Vergangene Woche ist unser Kollege Günther Haidinger verstorben, vielen unter dem Pseudonym "M. Rutt" bekannt. Zum Abschied sammeln wir hier die Worte jener, die ihn gekannt und geschätzt haben.
Johann Kleemayr
Günther Haidinger hat in meiner Sicht versucht, einen
Widerspruch künstlerisch fruchtbar zu machen. Er wollte einerseits in
Erscheinung treten und sich zeigen, gleichzeitig aber auch verschwinden,
nicht da sein, sich auslöschen. Dieser Widerspruch hat mich bei seinen
Auftritten immer beschäftigt, er war dabei, gleichzeitig nicht. Wie geht
das? Das Spiel mit seinem Kunstnamen M. Rutt hat diesen Widerspruch für
mich noch deutlicher gemacht. M. Rutt durfte da sein, Günther Haidinger
nicht.
Günther Haidinger war
ein ruhiger, umgänglicher, sympathischer Kollege. Im nachhinein tut es
mir leid, nicht offensiver über sein Kunstverständnis mit ihm gesprochen
zu haben. Vielleicht hat er sich in den letzten Jahren immer mehr
zurückgezogen, ich habe ihn auf jeden Fall vielleicht schon einige Jahre
nicht mehr gesehen. Vorher hatte er bei Lesungen und Kunstevents zu den
sicher kommenden Besuchern gezählt.
Ruth Aspöck
Meine Erinnerung an M. Rutt
Der Tod von M. Rutt macht mich
betroffen. Ich habe ihn bei einer Generalversammlung der GAV
kennengelernt, es wird um das Jahr 2000 gewesen sein. Er war erst
seit kurzem Mitglied. Durch Zufall kamen wir beim anschliessenden
Abendessen nebeneinander zu sitzen und sprachen sehr, sehr lange
miteinander.
Es stellte sich bald heraus, dass wir
ähnliche Vermutungen darüber hatten, wie die Kontrolle von Menschen
funktioniert. Wir wussten beide nicht, wer dabei die Fäden zog, aber
meinten die Zeichen zu erkennen. Wir tauschten die Erfahrungen,
Beobachtungen und Meinungen zu diesem Thema aus. Ich war damals in
einer sehr schlechten Verfassung. Es hatte sich herausgestellt, dass
mein Wunsch, in Kuba dauerhaft zu leben, nicht zu verwirklichen war.
Und ich fühlte mich sowohl dort wie auch in Österreich nicht nur
von einem Geheimdienst verfolgt. Es entspannte mich, mit jemandem
darüber zu sprechen.
M. Rutt wollte weder optisch noch
namentlich erkennbar sein, daher das Pseudonym und daher sein Zögern,
bei öffentlichen GAV-Veranstaltungen mitzumachen. Er war davon
überzeugt, dass Klone herumlaufen, mitten unter uns Menschen. Ich
teilte seine Meinung, erzählte von den Begegnungen, die mich dazu
gebracht haben, das auch anzunehmen.
Wir trennten uns an diesem
Abend sehr nachdenklich. Die nächsten Begegnungen waren bei einigen
GAV-Generalversammlungen und er als Publikum bei Lesungen im Linzer
Stifterhaus. Er machte auch aktiv mit, als die OÖ GAV-Regionalgruppe
(wohl mit Richard Wall als Motor) eine große Ausstellung
zusammenstellte und in den Hallen der Linzer Kunstuniversität
ausstellte, bei der sich Kollegen und Kolleginnen, die literarisch
und bildnerisch arbeiten, präsentieren konnten, darunter auch ich.
Wir haben nie mehr über
dieses Thema gesprochen, es war keine Gelegenheit und ich suchte auch
keine. Ich schämte mich, so viel von meinen Ängsten und Zweifeln
mitgeteilt zu haben. Wir haben einander aber immer sehr freundlich
und liebevoll umarmt – das ist jetzt nicht mehr möglich.
2.10.2020
Herbert Christian Stöger
Ich
sage jetzt einfach Günther,
obwohl
ich ihn als M.Rutt kennengelernt habe, fehlt mir. Dieses Pseudonym
trug ich lang im Kopf herum, aber nach einigen Begegnungen fragte ich
ihn dann doch nach seinem „richtigen“ Namen, unter einem
besonderen Vorwand, um eine persönlichere Tür zu ihm zu öffnen.
Er
war einer jener Personen, die ich gerne zufällig in der
Stadtbibliothek, auf dem Weg oder bei kulturellen Veranstaltungen
getroffen habe. Sein Auftreten war immer korrekt, lag das an seiner
Kleidung, Ausstrahlung oder an seiner ruhigen Sprechweise? Meist
hatte ich den Eindruck, er sprach mit einem verschmitztem Lächeln.
Ich
denke, er war auf der Suche. Dies bestätigte sich auch in seiner
künstlerischen Herangehensweise, wenn er im Netz nach Häufigkeiten
zu bestimmten Begriffen recherchierte. Und nun suche ich im Netz nach
ihm und entdecke keinen Hinweis. War das sein Ziel, dort keinen
Fußabdruck zu hinterlassen?
Was
hat er künstlerisch hinterlassen für uns? Darüber weiß ich leider
zu wenig. Wenn ich mich jetzt zu erinnern versuche, fällt mir ein,
daß er bei einer Ausstellung in Linz dabei war. Dort hing ein weißes
Leibchen mit einem besonders beschrifteten Etikett. Aber was war da
zu lesen? War es sauber, rein, weiß, nein, es war „subventioniert“!
Mit diesem statement machte er aber nicht auf sich aufmerksam … Im
Katalog „QUERSCHNITT“, Kunstankäufe der Stadt Linz 2001/2002
wurde eine Kopie seiner genauen Anweisung für die Herstellung der
Aufschrift abgedruckt. Dieses Blatt war mit einem eigenen Stempel
versehen: ORIGINAL UNTERFERTIGT M.RUTT (nebst Unterschrift).
Er
bleibt mir nicht in Erinnerung als Günther oder unter seinem
künstlerischer Pseudonym, sondern als Mensch mit einem nicht zu
altern scheinenden, ja einem jungen freundlichen Antlitz, das er sich
über die Jahre bewahrt hat.
Bernhard Hatmanstorfer
In
memoriam M. Rutt
Wenn
mir der Fehler unterlief – und er unterlief mir eine Zeitlang nicht
selten – freitags in der bunten Beilage der financialtimesfarbenen,
österreichischen Tageszeitung zu lesen und ich gleichen Datums
Günter Haidinger über dem Weg lief, verabschiedete ich ihn immer
wieder als Robert. [Ein Robert Haidinger schreibt oder schrieb
bekanntlich für eben erwähntes Blatt.] Diesen Fauxpas pflegte der
richtige Haidinger – der Günther – stets mit einem Schmunzeln zu
überspielen, das ich mir natürlich immer erst zu spät zu deuten
wusste. Dass ich ihm einst in launiger Überheblichkeit den Einsatz
von Diaprojektoren sowie billigem Backwerk vorgeworfen habe, hat er
mir aber ebenso wenig übel genommen, wie meine Auslassungen über
Olga Neuwirth, deren kompositorische Innovationen er mir in
besonnener Gegenrede darzulegen versuchte. Als er mich allerdings in
flagranti dabei stellte, wie ich das einzige überzeugende Album von
Juliette Lewis and the Licks im Fachgeschäft aus der
Ladenhüterecke rettete, war ich in musikgeschmacklichen Dingen damit
bei ihm endgültig unten durch. Schien ich diesem musikalischen Genre
entwachsen, so jenem – nämlich dem der von mir sehr geschätzten
deutsch-koreanischen Komponistin Chin Unsuk – auf lange Sicht nicht
würdig. Fehlte noch, dass mir Günther eine rustikale Volldampfcombo
ironisch empfahl. So kam es, dass wir Worte wechselseitiger
Verkalauerung für einander fanden, was uns in so manchen
bitterschokoladigen Alltagsabend, über die flüchtigen Momente
unserer Begegnung, einen geistreichen Unernst zauberte.
Das sonore Timbre seines überlegten Sprechens fehlt jetzt, wie die
unaufdringliche Eleganz seiner flotten Erscheinung.
Richard
Wall
Für
M. Rutt
Für
den beweglichen Geist
gibt
es keine Hindernisse –
alles
gläsern
M.
Rutt
Denke
ich an M. Rutt/Günther Haidinger, sehe ich vor mir eine schlanke
Gestalt, groß, unauffällig elegant gekleidet, daher doch nicht ganz
unauffällig, zurückhaltend im Gespräch, selten emotional,
sogfältig in der Wortwahl. Wenn man jemandem in der Runde, die wir
damals, vor gut einem Vierteljahrhundert, die GAV-OÖ dargestellt
haben, das Adjektiv „distinguiert“ hätte zuschreiben können,
dann ihm.
Er
war ein verlässlicher Besucher der Treffen, meldete sich in
strittigen Fragen abwägend & die Aspekte bedenkend zu Wort, &
war konstruktiv(!) im Umsetzen(!) von Ideen. So hatten wir uns u.a.
entschieden, für das Jahr 2003 zu 30 Jahre GAV & 30 Jahre
Hochschule für künstlerische & industrielle Gestaltung (heute
Kunstuni Linz) ein Symposion zur Schnittstelle „Literatur und
Bildende Kunst“ zu veranstalten, ein verrücktes Unternehmen, mit
geringen Mitteln in jeder Hinsicht. An uns beiden ist dann auch die
Arbeit von der Finanzierung bis zum Hängen der Bilder & der
Konzeption wie Realisierung des Katalogs hängengeblieben.
Jede
Kollegin, jeder Kollege – 25 insgesamt, davon mehrere in Wien
lebende mit OÖ-Bezug – hatte im Katalog eine Seite zur Verfügung,
Bild & Kurz-Bio. M. Rutt konnte die Kunsthistorikerin &
Kuratorin zahlreicher Ausstellungen, Dr. Eleonore Louis, damals
Lehrbeauftragte an der Kunstuniversität Linz, für einen Begleittext
gewinnen; kein geringerer als Dr. Burghart Schmidt hielt einen
Vortrag, der ebenfalls im Katalog abgedruckt werden konnte. Diese
Publikation war offensichtlich für den Vorstand der GAV in Wien
etwas derartig Besonderes, dass wir uns eine weitere Arbeit
eingeheimst haben. Wir wurden gebeten, von den
Schriftstellerporträts, die Eva-Maria Geisler, die Frau von Gerald
Bisinger, im Laufe der Jahre angefertigt hatte, zur Ausstellung
dieser Bildnisse ebenfalls einen Katalog zu realisieren. Er erschien
im Jahr darauf zeitgerecht zur Ausstellung, sozusagen zum 31. Jahr
der Gründung der GAV.
Wir
blieben uns verbunden, trafen uns hin & wieder im Café
Traxlmayr, M.Rutt kam zu meinen Lesungen, & wir sandten uns jedes
Jahr zum Jahreswechsel kleine bildnerische Arbeiten.
Marcel
Duchamp hatte sein erstes Ready-Made, ein um 90 Grad gekipptes
Urinal, mit R. Mutt signiert. Günther Haidinger pflegte die diskrete
Anspielung. Sein Künstlername, ein Anagramm der Signatur Duchamps,
gab die Richtung seiner künstlerischen Arbeit vor: Das Konzept, das
Aufgreifen vorhandener Materialien, zuletzt vor allem aus dem Netz,
Strategien, die subtile intellektuelle Eingriffe oder Manipulationen
ermöglichten, um den ursprünglichen Sinn zu verändern, zu
relativieren.
Er
ging so leise von uns, wie er aufzutreten beliebte. Chapeau, Maestro
des Understatements!
12.,
13. Okt. 20