Montag, 12. Dezember 2022

Land. Kind. Pandemie. Das zweite Jahr. (2022)

 

Das ist kein Jahresrückblick, auch kein halber, ABER:

 

Zuerst habe ich aufgehört mich zu schminken. Ich habe auch versucht, nicht mehr jeden Tag zu duschen und meine Haare weniger oft zu waschen, aber davon bin ich wieder abgekommen. Ich habe die Haare dann kurz schneiden lassen. Das mit der Brille habe ich nicht geschafft, aber ich habe angefangen, meine Kontaktlinsen mit der Reinigungslotion zu bearbeiten und die Aufbewahrungslösung jeden Tag zu erneuern. Ich bemühe mich, etwas anderes als eine Jogginghose anzuziehen und die trockenen Hautstellen mehrmals täglich einzucremen. Wenn es juckt, bemühe ich mich, nicht zu fest zu kratzen. Obwohl ich nie lächle, erscheinen die ersten Falten um meinen Mund. Ich habe eine Anti-Aging Creme gekauft. Ich habe ein Auto gekauft. Ich habe ein E-Bike gekauft. Ich habe ein Klima-Ticket gekauft. Ich habe ein neues Handy gekauft, weil das alte zu alt war, um das Betriebssystem zu aktualisieren und eine Aktualisierung des Betriebssystems nötig ist, um diverse Apps nutzen zu müssen, und ohne gewisse Apps vieles unmöglich ist, zum Beispiel ein Zugriff auf mein Bankkonto. Ich schaue aber nicht mehr oft aufs Handy. Auch den Computer schalte ich immer seltener ein. Manchmal überlege ich, mich von allen Social Media-Plattformen abzumelden. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich kaum noch Alkohol trinke und dass ich häufig vergesse zu rauchen. Ich glaube, ich esse normal, aber ich erinnere mich, dass ich früher oft große Lust auf Salat hatte, ich erinnere mich, dass früher oft Speichelfluss eingesetzt hat, wenn ich nur an bestimmtes Essen gedacht habe, ich erinnere mich, dass ich früher überhaupt leicht feucht geworden bin. Ich wundere mich, wie viel Begehren ich früher empfunden habe. Ich frage mich, ob meine Haare nur langsam oder gar nicht mehr wachsen. Natürlich habe ich seit zwei Jahren keine Nacht durchgeschlafen. Natürlich ist es eine Aufgabe. Natürlich ist jede erschöpft. Natürlich haben andere Eltern auch keine Paarbeziehung mehr. Natürlich habe ich mir das so ausgesucht. Natürlich ist es auch ein strukturelles, ein gesellschaftliches, ein politisches Problem. Natürlich kann es auch mit dem gestörten Geruchssinn zusammenhängen und mit irgendwelchen Hormonen. Natürlich könnte ich wegfahren. Natürlich sind das Luxusprobleme. Natürlich gibt es immer ein Lösung. Ich lese noch. Auf social media lese ich zum Beispiel, dass die Auswirkungen von Mutterschaft den Symptomen einer Depression gleichen. Im Text von Ana Marwan, der den Bachmannpreis gewinnt, bleibe ich hängen am Satz: Wie würde ich leben, würde ich leben? Ich weine bei dem Teil über das fiktive Kind: Ich stelle mir vor, ich habe vergessen, dass ich mich schon kurz vor ihm aufgegeben habe. Natürlich war ich schon immer rührselig. Ich stelle mir vor, ich hätte diesen Text geschrieben, ich stelle mir vor, ich hätte geschrieben, stelle mir vor, ich würde schreiben, stelle mir vor, ich würde die richtigen Wörter finden. Ich finde nur einen toten Vogel vor der Haustür. Ich lese The bell jar von Sylvia Plath, blank and stopped as a dead baby, the world itself was the bad dream. Ich nehme mir vor, nur mehr auf Englisch zu lesen, da es so weniger besorgniserregend scheint, dass ich mir der Bedeutung der Wörter nicht mehr sicher bin. Ich sage noch immer nicht griaß di, aber es gibt auch immer weniger Anlässe. Vor kurzem sagte ein junger Autor zu mir, wer nur eine Stunde pro Tag schreibt, ist selber schuld. Dann bin ich auf unserem Grundstück in ein Loch gefallen. Kein Erdloch, eher ein Wurmloch. Seitdem erinnere ich mich wieder an meine Träume. Seitdem habe ich Flashbacks aus meinem Leben. Zeitgleich haben die Ameisen einen Weg ins Haus gefunden. Ich sauge sie mit dem Handstaubsauger ein. Manchmal frage ich mich, wie ich mich an mein ungeschminktes Gesicht gewöhnen konnte. Man sagt mir, ich soll mich auf das konzentrieren, was mich lebendig hält. Ich werde nicht anfangen Gemüse anzubauen, aber ich möchte die Bäume retten, die wir gepflanzt haben. Der Mann wird den Geburtstagskuchen für das Kind backen. Ich pflücke schwarze Ribisel und versuche wieder zu schreiben.

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