Mittwoch, 14. Februar 2024

Der Strom und das Hirngespinst als Kunst

"Flussgeister" von Patricia Brooks

Aus der Reihe: Was schreiben jene, die für uns sprechen? Von Dominika Meindl

Eigentlich verwunderlich, dass in der österreichischen Literatur die Donau nicht eine noch viel größere Rolle spielt! Bei aller Liebe zu den Alpen (auch sie kümmern sich nicht groß um Grenzen) – aber wie erhebend ist es, über einen fast 3000 Kilometer langen Strom mit dem Schwarzen Meer, mit zehn anderen Ländern verbunden zu sein? In Patricia Brooks neuem, insgesamt fünten Roman ist die Donau mehr als ein bloßer Schauplatz, und das macht ihn besonders und besonders lesenswert*.

Dem erfolgreichen Anwalt Adam scheint es an nichts zu fehlen – bis auf sich selbst. Die Beziehung eingefahren, der Job anstrengend, das künstlerische Talent vergeudet zugunsten der Karriere. Als er im Auwald nahe Wien eine alte Fischerhütte findet, kauft er sie und beschließt spontan, sich ein Jahr Auszeit zu nehmen. „Adam glaubte fest daran, dass sich hier am Fluss alles zum Guten wenden würde.“ Von Männern in der (Midlife-)Crisis handeln wohl ca. 56 Prozent aller je veröffentlichten Bücher (konservative Schätzung), aber in den „Flussgeistern“ geht es um sehr viel mehr – die Hauptrolle teilen sich der Fluss und eine sterbende, junge Frau. Lola ist leichtsinnig in doppelter Wortbedeutung. Zum einen lässt sie sich auf Sex mit teilweise gewalttätigen Unbekannten ein. Zum anderen schreitet sie auf leichten Füßen durch den Auwald, durch Wien, durch ihr Leben und das der anderen. „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so ist wie sie, sie lebt in ihrer eigenen Welt, ihren eigenen Gedanken, ihrer Geschichte, so wie sie sich diese Geschichte selbst erzählt“, stellt Adam am Ende fest. Es tut der Handlung auch gut, dass er und Lola kein Paar werden, sondern eine merkwürdige Freundschaft schließen, die bald auf ihre Belastbarkeit getestet wird – und Adams Sicht auf seine eigene Realität verändert. Lange streitet er höflich ab, die Flussgeister wahrnehmen zu können, von denen sie immer wieder spricht. Aber dass der kein grober Klotz ist, ist von Anfang an klar, zu genau beobachtet er seine Umgebung. Es ist schön, mit ihm den Jahreskreis in diesem naturnahen Flecken zu beobachten, die Veränderung und das Gleichbleibende. „Der Fluss wechselte je nach Tageszeit und Wetter die Farbe.“ Die Donau ist selbst ein Kunstwerk, man muss nur zusehen lernen. „Dieses Spiel zwischen festem Material und luftigem, zwischen klarer Linie und erahnter Kontur“. Und was ist die Literatur anderes als ein großartiges Netz an Hirngespinsten?

Flussgeister. Roman, Septime Verlag.

Patricia Brooks wurde 1957 in Wien geboren, schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik und Hörspiele. Idee, Konzept und künstlerische Leitung des interdisziplinären Performanceprojektes „Radio rosa – TextMix Lab“ (seit 2008).

* Ob das zutrifft oder nur einer Kolleginnenschaft im Vorstand der GAV geschuldet ist, mögen Leserinnen und Leser bitte unbedingt selbst beurteilen!



Montag, 12. Februar 2024

Frauenstimmen 2024

Der neueste Akt der Lesebühne im STRANDGUT, Ottensheimer Straße 25 (Alturfahr, Eingang Fischergasse) am Samstag, 9. März 2024, 19 Uhr

Organisiert und moderiert von Elisabeth Strasser

Freuen wir uns bei den diesjährigen Frauenstimmen auf … 

    einen Poetry-Slam-Star 

    eine Autorin aus Wien 

    eine Weltreisende … 

und auf ihre Texte 

Starke Themen – starke Texte bei den Frauenstimmen 2024 – seid dabei im Strandgut! 


Zu den Autorinnen:
Mieze Medusa
Mieze Medusa ist Autorin, Poetry Slammerin und Rapperin. Zuletzt erschienen ist ihr Roman
„Was über Frauen geredet wird“ (Residenz) und, gemeinsam mit ihrer Kollegin Yasmin
Hafedh aka Yasmo, der Slamtextband „Die Krise schreibt man nicht mit langem ‚i‘, auch wenn
sie riesengroß ist“.
www.miezemedusa.com


Monika Gentner
Monika Gentner lebt und arbeitet in Wien. Sie schreibt Prosa und publiziert in Zeitschriften
und Anthologien, zuletzt „Flaneurinnen in Filmstadt“ in WeissNet 2.0 der igfem –
Interessengemeinschaft feministischer Autorinnen. Sie wurde mit mehreren Stipendien der
Republik Österreich ausgezeichnet; sie ist ist Mitglied des Österreichischen Schriftstellerver-
bandes, des Literaturkreises Podium und der GAV – Grazer Autorinnen Autorenversammlung,
für die sie jährlich die Lesung „Freiheit des Wortes“ verantwortet.


Wally Rettenbacher
Wally Rettenbacher lebt in Linz und auf Reisen und studierte Psychologie, Pädagogik und
Kommunikationswissenschaften in Salzburg. Ihre Arbeiten sind vor allem durch ihre Reisen
geprägt und inspiriert. Sie schreibt Texte und betreut das Radioexperiment poetologische
ortungen bei Radio FRO. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien sowie
im Radio.
www.wallyre.net


Elisabeth Strasser (Moderation)
geb. 1969; Studium der Germanistik in Wien; lebt und arbeitet in Linz.
Seit 2011 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien und sechs Buch-
veröffentlichungen (Romane, Erzählungen, Textinterpretationen).
Gestaltung/Mitwirkung bei zahlreichen literarischen Veranstaltungen; Leitung des Linzer
Schreibkreises Textspur.
www.elisabethstrasser.com

Freitag, 2. Februar 2024

Das waren die Hommagen 2024

Ein Rückblick von Elisabeth Strasser

Nach einem Jahr Pause setzte sich die von Andreas Weber kuratierte und moderierte Reihe „Hommagen“ zwischen 17. und 31. Jänner 2024 im Linzer Wissensturm fort.

 

17. Jänner – Wilfried Steiner über Arthur Rimbaud

Im seinem Buch „Die wilde Fahrt des Arthur Rimbaud“ begab sich Wilfried Steiner bereits auf die Spur dieses faszinierenden Dichters. Im Rahmen der Hommage brachte er ihn dem Publikum nahe.

1870 macht sich der gerade sechzehnjährige Dichter (so konnte man Arthur Rimbaud in dem Alter bereits nennen) aus der Provinz auf nach Paris und sorgt dort – gleichermaßen als „Bauernlümmel“ wie als „seraphischer Jüngling“ gesehen – für Furore, an der Seite von u.a. Paul Verlaine. Mit nur 19 Jahren schließt er sein dichterisches Werk ab und beginnt ein abenteuerliches Leben, bereist Afrika und den Nahen Osten, handelt mit Silber, Elfenbein und Waffen. Aufgrund einer Knieverletzung wird ihm ein Bein amputiert. Er stirbt an einer daraus folgenden Infektion 1891 in Marseille mit 37 Jahren.

Das poetische Werk des jungen, anarchistischen, ekstatischen, gesellschafts- und religionskritischen Dichters wirkte einflussreich weiter. Beispielsweise bei Georg Trakl, Georg Heym, sowie Van Morrison, Bob Dylan, Patti Smith u.v.a.

Im Rahmen der Hommage stellte Wilfried Steiner insbesondere Rimbauds Gedicht „Le Bateau ivre“ (Das trunkene Schiff) in Auszügen samt vier Übersetzungen (u.a. von Paul Celan) vor. Dabei natürlich Thema die Herausforderung von Lyrikübersetzungen.

Beim Vortrag der französischen Originalauszüge assistierte Doris Herbsthofer.

 


24. Jänner – Elisabeth Strasser über unheimliche Literatur

Es war mir eine Ehre und Freude, bei den diesjährigen Hommagen ein persönliches Lieblingsgenre, die Literatur des Unheimlichen, vorstellen zu dürfen und das Publikum auf eine Reise durch die Zeit einzuladen. Reisebegleitend mit ihren unheimlichen Geschichten waren vor allem E.T.A. Hoffmann (der, wie ein Besucher hinwies, ausgerechnet an einem 24. Jänner geboren war – was natürlich kein Zufall sein konnte), Mary Shelley (deren „Frankenstein“ bei der Hommage am 17. Jänner nebenbei Erwähnung fand – womöglich ebenfalls durch übernatürlichen Einfluss) und schließlich Leo Perutz, mit dem wir die Reise nachts unter der steinernen Brücke beendeten, mit der Feststellung, der sog. „magische Realismus“ wurde nicht in Südamerika erfunden, wohin es zwischendurch einen Abstecher gab.

Anhand von Hoffmanns „Elixieren des Teufels“, mit Seitenblicken auf den „Sandmann“ und Sigmund Freuds Definition des Unheimlichen, gingen wir den Motiven unheimlicher Literatur nach und deren verschiedener Facetten, die vom ganz leichten Verunsichern, über das Schaudern und Gruseln bis zum Erklären durch natürliche Ursachen reichen. Oder bis zum völligen Offenlassen, was hinter „unheimlichen“ Geschehnissen steckt. Ja, auch Franz Kafka lässt sich der unheimlichen Literatur zurechnen.

Unheimliche Literatur trat nach der „Entzauberung der Welt“ in Folge der Epoche der Aufklärung auf. Am Schluss, gleichsam als Reiserückblick, stand die Überlegung, wieweit man heute – angesichts landläufiger Verschwörungsmythen und die dichterische Phantasie längst überholt habender Technologien – überhaupt noch Unheimliches bzw. Phantastisches schreiben soll/kann/darf. – Ja, doch, unbedingt. Gerade durch diese Literatur lässt sich die Realität samt ihrer Verkehrtheiten in verdichteter Form wahrnehmen. Lassen wir uns die Phantasie nicht nehmen; lesen und schreiben wir solche Geschichten, lautete das Abschlussplädoyer.


31. Jänner – Dominika Meindl über Martin Pollack

 

Im dritten Teil der Hommagen stellte Dominika Meindl einen Zeitgenossen vor, den 1944 geborenen österreichischen Schriftsteller, Journalisten und Übersetzer Martin Pollack.

Aufgrund ihrer persönlichen Bekanntschaft, ja Freundschaft mit ihm sprach sie mit besonderer Verve nicht nur über das Werk, sondern auch über Begegnungen und Gespräche, über seinen feinen Humor, sein Vögelbeobachten und Gärtnern – und wie er dabei im Garten eine alte Gabel aus der NS-Zeit fand.

Pollacks Biografie, als Sohn des SS-Sturmbannführers Gerhard Bast und Stiefsohn des ebenfalls dem Nationalsozialismus nahestehenden Malers und Grafikers Hans Pollack, spielt in seinem Werk eine wesentliche Rolle. So erzählt er in seinem Roman „Der Tote im Bunker“ (2004) die Geschichte seines leiblichen Vaters, der 1947 auf der Flucht von einem Schlepper nahe dem Brenner ermordet wurde. Martin Pollack machte „das Beste aus seiner biografischen Hypothek“ hieß es. Selbst entging er der NS-Ideologie durch seinen Aufenthalt in einem liberalen Internat.

Als Journalist u.a. für den „Spiegel“ war er als Korrespondent, u.a. in Polen und der CSSR (er berichtete im Jänner 1989 aus erster Hand von den dortigen Unruhen), tätig. Bekannt ist Pollack auch durch seine Übersetzungen des Werks von Ryszard Kapuściński. – In Polen und der Ukraine gilt er als recht bekannter Autor.

„Kontaminierte Landschaften“ sind weiters ein wichtiges Thema seines Schreibens. Landstriche, in denen von politischen Ideologien Ermordete verscharrt sind – und vergessen. In dem Zusammenhang erzählt er in „Die Frau ohne Grab“ (2019) die Geschichte seiner Tante, die – mit einem Slowenen verheiratet – als 70-Jährige von Titos Partisanen ermordet wurde.

„Wir müssen einander alle Geschichten erzählen“ stand als Motto über dem Vortrag. – Und so erzählt Martin Pollack alle Geschichten, besonders jene, die viele gerne vergessen würden.


Der Schluss aus den Hommagen

Der Rückblick zeigt eine Vielfalt an Texten, Themen und Genres. Ließ an bereits Bekanntes sich erinnern und es neu betrachten, oder anderes erst kennenzulernen.

Dank gilt der Volkshochschule der Stadt Linz und Christian Muckenhuber, der seit Jahren diese Reihe der Grazer Autorinnen Autorenversammlung betreut.


Bericht & Fotos: Elisabeth Strasser


Montag, 8. Januar 2024

Besinnen auf einst Vertrautes Zu Peter Paul Wiplingers jüngstem Gedichtband »Blian und Vablian«

 Von Helmut Rizy

 Foto: Annemarie Susanne Nowak

Wei auf oamoi wird ma kloar, daß i / mit dera Schproch, de i nia valernt hob, / hoamkemma tua in mei Kindheit, / in a längst vaschwundane Wät, heißt es in Peter Paul Wiplingers Gedicht »Hoamkemma«. Und er meint darin auch, dass aus den Gedichten, die da innerhalb weniger Monate in einem »Schreibrausch« entstehen, a scheens Biachö werden könnte. Und das ist Wiplingers 55. Buchpublikation tatsächlich auch geworden.

Der mittlerweile 84jährige Poet und Photograph kehrt darin in seine Kindheit zurück, in Lebensräume, die vielfach im Verdrängen und Vergessen verschüttet waren. Und er bedient sich dazu jener Sprache, die er – wie er sagt – seinerzeit als erstes gehört und gesprochen hat, seiner »Muttersprache«, dem Mühlviertler Dialekt.

Peter Paul wurde am 25. Juni 1939 als zehntes Kind des Kaufmanns Max Wiplinger in Haslach im Oberen Mühlviertel geboren. Den hatten die Nazi im Jahr zuvor, gleich nach dem Einmarsch als Bürgermeister als »politisch unzuverlässig« abgesetzt. Bezüglich der tiefen Religiosität, die im Haus herrschte, schreibt Peter Paul Wipplinger in seinem Gedicht »A finstare Wät« oiwäu homma dahoam /nur betn miassn oiwäu /nur betn betn betn. Aber es war gerade der mächtige Turm der Haslacher Kirche mit seiner Galerie, von der man bei gutem Wetter weit in die Umgebung sehen kann, die es dem Buben erlaubte, der Enge zu entkommen, wie er im Gedicht »Fliagn wia a Vogö« erzählt. Dort hinauf flüchtete er gelegentlich mit dem Wunsch, fortfliegen zu können, ins Unbekannte, weit weg, auf Nimmerwiedersehen.

In den ersten Jahren seines Lebens während der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland hätte er sehr weit fliegen müssen. Da wurden die Kinder ermahnt: Kinda, seids a weng brav! / Wei draußn is da Kriag. / Und do hed ma hoid gern / dahoam a weng mehr Ruah, wie es im Gedicht »A Ermohnung« heißt. Und die Angst vor Gespenstern, die im Finstern lauern, wie der Momo, erübrigte sich, dem Gedicht »Da Momo und de ondan« zufolge: De schwoarzn Mona, de mit de Stifön / und de schwoarzn Uniformen und mit’n / schwoarzn Kappö mit’n Todnschädl draf, / de woarn jo in Wirklichkeit do, iwaroi. / Da ondare Momo woar eh nur a Geist.

Eine besondere Rolle kommt in den Gedichten dem damaligen Gemeindearzt von Haslach, Dr. Kaufmann, zu, der – nachdem er einen schmerzenden Zahn gezogen hat –, im Gedicht »Da Doktor Kaufmann« den kleinen Peter Paul, der wie am Spieß schreit, mit den Worten zu beruhigen sucht: Heast, bleda Bua, plear ned aso. / Ondare valian in dera Zeit hiazt / an Fuaß, an Oarm oda a Hond. / Du host eh nur an Zohn valoarn, / des is vaglichn dagegn goar nix. Eine wesentlich bedeutsamere Rolle kam dem Arzt allerdings in einem anderen Fall zu, wie man aus dem Gedicht »S’Onnamierl – d’Anschi« erfährt. Peter Pauls Schwester Annemarie stand schon auf der Liste jener Haslacherinnen und Haslacher, die ins Schloss Hartheim, einer der Mordanstalten im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms, verbracht werden sollten. Annemarie entging dem Tod nur, da ihr der Dr. Kaufmann bescheinigte, sie hätte lediglich eine sprachliche Behinderung.

Im Wissen darum versteht man noch besser, warum es Peter Paul Wiplinger ein so großes Anliegen war, dass vor der Haslacher Kirche ein Mahnmal errichtet wurde, mit dem der in Hartheim ermordeten Haslacherinnen und Haslacher gedacht wird. Und mittlerweile wird auf seine Anregung hin auch des Deserteurs Josef Steffelbauer, der im Februar 1943 auf der Flucht erschossen wurde, mit einer Tafel gedacht, nachdem man ihn und seinen Tod über Jahrzehnte totgeschwiegen hatte.

Aber es ist nicht nur die Sprache, mit der Wiplinger, der seit etwa sechzig Jahren in Wien lebt, in seine Heimat zurückkehrt. Er, der einst der Enge daheim entfliegen wollte, ist in Wien, wie er immer wieder in seinen Gedichten festhält, nie richtig heimisch geworden und fühlt sich da immer noch als Zuagroasta. Nur wenige Gedichte aus früheren Jahren hat er in den Band »Blian und vablian« aufgenommen. Aus dem Jahr 1991 stammt eins mit dem Titel »Da Untaschiad«, in dem es heißt: bei uns dahoam /obm im Mühlviadl / do griaßt di a jeda / wonnst ausn Haus / aussegehst, um dann zum Schluss zu kommen: owa redn duat koana mit dir /da in dem bledn wean / und drum ko i d’leid do /ned leidn i mogs oafoch ned. Nicht anders im Gedicht »s’Mühlviadl z’Wean und i« vom Juli 2022: Nur wonn i von Zeit zu Zeit affe ins Mühlviadl foahr / donn gschpia i, wo i dahoam bin, ned untn in Wean, / sondan dort wo i durch d’Londschoft geh oda foahr, / wonn mi scho a Kirchaturm von da Weidn her griaßt.

Dort scheint es offenbar auch leichter zu sein, seinen Gedanken nachzuhängen – vor allem im heimatlichen Dialekt. So liest man im Gedicht »Wia’s sein kunnt«: Wonn da Newö / scho iwa’n Toi liegt / und d’Sunn scho / untagonga und / runherum oiss / so lautlos stüh is, / do deng i ma oft: / Mei God, wia scheen /kunnt’s af da Wät sein, / wonn’s koan Hunga gab / und koan Kriag.

Meine Mutter – sie unterrichtete einst Deutsch an der Hauptschule des Orts im mittleren Mühlviertel, in dem ich aufgewachsen bin – machte mich darauf aufmerksam, dass es Unterschiede gebe zwischen dem Dialekt, den man im Oberen Mühlviertel, und dem, den man im Mittleren Mühlviertel spreche. Es ist mir aber nicht schwer gefallen, Peter Paul Wiplingers Dialektgedichte zu verstehen und mich auf seine Sprache einzulassen. Das gilt wohl auch für andere Oberösterreicher und Oberösterreicherinnen, andere Österreicher und Österreicherinnen, denn der Autor hat zur besseren Lesbarkeit stumme Konsonanten eingefügt, sodass manche Wörter leichter erkennbar sind. Und wenn einem doch einmal ein Wortbild auf Anhieb fremd erscheint, muss man lediglich das Wort buchstabengetreu lesen, und wird es rasch erkennen.

He(erschienen im "Podium"

Mittwoch, 13. Dezember 2023

Entschuldigung, wo bitte ist hier der Notausgang?

Entschuldigung, wo bitte ist hier der Notausgang?

Texte und Fotos von Erich Klinger

Den Ausgang, den die Rolling Stones dereinst bei „Exile on main street“ wählten, kann ich nicht mehr empfehlen, Ausgänge, die auf Hauptstraßen verweisen, enden mit ziemlicher Sicherheit in der einen oder anderen Road to hell. Dazu später.

Ich bestreite nicht, dass es einige Gründe gibt, der Nationalratswahl im kommenden Jahr mit großem Unbehagen entgegen zu blicken, mit der Aussicht auf eine erstarkte FPÖ zumindest in der Regierung und zuvor Wahlplakate und -slogans, bei denen es mensch nur mehr den Magen umdrehen kann.

Wem vor der FPÖ graust, der/die möge sich bitte zu Gemüte führen, welches FPÖ-würdige Personal bereits seitens der ÖVP im Einsatz ist – ein Metier, in dem aber auch die SPÖ in der Vergangenheit zu punkten wusste.

Sozial- und Integrationslandesrat Wolfgang Hattmannsdorfer – in Suchmaschinen mannigfach aufzufinden, während Schriftstellerkollege Bernhard Hatmanstorfer unbekannt scheint – hat heute im ö1-Morgenjournal sehr deutlich anklingen lassen, wie nahe sich ÖVP und FPÖ in vielen Belangen sind.

Hattmannsdorfer erweckte dabei den Eindruck, sämtliche Asylwerbende würden in Oberösterreich bestens versorgt und sorgenfrei im All-Inclusive-Modus leben.

Daher müsse man ihnen klar machen, dass es keine Rechte ohne Verpflichtungen gibt – daher die Verpflichtung, im Aufnehmerland gemeinnützige Arbeit zu leisten, Aufbesserung des Taschengeldes inklusive.

Den freien Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylwerbende lehne er allerdings ab, so Hattmannsdorfer, schließlich wolle man die Wirtschaftsmigration nicht fördern. Aha.

Und da offenkundig die Zahl jener Wahlberechtigten steigt, die Asylwerbende vor allem als fragwürdige Nutznießende der großzügigen Aufnahmegesellschaft sehen, als Personen, die noch nichts in Sozialsystem eingezahlt hätten – danke für die Etablierung dieses menschenverachtenden Schwachsinns insbesondere an PolitikerInnen der ÖVP – will und kann und darf man nun bundesländerweise eine verschärfte Arbeitspflicht für Asylwerbende einführen.

Man müsse die Asylwerbenden aus ihrer Komfortzone holen, so Hattmannsdorfer sinngemäß, und ihnen klar machen, dass „Deutsch“ und „Arbeit“ die Grundpfeiler eines Verbleibs in OÖ seien.

(Da es bei uns keine Nazis mehr gibt, müssen wir uns an dieser Stelle mit einem behaglichen Grunzen aus zahlreichen Gräbern begnügen....)

Auch andere Sozial- bzw. FlüchtlingsreferentInnen in den Bundesländern sind der verschärften Verpflichtung für Aslywerbende zur Arbeit im kommunalen Rahmen durchaus zugetan, einzig der Wiener Stadtrat Peter Hacker hält „eine Verpflichtung zur Arbeit für Flüchtlinge nicht vereinbar mit den Menschenrechten.“


Während gerade in Linz Schnee in dichten Flocken fällt, man also durchaus meinen könnte, es sei ja zwischendurch doch alles im Lot, geht das Klimakonferenzspektakel in Dubei seinem Ende zu – ein Ende ohne Schrecken für die Öl- und Gaskonzerne und wohl auch für die sonstigen Haupt- und Mitverursacher der herandräuenden Klimakatastrophe.

Hans Joachim Schnellnhuber, Generaldirektor des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse mit Sitz im nö. Laxenburg, äußerte sich am 4.12. bei Martin Thür in der ZIB 2 in schonungsloser Klarheit zum fraglich gewordenen Fortbestand der Menschheit.

Er legte offen, dass die Erreichung des Paris-Zieles, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, bereits illusorisch geworden und nicht einmal mehr bei sofortigem Stopp der Ausbringung klimaschädlicher Emissionen erreichbar sei, dass wir bereits auf 2 Grad Plus zusteuern und ohne sofortiges wirksames Gegensteuern auch diese Marke in Kürze überschreiten könnten und dass in weiterer Folge bei 3 Grad durchschnittlicher Erderwärmung der bisherige Lebensraum von 2 bis 3 Milliarden Menschen in den inneren Tropen de facto unbewohnbar würde, weil aufgrund des Zusammenspiels von Hitze und Luftfeuchtigkeit bereits relativ kurze Aufenthalte im Freien tödlich wären.

Meine Rückschlüsse: entweder geht ein doch beträchtlicher Teil der Menschheit wissenschaftlichen Unkenrufer*innen, Katastrophen-Apostel*innen und geltungssüchtigen, schicksalsschwangeren Untergangsprophet*innen seit Jahren und Jahrzehnten auf den Leim oder jene, die vorgeben, für uns verantwortlich zu handeln, also Politik zu betreiben bzw. jene, die bestehende Wirtschaftssysteme am Laufen halten, steuern mit uns an Bord gezielt auf eine Apokalypse der Menschheit zu, auch im Irrglauben, man würde eine technische Lösung für die mit jedem Tag dringender werdenden Probleme aus dem Hut zaubern.

Und wir in Mitteleuropa, in China, in Nordamerika und auch in Russland wären ja ohnehin fein raus, weil die ärgsten Folgen ja weit weit weg zu erwarten sind und irgendwie würden wir das ja handlen können. Na gut, nicht für alle, natürlich würden auch bei uns Menschen auf der Strecke bleiben – das tun sie auch jetzt schon, siehe Hitzesommer, Überschwemmungen – doch sei es nicht von Anfang an klar, dass das Leben gefährlich sei und dass nicht alle auf der Butterseite leben können?

 

Welch' Zynismus, dass der in Dubai beschlossene Klimafolgen-Entschädigungsfonds aktuell mit 200 Mio. US-$ - aus Deutschland und den Arabischen Emiraten – ausgewiesen ist, Finanzzusagen aus Grossbritannien, Japan und den USA sind ebenso bloße kosmetische Maßnahmen. Laut Schellnhuber bräuchte dieser Fonds die tausendfache Summe, 200 Mrd. US-$, um künftig wirkungsvoll sein zu können.

Österreich mit seinem 1/1000 der Weltbevölkerung ist für 1/500 der CO²-Emissionen verantwortlich, müsste somit 400 Mio. US-$ = 371,5 Mio. € zu einem Entschädigungsfonds für Klimafolgen beitragen.

Ein zu optimistisch scheinender Ansatz in einem Land, in dem der ehemalige Biathlet Dominik Landertinger als Mitorganisator nordischer Bewerbe im Tiroler Hochfilzen auf die Frage zu möglichen Protesten der Letzten Generation nahezu widerspruchslos sagen kann, dass es den Klimaschützern doch nur um Selbstdarstellung und Inszenierung gehe und dass China, Russland, die USA und Indien im Klimaschutz vorangehen müssten, aber doch nicht das kleine Österreich.

Ein Irrtum, denn so wenig „das kleine Österreich“ alleine das Weltklima retten kann, so wenig ist es unbedeutend, was im eigenen Land passiert – besser gesagt: vor allem auf die lange Bank geschoben bzw. ignoriert wird. Gerade der Alpenraum ist extrem gefährdet, auch durch Temperaturanstiege über den Durchschnitt hinaus und ein deutlicher Anstieg von Hitzetoten und Opfern von Unwettern kann ohne Übertreibung verlässlich vorhergesagt werden.


Interessant wäre auch eine zusätzliche Emissionsbilanz aus Einfuhr und Ausfuhr von Produkten, d.h. welche Emissionen müssen für in Österreich konsumierte Produkte aus anderen Ländern hinzugerechnet werden, was kann abgezogen werden für Produkte aus Österreich, die in andere Länder exportiert werden.

Österreich wird laut Ministerin Gewessler 35 Mio. € = 37,71 Mio. US-$ für Frühwarnsysteme und Anpassungsmaßnahmen an den „Klimawandel“ zur Verfügung stellen, ein Beitrag für den Klimafolgen-Entschädigungsfonds steht aber noch aus.

In den 2010 beschlossenen Green Climate Fund (GCF), der 2015 wirksam wurde und bis dato mit insgesamt gut 19 Mrd. US-$ „gefüllt“ war, wird Österreich für die Periode 2024 bis 2027 eine Summe von 160 Mio. € = 172,38 Mio. US-$ einbringen. Gesamtsumme für die genannte Periode 9,322 Mrd. US-$, 2 Mrd. € = 2,155 Mrd. US-$ davon aus Deutschland und eine gleich hohe Summe aus Großbritannien. Der österreichische Beitrag zum GCF beträgt demnäch 8% des deutschen Beitrags, bei CO²-Vergleichszahlen von 0,22% zu 2% müssten es aber knapp 11% sein.

OPEC-Generalsekretär Haitham al-Ghais hatte am 6. Dezember an die 13 Mitgliedsstaaten seiner Organisation Erdöl und Gas produzierender Länder sowie weitere zehn mit ihr verbündete Länder geschrieben, es bestehe „äußerste Dringlichkeit“, sich in Dubai Beschlüssen zur Abkehr von fossilen Energien zu widersetzen, und weiters: „Es scheint, dass der ungerechtfertigte und unverhältnismäßige Druck gegen fossile Energien einen Kipppunkt mit unumkehrbaren Konsequenzen erreichen könnte“.

So spricht oder kommuniziert der Öl-Schelm in Anlehnung an die Kipppunkte des Weltklimas - auch so kann man Warnungen entschärfen, in dem man deren Sprache übernimmt.


Laut Copernicus-Atmosphärendienst wurden 2023 durch die Waldbrände in Canada knapp ein Viertel der globalen Kohlenstoffemissionen aus Waldbränden freigesetzt, angesichts des trotz wüster Rodungen für die Holzindustrie hohen Waldanteils nicht verwunderlich, doch ein sehr deutliches Alarmzeichen.

Alarmierend auch die „Klima- und Ökobilanz“ von Kriegen, beispielsweise in der Ukraine, für mich ein zusätzlicher Aspekt, wenigstens einen Waffenstillstand anzustreben.

Ebenfalls verfahren ist die Lage in und um Israel:

Ich meine, dass die Überfälle der Hamas am 7. Oktober in ihrer Bestialität eine Zäsur darstellen und als einzigartiges Ereignis zu sehen sind.
Ich meine aber auch, dass das politische und militärische Vorgehen Israels ständig neue Gewalt gebiert, obwohl verständlich scheint, dass man der Hamas begegnen muss.

Auch kann ich die humanen Katastrophen als Konsequenzen eines Aktes der Selbstverteidigung nicht nachvollziehen geschweige denn „gutheißen“, von wegen Kollateralschäden.

Nicht vergessen sollte man aber auch, dass dass sich viele Menschen in Israel seit Jahren in einem Prozess ständiger Bedrohung vor allem durch Raketenangriffe der Hamas befinden und dass nur mit einem Unsummen verschlingenden militärischen Abwehrsystem halbwegs zivile Verhältnisse möglich sind.
Gleichzeitig wird mit dem äußerst gewaltvollen Vorgehen ultranationalistischer israelischer Siedler im Westjordanland ebenfalls ständig Öl ins Feuer gegossen.


In Folge von Polizeieinsätzen – police operations – treffen am Nachmittag des 12. Dezember nicht nur einige aus Richtung Wien kommende Schnellzüge mit teils beträchtlicher Verspätung in Linz Hbf ein, auch der REX 4409 aus Stainach-Irdning ist mit bis zu 20 Minuten Verspätung unterwegs, die bis Linz auf 12 Minuten reduziert werden, da sich die Überholung durch RJ und WESTBAHN in Lambach erübrigt hat.

Ein in Wels Hbf zugestiegenes Quartett testosterongesteuerter Spätjugendlicher benutzte den Zug, um auch im Namen Allahs zur Racheaktion – an wem auch immer – in Linz und am Taubenmarkt zu gelangen, wirklich beruhigend das Faktum, dass einer der vier sagte „kann nicht schlagen, bin auf Bewährung.“

Und ich frage mich, was in diesen Köpfen herumspukt, in welchem Umfeld diese Burschen leben, dass sie so beisammen sind.

Links zum Text:

https://www.derstandard.at/story/3000000198657/laender-beraten-ueber-moegliche-arbeitspflicht-fuer-asylwerber

https://www.nachrichten.at/sport/wintersport/ski-nordisch/dominik-landertinger-die-sollten-die-kirche-im-dorf-lassen;art193190,3903443

https://www.nachrichten.at/wirtschaft/oesterreich-stellt-35-millionen-euro-fuer-den-globalen-sueden-bereit;art15,3904301

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/gruener-klimafonds-gcf-100.html

 Die Fotostrecke besteht diesmal aus Fotos, die allesamt in den letzten Wochen, konkret im Zeitraum 16.11. bis 10.12.2023, entstanden sind und zwar 

beim Almkanal Salzburg,

 


dem Gollinger Wasserfall, auf der Fahrt nach Salzburg,




am Hbf Linz,


in Waidhofen/Ybbs,



 

am Bf Gaisbach-Wartberg,



bei der Vorbeifahrt an der Voest bzw. über die Steyreggerbrücke,


in Kefermarkt,


bei der Vorbeifahrt am Stausee bei Wienerbruck bzw. nahe Gösing – auf der Fahrt nach Mariazell.



Freitag, 1. Dezember 2023

An dunkeldunkelgrauen Tagen - Einblicke in den Alltag im Kunst- und Kulturbereich, wenn man von Depression betroffen ist.

 von Lisa-Viktoria Niederberger


Der Kulturbetrieb lebt von Abendveranstaltungen. Als Autorin und Kulturarbeiterin mit Depressionen fand ich das immer schon furchtbar. Richtig schlimm wurde es aber, als ich vor anderthalb Jahren mit dem Trinken aufhörte und lernte, wie hektisch, laut, hell und herausfordernd Lesungen etc. ohne die Unterstützung von Weißem Spritzer sind. Depressionen machen eine*n zwangsläufig phasenweise zur Eremit*in, arbeitsbedingte Abendtermine fordern Anwesenheit, ob man will und sich bereit fühlt, oder nicht. Abends performen zu müssen, ist besonders in psychisch dunklen Zeiten schwer, weil genau dann Aktivität gefordert wird, wenn der Tag normalerweise als überstanden gilt. Abzusagen ist keine Option, nicht vereinbar mit der ohnehin prekären Einkommenssituation als Künstlerin. Ich habe mich also schon viele Male aus dem Bett und aus der Gammelhose in den Bühnenblazer gequält. Sobald ich dann mit meinem Wasserglas und meinem Text auf dem kleinen Tisch im Scheinwerferlicht sitze, trage ich eine Rüstung aus Professionalität, die ich mir hart antrainiert habe. Meinem Lächeln sieht man nicht an, wie sehr ich mich zum Zähneputzen und Abendessen zwingen musste, meinen Haaren nicht, wie schwer es mir manchmal fällt, sie zu waschen. Und obwohl ich der tiefen Überzeugung bin, dass mein Text oder meine Statements bei der Podiumsdiskussion das Allerletzte sind (weil ich das Allerletzte bin, danke Depression), bleibe ich für Fotos, freue ich mich, wenn jemand ein Buch signiert haben möchte.

Was nicht geht

Man kann mich als hochfunktional depressiv kategorisieren, aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Dass ich am Tag nach Lesungen bis mindestens Mittag im Bett liegen muss, weil mein sozialer Akku komplett leer ist, wussten vor diesem Artikel nur mein Partner und meine Therapeutin. Warum erzähle ich es jetzt? Weil ökonomische Ängste einer der zentralen Auslöser von Depressionen sind, und uns das, insbesondere in der angeschlagenen postpandemischen Freien Szene alle betrifft. Weil es nur eine unzureichende Krankenstandsregelung für niedrigverdienende Selbstständige gibt und weil es Künstler*innen und Veranstaltenden obliegt, eine Lösung für krankheitsbedingte Ausfälle zu finden. Derzeit sieht das so aus: Ach, du trittst doch nicht auf? Schade, kein Geld für dich! (Zwischen den Zeilen: Kannst froh sein, wenn du noch einmal eingeladen wirst.) Also gehen wir zu oft (psychisch) krank arbeiten, mangels Alternativen. Vielleicht machen wir es uns ein bisschen leichter: Bier, zweites Bier, Joint, Notfalltablette. Und wenn’s wirklich mal nicht geht, dann lügen wir. Ich habe zumindest bisher immer gelogen, wenn ich depressionsbedingt nicht arbeiten konnte, eine Migräneattacke vorgeschoben, in feministischen Kreisen auch mal die Menstruation. Als im Patriarchat sozialisierte Frau habe ich immer noch Bedenken, als hysterisch oder Ähnliches abgestempelt zu werden, wenn ich ehrlich sagen würde, wie schlecht es mir manchmal geht. Und als Selbstständige im Neoliberalismus habe ich keine Lust auf den tausendsten «Du musst aber schon durchbeißen, wenn du es zu etwas bringen möchtest»-Vortrag, der dann oft kommt.












Wie es gehen könnte

Ich wünsche mir eine Lösung für die Vereinbarkeit von chronischer Krankheit und dem Arbeitsleben im Kulturbetrieb. Dass ehrliche Dialoge, die Verletzbarkeit erlauben, unter betroffenen Kolleg*innen und Veranstalter*innen nicht bloß schöne, solidarisierende Ausnahmen bleiben, sondern normalisiert werden. Ich bin nicht meine Depression, aber an vielen Tagen bestimmt sie, wie meine Tage aussehen. Ich möchte sie nicht wie ein Label oder Statement vor mir hertragen, sie aber auch nicht verstecken müssen.

So beginnt für mich der Lösungsweg: bei Transparenz, bei ungeschönter Ehrlichkeit. Ich werde mangels Alternativen vermutlich noch lange nicht aufhören, mich auch an dunkeldunkelgrauen Tagen zu Abendveranstaltungen zu zwingen, aber vielleicht könnte ich in Zukunft offen sagen, wie es mir geht. Mindestens hinter der Bühne, wenn es passt, vielleicht sogar auf ihr.

Aber wir wissen alle, strukturelle Probleme kann man rein auf der individuellen Ebene nicht lösen. Fix ist: Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen oder in einer Gesellschaft, die psychische Krankheiten vorbehaltlos anerkennt, hätte ich diesen Essay ganz anders oder gar nicht geschrieben.



Mental Health? ja bitte!


Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "The Future Starts Now" vom KV Waschaecht lasen am 22.11. 2023 im Alten Schlachthof/Wels die Autorinnen Beatrice Frasl und Lisa-Viktoria Niederberger und diskutierten mit Paul Freysinger vom Jugendvolksbegehren zum Thema "Mental Health? Ja, bitte!". Die Veranstaltungs ist in voller Länge hier nachzusehen. 



---- 


(Der  Beitrag "An Dunkeldunkelgrauen Tagen" wurde erstemals in der KUPF-Zeitung #185/2023 veröffentlicht)



Der Literaturspätherbst der GAV OÖ startet

  Der Literaturspätherbst der GAV OÖ startet am Donnerstag, 5. November 2026 mit der „Herbstlese“ im Willy*Fred und gleich darauf mit zwei T...