein und den toten, abgeschlachteten Menschen. Mir fröstelt.

Montag, 11. Mai 2020

Covid-19 DIARIUM 2020


von Siegfried Holzbauer


Die ersten 50 Tage


12 03 2020 ihr lächeln ist ansteckend / sei auf der hut
13 03 2020 der angst eine absage erteilt / dennoch fr. 13.
14 03 2020 leere regale / geplündert / die straßen leer
15 03 2020 im baumgarten / er / ich / ein ungewißer ausgang
16 03 2020 ausgangssperre / stimmen hören / bruder / sie / &
17 03 2020 solitaire / kein bock / wie vor jahr und tag / nix
18 03 2020 miss your voice, my buddy / my body misses youa.
19 03 2020 homework / stay in touch / der frühling bleibt
20 03 2020 neu / das prinzessinnenbettmassaker video
21 03 2020 wettersturz / eine verschnaufpause / allein
22 03 2020 allein mit deinem gott und st.covid / laetare
23 03 2020 & nur mut / kann es schaffen / sie glaubt an mich
24 03 2020 vereinbarung sinnlos / hengst mit abschlag
25 03 2020 bamblia im eismeer / zeitweise eingefroren
26 03 2020 ein lächeln vertreibt böse gedanken und
27 03 2020 & ein weiterer tag mit komplimenten vertan
28 03 2020 erster marienkäfer / spring / love zooms in / &
29 03 2020 bird singin´ / let´s get together one more time
30 03 2020 oye cómo va / cancel: perfekter seitensprung
31 03 2020 sauerampfer / löwnzahn / MNS / demanding times
01 04 2020 kirschblia / und dennoch / leere / 1.april
02 04 2020 zwischen tür und angel / sie / ungeschminkt &
03 04 2020 a signal fun der fargangenheyt / זיי געזונט &
04 04 2020שטיסל & der rote drache / die liebe siegt
05 04 2020 besser ein spatz in der hand als sie am hals &
06 04 2020 aus dirndl´s stofffundus / MNS maske genäht
07 04 2020 birnbamblia / und bei ihr / der zaunkönig / rev.
08 04 2020 hemd zerschnitten / maskenball an חג שמח / פסח
09 04 2020 pan bläst heftig auf seiner flöte / lousy day
10 04 2020 stanglfisch / das neue kruzifix / karfreitag
11 04 2020 wälder / zartgrün & weißgetupft / karsamstag
12 04 2020 auferstehung / o Herr / was dann / ostersonntag
13 04 2020 osterhase wovor hast du angst / ostermontag
14 04 2020 geschäfte erledigt / es hat abgekühlt und
15 04 2020 ihre hände wieder in meinen / erste schwalbe
16 04 2020 covid / wann lassen wir die masken fallen und
17 04 2020 reiseträume / victor & hetti / ein sprachkurs
18 04 2020 kaffee und kuchen / bei sissi im rosengarten
19 04 2020 mißverstanden / rätsel bleibt ungelöst
20 04 2020 pfarrer hermann und seine moorhühner / R.I.P.
21 04 2020 a phone call / sie entdeckt mir / das geheimnis
22 04 2020 glück / un / glück / das volle leben / aber / irreal
23 04 2020 katzen / ein / jammer / laß dich in den arm nehmen
24 04 2020 musik im hintergrund / panflötenmelodien
25 04 2020 ausgeflippt / wieder eingekriegt / alles gut
26 04 2020 sonntag / die kirche noch immer leer / nur gott
27 04 2020 zum kuckuck mit covid / 19 whiskies verkostet
28 04 2020 kurznachrichten: macht euch locker / am 1.mai
29 04 2020 erwarte / nichts / kein anspruch / geht auch so &
30 04 2020 ausgangsbeschränkungen laufen aus @ 24 uhr


© 2020 s.holzbauer

Donnerstag, 7. Mai 2020

Beginn der Entgleisung – Meine Coronareisen Tag 1

Von René Bauer

Vorwort
Nach einigen Wochen Eingesperrtsein macht sich in mir der Wunsch zu verreisen bemerkbar. Gut, denk ich, ein paar Regeln brauche ich noch, dann steht mir die Welt offen. Sollen die Anderen doch zuhause versauern, ihre Tagebücher mit Gedanken aus dem Auf-sich-selbst-zurück-geworfen-sein füllen, ich schreite mutig fort und mache Urlaub. Einen Experimentalurlaub. Ohne Maske. Ohne Beschränkungen.

Regel 1: Ich reise an einen zufälligen Ort und muss selbst herausfinden, wo ich bin.
Regel 2: Möglichst keine Karten oder Reiseführer verwenden.
Regel 3: Möglichst nur zu Fuß gehen.
Regel 4: Tagesprogramm ist je einmal essen, eine Sehenswürdigkeit, einen Spaziergang im Park oder Wandern, am Ende eines Tages ein Hotel suchen, schlafen, dann sofort wieder abreisen.

18. April 2020– Uberlândia, Brasilien
Ich befinde mich offensichtlich in einer Stadt, in einer engen Gasse, der Asfalt in schlechtem Zustand. Niedrige, simple, aber bunte Häuser. Überall parken Autos und Motorräder. Rechts neben mir schwebt eine Gitterbox aus Metall, rot lackiert, wie ein großer Einkaufskorb, auf eine Stange geschweißt mitten am Gehsteig, darin ein Paket. Ist das ein Briefkasten? Links ein Autoverleih. Die Sprache scheint Spanisch zu sein. Brauch ich ein Auto? Nein ich geh zu Fuß.

Urlaubsfoto 1: Ein Briefkasten? Ein Einkaufskorb?

Nach ein paar Schritten erreiche ich eine Autowerkstatt – auto mecanico. Brauch ich nicht. Drei Männer stehen vor der Werkstatt, warten und rauchen. Sie tragen keine Masken, dafür sind ihre Gesichter verschwommen.

Ich gehe weiter die Straße entlang. Bin ich in Spanien? Südamerika? Hier steht eine Apotheke. Krank bin ich nicht. Aber obwohl die Sonne scheint, fühle ich sie nicht. Ist es warm? Kalt? Welche Jahreszeit haben wir? Welches Jahr?
Auf dem ersten Straßenschild, das mir begegnet, steht Teatro municipal – in der selben Richtung scheint auch ein Park zu sein, ich biege an der Kreuzung ab und folge den Schildern. Viele Motorräder stehen auf Miniparkplätzen. Wenige, dafür alte Autos. Dürfte keine wohlhabende Gegend sein.

Den Park finde ich noch nicht, dafür ein Geschäft für Kühlschränke. Statt einer Glasauslage hat es ein großes Loch in der Wand mit hochgezogenem Ladengitter, dahinter stapeln sich hauptsächlich gebrauchte Kühlschränke in einem wilden Durcheinander. Ein Moped steht im Geschäftsraum. Dürfte geöffnet sein.

Ich irre durch die Gassen. Schau schau! die Tierklinik Imperial, ein Veterinär und Pet-Shop zugleich, auf dem Schild eine protzige Königskrone ähnlich wie die der Queen, zwei weiße Pudel tragen die gleiche, der Werbegrafiker muss günstig gewesen sein. Die Sprache ist aber kein Spanisch, das ist wahscheinlich Portugiesisch. Auf der Klinik steht auch der Ort, Uberlândia, tippe auf Südamerika und damit Brasilien.

Würde ja gern jemanden fragen, wo sich der Park befindet, aber leider versteh ich kein Portugiesisch.
Immer wieder Häuser in Stacheldraht eingekleidet. Angst? Jemand gießt den Gehsteig vor einem Stacheldrahtzweifamilienhaus, daneben wieder so eine Briefkastenbox, leer, im selben edlen Design wie alle Schutzgitter, Zäune und Rollläden des Hauses, Videokamera, Alarmanlage. Naja.

Endlich bin ich in der Nähe des Parks, Uberlândia ist eine große Stadt, sicher größer wie Linz oder Graz. Stehe vor einem Riesensportstadion auf dem Parkplatz, extrem schiarch, Bauweise Schalbeton, nackt, keine Farbe auf den Wänden. Hier gibt's rote Erde überall, aber so richtig rot, sehe kein Gras oder es ist vertrocknet und so braunrot wie die Erde. Parkplatz ist leer.

Hoher Zaun, der Park befindet sich dahinter, nur wie komm ich da rein? Rüberklettern, bin jetzt auf einem Fußballplatz mit alten verrosteten Toren, niemand spielt. Mitten im Park ein mittelgroßer Baggersee, fast keine Leute da, ist's fürs Baden zu kalt? Ich fühle keine Temperatur, muss mich nach visuellen Hinweisen richten. Neben dem See eine Laufstrecke, nein, rund um den See. Ich lauf mal ein bisschen, am Gehsteig steht ein auf seinem Schwanz aufgerichteter Plastikhecht, ein Kind in seinem Schatten. Ups, ich sollte nicht mitlaufen, an der nächsten Kurve warten Zuseher hinter Absperrungen, eine Polizistin kommt auf mich zu, deutet etwas, alle haben kurze Hosen, sind braungebrannt, kurze Leiberl, oft ärmellos. Also doch warm. Vielleicht sogar heiß.

Aber das Rennen auf der Laufstrecke, wird das nicht ernst genommen? Jetzt fährt einer mit einem Moped mitten auf der Bahn, der hinter ihm am Sozius trägt keinen Sturzhelm! Jetzt hab ich's, es ist ein Radrennen, da kommen schon die ersten. Hier ist das Ziel, aber der mit dem Moped ist in die falsche Richtung gefahren ...

Sonst ist nicht viel los, Hüpfburg, Standln, Schoko und Eis. Am Ausgang herrscht Sonnenuntergang. Ich verzupf' mich.

Gehe aus dem Park und lande in einem kleinen Einkaufszentrum, ähnlich wie hierzulande sind innen Fakebalkone im Fake-zweiten-Stock, der die Realität umkehrt, als ob draußen jemand wohnt, dabei ist da nichts, nur der Himmel. Im Spielwarengeschäft haben sie lauter Plastikzeugs.
Hab Hunger, kann niemanden fragen, find nur einen Obst- und Gemüsehändler mit ein paar braunen Bananen und riesigen Paprika und Orangen, so groß wie Fußbälle. Sind das Pomelos? Ich glaub die machen bald zu, nur mehr ein paar Besucher sitzen an den Tischlein, keiner isst was, keiner trinkt was.

Ich suche den Weg aus der Stadt, folge einer Art Autobahn, komme an ein hässliches Gebäude aus Beton und Glas, darauf in glänzenden metallenen Lettern centro administrativo, dahinter brasilianische Flaggen auf Halbmast. Es dürfte was passiert sein.

Meine Suche nach Essen zieht sich in die Länge: An der nächsten Kreuzung gibt es ein Dominos, aber ich mag keine Pizza. Dann entdecke ich ein rotes Gebäude, Abierto 24h, also immer offen, der Amorecana Club, dachte zuerst an Steaks und so, Americana, aber daneben steht das Hotel Amora, also eher wohl nix zum Essen und wenn, dann recht teuer und im Zusammenhang mit nackten Menschen. Außerdem ist alles vergittert und nicht einsehbar, Geld hab ich auch keins.

Urlaubsfoto 2: Eher kein Restaurant mit Steakfleisch ...

Endlich aus der Stadt rausgefunden! Einfach zum Park zurück und in die andere Richtung auf die Autobahn wärs gewesen. Lasse mich per Anhalter mitnehmen und darf sogar selber fahren. Den Schildern nach führt es hier nach São Paolo oder Brasilia, aber bis dorthin sinds noch hunderte Kilometer und ich entscheide mich für Santa Juliana, das ist nicht so weit weg.

Komme an einer Polizeikontrolle vorbei, ein gelangweilter Polizist mit einem Bierbauch beobachtet den Verkehr, ein zweiter lehnt sich an einem Lieferwagen zum Fahrer hinein. Beide Polizisten schauen aus wie Bauarbeiter, nirgends steht Polizei, sie haben keine Waffe, vermute was anderes. Ist das eine Privatpolizei? Ein Sicherheits- oder Ordnungsdienst? Lieber nicht stehenbleiben.

Die Erde ist in dieser Gegend wirklich überall knallrot-braun, völlig übertriebene Farbe, vielleicht ein hoher Eisengehalt? Ringsum reichen weitläufige Felder und Grünflächen bis an den Horizont, keine Ahnung was die da anbauen, sieht aus wie Mais, könnte Zuckerrohr sein. Brauche einen Rum.
Hab jetzt auf dem Weg nach Santa Juliana den Rio Claro überquert und suche auf einem Campingplatz nach Essen. Gibt natürlich nix. Haben nur einen Besucher mit einem Campingwagen. Er dreht mir den Rücken zu.

Nach Stunden erreiche ich Santa Juliana. Werde begrüßt von einer Tankstelle mit einer integrierten kleinen Kirche oder Kapelle gleich neben den Zapfsäulen. Santa Juliana ist eine kleine Stadt, winzige Häuser ducken sich hinter Mauern, alle so groß wie Schrebergartenhütten, ein Lkw voller nackter Hühner kommt mir entgegen. Sollte ein Lied über die federlosen Hühner von Santa Juliana schreiben.
Sehr bäuerliche Gegend, an jeder Ecke Traktoren, Erntemaschinen, Rasenmäher und ähnlichen landwirtschaftlichen Krimskrams zu verkaufen.

Ein Autohändler macht groß Werbung mit einem Lamborghini oder sonstigen Superflitzer auf seinem Schild am Dach, drunter ducken sich 30 ungewaschene Autos dichtgedrängt, kleine gebrauchte Stadtflitzer, welch Diskrepanz!

Endlich habe ich das Geheimnis der Briefkästen gelüftet, diese Einkaufskörbe auf Stangen am Gehsteig sind einfach Miskübeln, drin ist keine Post, einfach Müll!

So jetzt kauf ich mir ein Eis, sorvetes frutos do cerrado gegessen, geschmeckt hat's mir nicht, hab auf meinen Reisen auch meinen Geschmackssinn verloren. Jetzt bin ich müde. Gegessen hab ich, spazieren war ich im Park von Uberlândia, als Sehenswürdigkeit nehme ich die Tankstellenkirche vor Santa Juliana, fehlt noch ein Schlafplatz, dann ist mein erster Urlaubstag vorbei.

Zufällig finde ich das Hotel Villa Comfort, als Willkommensteppich haben sie ein Putztücherl/Geschirrtuch vor den Eingang gelegt, schwer den Fuß drauf zu setzen, so klein ist es.
Die Zimmer sind ok. Innen schauts aus wie in einem Warteraum einer Arztpraxis in den 80ern, klinisch, clean, Fliesen, wenig Zierde, Türschwellen wurden offensichtlich gestohlen, da klaffen Löcher zwischen den Türrahmen. Mein Zimmer ist ein kleines Doppelzimmer, zwei Betten, keine Einrichtung außer einem Spiegel, einem Kasten ohne Türen, einem Fernseher an der Decke, Klima, WC mit Dusche, Nachtkastl. Bettwäsche wie in einem Krankenhaus mit grün-blauem Überzug. Der Frühstückssaal ist rustikal, sechs kleine Tische, an denen niemand sitzt.

Auf dem Weg zurück in mein Zimmer durchquere ich eine Art Minilobby mit Glasdach und vier großen Palmen, eine kitschige Glitzerdecke bedeckt eine weiße Kunstledercouch, aber worauf sollte man hier warten? Ich finde keine Menschen, das Hotel ist leer. Gute Nacht Santa Juliana. Morgen bin ich anderswo.

Anm.: Tagesreise nach Uberlândia, eine Art Reisebericht, von René Bauer, durchgeführt während der Corona-Reisebeschränkungen 2020 mit Google Street View auf einer Virtual-Reality-Brille zuhause in seinem Schlafzimmer. Es folgen bald noch weitere Reisen.

Freitag, 1. Mai 2020

Möglichkeiten



Es ist still geworden. Wir sind, kollektiv, aus der Zeit gefallen.
Die gefüllt war mit Besorgungen, Treffen, Besprechungen, Terminen, Abgaben. Wir feiern allein Geburtstag. Wir sterben allein in fremden Zimmern. Wir denken allein: Doch die Möglichkeit, diese Gedanken teilen, zu hören, auszusprechen, ist geringer geworden. Nicht die virtuelle, ich spreche von der realen, an unsere Körper gebundene.
An unseren Atem, die Bewegung unseres Brustkorbs, während wir jemandem eine Geschichte erzählen, während die Worte anderer Bilder in unsere Köpfe zaubern. Das Pulsieren in unseren Adern, während wir einander gegenüberstehen, einander halten, einander versichern, dass wir existieren: durch Berührung. Haut, Poren, Haare, Finger, Münder.

Es ist still geworden in der Welt, das hat auch sein Gutes.
Neben der Unsicherheit, die aufsteigt, ein Gefühl des Schwimmens, in einem Fass ohne Boden (woher werden die nächsten Förderungen kommen? wird man Projekte fördern, die in der Fremde stattfinden? wann werden die Grenzen geöffnet?), hat sich in dieser Stille, in diesem Warten, dieser bedingten Ruhe, ein Raum aufgetan.
In diesem liegt die Möglichkeit von Kommunion. Wenn der Geist nicht mehr abgelenkt wird von tausend Dingen, können sich seine Prioritäten neu ordnen. Erinnert man sich der Texte, die einer Ruhe bedürfen. Ein Roman schreibt sich nicht von selbst.
Das Reisen in Gedanken ist die schönste Freiheit, die ich mir vorstellen kann.
Das Reisen im Äußeren nur ein Ausdruck dieses Inneren.

Es ist still geworden.
Ich bin im Kollektiv aus der Zeit gefallen, und in diesem Vakuum zurück in meinen Text.
In eine Geschichte eingetaucht, die erzählt werden will, an der Hand genommen von einer unsichtbaren Kraft, die jeden Schreibprozess begleitet. Das hat nichts Religiöses, um Himmels willen, sondern etwas sehr Humanes, es bedingt nur eine Zutat: Hingabe.
Dieses Zauberhafte lässt Grenzen schwinden, lässt jede Enge weit werden.
Gedanken geteilt, nur eben zeitversetzt. Aus der Zeit genommen, jetzt geschrieben für eine spätere.

Später werden wir wieder feiern, einander berühren, und auch sterben, aber nicht mehr allein.
Bis dahin bleibt uns die Möglichkeit der Phantasie.

© Marianne Jungmaier


Irmgard Perfahl, 1921-2026, in Memoriam

Von Richard Wall    Foto: Reinhard Winkler   Ein Gedicht greift vieles auf und kleidet es in Worte die es bei aller Klärung als Rätsel be...