Mittwoch, 12. Juni 2019

Tirol trifft Oberösterreich

Literarischer Austausch Oberösterreich und Tirol 

Von Elisabeth Strasser
 
5. Juni 2019, Kultur-Lokal Standgut, Linz-Urfahr
Eine Veranstaltung der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung (GAV) in Zusammenarbeit mit der GAV-Regionalgruppe OÖ. 

Bereits Tradition hat der literarische Austausch der GAV zwischen den Bundesländerorganisationen.

An diesem lauen Sommerabend traten Regina Hilber und Thomas Schafferer aus Tirol zusammen mit dem Oberösterreicher Kurt Mitterndorfer in dem für Lesungen und Konzerte bestens geeigneten Lokal „Strandgut“, direkt am nördlichen Donauufer, auf. Moderiert wurde die Lesung von Corinna Antelmann.

Das Thema des Unterwegsseins – ob freiwillig, um die Welt kennen zu lernen, oder unfreiwillig auf der Flucht – zog sich durch den Abend.

Im Zusammenhang mit ihrem Aufenthalt in Beeskow (Ost-Brandenburg) als Burgschreiberin entstand das Buch „Palas“ von Regina Hilber, aus dem sie Auszüge las. Das Umschlagbild des Buches zeigt die BurgschreiberInnen-Wohnung, die sie als erste nutzen durfte, im Zustand vor dem Einzug. Einiges Weitere ist bei diesem Aufenthalt in der Ferne von ihr geschrieben worden, „Palas“ beschäftigt sich mit den unmittelbaren Eindrücken des Daseins für sechs Monate im Osten Deutschlands. Von Begegnungen und der Sprache und Mentalität der Menschen dort ist die Rede, etwa indem die Burgschreiberin von einer regionalen Zeitung als „groß ist sie, schlank und sehr aufgeschlossen – die neue Burgschreiberin von Beeskow“ beschrieben wurde. Dieses „aufgeschlossen“ deutet gewisse Mentalitätsunterschiede an. Von der in DDR-Zeiten am Reißbrett entstandenen Eisenhüttenstadt wird erzählt, in der gerade ein Film gedreht wurde, der am Tag des Todes von Stalin handelt. Durch diesen Zufall erhielt die Autorin sogar eine kleine Rolle in dem Film. Durchsetzt sind diese kleinen Episoden von Gedichten, darunter eines in der Mundart der besuchten Gegend.

Thomas Schafferer stellte vor allem sein Buch „500 Polaroids“ vor. Man kann es als „großes Werk“ oder auch als „Ziegelstein“ bezeichnen – wie er selbst sagte – dem Umfang des Buches angemessen. Etwa 20 Jahre hat der Autor daran gearbeitet. Es sind Momentaufnahmen – wie die Polaroids einer Sofortbildkamera –, die einzelne Stationen quer durch Europa oft mit witzigen Wortspielen ins Bild bannen. Von den zig-Tausend Grasbüscheln, den Reihern und anderen exakt abgezählten Vögeln samt Ornithologen und einer Mücke im Auto, das in einem Graben in der französischen Provinz landet; über die Bier-Weltmeister in Tschechien bis zur Metall-Hard-Rock-Szene in Helsinki reicht das Panorama. Auch Linz kommt vor, und der „Leberkäs-Pepi“ regte zu einem vorgetragenen Text (zwar nicht aus diesem Polaroids-Buch) an.
Einige seiner Texte wurden vertont – etwa von „Wortfreunde Stiller“ – und auch in Übersetzung ins Französische, dazu waren Hörproben bei der Lesung zu genießen.

Kurt Mitterndorfer – der Oberösterreicher zwischen den Tirolern – las einen Auszug aus seinem – noch in Weiterarbeit befindlichen – Text „Geh, geh einfach“, in dem eindrücklich vom Unterwegssein von Flüchtenden die Rede ist. Sein Engagement für den von ihm begründeten Verein „Zu-Flucht“ bildet die Grundlage dieser aus erster Hand von seinen Schützlingen vermittelten und literarisch verdichteten Erfahrungen.
Weiters las er unveröffentlichte Miniaturen, in denen von bereits integrierten Menschen mit Migrationshintergrund erzählt wird. Kleine Episoden aus deren Alltag – gleichermaßen witzig wie nachdenklich –, die durch den eindrucksvollen Vortrag, das Nachahmen der Sprache der Menschen, lebendig wurden.

Corinna Antelmann, die Moderatorin des Abends, führte nach den Lesebeiträgen kleine und für die Zuhörenden ausgesprochen interessante Interviews mit der Autorin und den Autoren, und verwies dabei immer wieder auf Odysseus, den Prototyp des Unterwegs-Seienden, der am Ende doch wieder nach Hause kommt oder auch: bei sich ankommt.

Kurt Mitterndorfer erzählte davon, wie er auf seine Miniaturen kam: „Einfach genau zuhören.“ Auf berührende Weise schilderte er die Begegnung mit einem Flüchtenden aus Syrien, der ganze drei Tage und Nächte nichts als gegangen war. An den Straßenmarkierungen erkannte er, dass er die Grenze nach Österreich überschritten hatte.
Thomas Schafferer erzählte von der Geborgenheit, die seine Heimat in den Bergen nahe am Brenner ihm vermittelt. Und auch von seiner Liebe zu Italien, das er oft besucht.
Regina Hilber antwortete auf die Frage, ob ein sechsmonatiger Aufenthalt nun etwas von Unterwegssein oder doch schon von zumindest zwischendurch Ankommen hatte, dass der Aufenthalt in Deutschland schon mehr als eine Reise, aber noch weniger als bereits Heimat bedeutete. Aber eine Verbundenheit mit dem Ort stelle sich nach einem halben Jahr dann doch her ...

Der rundum gelungene Literaturabend klang noch aus mit angeregten Gesprächen zwischen den BesucherInnen und den AutorInnen vor dem Lokal am Donauufer.

Wer nicht dabei war, hat etwas versäumt …

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