Mittwoch, 21. Oktober 2020

BABELinz #turmblau: Lesung im Theater Phönix

Ausgehend von Herbert Christian Stögers literarischem Projekt "BABELinz" und dem Instagram-Profil „turmblau“, gestalteten Autorinnen und Autoren der GAV OÖ eine Text-Bild-Lesung zum Thema Verwirrung.
Eine Auswahl von Texten und Bildern erscheint demnächst in der Publikation X-BLATT Nr. 7, Hefte für Literatur der GAV OÖ.

Text und Fotos: Dominika Meindl

René Bauer zeigte Stierschädel, die Falten seiner Frau, unbotmäßige rote Bälle, die melancholischen Reste eines Moorbades und Füße in der Suppe, dazu verlas er seine Assoziationen in lyrischer Verdichtung (was generell für alle Vortragenden zu sagen ist).

Christian Futscher, der sich mit seinen "Morgenbetrachtungen" dem Insta-Gebot "schöner als im echten Leben" aufs schönste entzog, las aus dem ebenso betitelten Buch, das Erika Kronabitter herausgegeben hat. Er echauffiert sich über das Gedöns rund um die Frisur und beschreibt seinen Grant auf Hugh Grant. Dazu Texte aus dem "Trinkertagebuch" und "Wer einsam ist in der großen Stadt".


Angelika Ganser konzentrierte sich auf die Texte, dazu zeigte Stöger eine Serie an Türmen. Ganser schrieb über das Schreiben, ihre Poetologie, über die Umgebung ihres Schreibens. Es ging etwa um das Stocken des Wortflusses, um das Wahrnehmungssieb der Worte und um die Frage, ob man unbeirrt an der Autorschaft festhalten solle.


Peter Hodina trug direkt aus dem #turmblau-Account vor, sein Fokus lag auf der Quarantänezeit im Februar und März, dem Lockdownschock: Der tote Hund führt zur Frage, ob man jetzt selbst bellen müsse (nein), seine Abwesenheit "beißt sich fest". In tiefkaltem Coronablau steht der Gaisberg da, in Wien verwirrt ein janusköpfiger Handspiegel, in Salzburg episkopale Stadtmöblierung. Der St. Nimmerleinszug ist so obsolet, dass hinter ihm gleich die Gleise abgetragen werden.


Dominika Meindl (Foto: René Bauer, rührige Hände links: Herbert Christian Stöger) zeigte autobiographische Bilder von ihren Ausflügen; der kürzeste führte in den vollgeräumten Keller, der weiteste in einen verwunschen Wald im tiefsten Friaul. In Schärding werden Hühner getötet, im weglosen Toten Gebirge spottet sie über Socken, auf denen "links" und "rechts" steht. In Hallstatt werfen Chinesen den verwöhnten Schwänen vergebens Pommes frites zu.

 
Wally Rettenbacher lud gemäß André Breton zu assoziativem Wandeln; sie unterlegte ihre Bilder mit einer zweiten, akustischen Spur. So switchte sie zwischen dreierlei Jetlags und einer Multitude an Orten: "grelle Güte in Zellophan verpackt am Flughafen in Dubai, der in Wahrheit eine einzige Mall ist. Klebende Hitze in Bangkok kurz vor der Pandemie (dort ist auch ein Teil ihrer Texte entstanden). In München ist sie schon "17 Stunden unterwegs, keinesfalls hier". "Jeder Atemzug stirbt, der Atem bleibt."




Dienstag, 13. Oktober 2020

Utopische Nacht mit ungewissem Ausgang

von Corinna Antelmann

Zukunft muss man gemeinsam träumen, steht in dem Buch Die Psychotische Gesellschaft von Ariadne von Schirach (übrigens eine Leseempfehlung). Neue Begriffe ermöglichen neues Denken und damit vielleicht auch eine andere Beziehung zur Welt (Seite 210).

Deshalb haben wir einen Abend mit dem Titel Utopische Nacht mit ungewissem Ausgang konzipiert, der im Alten Bootshaus in Ottensheim am 29.10. zur Aufführung kam und Vortrag, Film (Otto Saxinger, Lisa Spalt) und Publikumsgedanken zusammenzuweben suchte. Ja, gemeinsam mit Lisa Spalt entsatnd die Idee, sich von den Dystopien, die allerortens die Oberhand zu gewinnen scheinen, nicht länger irre machen zu lassen, sondern lieber zu überlegen, wie sie denn nun aussehen soll, die andere Welt, der Raum, den wir in Zukunft zu bewohnen trachten.


"Füll mich", sagt der Raum, "mach, dass etwas wird."

Deshalb das Ansinnen, gemeinsam mit dem Publikum die folgenreiche Denk- und Besinnungsarbeit zu zu leisten, die es emöglicht, eine andere Welt zu beschwören, ja, zu erschaffen, denn, wie schon Gott sagt: Thought is the firts level of creation, next comes the word, next comes action. Actions are words moving (Conversation with God, Seite 74).

Wo, wenn nicht in Ottensheim, der Gemeinde der innovativen Ideen und gelebter Gemeinschaft, ließe sich der richtige Ort dafür finden, dieses Unterfangen zu beginnen?

Einen Abend lang widmeten wir uns also der Frage: Wie können Einzelmenschen zusammenleben?, in Übereinstimmung mit ihrer Umwelt?, in Übereinstimmung mit anderen und sich selbst?, und gaben dabei Entwürfe zur Inspiration, die in den letzten 2500 Jahren die Vorarbeit leisteten für uns, hier, heute. Im Gespräch zitierten wir unter anderem Fourier, Morus, Campanella und Margaret Cavendish: Inspirationen, wie es aussehen könnte, das Paradies, nach dem wir uns sehnen. Oder nicht? Was ist zum Beispiel mit Campanellas Vorschlag: Große, schöne Frauen werden mit großen, tugendhaften Männern gepaart, dicke mit dünnen und dünne mit dicken, zum Ausgleich allen Übermaßes? Da klingt Aristophanes schon besser, wenn ihr mich fragt, wenn er die Paxagora das Zepter überlässt und sie sagen lässt: Die etwas Geringeren und Plattnasigen werden bei den Göttlichen sitzen; und wenn einer die Schönste begehrt, muss er erst einmal die Hässliche stoßen.

Und zuguterletzt wurden deshalb urdemokratisch (noch eine Leseempfehlung: Gegen Wahlen von David van Reybrouck) einige der in stiller Einzelarbeit entstandenen Vorschläge aus dem Gesamtpool gelost, um dann (ganz im Sinne der gegenwärtig praktizierten Demokratie; allerdings ohne Wahlkampf) zur Abstimmung zu gelangen. 


Die (nicht nur) OttensheimerInnen kreierten somit schlussendlich eine Welt, in der unter anderem Arbeit als erfüllend empfunden wird, statt als Gegensatz zum "Leben", es eine unsichtbare Oma für die Einsamen gibt, keine Formal1-Rennen mehr stattfinden und alle gemeinschaftlich MITEINANDER leben.

Und so und so -

- so machen wirs.

Und die Liebe wird zur Hauptbeschäftigung (das füge ich mit Fouriers Worten einfach mal kommentarlos hinzu) ...

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Über die Kunst und über das Leben. Neue Romane von Ruth Aspöck und Erich Wimmer

Von Dominika Meindl

Das Unterwegssein zur Kunst eint die beiden im Folgenden vorgestellten Neuerscheinungen, wie auch die augenfällige Nähe (wenn nicht gar Identität) von Aspöck und Wimmer zu ihren jeweiligen ProtagonistInnen. Aspöcks Text ist „faktional“, jener Wimmers leicht fiktionalisiert. Dazu passt die Passage aus Aspöcks „James Ensor“: „Es ist nicht notwendig, eine Geschichte zu erfinden. Das Leben selbst ist so spannend, dass ich die realen Geschehnisse und Handlungen nur erzählen muss. Die Kunst ist, sie von meinem Kopf in meine Schreibhand und von da in das Bewusstsein der Menschen zu bringen die den Text lesen.“

In beiden Romanen erhält die Leserin Einblick in die poetologischen Zugänge. Was bedeutet Kunst, was Literatur im Speziellen, wie werden Reflexionen zu einem Text? 

Aspöck war im Übrigen Wimmers erste Verlegerin. 

 

Ruth Aspöck: James Ensor nachgespürt. Meine Reisen zu dem Maler.

Aspöck ist eine Autorin, der die Bedingungen der Möglichkeiten literarischen Schaffens wichtig sind, und zwar nicht nur der eigenen, wie ihre Vita zeigt. Die in Salzburg geborene, in Linz aufgewachsene und in Wien lebende Literatin hat die feministische Zeitschrift „Auf“ mitbegründet, sie ist Verlegerin (Edition "Die Donau abwärts"), Lehrbeauftragte, Organisatorin von Symposien. Das alles seit einiger Zeit „in Ruhe“, wie man so sagt, nicht aber als Schreibende. Sie legt sich nicht zwingend fest, schreibt Prosa, Lyrik, Essay, Fachpublikationen und betreut Anthologien. „Die Grenzen von Wissenschaft und Literatur sind fließend, wie auch in anderen Bereichen Grenzen verschwimmen.“

In ihrem neuen Roman, der coronabedingt erst im September erscheinen konnte, geht sie dem Leben und Werk von James Sidney Ensor nach, der 1949 in Ostende gestorben ist. Mit seinem Namen wird der Symbolismus verbunden, ein Vorläufer des Expressionismus. Aspöck erfasst Ensor, „Maler der Masken“ in Forschungsreisen nach Belgien, München, Gardasee, Gent, Venedig. Und: „Zum ersten Mal in meinem Leben möchte ich literarisch zusammenarbeiten“, schreibt sie, das Projekt unternimmt sie gemeinsam mit der in Brüssel lebenden Freundin Dr. Jasminka Derveaux-Filipovic, welche auch die Idee zum folgenschweren „Ausflug“ an die belgische Küste hatte. Schon sprachlich ergibt das ein kleines Abenteuer, das gut zum Inhalt passt. Aspöck formuliert, der Inhalt geht auf die Arbeit beider zurück, die

Wenn ich seine Worte von dieser Rede lese, habe ich das Gefühl, dass er einer von uns ist, einer von uns Schreibenden, ein Literat.“ Es geht um die Frage, ob Ensor die Utopie der Versöhnung von Christentum und Marxismus anstrebte, aber auch um die Identitätsfindung des damals jungen Staates Belgiens – das gespaltene Herz der EU. Es geht um die eigene Handschrift im Wechsel der Strömungen, um die untrennbare Dialektik von Kunst und Kontext (die gerade angesichts der beiden Weltkriege unumgehbar ist).

Recherche und Inspiration sind Aspöck keine Gegensätze, darum auch der Zusatz „nachgespürt“ im Titel, und der Begriff der „Gedankenreise“. Es handelt sich hier um wahrlich umfassende Forschung, der eigene Zugang bleibt deutlich – sie fragt sich etwa, warum sie sich für einen Künstler interessiert, nicht für eine zeitgenössische Malerin, obwohl sie sich da bestens auskennt.

Eingeflochten sind immer wieder persönliche, berührende Erinnerung an ihre Jugendliebe Franz Xaver Ecker, verstorben 1999 in Leonding. Diese Passagen haben mich von allen am meisten berührt. Es gibt Parallelen, aber auch Kontraste in den Vitae zweier großer Künstler. „Lebenslang erfolgreiche und psychisch stabile Künstler gibt es wenige.“

Passagen zur Poetologie: „Ich möchte selbst zu einem tiefen (wenn auch niemals vollständigen) Verständnis einer Sache kommen und werde glücklich sein, wenn ich das auch auf die Leser und Leserinnen übertragen kann. Ich will ihnen meine Gedanken vor die Füße legen. Diesen Anspruch habe ich mit der Literatur, die ich schreibe.“

Ich will ja kein wissenschaftlich-akademisches Buch für Fachleute schreiben, sondern ein literarisches, das mit Neugierde, Lust und Fleiß entsteht und Freude beim Lesen macht. Es ist das Vorrecht der Literatur nicht nur zu informieren, sondern auch zu unterhalten. Um ein solches Werk entstehen zu lassen, muss Zeit vorhanden sein, eine gewisse meditative Leere, aus der heraus Kunst entstehen kann.“



Erich Wimmer: Die Eimannfrau. Eine Schweiz-Odyssee

Einen schönen Kontrast zur Biographie Aspöcks bildet jene des Autors und Musikers Erich Wimmer, der zusammen mit Gattin, Hühnern und Katzen in einem rustikalen Idyll bei den Vorderweißenbacher „Firsamböhmen“ lebt. Als „Brotberuf“ arbeitet er als Geigenlehrer im Landesmusikschulwerk, wie auch als Kunstvermittler, Autor und Dichter. „Vom Schreiben könnte ich fünf Stunden lang leben, schreibt er in seinem neuenmittlerweile neunten Roman, und: „Gelesen werden meine Werke, wenn überhaupt, nur von ganz wenigen, zumeist etwas schrulligen Menschen.“ Bei der Präsentation erzählt Wimmer davon, dass er für sein Debüt 50 Verlage anschreiben musste, bis es gedruckt wurde, als ausgleichende Gerechtigkeit habe nun gleich der allererste angefragte (Münster) zugesagt. 

In der „Eimannfrau“ geht es um die Erlebnisse eines Mühlviertler Stipendiaten, der ein halbes Jahr in der Villa der Mäzenin Lydia Eimann zubringen darf, die als eine Art freundliches Gespenst auch ein kleiner Teil der Handlung ist. Der Roman trachtet danach, die Exotik der Schweiz herauszuarbeiten, die ja tatsächlich gegeben ist, das alemannische Ethos, die demokratische Historie haben eklatante Mentalitätsunterschiede fundiert.

Es ist eine Art Schlüsselroman, die Biographie des Ich-Erzählers und des Autors decken sich in Eckpunkten, dazu kommen Bezugnahmen auf Gegebenheiten des lokalen Literaturbetriebs [Fürs Protokoll: Hier vermerkt die Autorin zum entsprechenden Kapitel über eine Dichtersitzung ihren Dissens].

Die Dinge, die den Erzähler glücklich machen: (Schwarz)fischen, Musik, seine Frau und die Poesie. Er ist von einem zutiefst humanistischem Zugang zum Leben getragen, in manchen Passagen geht er zugleich recht streng mit sich zu Gericht. Damit in Verbindung steht eine Selbstironie, die von eklatanter Uneitelkeit in Bezug auf das Äußere stammt, man wagt fast nicht zu lachen, tut's aber, wenn die eigene Frisur als „zwei flachsbraune Gästepantoffel“ beschrieben wird.

Der Ton ist fast durchwegs von freundlichem Humor getragen, die aber jene Abgründe, die auch zu besprechen sind, umso härter kennzeichnen. Stilistisch ist die Freude am Spiel mit den Worten zu vermerken (man erinnere nur an den Titel), wie auch der Zug zur kreativen Metapher; das ist – nicht abwertend gemeint! – in manchen Passagen Poetry-Slam-tauglich.

In die Schilderung des halben Jahres in Langetal schummeln sich besonders gegen Ende immer wieder absurd-komische Kapitel, die etwa von der versuchten Entführung seiner Mutter durch KGB-Spione handeln.

Ruth Aspöck: James Ensor nachgespürt. Meine Reisen zu dem Maler. Löcker Verlag

Erich Wimmer: Die Eimannfrau. Eine Schweiz-Odyssee. Münster Verlag

Die Buchpräsentation im Stifterhaus ist im Archiv von dorftv nachzusehen: https://dorftv.at/video/34239


Mittwoch, 30. September 2020

M. Rutt: Aus traurigem Anlass

Vergangene Woche ist unser Kollege Günther Haidinger verstorben, vielen unter dem Pseudonym "M. Rutt" bekannt. Zum Abschied sammeln wir hier die Worte jener, die ihn gekannt und geschätzt haben. 

Johann Kleemayr

Günther Haidinger hat in meiner Sicht versucht, einen Widerspruch künstlerisch fruchtbar zu machen. Er wollte einerseits in Erscheinung treten und sich zeigen, gleichzeitig aber auch verschwinden, nicht da sein, sich auslöschen. Dieser Widerspruch hat mich bei seinen Auftritten immer beschäftigt, er war dabei, gleichzeitig nicht. Wie geht das? Das Spiel mit seinem Kunstnamen M. Rutt hat diesen Widerspruch für mich noch deutlicher gemacht. M. Rutt durfte da sein, Günther Haidinger nicht.
Günther Haidinger war ein ruhiger, umgänglicher, sympathischer Kollege. Im nachhinein tut es mir leid, nicht offensiver über sein Kunstverständnis mit ihm gesprochen zu haben. Vielleicht hat er sich in den letzten Jahren immer mehr zurückgezogen, ich habe ihn auf jeden Fall vielleicht schon einige Jahre nicht mehr gesehen. Vorher hatte er bei Lesungen und Kunstevents zu den sicher kommenden Besuchern gezählt.

 

Ruth Aspöck

Meine Erinnerung an M. Rutt

Der Tod von M. Rutt macht mich betroffen. Ich habe ihn bei einer Generalversammlung der GAV kennengelernt, es wird um das Jahr 2000 gewesen sein. Er war erst seit kurzem Mitglied. Durch Zufall kamen wir beim anschliessenden Abendessen nebeneinander zu sitzen und sprachen sehr, sehr lange miteinander.

Es stellte sich bald heraus, dass wir ähnliche Vermutungen darüber hatten, wie die Kontrolle von Menschen funktioniert. Wir wussten beide nicht, wer dabei die Fäden zog, aber meinten die Zeichen zu erkennen. Wir tauschten die Erfahrungen, Beobachtungen und Meinungen zu diesem Thema aus. Ich war damals in einer sehr schlechten Verfassung. Es hatte sich herausgestellt, dass mein Wunsch, in Kuba dauerhaft zu leben, nicht zu verwirklichen war. Und ich fühlte mich sowohl dort wie auch in Österreich nicht nur von einem Geheimdienst verfolgt. Es entspannte mich, mit jemandem darüber zu sprechen.

M. Rutt wollte weder optisch noch namentlich erkennbar sein, daher das Pseudonym und daher sein Zögern, bei öffentlichen GAV-Veranstaltungen mitzumachen. Er war davon überzeugt, dass Klone herumlaufen, mitten unter uns Menschen. Ich teilte seine Meinung, erzählte von den Begegnungen, die mich dazu gebracht haben, das auch anzunehmen.

Wir trennten uns an diesem Abend sehr nachdenklich. Die nächsten Begegnungen waren bei einigen GAV-Generalversammlungen und er als Publikum bei Lesungen im Linzer Stifterhaus. Er machte auch aktiv mit, als die OÖ GAV-Regionalgruppe (wohl mit Richard Wall als Motor) eine große Ausstellung zusammenstellte und in den Hallen der Linzer Kunstuniversität ausstellte, bei der sich Kollegen und Kolleginnen, die literarisch und bildnerisch arbeiten, präsentieren konnten, darunter auch ich.

Wir haben nie mehr über dieses Thema gesprochen, es war keine Gelegenheit und ich suchte auch keine. Ich schämte mich, so viel von meinen Ängsten und Zweifeln mitgeteilt zu haben. Wir haben einander aber immer sehr freundlich und liebevoll umarmt – das ist jetzt nicht mehr möglich.

2.10.2020

 

Herbert Christian Stöger



 

Ich sage jetzt einfach Günther,

obwohl ich ihn als M.Rutt kennengelernt habe, fehlt mir. Dieses Pseudonym trug ich lang im Kopf herum, aber nach einigen Begegnungen fragte ich ihn dann doch nach seinem „richtigen“ Namen, unter einem besonderen Vorwand, um eine persönlichere Tür zu ihm zu öffnen.

Er war einer jener Personen, die ich gerne zufällig in der Stadtbibliothek, auf dem Weg oder bei kulturellen Veranstaltungen getroffen habe. Sein Auftreten war immer korrekt, lag das an seiner Kleidung, Ausstrahlung oder an seiner ruhigen Sprechweise? Meist hatte ich den Eindruck, er sprach mit einem verschmitztem Lächeln.

Ich denke, er war auf der Suche. Dies bestätigte sich auch in seiner künstlerischen Herangehensweise, wenn er im Netz nach Häufigkeiten zu bestimmten Begriffen recherchierte. Und nun suche ich im Netz nach ihm und entdecke keinen Hinweis. War das sein Ziel, dort keinen Fußabdruck zu hinterlassen?

Was hat er künstlerisch hinterlassen für uns? Darüber weiß ich leider zu wenig. Wenn ich mich jetzt zu erinnern versuche, fällt mir ein, daß er bei einer Ausstellung in Linz dabei war. Dort hing ein weißes Leibchen mit einem besonders beschrifteten Etikett. Aber was war da zu lesen? War es sauber, rein, weiß, nein, es war „subventioniert“! Mit diesem statement machte er aber nicht auf sich aufmerksam … Im Katalog „QUERSCHNITT“, Kunstankäufe der Stadt Linz 2001/2002 wurde eine Kopie seiner genauen Anweisung für die Herstellung der Aufschrift abgedruckt. Dieses Blatt war mit einem eigenen Stempel versehen: ORIGINAL UNTERFERTIGT M.RUTT (nebst Unterschrift). 

 

Er bleibt mir nicht in Erinnerung als Günther oder unter seinem künstlerischer Pseudonym, sondern als Mensch mit einem nicht zu altern scheinenden, ja einem jungen freundlichen Antlitz, das er sich über die Jahre bewahrt hat.

 

 Bernhard Hatmanstorfer

In memoriam M. Rutt

Wenn mir der Fehler unterlief – und er unterlief mir eine Zeitlang nicht selten – freitags in der bunten Beilage der financialtimesfarbenen, österreichischen Tageszeitung zu lesen und ich gleichen Datums Günter Haidinger über dem Weg lief, verabschiedete ich ihn immer wieder als Robert. [Ein Robert Haidinger schreibt oder schrieb bekanntlich für eben erwähntes Blatt.] Diesen Fauxpas pflegte der richtige Haidinger – der Günther – stets mit einem Schmunzeln zu überspielen, das ich mir natürlich immer erst zu spät zu deuten wusste. Dass ich ihm einst in launiger Überheblichkeit den Einsatz von Diaprojektoren sowie billigem Backwerk vorgeworfen habe, hat er mir aber ebenso wenig übel genommen, wie meine Auslassungen über Olga Neuwirth, deren kompositorische Innovationen er mir in besonnener Gegenrede darzulegen versuchte. Als er mich allerdings in flagranti dabei stellte, wie ich das einzige überzeugende Album von Juliette Lewis and the Licks im Fachgeschäft aus der Ladenhüterecke rettete, war ich in musikgeschmacklichen Dingen damit bei ihm endgültig unten durch. Schien ich diesem musikalischen Genre entwachsen, so jenem – nämlich dem der von mir sehr geschätzten deutsch-koreanischen Komponistin Chin Unsuk – auf lange Sicht nicht würdig. Fehlte noch, dass mir Günther eine rustikale Volldampfcombo ironisch empfahl. So kam es, dass wir Worte wechselseitiger Verkalauerung für einander fanden, was uns in so manchen bitterschokoladigen Alltagsabend, über die flüchtigen Momente unserer Begegnung, einen geistreichen Unernst zauberte.

Das sonore Timbre seines überlegten Sprechens fehlt jetzt, wie die unaufdringliche Eleganz seiner flotten Erscheinung.


Richard Wall

Für M. Rutt

Für den beweglichen Geist

gibt es keine Hindernisse –

alles gläsern

M. Rutt

Denke ich an M. Rutt/Günther Haidinger, sehe ich vor mir eine schlanke Gestalt, groß, unauffällig elegant gekleidet, daher doch nicht ganz unauffällig, zurückhaltend im Gespräch, selten emotional, sogfältig in der Wortwahl. Wenn man jemandem in der Runde, die wir damals, vor gut einem Vierteljahrhundert, die GAV-OÖ dargestellt haben, das Adjektiv „distinguiert“ hätte zuschreiben können, dann ihm.

Er war ein verlässlicher Besucher der Treffen, meldete sich in strittigen Fragen abwägend & die Aspekte bedenkend zu Wort, & war konstruktiv(!) im Umsetzen(!) von Ideen. So hatten wir uns u.a. entschieden, für das Jahr 2003 zu 30 Jahre GAV & 30 Jahre Hochschule für künstlerische & industrielle Gestaltung (heute Kunstuni Linz) ein Symposion zur Schnittstelle „Literatur und Bildende Kunst“ zu veranstalten, ein verrücktes Unternehmen, mit geringen Mitteln in jeder Hinsicht. An uns beiden ist dann auch die Arbeit von der Finanzierung bis zum Hängen der Bilder & der Konzeption wie Realisierung des Katalogs hängengeblieben.

Jede Kollegin, jeder Kollege – 25 insgesamt, davon mehrere in Wien lebende mit OÖ-Bezug – hatte im Katalog eine Seite zur Verfügung, Bild & Kurz-Bio. M. Rutt konnte die Kunsthistorikerin & Kuratorin zahlreicher Ausstellungen, Dr. Eleonore Louis, damals Lehrbeauftragte an der Kunstuniversität Linz, für einen Begleittext gewinnen; kein geringerer als Dr. Burghart Schmidt hielt einen Vortrag, der ebenfalls im Katalog abgedruckt werden konnte. Diese Publikation war offensichtlich für den Vorstand der GAV in Wien etwas derartig Besonderes, dass wir uns eine weitere Arbeit eingeheimst haben. Wir wurden gebeten, von den Schriftstellerporträts, die Eva-Maria Geisler, die Frau von Gerald Bisinger, im Laufe der Jahre angefertigt hatte, zur Ausstellung dieser Bildnisse ebenfalls einen Katalog zu realisieren. Er erschien im Jahr darauf zeitgerecht zur Ausstellung, sozusagen zum 31. Jahr der Gründung der GAV.

Wir blieben uns verbunden, trafen uns hin & wieder im Café Traxlmayr, M.Rutt kam zu meinen Lesungen, & wir sandten uns jedes Jahr zum Jahreswechsel kleine bildnerische Arbeiten.

Marcel Duchamp hatte sein erstes Ready-Made, ein um 90 Grad gekipptes Urinal, mit R. Mutt signiert. Günther Haidinger pflegte die diskrete Anspielung. Sein Künstlername, ein Anagramm der Signatur Duchamps, gab die Richtung seiner künstlerischen Arbeit vor: Das Konzept, das Aufgreifen vorhandener Materialien, zuletzt vor allem aus dem Netz, Strategien, die subtile intellektuelle Eingriffe oder Manipulationen ermöglichten, um den ursprünglichen Sinn zu verändern, zu relativieren.

Er ging so leise von uns, wie er aufzutreten beliebte. Chapeau, Maestro des Understatements!


12., 13. Okt. 20

Freitag, 18. September 2020

„Allen ist immer alles zuviel“. Stephan Roiss' bemerkenswertes Debüt „Triceratops“

Von Dominika Meindl

Nein, man soll Stephan Roiss', dessen Roman zwar auf der Long-, nicht mehr aber auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis gelistet war, nicht mit dem doofen Hinweis trösten, dass es für ein Debüt eh total respektabel sei, so weit zu kommen. „Triceratops“ ist nicht „super für den ersten Roman“, sondern es ist per se ein super Roman. Von einem super Typen, aber das ist germanistisch wertlos, denn dieses Urteil fälle ja ich, die Vereinskollegin. Und Roiss könnte ein Ungustl sein, ohne dass seine Prosa Schaden nähme. Die glänzt in ihrem klaren Stil. Damit dem Urteil Relevanz und seiner Bildung Transparenz zuteil werde, sprechen wir also über den Text. 

Foto: detailsinn.at

Im Gegensatz zu seinem Zweitdasein als Musiker ist es Roiss mit der Literatur sehr ernst. Behaglich wird einem hier nicht, das macht das erste Schluchzen der Mutter im zweiten Satz zunichte. „Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr.“ Das Unbehagen steigert sich, sobald klar wird, dass es sich hier nicht um mehrere Geschwister handelt, sondern um ein Kind, das in diesem bedenklichen Plural Modestiae von sich selbst spricht. Immer wieder stolpert man über diese Verdoppelung der Ich-Perspektive. In der Familie haben alle schwere Lastan zu tragen, die Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach schwer bipolar, die Schwester pathologisch autistisch, der Vater überfordert, der Großvater erliegt seinem Hirntumor und die Tante hat einen esoterischen Hau, sie erkennt aber immerhin, dass der Sohn (=“wir“) der Stärkste in diesem prekären Gefüge ist. Das muss er auch sein, denn zum Hauptproblem Familie kommt ein ordentliches Hautproblem des Heranwachsenden.

Roiss erzählt vom coming of age des Jungen in kurzen Rückblenden, atmosphärisch verdichtet und manchmal nur drei Sätze lang – in harten Schnitten und in sehr starken Bildern, bei denen er sich einer Wertung oder gar billiger Psychologismen enthält. „Mutter las Beipackzettel und Kalorientabellen, Vater die Evangelien und Teletext.“ Die Mutter fürchtet sehr, zuzunehmen, nicht aber zu verhungern. „Ein einzelner Mensch kann das nicht ertragen!“ sagt sie bei einem ihrer Zusammenbrüche. „Allen ist... alles immer zuviel“, sagt der Vater und bringt den Sohn immer wieder zur Großmutter, wenn die Mutter wieder in die Psychiatrie muss, weil er nicht fähig ist, mehr als Frankfurter kochen zu lernen. Er ist so brav, dass es ihn nicht wundern würde, wenn eines Tages ein Engel in sein Kinderzimmer schwebte, „um uns zu eröffnen, dass wir Gottes Sohn sind. Wir hätten ihn bloß gefragt, was genau unsere Aufgabe ist.“ Den Titel hat sein Roman, weil die Verpanzerung des Dinosauriers gut zum Wesen des Kindes passt.

Die Distanz zur Familie setzt mit der Pubertät ein, und hier ist sie nicht nur eine normale Entwicklung, sondern die Rettung. Auch hier passt das Bild des Triceratops, der ein gewaltiges Nackenschild und Hörner trug, und doch nur Pflanzen fraß: „Er stand fest auf der Erde.“

Schon in einer seiner ersten Veröffentlichungen zeigte Roiss viel Gespür und Wärme beim Betrachten menschlicher Engpässe. „Gramding“ war nicht nur von der Länge her eine starke Novelle über die Widerfahrnisse eines Zivildieners im Altersheim. Da steht ein Satz, der mich sogleich für seine Literatur eingenommen hat, im Text spricht ihn eine alte Dame, die gefragt wird, wie es ihr gehe: „Wie einem mittleren Hund. Ein leichter würde eingehen.“ 

 

Stephan Roiss: Triceratops. Roman, Kremayr und Scheriau, 204 S., 20 

Wir freuen uns über ein Feedback über den Objektivitätsgrad dieser Rezension im Kommentarteil!

Mittwoch, 16. September 2020

Richard Wall: Am Äußersten. Irlands Westen, Tim Robinson und Connemara

 


In Walls neuem Buch wird das erste Mal im deutschen Sprachraum ein in Irland und Großbritannien gefeierter „Non-Fiction“-Autor vorgestellt: Tim Robinson (1935-2020), Kartograph, Kulturphilosoph, Schriftsteller und Umweltaktivist. Er starb Anfang April dieses Jahres als eines der ersten prominenten Opfer der Covid-19-Pandemie.

Im äußersten Westen Europas liegt Connemara, eine Kulturlandschaft von herber Schönheit. Robinson, ein gebürtiger Engländer, hat diesem Land zwischen kahlen Bergen und vom Atlantik geformten Küsten – einem der letzten Gebiete Irlands, wo noch Irisch gesprochen wird – mit seiner Connemara-Trilogie ein Denkmal gesetzt: Listening to the Wind, 2006; The last Pool of Darkness, 2008; A little Gaelic Kingdom, 2011.

Der österreichische Autor und Künstler Richard Wall kennt Connemara seit 1975, hat Tim Robinson mehrmals getroffen, würdigt sein Schaffen und seine Haltung mit seinem neuem Buch „Am Äußersten“ und schafft im 2. Teil des Buches ein kenntnisreiches wie vielstimmiges Porträt dieser dünn besiedelten Region Er stellt Personen vor, die in ihr leb(t)en, erzählt von einem kauzigen Zeitzeugen, der Wittgenstein kannte, und betont die Bedeutung der irischen Sprache für die Topographie der Landschaft.

Richard Wall: Am Äußersten. Irlands Westen, Tim Robinson und Connemara. Pb., 82 Seiten, Euro 14.80, ISBN: 978-3-923611-83-6. Bestellungen aus Österreich direkt beim Autor (Au 10, 4209 Engerwitzdorf, mit Widmung, falls gewünscht).

Klaus Gasseleder, Sperlingstraße 1, 91056 Erlangen
Tel. 09131-933596
Klaus.Gasseleder@t-online.de / klaus-gasseleder.de

Freitag, 21. August 2020

Schreiben als Existenzform (in diesen Zeiten)

Von Bernhard Hatmanstorfer

Im Interim der Einschränkung gestalterischer Möglichkeiten auf Verknappung der Freiheiten bilden sich Lebensfragen mitunter konturgenauer vor kenntlicheren Hintergründen ab als man es wünschte, dass sie es täten. Im Trott des eingeübten wie eingetrübten Alltagshandelns leistet man sich selten insistierendes Hinterfragen, das mehr sein wollte als rhetorische Redefigur. So ist es beispielsweise um ein Nachdenken über das Mitteilungsbedürfnis bestellt, das im schwärenden Ausnahmezustand des Nichtzustandekommens von Kulturveranstaltungen sich mit fehlender Resonanz und einem Durchkreuzen seiner Absichten konfrontiert findet, das so weit geht, es selbst als solches in Frage zu stellen. Der Ruf, der ins Leere geht, weil niemand ihn vernimmt, offenbart eine gänzlich andere Qualität des Umsonst, des erwiesenen Unnützen, des Unnötigen als es jenem entspricht, der zwar vernommen, aber dennoch nicht gehört wird.

In Zeiten gesundheitspolitisch angezeigten Notfallmanagements fokussiert ein konzentriertes Nachdenken darüber auf das Wozu. Wozu die Ausformungen der Kultur, oder, um es auf vertrautes Metier abzustellen: Wozu überhaupt Literatur? Die triviale Anmutung dieser Frage bezeugt dennoch eine von Gewicht, mit der sich auseinanderzusetzen die Banausen nie scheuen, einerseits – vor allem wenn es um brüske Zurückweisung von Unverstandenem geht („Das soll Kunst sein?“) – die andererseits die Inszenatoren dazu inspiriert sie zu verbrämen („Kunst und Wahrheit fallen in eins.“).

Doch sollten wir uns der Worte Nietzsches eingedenk wissen: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“ Mitunter verhilft die geistige Gesundheit zu erhalten, sich deren Gegenteil zu imaginieren. Die Möglichkeit nicht Wirklichkeit werden zu lassen – auch das findet sich im Spektrum menschlicher Vorstellungskraft, die in künstlerischen Hervorbringungen kondensiert. So gesehen hat es mit der Botschaft, die ein Agens des Mitteilungsbedürfnisses sein kann – vor allem diesseits des außermoralischen Bereichs – eine gewisse Paradoxie. Die Belehrung adressiert sich jeweils an die der Belehrung vermeintlich Bedürftigen, die indes einer Belehrung anderer Art bedürftig sein könnten. Wer will das entscheiden, findet eine breitestmögliche Auseinandersetzung darüber nicht statt? 

Sich anderen nicht mitteilen zu können – nicht: nicht sich selbst – weil ein Medium oder deren mehrere nicht zur Verfügung stehen, heißt für den Schreibenden sich der Bestätigung seines Betreibens beraubt sehen. Ein Elendszustand, der selbst den Schöpfern der Samisdat-Literatur nicht zuteilwurde und jeglichen Sinn des Nicht-für-sich-Schreibens zurücksetzt auf die Frage – wie eben bereits erhoben – des Wozu. Damit verknüpft sich unabweisbar die Existenzfrage.

Ist ein schriftstellerisches Schreiben vorstellbar, das nicht gelenkt würde vom Mitteilungsbedürfnis seines Autors oder seiner Autorin? Der Verweis auf die Technik der Écriture automatique, wie sie unter anderem die Surrealisten ersonnen haben, geht ins Leere, da sie über die Absichtslosigkeit nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass da jemand ist, der sich dazu verhält keine bewusste Absicht zu haben. Die fortschreitende Entwicklung textgenerativer Programme, die auch imstande sind Belletristik zu produzieren – das „schreibende Perpetuum mobile“ aus Tschechows „Waldschratt“ entpersonalisiert – ist zu keiner künstlerischen Hervorbringung imstande, steht fest, solange noch Wert darauf gelegt wird „künstlerisch“ definitorisch unterscheidbar zu halten von „künstlich“.

Eine Mitteilung, aus einem Bedürfnis heraus artikuliert, und sei es ein zuweilen zu Verklärung neigendes Zur-Sprache-bringen selbst, wünscht sich Anzusprechende. Das Theater der „Publikumsbeschimpfung“ vor Publikum ist zweifellos eines, das Theater ohne Publikum jedoch keines. Es geht seiner Existenz verlustig, ebenso wie der Schreibende, der niemand erreicht, Gefahr läuft die seine zu verlieren.

Man könnte es natürlich auch so verstehen: Der Unterbruch des Redeflusses lässt Geschwätzigkeit aussetzen. Bei dem einen. Und den tiefschürfenden Gedankengang, der Dunkles zu erschließen vermag, bei der anderen. Erleichterung darüber wäre so wenig angebracht wie ein Bedauern hierüber, räumte man beidem nicht ein, dass aus dem Spektrum der den Menschen gegebenen Möglichkeiten die je eigene legitim zu ergreifen wäre.

Zuletzt drängt sich die Skizze der Tucholskyschen Treppe ins Gedächtnis, die ein Emporsteigen vom Sprechen zum Schreiben und vom Schreiben zum Schweigen nahelegt. Diese missverstehen hieße, das ins Schweigen gezwungene Schreiben als die Errettung aus dem Gerede fehldeuten.   


Utopien weiterdenken

  zu „Lahea“ von Lisa-Viktoria Niederberger Roman, erschienen im Otto Müller Verlag, 2026 Rezension von Elisabeth Strasser   Eine Insel, fru...