Von Richard Wall
Foto: Reinhard Winkler
Ein Gedicht greift vieles auf
und kleidet es in Worte
die es bei aller Klärung
als Rätsel bestehen lassen
I.P.: Gedichtrolle 2
Irmgard war eine Persönlichkeit mit besonderer Ausstrahlung, und ja, Grandezza, einer subtilen und augenzwinkernden. „Eine Menschensucherin mit gesenkter Laterne, aber hohen Mutes“, wie ich zu ihrem 90. Geburtstag schrieb, „eine gutgelaunte Geheimnisträgerin“. Eine Poetess, die dem entsprach, was H.C. Artmann in seiner Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes definiert hat: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.“ Des Weiteren spricht er von der „alogischen Geste“, die „zu einem Act von ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden kann“. Ihr Auftreten, ihre Kleidung, wie sie einem mit lächelnden Augen entgegentrat, einen Blumenstrauß in Empfang nahm und nach einer ganz bestimmten Vase suchte, das Glas Sekt zum Zuprosten erhob und zum Munde führte – all das hatte Stil. Ja, es war schön mit dieser geistreichen und zugleich bescheidenen Frau beisammen-sein zu dürfen.
Doch der poetische „Act“ genügte ihr erfreulicherweise nicht. Sie schrieb Gedichte, kurze Prosa, übersetzte aus dem Französischen (George Simenon, Italienischen (Mario Luzi, Gedichte sowie Zehn italienische Lyrikerinnen der Renaissance) und schrieb über ihre Reise nach Westafrika Schwarzes Lächeln Senegal (1984, zweite Auflage 2002). So wie diese lyrische Reiseprosa sind ihre meisten Bücher in Deutschland erschienen, viele in Tübingen, wo sie jahrzehntelang, bis 2002, gelebt und als Lehrprogramm-Assistentin (im Bereich Medizindidaktik) gearbeitet hat. Geboren ist sie 1921 in Birkfeld/Steiermark, besuchte Schulen in Graz, Meiningen und Kassel, wo sie maturierte. Von Kriegsdienst unterbrochen studierte sie Chemie, dann Germanistik in Graz, und arbeitete danach als Bibliothekarin in Linz, bevor sie ein Arbeitsangebot in Tübingen annahm. Sie war Mitglied des österreichischen Schriftstellerverbandes, der Künstlervereinigung MAERZ, der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und Marcel Proust Gesellschaft. Seit 1974 war sie als freiberufliche Autorin tätig und debütierte mit Fahren aber niemals ankommen (1977, zweite Auflage 1979). Sie hat rund ein Dutzend Bücher veröffentlicht, zuletzt konnte ich ihr mit Wort Kristalle als Herausgeber unter die Arme greifen ( 2017) und ihr Sohn Ernst hat noch 2019 Gedichte von Irmgard mit Grafiken von ihm veröffentlicht.
Meine Frau Monika und ich besuchten sie des Öfteren in Leonding, bei einem Essen im Rathauskeller im Februar 2015 erzählte sie ein Erlebnis aus ihrer Kindheit, das ich mir notiert habe: Ein Sonntag, die kleine, etwa dreijährige Irmgard ist hübsch – vielleicht sogar weiß – gekleidet. Sie spielt vor dem Elternhaus in Birkfeld, ein Gewässer, ein Bach, ist nicht fern. Sie folgt interessiert oder gar verzaubert – wer kann schon die Beweggründe eines Kindes in diesem Alter in Worte fassen – dem Flirren einer Libelle. Vergeblich hascht die Kinderhand nach dem Insekt, das sich immer wieder den Nachstellungen zu entziehen weiß und schließlich hin zum Wasser fliegt. Die kleine Irmgard folgt gebannt, ohne auf die Veränderung unter ihren Füßen, den Wechsel der Elemente zu achten, sie folgt dem Insekt und steigt ins Wasser. Es scheint ihr nichts auszumachen, die Bedeutung der Umgebung versinkt in der Konzentration auf das Nicht-erreichbare-Schöne.
Ihre Eltern entdecken sie fast bis zum Hals im Wasser stehend und immer wieder nach der in den Farben zwischen Grün und Türkis schillernden Libelle haschend.
Ist das nicht genau die Position des Dichters, jeder Poetin: Uns steht das Wasser bis zum Hals und wir greifen vergeblich nach der vermeintlich leicht zu erhaschenden Schönheit, einer scheinbar leicht einzufangenden, unentwegt vor den Augen tanzenden vollendeten Form.
Die Schönheit der Odonata ist am augenfälligsten, wenn man ganz nahe dran ist. Das Insekt ergreifen, einzufangen, hieße, ihr die Flügel brechen, hieße, jene von Adern durchzogenen, durch feine Knoten stabilisierten Flugorgane, die die Schönheit der Libelle erst ausmachen, zu zerstören.
Das letztendlich Nicht-Erreichbare ist der ständige Motor unseres Umgangs mit den Wörtern, mit den Sätzen und mit all den Formen, die sich aus ihnen fertigen lassen.
Viele glauben, der Poet spielt mit den Worten, manche glauben es sogar selber, doch in Wirklichkeit sind es die Wörter, die mit dem Dichter ihr Spiel treiben, ihn nicht loslassen, ein Abhängigkeitsverhältnis, wenn auch subtil, eingefädelt haben.
Schreiben war für Irmgard Perfahl eine Leidenschaft, wobei sie es trotz der Leiden des Alters schaffte, noch lange ihrer Passion, wenn auch dosiert und mit stark eingeschränkter Sehkraft, nachzugehen.
Das libellische Flirren der Poesie hat für sie im 105. Lebensjahr am 11. April 2026 geendet. Für alle, die sie kannten, in ihren Büchern lasen, bleibt sie in ihrer Dichtung lebendig.
P.S.: Tübingen ist meine Heimat – ein Gespräch von Erich Klinger mit Irmgard Perfahl vom 14. Jänner 2012 in seiner Reihe "Nachspann" ist in einer kurzen und in einer langen Fassung nachhörbar im Archiv von cba.fro.at unter: https://cba.media/64192
Richard Wall, 14. April 2026
Im Arovell Verlag ist 2017 Irmgard Perfahls Lyrikband "Wortkristalle. Gedichte 2012 bis 2016" erschienen. "Der Band versammelt Lyrik aus einer späten Schaffensphase der Autorin, die für ihre präzise und sensible Sprache bekannt ist" schreibt der Verleger Paul Jaeg.