Die digitale Plattform für oberösterreichische Literatur: Rezensionen, Veranstaltungen, Publikationen, Essays. Wenn Literatur in der medialen Öffentlichkeit nicht mehr vorkommt, übernehmen wir das eben selbst. Kritik erwünscht!
Montag, 22. Januar 2024
Montag, 8. Januar 2024
Besinnen auf einst Vertrautes Zu Peter Paul Wiplingers jüngstem Gedichtband »Blian und Vablian«
Von Helmut Rizy
Foto: Annemarie Susanne Nowak
Wei auf oamoi wird ma kloar, daß i / mit dera Schproch, de i nia valernt hob, / hoamkemma tua in mei Kindheit, / in a längst vaschwundane Wät, heißt es in Peter Paul Wiplingers Gedicht »Hoamkemma«. Und er meint darin auch, dass aus den Gedichten, die da innerhalb weniger Monate in einem »Schreibrausch« entstehen, a scheens Biachö werden könnte. Und das ist Wiplingers 55. Buchpublikation tatsächlich auch geworden.
Der mittlerweile 84jährige Poet und Photograph kehrt darin in seine Kindheit zurück, in Lebensräume, die vielfach im Verdrängen und Vergessen verschüttet waren. Und er bedient sich dazu jener Sprache, die er – wie er sagt – seinerzeit als erstes gehört und gesprochen hat, seiner »Muttersprache«, dem Mühlviertler Dialekt.
Peter Paul wurde am 25. Juni 1939 als zehntes Kind des Kaufmanns Max Wiplinger in Haslach im Oberen Mühlviertel geboren. Den hatten die Nazi im Jahr zuvor, gleich nach dem Einmarsch als Bürgermeister als »politisch unzuverlässig« abgesetzt. Bezüglich der tiefen Religiosität, die im Haus herrschte, schreibt Peter Paul Wipplinger in seinem Gedicht »A finstare Wät« oiwäu homma dahoam /nur betn miassn oiwäu /nur betn betn betn. Aber es war gerade der mächtige Turm der Haslacher Kirche mit seiner Galerie, von der man bei gutem Wetter weit in die Umgebung sehen kann, die es dem Buben erlaubte, der Enge zu entkommen, wie er im Gedicht »Fliagn wia a Vogö« erzählt. Dort hinauf flüchtete er gelegentlich mit dem Wunsch, fortfliegen zu können, ins Unbekannte, weit weg, auf Nimmerwiedersehen.
In den ersten Jahren seines Lebens während der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland hätte er sehr weit fliegen müssen. Da wurden die Kinder ermahnt: Kinda, seids a weng brav! / Wei draußn is da Kriag. / Und do hed ma hoid gern / dahoam a weng mehr Ruah, wie es im Gedicht »A Ermohnung« heißt. Und die Angst vor Gespenstern, die im Finstern lauern, wie der Momo, erübrigte sich, dem Gedicht »Da Momo und de ondan« zufolge: De schwoarzn Mona, de mit de Stifön / und de schwoarzn Uniformen und mit’n / schwoarzn Kappö mit’n Todnschädl draf, / de woarn jo in Wirklichkeit do, iwaroi. / Da ondare Momo woar eh nur a Geist.
Eine besondere Rolle kommt in den Gedichten dem damaligen Gemeindearzt von Haslach, Dr. Kaufmann, zu, der – nachdem er einen schmerzenden Zahn gezogen hat –, im Gedicht »Da Doktor Kaufmann« den kleinen Peter Paul, der wie am Spieß schreit, mit den Worten zu beruhigen sucht: Heast, bleda Bua, plear ned aso. / Ondare valian in dera Zeit hiazt / an Fuaß, an Oarm oda a Hond. / Du host eh nur an Zohn valoarn, / des is vaglichn dagegn goar nix. Eine wesentlich bedeutsamere Rolle kam dem Arzt allerdings in einem anderen Fall zu, wie man aus dem Gedicht »S’Onnamierl – d’Anschi« erfährt. Peter Pauls Schwester Annemarie stand schon auf der Liste jener Haslacherinnen und Haslacher, die ins Schloss Hartheim, einer der Mordanstalten im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms, verbracht werden sollten. Annemarie entging dem Tod nur, da ihr der Dr. Kaufmann bescheinigte, sie hätte lediglich eine sprachliche Behinderung.
Im Wissen darum versteht man noch besser, warum es Peter Paul Wiplinger ein so großes Anliegen war, dass vor der Haslacher Kirche ein Mahnmal errichtet wurde, mit dem der in Hartheim ermordeten Haslacherinnen und Haslacher gedacht wird. Und mittlerweile wird auf seine Anregung hin auch des Deserteurs Josef Steffelbauer, der im Februar 1943 auf der Flucht erschossen wurde, mit einer Tafel gedacht, nachdem man ihn und seinen Tod über Jahrzehnte totgeschwiegen hatte.
Aber es ist nicht nur die Sprache, mit der Wiplinger, der seit etwa sechzig Jahren in Wien lebt, in seine Heimat zurückkehrt. Er, der einst der Enge daheim entfliegen wollte, ist in Wien, wie er immer wieder in seinen Gedichten festhält, nie richtig heimisch geworden und fühlt sich da immer noch als Zuagroasta. Nur wenige Gedichte aus früheren Jahren hat er in den Band »Blian und vablian« aufgenommen. Aus dem Jahr 1991 stammt eins mit dem Titel »Da Untaschiad«, in dem es heißt: bei uns dahoam /obm im Mühlviadl / do griaßt di a jeda / wonnst ausn Haus / aussegehst, um dann zum Schluss zu kommen: owa redn duat koana mit dir /da in dem bledn wean / und drum ko i d’leid do /ned leidn i mogs oafoch ned. Nicht anders im Gedicht »s’Mühlviadl z’Wean und i« vom Juli 2022: Nur wonn i von Zeit zu Zeit affe ins Mühlviadl foahr / donn gschpia i, wo i dahoam bin, ned untn in Wean, / sondan dort wo i durch d’Londschoft geh oda foahr, / wonn mi scho a Kirchaturm von da Weidn her griaßt.
Dort scheint es offenbar auch leichter zu sein, seinen Gedanken nachzuhängen – vor allem im heimatlichen Dialekt. So liest man im Gedicht »Wia’s sein kunnt«: Wonn da Newö / scho iwa’n Toi liegt / und d’Sunn scho / untagonga und / runherum oiss / so lautlos stüh is, / do deng i ma oft: / Mei God, wia scheen /kunnt’s af da Wät sein, / wonn’s koan Hunga gab / und koan Kriag.
Meine Mutter – sie unterrichtete einst Deutsch an der Hauptschule des Orts im mittleren Mühlviertel, in dem ich aufgewachsen bin – machte mich darauf aufmerksam, dass es Unterschiede gebe zwischen dem Dialekt, den man im Oberen Mühlviertel, und dem, den man im Mittleren Mühlviertel spreche. Es ist mir aber nicht schwer gefallen, Peter Paul Wiplingers Dialektgedichte zu verstehen und mich auf seine Sprache einzulassen. Das gilt wohl auch für andere Oberösterreicher und Oberösterreicherinnen, andere Österreicher und Österreicherinnen, denn der Autor hat zur besseren Lesbarkeit stumme Konsonanten eingefügt, sodass manche Wörter leichter erkennbar sind. Und wenn einem doch einmal ein Wortbild auf Anhieb fremd erscheint, muss man lediglich das Wort buchstabengetreu lesen, und wird es rasch erkennen.
He(erschienen im "Podium"
Mittwoch, 13. Dezember 2023
Entschuldigung, wo bitte ist hier der Notausgang?
Entschuldigung, wo bitte ist hier der Notausgang?
Texte und Fotos von Erich Klinger
Den Ausgang, den die Rolling Stones dereinst bei „Exile on main street“ wählten, kann ich nicht mehr empfehlen, Ausgänge, die auf Hauptstraßen verweisen, enden mit ziemlicher Sicherheit in der einen oder anderen Road to hell. Dazu später.
Ich bestreite nicht, dass es einige Gründe gibt, der Nationalratswahl im kommenden Jahr mit großem Unbehagen entgegen zu blicken, mit der Aussicht auf eine erstarkte FPÖ zumindest in der Regierung und zuvor Wahlplakate und -slogans, bei denen es mensch nur mehr den Magen umdrehen kann.
Wem vor der FPÖ graust, der/die möge sich bitte zu Gemüte führen, welches FPÖ-würdige Personal bereits seitens der ÖVP im Einsatz ist – ein Metier, in dem aber auch die SPÖ in der Vergangenheit zu punkten wusste.
Sozial- und Integrationslandesrat Wolfgang Hattmannsdorfer – in Suchmaschinen mannigfach aufzufinden, während Schriftstellerkollege Bernhard Hatmanstorfer unbekannt scheint – hat heute im ö1-Morgenjournal sehr deutlich anklingen lassen, wie nahe sich ÖVP und FPÖ in vielen Belangen sind.
Hattmannsdorfer erweckte dabei den Eindruck, sämtliche Asylwerbende würden in Oberösterreich bestens versorgt und sorgenfrei im All-Inclusive-Modus leben.
Daher müsse man ihnen klar machen, dass es keine Rechte ohne Verpflichtungen gibt – daher die Verpflichtung, im Aufnehmerland gemeinnützige Arbeit zu leisten, Aufbesserung des Taschengeldes inklusive.
Den freien Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylwerbende lehne er allerdings ab, so Hattmannsdorfer, schließlich wolle man die Wirtschaftsmigration nicht fördern. Aha.
Und da offenkundig die Zahl jener Wahlberechtigten steigt, die Asylwerbende vor allem als fragwürdige Nutznießende der großzügigen Aufnahmegesellschaft sehen, als Personen, die noch nichts in Sozialsystem eingezahlt hätten – danke für die Etablierung dieses menschenverachtenden Schwachsinns insbesondere an PolitikerInnen der ÖVP – will und kann und darf man nun bundesländerweise eine verschärfte Arbeitspflicht für Asylwerbende einführen.
Man müsse die Asylwerbenden aus ihrer Komfortzone holen, so Hattmannsdorfer sinngemäß, und ihnen klar machen, dass „Deutsch“ und „Arbeit“ die Grundpfeiler eines Verbleibs in OÖ seien.
(Da es bei uns keine Nazis mehr gibt, müssen wir uns an dieser Stelle mit einem behaglichen Grunzen aus zahlreichen Gräbern begnügen....)
Auch andere Sozial- bzw. FlüchtlingsreferentInnen in den Bundesländern sind der verschärften Verpflichtung für Aslywerbende zur Arbeit im kommunalen Rahmen durchaus zugetan, einzig der Wiener Stadtrat Peter Hacker hält „eine Verpflichtung zur Arbeit für Flüchtlinge nicht vereinbar mit den Menschenrechten.“
Während gerade in Linz Schnee in dichten Flocken fällt, man also durchaus meinen könnte, es sei ja zwischendurch doch alles im Lot, geht das Klimakonferenzspektakel in Dubei seinem Ende zu – ein Ende ohne Schrecken für die Öl- und Gaskonzerne und wohl auch für die sonstigen Haupt- und Mitverursacher der herandräuenden Klimakatastrophe.
Hans Joachim Schnellnhuber, Generaldirektor des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse mit Sitz im nö. Laxenburg, äußerte sich am 4.12. bei Martin Thür in der ZIB 2 in schonungsloser Klarheit zum fraglich gewordenen Fortbestand der Menschheit.
Er legte offen, dass die Erreichung des
Paris-Zieles, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur
vorindustriellen Zeit zu begrenzen, bereits illusorisch geworden und
nicht einmal mehr bei sofortigem Stopp der Ausbringung
klimaschädlicher Emissionen erreichbar sei, dass wir bereits auf 2
Grad Plus zusteuern und ohne sofortiges wirksames Gegensteuern auch
diese Marke in Kürze überschreiten könnten und dass in weiterer
Folge bei 3 Grad durchschnittlicher Erderwärmung der bisherige
Lebensraum von 2 bis 3 Milliarden Menschen in den inneren Tropen de
facto unbewohnbar würde, weil aufgrund des Zusammenspiels von Hitze
und Luftfeuchtigkeit bereits relativ kurze Aufenthalte im Freien tödlich wären.
Meine Rückschlüsse: entweder geht ein doch beträchtlicher Teil der Menschheit wissenschaftlichen Unkenrufer*innen, Katastrophen-Apostel*innen und geltungssüchtigen, schicksalsschwangeren Untergangsprophet*innen seit Jahren und Jahrzehnten auf den Leim oder jene, die vorgeben, für uns verantwortlich zu handeln, also Politik zu betreiben bzw. jene, die bestehende Wirtschaftssysteme am Laufen halten, steuern mit uns an Bord gezielt auf eine Apokalypse der Menschheit zu, auch im Irrglauben, man würde eine technische Lösung für die mit jedem Tag dringender werdenden Probleme aus dem Hut zaubern.
Und wir in Mitteleuropa, in China, in Nordamerika und auch in Russland wären ja ohnehin fein raus, weil die ärgsten Folgen ja weit weit weg zu erwarten sind und irgendwie würden wir das ja handlen können. Na gut, nicht für alle, natürlich würden auch bei uns Menschen auf der Strecke bleiben – das tun sie auch jetzt schon, siehe Hitzesommer, Überschwemmungen – doch sei es nicht von Anfang an klar, dass das Leben gefährlich sei und dass nicht alle auf der Butterseite leben können?
Welch' Zynismus, dass der in Dubai beschlossene Klimafolgen-Entschädigungsfonds aktuell mit 200 Mio. US-$ - aus Deutschland und den Arabischen Emiraten – ausgewiesen ist, Finanzzusagen aus Grossbritannien, Japan und den USA sind ebenso bloße kosmetische Maßnahmen. Laut Schellnhuber bräuchte dieser Fonds die tausendfache Summe, 200 Mrd. US-$, um künftig wirkungsvoll sein zu können.
Österreich mit seinem 1/1000 der Weltbevölkerung ist für 1/500 der CO²-Emissionen verantwortlich, müsste somit 400 Mio. US-$ = 371,5 Mio. € zu einem Entschädigungsfonds für Klimafolgen beitragen.
Ein zu optimistisch scheinender Ansatz in einem Land, in dem der ehemalige Biathlet Dominik Landertinger als Mitorganisator nordischer Bewerbe im Tiroler Hochfilzen auf die Frage zu möglichen Protesten der Letzten Generation nahezu widerspruchslos sagen kann, dass es den Klimaschützern doch nur um Selbstdarstellung und Inszenierung gehe und dass China, Russland, die USA und Indien im Klimaschutz vorangehen müssten, aber doch nicht das kleine Österreich.
Ein Irrtum, denn so wenig „das kleine Österreich“ alleine das Weltklima retten kann, so wenig ist es unbedeutend, was im eigenen Land passiert – besser gesagt: vor allem auf die lange Bank geschoben bzw. ignoriert wird. Gerade der Alpenraum ist extrem gefährdet, auch durch Temperaturanstiege über den Durchschnitt hinaus und ein deutlicher Anstieg von Hitzetoten und Opfern von Unwettern kann ohne Übertreibung verlässlich vorhergesagt werden.
Interessant wäre auch eine zusätzliche Emissionsbilanz aus Einfuhr und Ausfuhr von Produkten, d.h. welche Emissionen müssen für in Österreich konsumierte Produkte aus anderen Ländern hinzugerechnet werden, was kann abgezogen werden für Produkte aus Österreich, die in andere Länder exportiert werden.
Österreich wird laut Ministerin Gewessler 35 Mio. € = 37,71 Mio. US-$ für Frühwarnsysteme und Anpassungsmaßnahmen an den „Klimawandel“ zur Verfügung stellen, ein Beitrag für den Klimafolgen-Entschädigungsfonds steht aber noch aus.
In den 2010 beschlossenen Green Climate Fund (GCF), der 2015 wirksam wurde und bis dato mit insgesamt gut 19 Mrd. US-$ „gefüllt“ war, wird Österreich für die Periode 2024 bis 2027 eine Summe von 160 Mio. € = 172,38 Mio. US-$ einbringen. Gesamtsumme für die genannte Periode 9,322 Mrd. US-$, 2 Mrd. € = 2,155 Mrd. US-$ davon aus Deutschland und eine gleich hohe Summe aus Großbritannien. Der österreichische Beitrag zum GCF beträgt demnäch 8% des deutschen Beitrags, bei CO²-Vergleichszahlen von 0,22% zu 2% müssten es aber knapp 11% sein.
OPEC-Generalsekretär Haitham al-Ghais hatte am 6. Dezember an die 13 Mitgliedsstaaten seiner Organisation Erdöl und Gas produzierender Länder sowie weitere zehn mit ihr verbündete Länder geschrieben, es bestehe „äußerste Dringlichkeit“, sich in Dubai Beschlüssen zur Abkehr von fossilen Energien zu widersetzen, und weiters: „Es scheint, dass der ungerechtfertigte und unverhältnismäßige Druck gegen fossile Energien einen Kipppunkt mit unumkehrbaren Konsequenzen erreichen könnte“.
So spricht oder kommuniziert der Öl-Schelm in Anlehnung an die Kipppunkte des Weltklimas - auch so kann man Warnungen entschärfen, in dem man deren Sprache übernimmt.
Laut Copernicus-Atmosphärendienst wurden 2023 durch die Waldbrände in Canada knapp ein Viertel der globalen Kohlenstoffemissionen aus Waldbränden freigesetzt, angesichts des trotz wüster Rodungen für die Holzindustrie hohen Waldanteils nicht verwunderlich, doch ein sehr deutliches Alarmzeichen.
Alarmierend auch die „Klima- und Ökobilanz“ von Kriegen, beispielsweise in der Ukraine, für mich ein zusätzlicher Aspekt, wenigstens einen Waffenstillstand anzustreben.
Ebenfalls verfahren ist die Lage in und um Israel:
Ich meine, dass die Überfälle der Hamas am 7. Oktober in ihrer
Bestialität eine Zäsur darstellen und als einzigartiges Ereignis zu
sehen sind.
Ich meine aber auch, dass das politische und
militärische Vorgehen Israels ständig neue Gewalt gebiert, obwohl
verständlich scheint, dass man der Hamas begegnen muss.
Auch kann ich die humanen Katastrophen als Konsequenzen eines Aktes der Selbstverteidigung nicht nachvollziehen geschweige denn „gutheißen“, von wegen Kollateralschäden.
Nicht vergessen sollte man aber auch, dass dass sich viele
Menschen in Israel seit Jahren in einem Prozess ständiger Bedrohung
vor allem durch Raketenangriffe der Hamas befinden und dass nur mit
einem Unsummen verschlingenden militärischen Abwehrsystem halbwegs
zivile Verhältnisse möglich sind.
Gleichzeitig wird mit dem
äußerst gewaltvollen Vorgehen ultranationalistischer israelischer
Siedler im Westjordanland ebenfalls ständig Öl ins Feuer gegossen.
In Folge von Polizeieinsätzen – police operations – treffen am Nachmittag des 12. Dezember nicht nur einige aus Richtung Wien kommende Schnellzüge mit teils beträchtlicher Verspätung in Linz Hbf ein, auch der REX 4409 aus Stainach-Irdning ist mit bis zu 20 Minuten Verspätung unterwegs, die bis Linz auf 12 Minuten reduziert werden, da sich die Überholung durch RJ und WESTBAHN in Lambach erübrigt hat.
Ein in Wels Hbf zugestiegenes Quartett testosterongesteuerter Spätjugendlicher benutzte den Zug, um auch im Namen Allahs zur Racheaktion – an wem auch immer – in Linz und am Taubenmarkt zu gelangen, wirklich beruhigend das Faktum, dass einer der vier sagte „kann nicht schlagen, bin auf Bewährung.“
Und ich frage mich, was in diesen Köpfen herumspukt, in welchem Umfeld diese Burschen leben, dass sie so beisammen sind.
Links zum Text:
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/gruener-klimafonds-gcf-100.html
Die Fotostrecke besteht diesmal aus Fotos, die allesamt in den letzten Wochen, konkret im Zeitraum 16.11. bis 10.12.2023, entstanden sind und zwar
beim Almkanal Salzburg,
dem Gollinger Wasserfall, auf
der Fahrt nach Salzburg,
am Hbf Linz,
in Waidhofen/Ybbs,
am Bf
Gaisbach-Wartberg,
bei der Vorbeifahrt an der Voest bzw. über die Steyreggerbrücke,
in Kefermarkt,
bei der Vorbeifahrt am Stausee bei Wienerbruck bzw. nahe Gösing – auf der Fahrt nach Mariazell.
Freitag, 1. Dezember 2023
An dunkeldunkelgrauen Tagen - Einblicke in den Alltag im Kunst- und Kulturbereich, wenn man von Depression betroffen ist.
von Lisa-Viktoria Niederberger
Der Kulturbetrieb lebt von Abendveranstaltungen. Als Autorin und Kulturarbeiterin mit Depressionen fand ich das immer schon furchtbar. Richtig schlimm wurde es aber, als ich vor anderthalb Jahren mit dem Trinken aufhörte und lernte, wie hektisch, laut, hell und herausfordernd Lesungen etc. ohne die Unterstützung von Weißem Spritzer sind. Depressionen machen eine*n zwangsläufig phasenweise zur Eremit*in, arbeitsbedingte Abendtermine fordern Anwesenheit, ob man will und sich bereit fühlt, oder nicht. Abends performen zu müssen, ist besonders in psychisch dunklen Zeiten schwer, weil genau dann Aktivität gefordert wird, wenn der Tag normalerweise als überstanden gilt. Abzusagen ist keine Option, nicht vereinbar mit der ohnehin prekären Einkommenssituation als Künstlerin. Ich habe mich also schon viele Male aus dem Bett und aus der Gammelhose in den Bühnenblazer gequält. Sobald ich dann mit meinem Wasserglas und meinem Text auf dem kleinen Tisch im Scheinwerferlicht sitze, trage ich eine Rüstung aus Professionalität, die ich mir hart antrainiert habe. Meinem Lächeln sieht man nicht an, wie sehr ich mich zum Zähneputzen und Abendessen zwingen musste, meinen Haaren nicht, wie schwer es mir manchmal fällt, sie zu waschen. Und obwohl ich der tiefen Überzeugung bin, dass mein Text oder meine Statements bei der Podiumsdiskussion das Allerletzte sind (weil ich das Allerletzte bin, danke Depression), bleibe ich für Fotos, freue ich mich, wenn jemand ein Buch signiert haben möchte.
Was nicht geht
Man kann mich als hochfunktional depressiv kategorisieren, aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Dass ich am Tag nach Lesungen bis mindestens Mittag im Bett liegen muss, weil mein sozialer Akku komplett leer ist, wussten vor diesem Artikel nur mein Partner und meine Therapeutin. Warum erzähle ich es jetzt? Weil ökonomische Ängste einer der zentralen Auslöser von Depressionen sind, und uns das, insbesondere in der angeschlagenen postpandemischen Freien Szene alle betrifft. Weil es nur eine unzureichende Krankenstandsregelung für niedrigverdienende Selbstständige gibt und weil es Künstler*innen und Veranstaltenden obliegt, eine Lösung für krankheitsbedingte Ausfälle zu finden. Derzeit sieht das so aus: Ach, du trittst doch nicht auf? Schade, kein Geld für dich! (Zwischen den Zeilen: Kannst froh sein, wenn du noch einmal eingeladen wirst.) Also gehen wir zu oft (psychisch) krank arbeiten, mangels Alternativen. Vielleicht machen wir es uns ein bisschen leichter: Bier, zweites Bier, Joint, Notfalltablette. Und wenn’s wirklich mal nicht geht, dann lügen wir. Ich habe zumindest bisher immer gelogen, wenn ich depressionsbedingt nicht arbeiten konnte, eine Migräneattacke vorgeschoben, in feministischen Kreisen auch mal die Menstruation. Als im Patriarchat sozialisierte Frau habe ich immer noch Bedenken, als hysterisch oder Ähnliches abgestempelt zu werden, wenn ich ehrlich sagen würde, wie schlecht es mir manchmal geht. Und als Selbstständige im Neoliberalismus habe ich keine Lust auf den tausendsten «Du musst aber schon durchbeißen, wenn du es zu etwas bringen möchtest»-Vortrag, der dann oft kommt.
Wie es gehen könnte
Ich wünsche mir eine Lösung für die Vereinbarkeit von chronischer Krankheit und dem Arbeitsleben im Kulturbetrieb. Dass ehrliche Dialoge, die Verletzbarkeit erlauben, unter betroffenen Kolleg*innen und Veranstalter*innen nicht bloß schöne, solidarisierende Ausnahmen bleiben, sondern normalisiert werden. Ich bin nicht meine Depression, aber an vielen Tagen bestimmt sie, wie meine Tage aussehen. Ich möchte sie nicht wie ein Label oder Statement vor mir hertragen, sie aber auch nicht verstecken müssen.
So beginnt für mich der Lösungsweg: bei Transparenz, bei ungeschönter Ehrlichkeit. Ich werde mangels Alternativen vermutlich noch lange nicht aufhören, mich auch an dunkeldunkelgrauen Tagen zu Abendveranstaltungen zu zwingen, aber vielleicht könnte ich in Zukunft offen sagen, wie es mir geht. Mindestens hinter der Bühne, wenn es passt, vielleicht sogar auf ihr.
Aber wir wissen alle, strukturelle Probleme kann man rein auf der individuellen Ebene nicht lösen. Fix ist: Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen oder in einer Gesellschaft, die psychische Krankheiten vorbehaltlos anerkennt, hätte ich diesen Essay ganz anders oder gar nicht geschrieben.
Mental Health? ja bitte!
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "The Future Starts Now" vom KV Waschaecht lasen am 22.11. 2023 im Alten Schlachthof/Wels die Autorinnen Beatrice Frasl und Lisa-Viktoria Niederberger und diskutierten mit Paul Freysinger vom Jugendvolksbegehren zum Thema "Mental Health? Ja, bitte!". Die Veranstaltungs ist in voller Länge hier nachzusehen.
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(Der Beitrag "An Dunkeldunkelgrauen Tagen" wurde erstemals in der KUPF-Zeitung #185/2023 veröffentlicht)
Dienstag, 21. November 2023
Apfent 8.0 – Keks, Drugs N' Rock N' Roll: Die große Weihnachts-Lesebühne der GAV OÖ
13. Dezember, Mittwoch, 19.30
Uhr, Kulturverein
Strandgut (Ottensheimer Straße, 4040 Linz). Eintritt frei! Es gibt GESCHENKE!!!!
Mit Walter Kohl, Dominika Meindl, René Monet und Kurt Mitterndorfer
Alle Jahre wieder ringt das Weihnachts-Ressort in Oberösterreichs größter Literaturvereinigung: um Stille, Frieden und innere Einkehr. Die Früchte dieses Ringens präsentiert das Quartett bei der traditionellen großen Jahresabschluss-Lesebühne. Dabei ist der Gabentisch bei der Tombola des Grauens stets überreich gedeckt. Ja, richtig gelesen: Das ist die einzige Lesereihe, bei der es GESCHENKE gibt!
Die gräuliche Tombola kennen Feinspitze von der Mutterlesebühne "Original Linzer Worte" und von daher stammt der famose Neuzugang im angestammten Apfent-Ensemble: Dem Multitalent Rudi Habringer folgt das Multitalent René Monet nach, seines Zeichens Chefingenieur des heimischen Literaturbetriebs. Er steht für besinnungslose Weihnachtslieder und abgründig-anrührende Erzählungen. Damit ist die Saiten-Sparte nun doppelt besetzt, denn Walter Kohl spielt seine immer versierter selbst gebauten Instrumente von Jahr zu Jahr versierter. Wie stets setzt er der gedankenlosen Fröhlichkeit die nötige Mahnung zur Umkehr entgegen. Das gilt auch für den lieben Alt-Vorsitzenden Kurt Mitterndorfer, der es in seinen kurzen Texten an der notwendigen gesellschaftskritischen Strenge nicht mangeln lassen wird. Im Gegensatz zur "Präsidentin" Dominika Meindl, von der bescheuerte Ansprachen zu erwarten sind, und die den drei Kollegen das eine oder andere Dramolett aufzwingen wird. Ihre beste Rolle ist noch die ersehnte Bescherung am ersehnten Ende: Tombola-Geschenke für das Publikum! Literatur und Präsente! Existenzielles Schrottwichteln!
Das Quartett performt im Ringerl, ob allein oder gemeinsam, in allen Formen und Farben. Das ist überraschend oder berührend, satirisch oder literarisch gehaltvoll – in Summe aber wahrhaft unterhaltsam.
Freitag, 10. November 2023
Streich- und Streichelkultur: Cancel-Culture-Kritik 29.11.
DH5, Mittwoch, 29. November, Beginn: 19:30 Uhr, Eintritt frei! "Herren"straße 5, 4020 Linz
Awareness im Land der fußkranken Awaren
Ein Abend der GAV OÖ zu Wokeness und Cancel Culture im DH5
Mit Martin Fritz, Dominika Meindl, Elisabeth Strasser, Barbara Rieger, Gastgeber: Walter Stadler
Sofern die älteren, hellhäutigen Herren im Feuilleton recht haben, drohen demnächst Zensur, Diktatur und Verenden der Literatur. Schon allein der Begriff „Cancel Culture“ treibt den allgemeinen Blutdruck in die Höhe. Ist die Meinungsfreiheit wirklich durch allzu woke Hypermoralapostel*innen (Obacht, Gendern!) bedroht? Oder werden wir Zeug:innen eines riesigen Ablenkungsmanövers? Brauchen weiße Männer eigene Verlage, um überhaupt noch gedruckt zu werden? Wo schießt die gute Absicht übers Ziel hinaus?
Es ist ein heikles Thema – aber wer soll sich darum kümmern, wenn nicht wir Autorinnen und Autoren, die wir den ganzen Tag damit beschäftigt sind, uns den Kopf über den besten Ausdruck zu zerbrechen?
Wir freuen uns über: den Tiroler Regionalsprecher und Autor Martin Fritz, der nicht nur sehr lustige Texte über die „Cancel Culture“ schreibt, sondern auch Leiter der Arbeitsgruppe für Awareness der GAV ist. Barbara Rieger berichtet aus der Praxis, die auch für höchst achtsame Autorinnen wie sie selbst nicht mehr ganz unkompliziert zu schaffen ist.
Dominika Meindl moderiert und trägt Satirisches bei, Elisabeth Strasser spielt die Advokatin des Teufels, wenn es gar zu hitzig oder einträchtig wird.
Apropos Vorfreude: Das Ganze findet im famosen Kulturverein Damen- und Herrenstraße statt.
Der Eintritt ist frei, Mitdiskutieren erwünscht!
https://dh5.space/
Donnerstag, 2. November 2023
Was wir lasen. Die Enthusiasmus-Reihe der GAV OÖ
Von Dominika Meindl (Text +Fotos)
Ruth Aspöck, die man schon alleine wegen ihrer wirklich sehr schönen Outfits als Grande Dame der GAV (OÖ) bezeichnen darf. Sie sprach über Mark Twain, den sie in eigener Übersetzung vortrug. Sie unternahm eine literarische Reise, auf der sie Tom Sawyer und Huckleberry Finn auf einem Floß über den Mississippi begleitete.
Walter Kohl hatte eigentlich über Donald Duck sprechen wollen, ging aber des Heftls verlustig und besann sich seiner Faszination für Meier Helmbrecht. Das sei auch recht aktuell angesichts der Debatten über Klassismus. Die Gewaltmenschen im Text erinnerten ihn an "die Bauernbuben in Schönering, die ich in meiner Jugend fürchtete". Im 13. Jahrhundert wurde der Text recht gesichert zu Musik vorgetragen, weswegen Kohl ankündigte, nun den Rest des Vortrags mit dem Fotzhobel zu begleiten. Nur ein Witz, es ging verbal weiter. Es amüsiert ihn, dass Wernher der Gaertenere in langen Passagen die Vogelstickereien auf Meiers Kappe schildert ("das ist ein bisschen wie auf Instagram"9, während die Action rumsbums über die Bühne geht. Erich Wimmer wies als Absolvent der Florianer Bauernschule darauf hin, wie sehr es ihm gefallen habe, dass sich Meier seiner Standes-Bestimmung entzieht und vom väterlichen Acker macht.
Walter Baco hatte in Mails an die Verfasserin angekündigt, ausschließlich über seine Erstbesteigung des Pöstlingbergs zu berichten, aber so wie Walter Kohl beließ er es beim Witz. Stattdessen gab er seiner Begeisterung über Daniel Kehlmanns Frühwerk "Ruhm" Raum. Es sei ihm ungemein sympathisch, wie sich der Auto selbst auf die Schippe nehme. Das Geflecht der neun Erzählungen sei fein gesponnen und eine literarische Freude.
Foto: Stifterhaus
Als Verfasserin dieses Nachberichts überspringe ich meinen eigenen Beitrag und belasse es bei einer dringlichen Empfehlung: Bitte lest "Der lebende Berg" von Nan Shepherd. Man muss die Berge nicht lieben, um diesen Stil zu lieben.
Wally Rettenbacher sprach über die höchst limitierte Auflage des 1965 veröffentlichten Hefts "Sea & Sky" von Robert Lax (1915 bis 2001). Seine Biographie hat selbst schon Literaturwürdigkeit. Als Drehbuchautor für Hollywood und Autor für National Geographic wollte er in New York nicht glücklich werden. Es brauche enorme Willenskraft, um mit 50 alles hinzuschmeißen, mit Zirkusakrobaten loszuziehen und auf Patmos anzukommen. Hier schrieb Lax ("very wise and very busy") seine ganz und gar eigenwilligen Gedichte? Kürzest-Stories? Rhythmischen Notate? Minimalistische, abstrahierte, vertikale Gedichtlinien, "Säulen aus Silben!" Rettenbacher verwendete seine Texte für ihr Meditationsprojekt in Bangkok, da es auch Lax' Ziel war, zu Momenten zu gelangen, an denen man aus der Zeit tritt. Eine Inhaltsangabe ist unmöglich, sein Schreiben gleiche eher einer Jam-Session.
Wally Rettenbacher interessierte es, ob die Violonistin Valentina Pirklbauer das Ergebnis ihrer Silbenzählung in Musik übersetzen könnte. Wer weiß, ob wir 2024 mehr darüber hören. Heuer brachte sie wie seit Beginn der Reihe die Frage auf, ob nicht in Wahrheit die Texte die Zwischenräume ihrer Darbietung seien.
Erich Wimmer, Gastgeber und Vater der schönen Reihe "Was wir lesen" schloss den Abend mit seinem Enthusiasmus für George Steiners Text "Warum Denken traurig macht", "einer Art Predigt eines führenden Komparatisten." Es gebe zehn Gründe für die Schwermut: Wir gelangen nie zu abschließenden Gedanken. Denken ist ein dilettantisches Unterfangen. Die Gedanken sind bunte Banalitäten und stehen der monochromen Wahrheit entgegen. Denkprozesse sind diffus und kommen nie ordentlich zum Ausdruck, ein maßloser Verlust. Die innere Version ist nicht nach außen zu projizieren, die Beziehung zwischen Denken und Artikulation misslingt laufend. Es gibt keinen archimedischen Punkt, die Vertreibung aus dem Paradies ist ein Fall ins Denken. Wir bleiben einander Fremde. Wenig ist wert, gedacht zu werden, und noch weniger, gesagt zu werden. Denken verabscheut Leere.
Für Erich Wimmer ist die "Amplitude zwischen dunklem Kontinent und unseren glühwürmchenartigen Geistesblitzchen im Urgrund komisch". Wimmer fühlt im Altern eine "wohltuende Enternstung des Lebens".
Und genau deswegen freuen wir uns auf das nächste "Was wir lesen" am 23. April 2024 (äußerst passend am Welttag des Buches).
Irmgard Perfahl, 1921-2026, in Memoriam
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