Donnerstag, 3. September 2026

Utopien weiterdenken

 


zu „Lahea“ von Lisa-Viktoria Niederberger
Roman, erschienen im Otto Müller Verlag, 2026

Rezension von Elisabeth Strasser 


Eine Insel, fruchtbar und lebensfreundlich, auf der Menschen eine gerechte Gesellschaftsordnung verwirklichen wollen. Sie heißt nicht Utopia, sondern Ebria.

Lisa-Viktoria Niederberg schöpft aus dem Fundus utopischer Erzählungen und schafft daraus ihre eigene Version. Detailreich, geradezu liebevoll, ist das Leben auf der Insel beschrieben: die Landschaft – eine Karte von Ebria ist vorne im Buch abgedruckt –, die Pflanzen und die Speisen, die daraus zubereitet werden; die Gesellschaftsordnung, das politische System und die Personen, die auf der Insel leben, deren Charaktere eindrücklich vorgestellt sind.


Der Roman ist im Präsens erzählt, was all das Geschilderte unmittelbar miterleben lässt und eine Sogwirkung erzeugt. – Zunächst lernen wir das Leben auf der Insel anhand des Dorfes Ipane kennen, in dem die Hauptfigur Lahea lebt. Sie ist die Tochter der Dorfvorsteherin, die ihr zu Beginn des Erzählten dieses Amt übergeben will, und selbst – wie es den Gepflogenheiten der Insel entspricht – in die Hauptstadt übersiedeln, um dem Ältestenrat anzugehören. Dieser besteht – genauso wie das Amt des Dorfvorstandes – ausschließlich aus Frauen. Lahea zweifelt an einigen dieser Regelungen, die seinerzeit – als die Männer das alte, patriarchale System ihrer Herkunftswelt weiterführen wollten – ihre Berechtigung hatten, aber ihr inzwischen antiquiert und unnötig erscheinen. Denn Lahea gehört einer Generation an, die nur mehr das Leben auf der Insel kennt.


„Ihre Mutter und die anderen wollten damals auf Ebria eine neue Welt schaffen. Eine neue Realität, eine bessere Gesellschaftsform. Leben im Kollektiv. Solidargemeinschaft. Der Versuch, im Einklang mit der Natur zu bleiben, sie zu bewahren, anstatt auszubeuten. Freie Liebe, aber nicht wie in den gescheiterten Versuchen in der Alten Welt, sondern wirklich. Das Patriarchat mit seinen unterdrückerischen Regeln wollten sie zurücklassen. Sie haben nicht nur mit Worten, auch mit Aktionen, mit Gewalt dafür gekämpft, als das die einzige Möglichkeit war, die noch blieb.“ (S. 30 f)


Dieser Absatz fasst das Leben auf der Insel trefflich zusammen: Arbeit ist gerecht aufgeteilt: alle arbeiten vier Tage pro Woche; zwei Wochen in der selbst gewählten und bevorzugten Tätigkeit, dann eine Woche in einer Gemeinschaftsarbeit, die zugeteilt wird, sodass auch notwendige unbeliebte Tätigkeiten erledigt werden; und keine Arbeit ist mehr oder weniger wert oder angesehen als eine andere. Geschlecht spielt keine Rolle – mit Ausnahme der für Frauen reservierten Führungsämter –, Variani, die nicht-binäre Personen bezeichnen, sind selbstverständlich. Sexualität ist von konventionellen Vorstellungen befreit – so lebt Lahea mit zwei Männern zusammen, die ihrerseits in Liebe verbunden sind. Tiere werden nicht getötet, somit wird kein Fleisch gegessen. Angeschwemmtes Treibgut ist die wichtigste Ressourcenquelle, wird sortiert und verwertet. Vor allem aus Plastik besteht dieses Treibgut. Und gleich zu Anfang des Romans wird ein toter Wal angeschwemmt, in dessen Eingeweiden sich ebenfalls eine Menge Plastik befindet. – Dies ist gleich zu Beginn die Irritation, die die Idylle stört, und damit Spannungsträger: Was ist mit der Welt außerhalb der Insel los? Existiert sie überhaupt noch in der uns bekannten Form? Woher sind die Menschen, die die Insel besiedelten, gekommen, und warum sind sie hier? Und was genau hatte es mit dem Befreiungskampf der Frauen auf sich?


Um sich auf ihre Aufgabe als Dorfvorsteherin vorzubereiten, muss Lahea in der Hauptstadt beim Ältestenrat vorstellig werden und danach in Begleitung einer Protokollierenden die ganze Insel bereisen, um sie und die Menschen, die auf ihr leben, kennenzulernen.


Bereits auf dem Weg zur Hauptstadt durchbricht eine Begebenheit die wohlgefügte Ordnung der Insel. Lahea wird mit einer Begegnung konfrontiert, die ihre Vorstellung von der guten und gewaltfreien Welt, in der sie zu leben meint, zerbrechen lässt. Bald erfährt sie, dass der Ältestenrat von dieser Gefahr, dieser Bedrohung, weiß, aber sie der Bevölkerung verschweigt. Und dann gibt es auf der Insel auch noch einen ruhenden Vulkan.


Im Laufe ihrer Reise durch Ebria wird Lahea einiges über Verschwiegenes erfahren. Und schließlich jemandem im Höhlensystem einer Insel inmitten des Vulkankratersees, die nur auf einer einzigen Landkarte eingezeichnet ist, begegnen. Eine Begegnung, die Lahea und damit uns Lesenden eine überraschende Wendung beschert, bevor in einem großen „Showdown“ es um alles geht und die Weichen neu gestellt werden müssen – besser gesagt: der Kurs neu festgelegt werden muss. Ob, und wenn ja, wie das gelingt, sei hier selbstverständlich nicht verraten.


Utopien sind stets Gedankenkonstrukte. Jene, die in der Realität 1:1 umzusetzen versucht wurden, sind gescheitert. Das wirkliche Leben ist dafür allzu komplex. Wer bestimmt, was Gerechtigkeit ist? Kann es wirkliche Gleichheit für alle geben? Was geschieht mit jenen, die sich der – noch so gut gemeinten – Ordnung nicht unterwerfen wollen, sei es aus Eigennutz oder aus der Überzeugung, sich „bessere“ Vorschläge ausgedacht zu haben, oder weil sie schlicht unzufrieden sind, Verlierende des Systems? Wie geht man mit Verrätern und Verbrechern um, wenn Gewaltlosigkeit das Ziel ist? Wie leicht lässt sich die Bevölkerung durch Hetzkampagnen manipulieren? – All diesen Fragen weicht der Roman nicht aus. Sie sind einer Utopieerzählung immanent.


Gleichwohl sind Utopien immens wichtig, weil sie anregen, das Gewohnte zu überdenken, Alternativen zu suchen, die zu einem oft gar nicht so kleinen Teil sehr wohl in der realen Welt umsetzbar sind oder wären. Vieles an Fortschritt zu einem besseren, gerechteren Zusammenleben, vieles, was wir heute als selbstverständlich erachten und womöglich gar nicht mehr zu schätzen wissen, beruht auf einstmaligen Utopien.


Die Gegner des „Modells Ebria“ im Roman werfen dieser errungenen Lebensform vor, Fortschritt zu verhindern. Gleichheit und Zufriedenheit würden Konkurrenz und damit Ehrgeiz hemmen, somit keinen Fortschritt zulassen. Die Figur des Ilyas im Roman steht genau für das Gegenteil dieser Sicht: ein kluger Kopf, ein Erfinder, der seine Begabung für das Allgemeinwohl einsetzt, und dabei auch schon mal aus einem angeschwemmten Fahrrad einen Springbrunnen zur Belustigung nicht nur der Kinder baut. Einfach, weil er es kann, und weil er weiß, dass nicht allein das, was unmittelbaren Nutzen und Profit bringt, wesentlich im Leben ist.


Vieles gäbe es noch zu sagen: wie wichtig Erzählen und Erinnern ist; dass Gewächshäuser und Bibliotheken zentrale Orte sind; dass Gefühle zu zeigen nichts mit Schwäche zu tun hat; dass Liebe der „Treibstoff“ ist, und die Liebe zu einem Menschen, keinem anderen, den man genauso liebt, etwas wegnimmt. Neben den erwähnten „Variani“ haben sich die Inselbewohner – also die Autorin – noch einige Begriffe für Ämter oder Umstände einfallen lassen, etwa „Emergentia“ für den Umsturz und „Ruptura“ für die dunkle Zeit davor. Dazu findet sich am Ende des Romans ein Glossar.


Einiges, was an Spannungsmomenten und offenen Fragen angedeutet wird, was noch besonders interessant zu erfahren wäre, löst sich nicht auf. Das mag vielleicht bewusst so von der Autorin gestaltet sein, um die Phantasie der Leser:innen anzuregen, selber gedanklich weiterzuspinnen, was die jeweiligen Hintergründe sein könnten.


Diese Rezension kann unbedingt als Lesetipp gelten. Ein Buch, das man – so ging es mir jedenfalls – nicht aus der Hand legen mag, bevor es ausgelesen ist.


Nachsatz: Zum Thema Utopien gibt es auf diesem Blog einen weiteren lesenswerten Beitrag vom 21.7.2021, der sich mit einem Lesedrama von Corinna Antelmann beschäftigt: https://www.gavoö.at/2021/07/zeit-für-utopien-zwischendurch.html

 

Dienstag, 18. August 2026

Wie solidarisch können wir sein?

 

Literarisch Solidarisch. Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb – Hatice Açikgöz (Hg.) Verbrecher Verlag 2026.

 

Rezension von Barbara Rieger

 

2023 startete Hatice Açikgöz gemeinsam mit Dara Brexendorf und Zara Zerbe einen Podcast mit dem Namen „literarisch solidarisch“. Der gleichnamige Sammelband verfolgt nun den Anspruch, die Erkenntnisse aus dem Podcast nicht im Internet verpuffen zu lassen, sondern Veränderungen zu bewirken. Dazu hat Açikgöz siebzehn Akteur*innen eingeladen, den Literaturbetrieb von verschiedenen marginalisierten Positionen aus zu betrachten. Anhand persönlicher Erfahrungen der Autor*innen werden strukturelle Ausschlussmechanismen deutlich. Weiter werden Ideen formuliert, wie der literarische Raum solidarischer gestaltet werden kann.

 

„Ich liebe, wie viel sich mittlerweile getan hat, dass so viele Frauen, trans*, queere, BIPoC, jüdische, muslimische Stimmen vertreten sind“, gesteht Açikgöz im Eingangsbeitrag (S.9), aber: „Ich hasse, wie wenig sich getan hat, dass Frauen, trans*, queere, BIPoc, jüdische, muslimische Stimmen immer noch nicht gehört werden. Ich hasse, dass uns nicht richtig zugehört wird, wir unterbrochen werden, wir weniger Geld verdienen als Markus und Clemens und Sebastian, ich hasse, dass wir so hart kämpfen müssen für Agent*innen, die an unsere Stimmen glauben.“ (S.10). In diesem Spannungsverhältnis bewegen sich auch die anderen Beiträge.

 

Dara Brexendorf, die sich in ihrem Beitrag mit Schreiben und mentaler Gesundheit auseinandersetzt, erwähnt, dass im Studienlehrgang „Literarisches Schreiben“ im renommierten Hildesheim folgender Satz kursierte: „Einer pro Jahrgang wird es schaffen“. (S.21). Das Schreiben ist für Brexendorf – und ich meine nicht nur für sie – „ein eigener, ein leiser Raum, quasi ein Safer Space, überlebenswichtig.“ (S.16) Dies steht allerdings im Gegensatz zum Schreiben für einen literarischen Markt, der von einer kapitalistischen Logik und damit nicht zuletzt von Konkurrenz geprägt ist.
Der Literaturbetrieb, so formuliert es Mareice Kaiser in ihrem Beitrag, ist ein System, in dem es „am Ende auch und vor allem um Geld geht“ (S.30). Ein System, in dem selbst erfolgreiche Frauen, wie Mareike Fallwickl in ihrem Beitrag darlegt, nicht in den Kanon aufgenommen, sondern vergessen wurden und werden. Ein System zudem, in dem Personen, die nicht schon umgeben von Büchern aufgewachsen sind, Personen, die eine Behinderung haben, die unter chronischen Krankheiten wie etwa einer Depression leiden, die Care-Arbeit leisten müssen oder deren Identität oder Themen zu wenig tauglich für den Mainstream scheinen, benachteiligt sind.

 

Wie Sexismus, Ableismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Klassismus, Ageismus, Antisemitismus und Islamophobie die Realität von schreibenden und publizierenden Personen bestimmen, wird in den Beiträgen deutlich. Dabei werden nicht nur persönliche Erlebnisse und Kämpfe geschildert und in gesellschaftliche Zusammenhänge gestellt, sondern auch Vorschläge gemacht, wie wir den Literaturbetrieb gemeinsam solidarischer gestalten können.

 

Auch wenn sich die Verhältnisse nicht von heute auf morgen ändern lassen, so ist es doch sinnvoll, dies zu versuchen. Schließlich brächten wir uns sonst um die Möglichkeit, diverse Stimmen zu hören und neue, andere Perspektiven einzunehmen. Und das ist schließlich die größte Stärke der Literatur.


 

Hatice Açikgöz (Hg.): Literarisch Solidarisch

Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb

Mit Beiträgen von Josephine Apraku, Maryam Aras, Sarah Berger, Betiel Berhe, Dara Brexendorf, Seda Çalışkanoğlu, Özlem Özgül Dündar, Mareike Fallwickl, Christiane Frohmann, Heike Geißler, Linus Giese, Mareice Kaiser, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Maline Kotetzki, Hami Nguyen, Andrea Schöne und Ayna Steigerwald.

Verbrecher Verlag 2026

 

Mehr zum Buch hier. 



 

Donnerstag, 16. April 2026

Irmgard Perfahl, 1921-2026, in Memoriam

Von Richard Wall 

 

Foto: Reinhard Winkler

 

Ein Gedicht greift vieles auf

und kleidet es in Worte

die es bei aller Klärung

als Rätsel bestehen lassen

I.P.: Gedichtrolle 2

 

Irmgard war eine Persönlichkeit mit besonderer Ausstrahlung, und ja, Grandezza, einer subtilen und augenzwinkernden. „Eine Menschensucherin mit gesenkter Laterne, aber hohen Mutes“, wie ich zu ihrem 90. Geburtstag schrieb, „eine gutgelaunte Geheimnisträgerin“. Eine Poetess, die dem entsprach, was H.C. Artmann in seiner Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes definiert hat: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.“ Des Weiteren spricht er von der „alogischen Geste“, die „zu einem Act von ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden kann“. Ihr Auftreten, ihre Kleidung, wie sie einem mit lächelnden Augen entgegentrat, einen Blumenstrauß in Empfang nahm und nach einer ganz bestimmten Vase suchte, das Glas Sekt zum Zuprosten erhob und zum Munde führte – all das hatte Stil. Ja, es war schön mit dieser geistreichen und zugleich bescheidenen Frau beisammen-sein zu dürfen.

Doch der poetische „Act“ genügte ihr erfreulicherweise nicht. Sie schrieb Gedichte, kurze Prosa, übersetzte aus dem Französischen (George Simenon, Italienischen (Mario Luzi, Gedichte sowie Zehn italienische Lyrikerinnen der Renaissance) und schrieb über ihre Reise nach Westafrika Schwarzes Lächeln Senegal (1984, zweite Auflage 2002). So wie diese lyrische Reiseprosa sind ihre meisten Bücher in Deutschland erschienen, viele in Tübingen, wo sie jahrzehntelang, bis 2002, gelebt und als Lehrprogramm-Assistentin (im Bereich Medizindidaktik) gearbeitet hat. Geboren ist sie 1921 in Birkfeld/Steiermark, besuchte Schulen in Graz, Meiningen und Kassel, wo sie maturierte. Von Kriegsdienst unterbrochen studierte sie Chemie, dann Germanistik in Graz, und arbeitete danach als Bibliothekarin in Linz, bevor sie ein Arbeitsangebot in Tübingen annahm. Sie war Mitglied des österreichischen Schriftstellerverbandes, der Künstlervereinigung MAERZ, der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und Marcel Proust Gesellschaft. Seit 1974 war sie als freiberufliche Autorin tätig und debütierte mit Fahren aber niemals ankommen (1977, zweite Auflage 1979). Sie hat rund ein Dutzend Bücher veröffentlicht, zuletzt konnte ich ihr mit Wort Kristalle als Herausgeber unter die Arme greifen ( 2017) und ihr Sohn Ernst hat noch 2019 Gedichte von Irmgard mit Grafiken von ihm veröffentlicht.

Meine Frau Monika und ich besuchten sie des Öfteren in Leonding, bei einem Essen im Rathauskeller im Februar 2015 erzählte sie ein Erlebnis aus ihrer Kindheit, das ich mir notiert habe: Ein Sonntag, die kleine, etwa dreijährige Irmgard ist hübsch – vielleicht sogar weiß – gekleidet. Sie spielt vor dem Elternhaus in Birkfeld, ein Gewässer, ein Bach, ist nicht fern. Sie folgt interessiert oder gar verzaubert – wer kann schon die Beweggründe eines Kindes in diesem Alter in Worte fassen – dem Flirren einer Libelle. Vergeblich hascht die Kinderhand nach dem Insekt, das sich immer wieder den Nachstellungen zu entziehen weiß und schließlich hin zum Wasser fliegt. Die kleine Irmgard folgt gebannt, ohne auf die Veränderung unter ihren Füßen, den Wechsel der Elemente zu achten, sie folgt dem Insekt und steigt ins Wasser. Es scheint ihr nichts auszumachen, die Bedeutung der Umgebung versinkt in der Konzentration auf das Nicht-erreichbare-Schöne.

Ihre Eltern entdecken sie fast bis zum Hals im Wasser stehend und immer wieder nach der in den Farben zwischen Grün und Türkis schillernden Libelle haschend.

Ist das nicht genau die Position des Dichters, jeder Poetin: Uns steht das Wasser bis zum Hals und wir greifen vergeblich nach der vermeintlich leicht zu erhaschenden Schönheit, einer scheinbar leicht einzufangenden, unentwegt vor den Augen tanzenden vollendeten Form.

Die Schönheit der Odonata ist am augenfälligsten, wenn man ganz nahe dran ist. Das Insekt ergreifen, einzufangen, hieße, ihr die Flügel brechen, hieße, jene von Adern durchzogenen, durch feine Knoten stabilisierten Flugorgane, die die Schönheit der Libelle erst ausmachen, zu zerstören.


Das letztendlich Nicht-Erreichbare ist der ständige Motor unseres Umgangs mit den Wörtern, mit den Sätzen und mit all den Formen, die sich aus ihnen fertigen lassen.

Viele glauben, der Poet spielt mit den Worten, manche glauben es sogar selber, doch in Wirklichkeit sind es die Wörter, die mit dem Dichter ihr Spiel treiben, ihn nicht loslassen, ein Abhängigkeitsverhältnis, wenn auch subtil, eingefädelt haben.

Schreiben war für Irmgard Perfahl eine Leidenschaft, wobei sie es trotz der Leiden des Alters schaffte, noch lange ihrer Passion, wenn auch dosiert und mit stark eingeschränkter Sehkraft, nachzugehen.

Das libellische Flirren der Poesie hat für sie im 105. Lebensjahr am 11. April 2026 geendet. Für alle, die sie kannten, in ihren Büchern lasen, bleibt sie in ihrer Dichtung lebendig.


P.S.: Tübingen ist meine Heimat – ein Gespräch von Erich Klinger mit Irmgard Perfahl vom 14. Jänner 2012 in seiner Reihe "Nachspann" ist in einer kurzen und in einer langen Fassung nachhörbar im Archiv von cba.fro.at unter: https://cba.media/64192 

Richard Wall, 14. April 2026

 

Im Arovell Verlag ist 2017 Irmgard Perfahls Lyrikband "Wortkristalle. Gedichte 2012 bis 2016" erschienen. "Der Band versammelt Lyrik aus einer späten Schaffensphase der Autorin, die für ihre präzise und sensible Sprache bekannt ist" schreibt der Verleger Paul Jaeg. 


Mittwoch, 8. April 2026

Lesebühne „Frauenstimmen“ am Freitag, 17. April 2026 im Strandgut

 


Bereits zum 10. Mal findet die Lesebühne „Frauenstimmen“ statt

am Freitag, 17. April 2026, 19 Uhr
im Kulturlokal Strandgut, Linz-Urfahr, Ottensheimer Straße 25 (Eingang Fischergasse)

diesmal mit:
Doris Leeb – Barbara Rieger – Renate Silberer & Elisabeth Strasser (Moderation)

 Starke Themen – starke Texte bei den Frauenstimmen 2026 – seid dabei im Strandgut

           I trink mit dir Blutsschwesternschaft
                    Ausmisten, sagte er.

      Die Not ist wendig der Himmel hungrig
          To-Do Liste für die moderne Frau von heute
was das Auge sieht kann Sprache werden / und manchmal bricht der Mund
              Wusstest du, dass du dich trauen darfst?
     … und sah mitten im Grün plötzlich Rot.
                    Und sind die Hähne das Problem?

 

Zu den Autorinnen: 

Doris Leeb
Geboren 1983; Studium Germanistik/Logopädie in Salzburg und Wien; arbeitet als Logopädin und freie Autorin; schreibt gern Lyrik, Kurzprosa, Dialektgedichte
Preisträgerin Schatzdorfer Mundartpreis 2016; zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften
In edition panoptikum erschienen: „Iaz Owa! Dialektpoesie!“ (2021); „Menscha. Dialektpoesie“ (2025)
www.dorisleeb.at 

Barbara Rieger
Geboren 1982 in Graz; Autorin & Schreibpädagogin.
Derzeit lebt und schreibt sie vorwiegend im Almtal, Wien, Graz & in den Zügen dazwischen.
Bisher erschienen neben zahlreichen Kurztexten und von ihr herausgegebenen Anthologien die Romane, alle bei Kremayr & Scheriau: „Bis ans Ende, Marie“ (2018), „Friss oder stirb“ (2020) und „Eskalationsstufen“ (2024). Für einen Auszug aus letzterem erhielt sie den Marianne.von.Willemer.Frauen.Literatur.Preis der Stadt Linz 2023
www.entropy.at/home/

Renate Silberer
Geboren 1975, lebt als Autorin und Psychoanalytikerin in Linz. 2017 erschien der Erzählband „Das Wetter hat viele Haare“ bei Kremayr und Scheriau; 2021 der Roman „Hotel Weitblick“ ebenda. Im Frühjahr 2024 erschien ihr Lyrikdebüt „Reste einer Sprengung“ in der edition melos. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet u.a. mit dem Rauriser Förderungspreis, dem Kunstförderpreis der Stadt Linz, und zuletzt mit dem Künstlerischen Stipendium des Landes Oberösterreich
www.renatesilberer.at

Elisabeth Strasser
geb. 1969; Studium der Germanistik in Wien; lebt und arbeitet in Linz.

Seit 2011 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien und sechs Buch­veröffentlichungen (Romane, Erzählungen, Textinterpretationen).

Gestaltung/Mitwirkung bei zahlreichen literarischen Veranstaltungen;

Leitung des Linzer Schreibkreises Textspur.

Sie gestaltet seit 2018 die Lesebühnen-Reihe „Frauenstimmen“.
www.elisabethstrasser.com

Zur Reihe „Frauenstimmen“ gibt es auf Radio FRO eine Sendung vom 8.3.2024 nachzuhören:
https://cba.media/654932


Dienstag, 24. März 2026

In Paradiesen paradierend

Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han wurde zum Gärtner und erlebte das Weilen und Duften der Zeit, wie er schrieb. Barbara Frischmuth widmete bekanntlich ihrer Gartenleidenschaft Bücher. Wem nicht das Glück beschieden ist, einen eigenen Garten zu bestellen, der kann sich immerhin darauf verlegen, welche zu besuchen.
HC Stöger und Lebenspartnerin Alina Staicu haben diese Tour, oder besser: Touren, in Verona auf sich genommen. (Ein Philister, dem die Perle Venetiens nicht mehr zu bieten hätte als Pavarotti in der Arena!)

 


Daraus ist nun ein Buch geworden, mit Prosa von Stöger und Zeichnungen von Staicu.

 
Auf eine Kurzcharakteristik der jeweiligen Anlage folgt in Begleitung eines Bildes ein Bild in Worten. Oder es folgen deren mehrere. Das Geschriebene rekurriert entweder direkt auf die örtliche Gegebenheit, anekdotenhaft, oder assoziiert, reflektiert, fabuliert, angestoßen durch das vorgefundene Vorhandene. Dabei kann auch eine sarkastische Chrie entstehen, wie der Text „Ein unglücklicher Fall“ belegt, der dem Besuch des Giardino della tartaruga zu danken ist. Bisweilen wähnt man sich in eine Staffage der Pittura metafisica versetzt, wie de Chirico sie ersann („Nur diese Nacht“), dann konfrontieren den Leser chronikalische Schilderungen ortsverbundener Ereignisse oder historische Moritaten, wie jene Geschichte vom unschuldig Erschossenen, der man an der Bastione delle Maddalene begegnet. Die Texte formen ein launiges Potpourri aus (überzeichneten) Begebenheiten und zuweilen fatalen Missgeschicken („Das Reh“). Dabei scheint Stöger der Dürrenmatt’schen Dramaturgie verpflichtet: Eine Geschichte ist dann zu Ende, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat („Mit Hintergrund“). Banalitäten können zu Katastrophen erblühen, ohne dass es bramarbasierendes Zutun voraussetzte.

 
Resümee: Jeder Ort hat seine Geschichte(n), jeder Aufenthalt seinen Gehalt.

 
Ein Satz fasst das Verbindende der Besuche der oftmals von morschendem Mauerwerk umfriedeten, mitunter von gärtnerischer Pflege vernachlässigten Stätten so zusammen: „Wir alle sind Nachbarn.“
Und berückende Formulierungen wie diese erbauen: „Der Tag hatte ihnen die Träume aus den Augen gewischt.“
Die Früchte der Besuche aus 2022 gehen jenen aus 2019 voran. Während die Zeichnungen zunächst auf den rechten Buchseiten aufscheinen, prangen sie dann, in reduziertem Format, auf den linken. Eignet ihnen zunächst die Anmutung von Gouachen oder Skizzen mit Pastellkreide, so finden sich ihre Umrisse dann wie von der Tuschefeder gezogen. Naturalistisch sind sie allemal. Inwieweit die Künstlerin Alina Staicu dem Befund Klees beipflichten wollte, „Kunst zeigt nicht das Sichtbare, sondern macht sichtbar“, wagt der Rezensent nicht zu entscheiden. Zeigen die Zeichnungen, was man vor Ort, je nach Standpunkt, sieht, oder was sich der Betrachterin erschließt?
Gemäß dem 'Pataphysiker' Alfred Jarry dient der Körper dazu, Jacken zu tragen und mit den Jacken die aufgenähten Taschen. Das Buch von Stöger und Staicu ist ein passendes Vademecum für unterwegs, geeignet für die Taschen an der Kleidung und für Spaziergänge.
Wollen wir es doch bedenken: In einer Welt ohne Gärten, fände die Sehnsucht nach dem Paradies zu keinem Bild.


                                                                                                    Bernhard Hatmanstorfer



Herbert Christian Stöger / Alina Staicu: mitschatten. Veronas verborgene Gärten.
Edition fabrik.transit 2024
ISBN 978-3-903267-49-7 

 

Dienstag, 17. Februar 2026

Mit dem Latein ans Ende

Verspäteter Senf zum Scheingefecht

Dominika Meindl 

Streicht Latein - aber nur im Tausch gegen zehn, nein: zwanzig Stunden "Sprache" pro Woche! 

 

 Ich hoffe, es ist in Ordnung, Tex Rubinowitz und dem Falter diese sehr schöne Karikatur zu entwenden. Ich habe ein Abo seit 1997 und sehe das als Prämie. 


Angesichts großer Kalamitäten ist es wohl seelisch entlastend, auf Nebenschauplätzen ein wenig zu rangeln. Die Erregung über die kalkulierende Idee des Bildungsministers, Latein aus dem Lehrplan zu streichen, scheint eine solche Übersprungshandlung zu sein. Man kennt das vom Hundespielplatz: Zwei Maulhelden stehen einander gegenüber, aber anstatt einen Kampf zu riskieren, schauen die Tiere lieber schnell nach, ob da nicht ein Floh am Bürzel beißt. [Schreibt eine, die Hunde liebt.] 

Die Zahl und "Qualität" der Leserbriefe in den OÖN bestätigt den Verdacht. Gendern ist beim "Leser" nicht nötig, der Einsatz für Latein ist ein Thema der Herren Akademiker. 

Damit wir uns richtig verstehen: Ich habe Latein sehr gern gelernt, es ist mir unverdient leicht zugeflogen (wie Sisi das Ungarische, sagen zumindest die Kitsch-Verfilmungen). Einfach einen Text ins Deutsche übersetzen, mit Stowasser? Nichts leichter als das. Die Lateinmatura war in einer Stunde geschrieben. Aber alles hätte ich gegeben, in Mathematik nicht gar so dumm zu sein (oder wenn jemand Mathe ganz aus meinem Lehrplan gestrichen hätte, ein Traum!). Später habe ich Philosophie und Germanistik studiert, mit Schwerpunkt Sprachphilosophie und Linguistik. Dekonstruktion, Pragmalinguistik, Textualitäten - den ganzen herrlichen, neostrukturalistischen Trallawatsch. Glückliche Semester! (Viele Semester, danke, ihr guten Eltern). 

Meine Banknachbarin im Stiftsgymnasium hatte weniger Freude an Latein, was unseren Lehrer in der Oberstufe dazu veranlasste, auffallend ekelhaft zu ihr zu sein. Geschadet hat es ihm nicht (meiner Freundin zum Glück auch nicht sehr), er ist in einem anderen Gymnasium Direktor geworden, wo er vielleicht auch die humanistischen Werte in den Herzen der Schüler*innen verankerte, indem er zu den weniger Begabten schiach war. 

Das alles führt schon zum Kern meiner Meinung. Latein hat mir genützt, aber nicht nur in der geliebten Geisteswissenschaft, sondern auch, sobald die mir über den Weg laufenden Dozenten, Ärzte, Prälaten und Hofräte gemerkt haben, wo ich maturiert habe. So einfach ist das. Ärzte waren immer ein wenig freuindlicher bei der Visite, sobald sie merkten, dass sie über meine zerschmirgelten Knie nicht miteinander in einer Geheimsprache reden konnten. Im Einführungsproseminar beim Herrn Präsidenten der Akademie der Wissenschaften hatte ich es von vornherein angenehmer als die beiden Kolleginnen mit BAfEP-Matura, zu denen der Herr Professor auffallend ekelhaft war, und denen er vor aller Augen riet, das Germanistik-Studium aufzugeben. Ich schäme mich heute noch dafür, damals nicht für die beiden das Wort ergriffen zu haben. 

Meinetwegen kann Bildungsminister Wiederkehr Latein weiter abwerten im Kanon. Aber nur, wenn daraus eine Reform, nein: REVOLUTION Lehrplans folgt. 

Hiermit fordere ich mit der Kraft einer komischen Regionalautorin, mit der Macht des Mediums eines Blogs (Sie merken die Selbstironie): 

  • Pumpt Milliarden in Kindergärten und Schulen, pumpt sie in die richtigen Kanäle! Pumpt sie schnell weg vom Autobahnbau. 
  • Trennt die Kinder nicht so früh in Elite und Abgehängte. TRENNT SIE GAR NICHT!!! 
  • Alphabetisierung immer auch in der Muttersprache, und ja, das ist halt auch Arabisch. Fragt nach bei den Sprachwissenschaftler*innen, die mehr als ein Semester "Deutsch als Fremdsprache" lernen durften. Warum ist es bildungsbürgerlich anerkannt, zu sagen, dass man Deutsch erst wirklich über das Lateinische gelernt habe? Warum rennen alle gleich zur FPÖ, wenn man Lehrkräfte für Arabisch, Farsi, Türkisch etc. engagiert? 
  • Stoppt den Textsorten-Wahnsinn der Zentralmatura, bringt die Literatur zurück in die Schulen. Bringt die Literat*innen zurück in die Schulen!   
  • Am wichtigsten: Macht aus Deutsch und Fremdsprachen ein Mega-Fach namens "Sprachen"! Zeigt den Kindern die Schönheit der Deutschen Sprache! (Und des Englischen, des Arabischen, des Schwedischen ..., der Pidgin- und Kreolsprachen, des Slangs, der Dialekte, der Fach-, Programmier- und Plansprachen etc.) Bringt ihnen bei, wie sich das Indoeuropäische verbreitet hat, wie eng viele Sprachen verwandt sind, lehrt sie Philosophie und Linguistik! Schickt sie zu Poetry Slams und ladet Slam Poet*innen an die Schulen! 
  • Etabliert celerissime das Literaturschulwesen, nicht nur in Oberösterreich! Aber fangt meinetwegen hier an, ich helfe allen Zuständigen gerne.  
  • Und wenn noch ein Mann klagt, dass er im Gym Gedichte interpretieren musste, statt zu lernen, wie man eine Einkommenssteuer erklärt, lasst ihn den ersten sein, den die KI in seinem Job ersetzt (die schreibt mittlerweile sogar die korrekteren Boomer-Leserbriefe).  

Nachtrag: Mein Vater, Erstgeborener von Mühlviertler Kleinsthäuslern, Jahrgang 1946, hat Latein und Griechisch geliebt. Eine höhere Schulbildung war für ihn und Seinesgleichen höchstens dann möglich, wenn sie versprachen, Priester zu werden (mit zehn Jahren, ein Irrsinn) - was er zum existenziellen Glück meiner Mutter, meiner Schwestern und mir nicht gehalten hat. Die Matura hielt er als Privileg in Ehren, und trotz einer eher lieblosen Internats-Erziehung wurde ihm das Lateinische zum Ausdruck seines Bildungsprivilegs. Ich denke, dass diese emotionale Bindung in der Debatte Respekt verdient. Trotzdem: Ich ersuche euch alle um recht emsiges Bemühen um die pädagogische Revolution.  

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Brandheißes Thema spannend-phantastisch verbrämt

Hermann Knapp: Die zweite Sintflut. Rebellion der Kinder.

Rezension von Elisabeth Strasser


Wir erinnern uns an die „Fridays for Future“-Kids und an die sogenannten „Klimakleber“. Beides ist inzwischen verschwunden, das damit verbundene Thema dagegen nicht.
Es ist noch immer ein brandheißes, der Klimawandel und all das, was die Menschen der Erde, auf der und von der sie leben, antun. Auch wenn wir uns jetzt im kalten Winter nach wärmeren Tagen sehnen, allzu heiß wird es schon wieder werden. Das Weltklima ist außerdem ein so komplexes Gebiet, dass die Auswirkungen letztlich schwer vorhersehbar sind. Dazu gibt es wissenschaftliche Expertisen und viele Meinungen. Nur eines müsste wohl allen klar sein: All das CO2, das in Jahrmillionen in die Erde eingespeichert wurde, innerhalb von 200 Jahren in die Atmosphäre zu pulvern im Rahmen der Nutzung fossiler Energie, kann nicht ohne Auswirkungen bleiben.

Hermann Knapp lässt die Gedanken an die Protestaktionen der Jugendlichen in seinem Roman wieder aufleben, wobei hier die „Rebellion der Kinder“, wie es im Untertitel heißt, weitaus radikaler ist.

Mara, eine Dreizehnjährige, wacht eines Morgens einfach nicht mehr auf. Schön wie Schneewittchen in ihrem Glassarg liegt sie im Bett. Ihren alleinerziehenden Vater ergreift Panik, er ruft die Rettung. Mara lebt, aber in einem Zustand, der zwischen Leben und Tod schwebt. Doch nicht allein Mara ist davon betroffen, alle Dreizehnjährigen auf der gesamten Welt sind das. Eine Veränderung im Gehirn bewirkte das, wie Wissenschaftler bald feststellen und den Begriff „Kant’sche Hypophyse“ dafür finden. Vielleicht eine Mutation in der Evolution des Menschen, vom homo sapiens hin zum homo empathicus?

Mara ist der Exemplarfall, dessen Schicksal im Roman im Mittelpunkt steht. Lukas Wächter, ihr Vater, ein Buchhalter mit besonderem Faible fürs Einmaleins, das er sich zur Beruhigung oder Ablenkung gerne aufsagt, ist die Hauptfigur. Er ist bei seiner Großmutter aufgewachsen, schwer traumatisiert, nachdem sein Vater unter Alkoholeinfluss seine Mutter und danach sich selbst getötet hatte. Irene, Lukas Wächters Ehefrau und Maras Mutter, eine Kunstmalerin, bringt endlich Freude und Heiterkeit in sein Leben. Allerdings ist sie zu Beginn des Romans bereits tot, an einer Krebserkrankung ein paar Jahre davor gestorben. Dennoch tritt sie in etlichen erzählerischen Rückblenden schillernd-lebendig auf. So wie auch Wächters Großmutter, die einst von der „Wolkenstadt“ sprach, die im Laufe der Geschichte noch eine ganz konkrete Rolle spielen wird.

Da Mara der erste bekannt gewordene Fall des Phänomens ist, das als „Schneewittchen-Starre“ bekannt wird, treten an Lukas Wächter nicht nur Wissenschaftler und ein etwas zwielichtiger Innenminister heran, er wird von Journalisten verfolgt, ein Geheimagent taucht auf, der für allerlei abenteuerliche Situationen sorgt, und gar ein Redeauftritt vor der UNO erwartet ihn.

Mystery, Phantasy, Thriller, Liebesgeschichte, Gesellschaftskritik … von alledem steckt etwas in Hermann Knapps Roman. Dazu kommt des Autors bereits von anderen Romanen und Erzählungen bekannter schwarzer Humor und Sprachwitz. Als kleines Beispiel etwa, wenn anfangs auf des Vaters Frage, ob Mara noch lebe, der Arzt antwortet: „Ich kann Ihnen nur sagen, dass eine Obduktion derzeit keine Option ist.“

Die Rückblenden auf die Liebesgeschichte zwischen Lukas und Irene, auf die Geschichte mit der Großmutter, sowie die Begegnungen in der „Wolkenstadt“ (was es damit auf sich hat, sei natürlich nicht verraten), ergeben berührende und eindrücklich geschilderte Episoden. Letztlich führt der Weg zur Lösung über die Kunst, kann man sagen, was heißt, Irenes Gemälde in dem nach ihrem Tod verschlossenen Atelier tragen zur Lösung eine wesentliche Rolle bei. – Vom Ende der Geschichte kann – ganz ohne zu spoilern – verraten werden, dass Lukas Wächter zuletzt eine im wahrsten Sinne des Wortes in der Menschheitsgeschichte einzigartige Aufgabe bekommt.

Der Begriff der „Sintflut“ ist hier nicht wörtlich zu nehmen. Es gibt keine reinigende Flut, nach der ein Neubeginn möglich wird. Dennoch dreht sich die Geschichte genau darum: um einen Neubeginn, der möglich werden kann, nachdem die rebellierenden Kinder wieder aufgewacht sein werden. – Welche Probleme damit verknüpft sind, und wie das gelingen kann, wird in der Geschichte überlegt – innerhalb deren erfundener Realität.

Das Anliegen des Romans ist klar: Achten wir auf die Erde, schauen wir darauf, dass unsere Welt eine Zukunft hat für die nachkommenden Generationen. – Was dazu bisher versucht wurde und wird, reicht jedenfalls nicht aus. Das wird in Rückblenden auf Gespräche zwischen Vater und Tochter aufgegriffen. Etwa wenn Mara – ein Kind unserer Zeit, das an den Freitagsdemonstrationen teilnimmt und gleichzeitig hoch energieverbrauchende Geräte nutzt – am Ende einer solchen Diskussion sagt: „Wir können jetzt stundenlang gegeneinander aufrechnen, an welcher Umweltzerstörung wir schuld sind. […] Aber darum geht es gar nicht. Das Schlimme ist, dass auch du und Mama nichts dazu getan habt, um eure Generation zum Umdenken zu bewegen. Nur im eigenen Bereich ein paar kleine Schritte zu machen, reicht schon lange nicht mehr.“

Was im Roman passiert, ist phantastische Fiktion. Reale Lösungen für das Problem „Klimawandel“ bietet er natürlich nicht an, sensibilisiert jedoch eindrücklich dafür.
Die Hoffnung auf eine lebenswerte Welt für die nächsten Generationen wird zwar nicht in einem Evolutionsschritt wie der „Kant’sche Hypophyse“ liegen, sondern eher im Vernunftgebrauch des Menschen (wobei wir natürlich auch bei jenem Philosophen Immanuel Kant sind, nach dem jene Gehirnmutation im Roman offenbar benannt ist), einem Vernunftgebrauch, der sich neue Konzepte und Ideen einfallen lässt, weil es schließlich ums Überleben geht. Ansätze dahingehend gibt es jedenfalls.

Hermann Knapp sagt auf seiner Webseite selbst über seinen Roman: „Das Buch soll zum Nachdenken über die Klimakrise und unsere Verantwortung für die nachkommenden Generationen anregen. Träumt mit mir von einer besseren Welt, denn Träume können wahr werden – und es ist noch nicht zu spät!“


Erschienen 2025, Verlag am Rande


Mittwoch, 14. Januar 2026

Jahresrückblick 2025 mit Herbstlese und Apfent

Bericht zur Herbstlese: Elisabeth Strasser
Fotos: Judith Wimmer

Im nun bereits vergangenen Jahr gab es wieder eine Menge an Literaturveranstaltungen der GAV OÖ. 

Abgeschlossen wurde der Reigen mit der Apfent-Lesebühne „Keks, Drugs, Rock n‘Roll!“ am 10. Dezember im Strandgut in Linz, dem Kulturlokal direkt an der Donau, mit Dominika Meindl, Walter Kohl, Kurt Mitterndorfer und erstmals dabei Benjamin Gumpenberger.

Kurz davor, am 26. November 2025, ging die zweite Ausgabe der „Herbstlese“ über die Bühne im Willy*Fred in Linz. Auf dem Bühnensofa nahmen wiederum fünf von Elisabeth Strasser eingeladene Autor:innen Platz, um über ihre aktuellen Schreibprojekte zu sprechen und Auszüge daraus vorzulesen.

Christian Weingartner, als Fotograf wie als Autor tätig, stellte Auszüge aus seinem lyrischen Werk vor und sprach über einen entstehenden Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht, indem von einem Mühlviertler erzählt wird, der in den 1920/30er Jahren in den USA eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen hatte.


Marlene Gölz las aus zwei demnächst erscheinenden Erzählungen und trug ein Gedicht vor, das mit der Entstehungsgeschichte einer davon zu tun hat. Sie berichtete darüber, was und wer hinter der für eine Geschichte titelgebenden „Erdbeerprinzessin“ steht, und wie sie auf ihre Figuren kommt – oder diese auf sie zukommen.


Erich Wimmer, im Hauptberuf Geigenlehrer an der Landesmusikschule, stellte einige seiner Gedichte voller Sprachwitz im „eher bunten Versmaßkleid“ vor. Und dazu erzählte er eine für alle, die dabei waren, unvergessliche Anekdote über ein durch eine Kuh verursachtes „Erdbeben“.

Nach einer Pause, die für Austausch, Schmökern am Büchertisch und Erfrischungen genutzt wurde, ging es weiter mit

Christine Mack, die ihr Monologen-Drama „Zwielicht“ mit dem Untertitel „Mit meiner Sense mäh ich alles nieder“ vorstellte, in dem es um Missbrauch auf verschiedenen Ebenen geht und den Umgang der Leute in dem betroffenen Dorf damit. Dramatisch vorgetragen von der Autorin zusammen mit Elisabeth Strasser und Erich Wimmer in ihren übernommenen Rollen.

Den unterhaltsamen Abschluss im Programm gestaltete Rudolf Habringer mit Auszügen aus seinen Weihnachtssatiren. Dazu erwähnt ein entstehender Roman, über den er noch nichts weiter verraten wollte; und er berichtete über einen essayistischen Text, der sich mit der Frage beschäftigt, wieweit religiöse Bezüge in der zeitgenössischen Literatur vorhanden sind oder nicht. Was nebenbei ein ungeheuer interessantes Thema ist.

Zuhören, Kennenlernen, Gespräch und Austausch …


Das ist der Grundgedanke der „Herbstlese“, des literarischen Jahresrückblicks.

Autor:innen lesen Auszüge aus aktuellen Werken, die im vergangenen Jahr entstanden sind oder sich noch in Arbeit befinden. Dazu ist über ihre Arbeitsweisen, ihre literarischen Schwerpunkte und Themen einiges zu erfahren, samt der persönlichen Begegnung mit den Schriftsteller:innen.

Ein „feines Format bei (leider diesmal) schwachem Besuch“, wie eine Rückmeldung lautete.
Tatsächlich hätte diese Veranstaltung mehr Interesse und Besuch verdient.

Fortgeführt wird das Format gewiss. Denn genau das braucht es heute: Angebote persönlicher Begegnung im Rahmen vertiefender Auseinandersetzung, entgegen der Oberflächlichkeiten, die es heute durch (digitale) Bespaßung zur Genüge gibt.


Freitag, 9. Januar 2026

Speibende Regenbögen und sprechende Weberknechte

Benjamin Rizys „Über der Tür“. Rezension von Dominika Meindl 

Es ist eine oft und rechtmäßig vorgebrachte Klage über den deutschsprachigen Buchmarkt, dass er mit kurzen Textformen so wenig anzufangen wisse. Ausnahmsweise hofft man auf den einzigen Vorteil des grassierenden Konzentrationskollapses (die Autorin nimmt sich nicht aus!), auf eine Verschiebung des Fokus auf Erzählungen, Aphorismen – oder „short short stories“ wie jene von Benjamin Rizy. Der in Wien und Bad Leonfelden lebende Autor ist nun endlich Mitglied der GAV geworden. 

Auf einem Zettel, den er seiner ersten Kurgeschichtensammlung beilegt, notiert er „Leider kommen nur zwei Hunde vor. Naja, besser als nix“, was noch nichts über das Buch aussagt, aber doch schön ist. Vielleicht ist es auch besser für die Hunde, denn besonders gemütlich geht es in den 29 meist abgründigen und/oder absurden Mini-Thrillern, Kleindramen, Dorfgeschichten, Stadtbildern nicht zu. Was sie eint, ist die Lust des Autors, den Lesenden immer wieder den Boden unter den Füßen wegzuziehen, ihre Erwartungen und Leseautomatismen zu stören. Nicht immer ist der Erzähler ein Mensch, auch Weberknechte oder Enten haben etwas zu sagen. Die Welt ist ein Lost Place, dessen Verfall man neugierig betrachtet. 

Die Haltung Rizys als politischer Mensch ist klar, ebenso sein Sarkasmus: „Am Wahltag richten sich die Leute schön her, um dann schiach zu wählen.“ Nachvollziehbarem Land-Bashing stellt er sehr gute Beobachtungen über die Stadt entgegen: „Eine Stadt, das ist Möglichkeiten zu haben, aber sie trotzdem nicht zu nutzen.“ Oder: „Die Wände in freundlichen Farben, die aussahen, als habe sich ein Regenbogen übergeben.“ Immer gibt es einen Twist, eine überraschende Wendung. Müsste ich eine Geschichte als die beste hervorheben, fiele die Wahl auf „Das Einfamilienhaus“, eine fast apersonale und Beschreibung der Unheimlichkeit des Heimeligen. 

Biographie: Benjamin Rizy, geboren 1990 in Wien, lebt in Wien und im Mühlviertel (OÖ). Zunächst Studium der Physik an der Universität Wien, derzeit Verfahrenstechnik an der TU Wien. Davor Zivildienst im Marketing eines Kulturzentrums in Wien. Arbeitet nebenbei als Photograph und Musiker. Ausgeprägtes bis ausuferndes Interesse an Literatur, Technik, Kunst, Brettspielen, Politik, Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit. Vorlieben für Oscar Wilde, Piraterie, Schreibmaschinen, durchdachtes Design, alle Katzen und viele Hunde. Derzeit Arbeit an der zweiten Kurzgeschichtensammlung. Er ist Vater von zwei Söhnen.

Benjamin Rizy: „Über der Tür“. Short Short Stories. Löcker Verlag

Mittwoch, 7. Januar 2026

Wollmilchschweine, Sitz-Techno, pinkelnde Santas und Schmusen mit Ryan Reynolds: Die Apfent-Weihnachtslesebühne

  

 Fotos: H. Zirknitzer  

Und so begab es sich auch dieses Jahr wieder, dass die weihnachtliche Unterhaltungs- und Erbauungssektion der GAV OÖ zur gemeinsamen Besinnung lud. Apfent-Stalker erkennen gleich, dass der Herr rechts weder Rudi Habringer noch René Monet ist, sondern natürlich der hochgeschätzte Chevapcici. Hoffentlich gehen wir mit den Musiktalenten nicht so unpfleglich um, dass wir sie verschleißen! Dem Vernehmen nach ist Chevapcici auch heuer noch guter Dinge. Wir empfehlen an dieser Stelle dringlich sein immer noch brandneues Album "Der Toid der eierlegenden Wollmilchsau". 

Musikalisch wirft sich alljährlich auch Walter Kohl ins Zeug, unser: 

 

In diesem Amt ließ er das Publikum raten, welches seiner beiden Dramolette im Stil Jandls und Bernhards denn wirklich seiner gewieften Cut-Up-Technik entstamme. Sodann befahl er der KI, ein sehr hartes Weihnachtsprotestlied zu "komponieren", im Stil Ramsteins bzw. im Stampfetechno, der vom Rest des Ensembles recht gut angenommen wurde: 

Vom Kollegen Kurt Mitterndorfer ist im Fundus der Autorin (=die Meindl) derzeit kein ordentliches Performance-Bild zu finden, aber das vom Vorjahr ist umso schöner, weil von Dieter Decker, und dank der guten Erhaltung des Abgelichteten außerdem pfenninggut. 

 

Bei Mitterndorfer geriet der Weihnachtsmann zuerst unter Blasendruck und dann in die Fänge einer überschießend strengen Exekutive. Das zweite Mikrodrama beginnt so: "Sog amoi, bisd du kombledd augrend? Du kaunsd do ned fia de Blaun an Griskindl-Weabaschbodd draan! Nu dazua fosd noggad!“ Ein Paar unterhält sich über den Preis, für den man sich weggibt, siehe Kant. Denkt da mal drüber nach! 

Da sehen wir erneut den Chevapcici: 

 

Bundes- und GAV-OÖ-Präsidentin Meindl erschien im Hannibal-Lecter-Feiertags-Einteiler und verlas wie immer ihre als Wunschliste ans Christkind getarnte Gewaltfantasie gegen Patriarchat und Faschismus. Dann verdarb sie allen Frauen den supersüßen Rom-Com-Weihnachts-Hit "Tatsächlich Liebe", indem sie die Handlung nach OÖ bzw. ins Matriarchat versetzte: "Ryan Reynolds stammt in Wahrheit aus Gramastetten, als die Landeshauptfrau dort ihre Godntant besucht, kommt es zur zunächst scherzhaften Begegnung, 'Jo Ryan!' 'Jo Minki!' 'Ma, de Gramastetta Krapferl han owa tricka, do hüft nua ans, haha!' Da fackeln die beiden Main Character Energy Persons nicht lange und schmusen dann vor den Augen der etwas peinlich berührten Tanten." 

 

Am Ende sangen alle gemeinsam: 

Stille Macht! Heilige Macht!

Alles schläft; einsam wacht

Landesmutter mit grauem Haar

herrschet sanft im Matriarchat

Schaffe uns irdische Ruh!

Schaffe uns irdische Ruh! 

Und man kann sich leicht vorstellen, auf wessen Mist das auch schon wieder gewachsen ist. In diesem Sinne: Prosit 2026! 

Sonntag, 21. Dezember 2025

Mögen die Serien nie zu Ende gehen

Corinna Antelmann

 

Auch wenn als ungewiss gilt, wem die Zukunft des Geschichtenerzählens gehören, also ob die KI uns in Zukunft das Schreiben abnehmen wird, gewiss ist, dass Geschichten seit Menschengedenken erzählt wurden und dies auch weiterhin geschehen wird. Vielleicht nicht mehr am Lagerfeuer, dafür über Streaming-Dienste, wo sie mehr Menschen erreichen denn je. Und gewiss ist auch: Sie werden diese Menschen in der Tiefe nur dann berühren können, wenn sie nach wie vor von Menschen verfasst werden. Schließlich beschreiben Geschichten nichts Geringeres als Abschnitte unserer Lebensreisen, anders ausgedrückt: unseres Individuationsprozesses, wie Carl Gustav Jung ihn beschrieben hat: als Möglichkeit, uns im Laufe des Lebens weiterentwickeln zu können.

Bestenfalls.

„Der eigentliche Individuationsprozess – die bewusste Auseinandersetzung mit dem grösseren inneren Menschen oder dem eigenen Seelenzentrum – beginnt meistens mit einer Verwundung oder einem Leidenszustand, der eine Art von Berufung darstellt, aber oft nicht als solche erkannt wird. Das Ich fühlt sich vielmehr in seinem Willen oder Begehren behindert […]“[1]

Eben deshalb sind uns Schreiberlingen Konflikte und Krisen am liebsten (wenn auch nicht unbedingt im eigenen Leben!), denn freiwillig hat sich noch niemand entwickelt. Die Reise des Menschen führt ihn durch Beziehungen und Veränderungen, die auf Erfahrung basieren, niemals aber auf Daten, schließlich in die Erfüllung.

Es ist dieser Wunsch nach Erfüllung, oder auch: Erlösung, der uns laut Analytischer Theorie antreibt und sich in allen Erzählungen dieser Welt spiegelt.

So auch in Serien.

Lange Zeit galten Serien als ein unterhaltsames Fernsehformat, das für abendliche Gesellschaft sorgt, mit Personen, denen man beim Bügeln zuhören kann (hören, nicht sehen!). Nun aber feiern sie Hochkonjunktur, und hier ist es nahezu gleichgültig, ob es sich dabei um Serien handelt, die bereits in meiner Jugend über den Bildschirm flackerten oder um neue Produktionen von Netflix, Prime, DisneyPlus, die im Übrigen in der Filmbranche als das Innovativste gelten, was in den letzten Jahren produziert wurde.

Und nicht wenige von ihnen erreichen den Status von Kult, wie jedes Objekt, ob Tier, Baum, Ahne oder eben Film, das angebetet und in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wird. Kult ist alles, was über das Alltägliche herausgehoben wird, um es zu verehren, ihm zu huldigen, sich ihm hinzugeben und einzubetten in Rituale.

Den Fangemeinden ist es zu verdanken, wenn dies in Bezug auf eine Serie geschieht, aber das Bedürfnis nach Kult ist ein urmenschliches und findet sich, rein erzählerisch gesehen, nicht nur in der Liturgie wieder, sondern in jedweder Religion.

 

Erich Fromm sieht die Religion als ein System des Denkens und Tuns,

das von einer Gruppe geteilt wird und dem Individuum einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet[2],

und sieht dieses Bedürfnis nach Orientierung und Hingabe in der menschlichen Existenz selbst begründet.

Und so wage ich die These, dass sich in den Serien möglicherweise etwas findet, das eine beinahe religiöse Komponente hat, beziehungsweise sie in mancher Hinsicht ersetzt. In diesem Zusammenhang möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die Anleitung, die Autori:nnen, die für Fernsehserien schreiben, eine Orientierung durch das Geflecht der jeweiligen Serie bieten soll, die Serien-Bibel heißt. Sie soll helfen, sich im Geflecht um Abraham und seine Söhne, pardon, Captain Kirk und seiner Crew, oder FBI-Agent Dale Cooper und den Bewohner:innen von Twin Peaks, zurechtzufinden.

Trägt serielles Erzählen also tatsächlich Merkmale einer Religion?

 

Ein Merkmal der Serie ist es, dass sie den Geschichten erlaubt, immer weiter erzählt werden zu können, über Jahrzehnte hinweg, ohne vorhergedachten Endpunkt, weiter und weiter und weiter, bis ... es langweilig wird? ... es nichts mehr zu erzählen gibt? … der Untergang kommt? ... oder die Erlösung (wie oben beschrieben)?

In gewisser Weise also liefern Serien das Versprechen der Unendlichkeit, und erfüllen so den Traum der Menschen, ihre Geschichte immerfort weiterspinnen zu können, solange, bis ... es langweilig wird? … es nichts mehr zu erzählen gibt?

Die Furcht vor dem endgültigen Ende katapultiert uns mittenhinein in die großen Fragestellungen, weil niemand sagen kann, was uns erwarten wird nachdem Nachdem. Die Furcht wie die Frage determinieren das Leben, und alle Menschen haben zu jeder Zeit nach Antworten gesucht haben und suchen sie noch immer. Den Tod vor Augen erfährt der Mensch seine Begrenzung und sucht nach einer Idee, einem Ideal, nach etwas, das über das Ende und über das rein Körperliche hinausgeht. Vermutlich ist Religion aus diesem Grund eine universale geschichtliche Erscheinung, denn sie liefert uns den befriedigenden Befund, es gäbe dieses Mehr und damit auch eine Antwort auf die Frage nach dem Ende. Oder den beruhigenden Befund: Das Ende ist immer nur ein Anfang.

Aber bitte, bitte, kann es nicht noch ein bisschen weitergehen?

Ungeachtet des Todes?

Um dem Sterben zu entgehen, nutzt Schahrasad die bekanntesten Cliffhanger überlieferter Erzähltradition, auf dass es auch für sie weitergehen möge. In der ersten von tausendundeiner Nacht bricht sie ihre Geschichte in dem Moment ab, als der Geist das Schwert hebt, um den König zu töten. Der König Schahriyar verlangt nach Fortsetzung. Und sie verspricht, dass ihre Erzählung morgen Nacht noch viel schöner und viel spannender sein werde als alles, was sie heute erzählt habe.

Da sprach der König zu sich selbst: „Ich werde sie, bei Gott, nicht eher töten, bis ich die Geschichte zu Ende gehört habe.“[3]

 

Im Falle der Serie ist die Frage nach dem Ende leichter zu beantworten als im Leben: Sie endet, sobald sie nicht mehr verkauft werden kann; sobald niemand mehr darauf reagiert, wenn es heißt: „Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn Sie Doktor Bob sagen hören wollen: Wohl denn, Gevatter Schwein, ich kenne euch sehr wohl“, kurz: Sie endet, sobald die Lebenszeit der Erzählung abgelaufen ist. Aber selbst Doktor Bob von der Muppet-Show wird möglicherweise wiederbelebt, sei es auf YouTube, in einer Neuverfilmung, als Buch, App oder DVD. Ja, es gibt sie, die Wiedergänger und Totgeglaubten, die nach Jahrzehnten auferstehen und mit geballter Vitalität ihre Leben zurückfordern - als Beispiele seien genannt: Raumschiff Enterprise oder James Bond, von den ersten Folgen bis zu den heutigen im steten Wechsel. Und auch gegenwärtig erfolgreiche Serien werden eines Tages möglichweiser wiederauferstehen, nachdem sie bereits abgesetzt wurden. Sie leben solange, wie noch jemand an sie glaubt.

 

Die Umtriebigkeit der Serien-Fans, die sich, nach Lieblingsserien getrennt, im Netz tummeln, erhält diesen Glauben am Leben und ist immens. Alle haben ihre eigenen Seiten, um ihre Lieblingsserie zu feiern, doch geeint sind sie in dem Wunsch, den immer gleichen Ablauf in einem immer gleichen Setting zu zelebrieren, in dem sich die immer gleichen Menschen versammeln: Hier wird der heilige Text neu gelesen, neu interpretiert, neu gedeutet. Zugleich wird dabei das Bedürfnis nach Wiederholung gestillt, wie es schon in Ritualen der Stammeskulturen, die als Vorläufer der gängigen Religionen gesehen werden, gelebt wurde: in kultischen Handlungen, die der Anbetung des jeweils erwählten Objektes dienen. Vermutlich ist es kein Zufall, dass jede Fangemeinde ihren eigenen Stamm bildet - mit eigenen Ritualen (ja, es gibt sogar Stammeskämpfe).

Und auch das Bedürfnis, sich etwas zu widmen, dem mehr Bedeutung verliehen werden soll, um über das Alltägliche hinauszureichen, erfährt eine gewisse Befriedigung, wenn sich Gleichgesinnte zu einer zeremoniellen Wanderung treffen, bei der sie - zum Beispiel im Falle von Der Herr der Ringe, verkleidet als Elbe oder Ork, mit aufgeklebten Ohren oder gezogenem Schwert - durch das Mühlviertel marodieren und dabei einem Werk huldigen, das sie selbst zu dem gemacht haben, was es inzwischen ist: Kult.

Herr der Ringe entspricht im Übrigen keinem Serienformat, das sich endlos ausdehnen ließe, eine Bibel ist daher nicht vonnöten. Es reicht die literarische Vorlage, die verfilmt werden soll, womit ich zum Thema dieses Abends überleite: Der Literatur, die uns als Dreiteiler (mit drei Kinokartenverkäufen) oder als Mini-Serie präsentiert wird, bietet die Serie Raum zum Atmen, da sie sich über einen längeren Zeitraum entfalten darf, während Romanverfilmungen, in neunzig Minuten Kino gepresst und den Gesetzen der dramatischen Einzelerzählung unterworfen, selten genug gelingen. Und obwohl dem literarischen Stoff, anders als der episodenhaft erzählten Serie, doch ähnlich den Serien mit einem staffelumfassenden Spannungsbogen, ein Ende der Geschichte immanent ist, erfreuen wir uns hier wie dort am seriellen Erleben. Denn wenn wir Krieg und Frieden in acht Teilen schauen, lässt uns die Frage am Ende jeder Folge, ob der Frieden wohl siegen werde, am nächsten Tag wieder einschalten.

Auch der Frieden entspricht ja einer ur-menschlichen Sehnsucht, wenngleich die Menschheit sich schwertut, sich dorthin zu entwickeln, wo er sich einzulösen verspricht. Eben dafür braucht es die Geschichten, vor allem aber braucht es die Bereitschaft zur Individuation von uns Reisenden. Und es braucht Rituale, die den Wunsch nach dem Darüberhinaus ausdrücken, nach etwas, das uns transzendiert. Sorgen wir also für Objekte, die der Hingabe wert sind, für Geschichten, die sich dem Menschlichen verpflichtet sehen, geschrieben von Menschen, die ihre Erfahrungen und Gefühle in einem inneren Prozess in eine künstlerische Form transformieren.

Um noch einmal Erich Fromm zu bemühen:

Die Frage lautet nicht: ob Religion oder nicht?, sondern: welche Art der Religion? Fördert sie die Entwicklung des Menschen, die Entfaltung der spezifisch menschlichen Kräfte oder lähmt sie seine Kräfte.[4]

Ich zum Beispiel habe seit den Missionen von Raumschiff Enterprise allem vertraut, was uns in unendliche Weiten führt, meine Religion aber ist seit jeher die Literatur, gern auch als Serie. Und neulich, auf einer Lesereise im Harz, lief ich den Goetheweg bis zum Brocken hinauf. Schließlich habe ich den Faust mehrfach gelesen, zumindest in Auszügen.

Verkleidet habe ich mich nicht.



[1] von Franz, Marie-Louise: Der Individuationsprozess. in: Jung, C.G.: Der Mensch und seine Symbole, S. 166

[2] Fromm, Erich, ebenda, S. 25

[3] Tausendundeine Nacht. C.H.Beck 2004, S. 33

[4] Ebenda, S. 29

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