Donnerstag, 3. März 2022

…und Sturm zieht auf

„Während Stalin und Hitler gleichzeitig an der Macht waren,

starben mehr Menschen in der Ukraine als irgendwo sonst in den

Bloodlands oder in Europa oder auf der Welt.“

Timothy Snyder, Bloodlands


„Aber wer weiß eigentlich noch, dass der Frieden nur deshalb

von Dauer ist, weil es Institutionen gibt, die ihn jederzeit

erzwingen können?“

Jörg Baberowski, Räume der Gewalt


„Schon die Vorstellung, die Politik lasse sich von den

Wechselfällen des Lebens isolieren und zum Monopol nur einer

Gruppe oder einer Ideologie machen, ist unter den Bedingungen 

des modernen Lebens nicht zu verwirklichen.“

Richard Pipes, Russland vor der Revolution


„Der Mensch als Zuschauer verdrängt Schritt für Schritt, ohne auf

Widerstand zu stoßen, den Menschen als Beteiligten.“

Gustaw Herling, Tagebuch bei Nacht geschrieben


„Im Krieg und auch ohne Krieg wird man alle erschießen, die

nicht zu uns gehören – oder sie werden ins Gefängnis gesteckt,

um dort einzugehen.“

Anna Politkowskaja, Russisches Tagebuch 


1.

„Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ gilt als Ausspruch einer aus dem Chinesischen übertragenen Verwünschung. Wer wollte abwehren, möchte ein Unbeholfener einwenden, Zeitläufte voller Überraschungen zu erleben? Honi soit qui mal y pense. Um gleich noch einen Wahlspruch aufzufahren, nämlich jenen unverfänglichen der Ritter des Hosenbandordens. Deutet man die Gunst des Schicksals so, welterschütternde Ereignisse aus der Perspektive „siebte Reihe, fußfrei“ verfolgen zu können, wäre die Sache an sich nicht zu verübeln. Vorausgesetzt man gefällt sich in der Rolle des Zynikers. Was aber, wenn der Zuschauer es nicht mehr bestimmt, dass er nur Zuschauer bleibt? Wenn nicht er, die Umstände nutzend, Schlitten fährt, sondern die Umstände mit ihm Schlitten fahren? Wenn man sich plötzlich so in die Dinge verstrickt findet, wie man es nie sein wollte? Wenn die Politik sich für die Menschen interessiert, dann wird es gefährlich, lautet einer der Schlüsselsätze in einem Fragment gebliebenen Roman von Friedrich Torberg. Wenn Menschen es sich nicht mehr aussuchen können, kein Interesse an Politik zu zeigen… Natürlich ist das alles schon einmal dagewesen. Geschichte wiederholt sich. Als Farce. Doch auch eine Farce kann sich als todbringend erweisen.


2.

„…und anstatt zu versuchen, Frieden zu kriegen, gaben sie sich wieder mit Kriegen zufrieden“, kommentierte Karl Farkas einst in der Wochenschau den Ausbruch des Korea-Kriegs. Liegt das zu lange zurück, um sich noch seiner Bedeutung für die Entwicklungen in Europa bewusst zu sein? Oder einfach zu weit weg?

In der achten Kalenderwoche des Jahres 2022 lässt der alternde Autokrat Russlands, Wladimir Putin, seine Streitkräfte in die Ukraine einmarschieren, um einen vorgeschobenen Genozid an ethnischen Russen zu stoppen und eine ebenso vermeintliche Nazi-Herrschaft in Kiew zu beenden. Das ist eine nicht nur nicht-erklärte Kriegserklärung an den souveränen Staat Ukraine, sondern ein Beutegriff auf die bestehende Weltordnung. Putin setzt seinen Fiebertraum von der Revision des Zerfalls der Sowjetunion als militärische Eskalation in die Realität um. Kein Menschenleben zählt dem, der Opfer zu bringen fordert und doch nie auf den Gedanken verfiele, sich selbst zu opfern. Stell dir vor, es ist Krieg und keiner schafft es mehr weg…


3.

Im Februar beklagt eine in Großbritannien exilierte Hongkonger Bürgerrechtsaktivistin in der Tageszeitung „Die Welt“ das völlige Versagen Europas angesichts der Bezwingung der einzigen demokratischen Enklave Festlandchinas durch den staatskapitalistischen Postmaoismus. Ihre Philippika gemahnt an die Brandrede des Negus vor dem Völkerbund, da er den noch freien Nationen des Kontinents, die dem Überfall des faschistischen Italiens auf Abessinien nichts anderes entgegenzusetzen wussten als zahnlose Resolutionen, ihr kommendes Schicksal in Aussicht stellte.

Geschäftemacherei kennt keine Moral. Und ließe sich mit Teufeln handeln, macht man sich vor, sie womöglich durch Handel zu bekehren.


4.

Ein Untoter ist wieder auferstanden in Europa: der Krieg.

Wird er/es (schweiz.: das Malaise) mit dem Fiasko des Aggressors enden?

Soviel steht fest: die Ereignisse beschämen die Gutgläubigen und sie lehren die Untergangsapologeten das Fürchten. Sie zeihen diplomatisches Verhandlungskalkül der Naivität und trübsinnigen Pessimismus des mangelnden Realitätssinns. Niemand in den extremen Positionen könne sagen, er oder sie habe es kommen gesehen, hätte es kommen sehen müssen.

„You see, what you think you saw”, schätzte der Choreograph William Forsythe einmal Sichtweisen ein. Und in der disruptiven Ära der “alternativen Fakten” gilt: Du siehst, was du sehen willst.

Aber, objektiv betrachtet: War tatsächlich alles so unabsehbar?


5.

Zu Zeiten von Glasnost und Perestroika kam eine Zusammenarbeit von russischen und deutschen Archäologiestudenten und -studentinnen zustande, die an einem ehemaligen Frontabschnitt auf dem heutigen Staatsterritorium von Belarus Gefallene exhumierten, um sie in der angemessenen Weise in einen Soldatenfriedhof zu überführen. Die russischen Studenten machten dabei eine besonders makabre Entdeckung: die skelettierten Leichname von Rotarmisten, die Schusswunden aufwiesen, die eindeutig belegten, dass sie in der zur Frontlinie feuernden Richtung, also von hinten, erschossen worden waren. Der Umstand ihrer Tötung war weder dadurch zu erklären, dass es Einheiten der deutschen Wehrmacht gelingen konnte, Truppenteile des Gegners zu umfassen, was absurd gewesen wäre zu einem Zeitpunkt, da über den Ausgang von Kesselschlachten längst die sowjetischen Truppen allein geboten. Noch durch eine bestimmte Form es militärischen Versagens, das der notorische US-General Norman Schwarzkopf euphemistisch als Friendly Fire bezeichnete. Vielmehr stießen die Archäologiestudenten auf den handfesten Beleg einer Tatsache, die auch nach Kriegsende in der UdSSR zu erinnern lebensgefährlich gewesen wäre: Um dem von Stalin ausgegebenen Verbot des Zurückweichens zu entsprechen, saßen den Rotarmisten beim Vormarsch gegen die Wehrmacht Spezialkräfte des Militärgeheimdienstes im Nacken, die den an sie ergangenen Schießbefehl immer wieder in die Tat umsetzten.

Im Dezember 2021 wurde die russische Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich vordringlich der Aufarbeitung des stalinistischen Terrors widmete, nach einer Fülle von Schikanen und Beschränkungen, durch Gerichtsbeschluss aufgelöst.


6.

Die Despotie fürchtet nichts so sehr wie die Selbstorganisation mündiger Bürgerinnen und Bürger. Darum trachtet sie nach Gleichschaltung, will Uniformität. Einheitspartei, gelenkte Gerichtsbarkeit, Willkürjustiz und Schauprozesse, Medienzensur, Unterdrückung der freien Presse und der Meinungsäußerung, repetitive Propaganda konstruierter Bedrohung, Nationalgefühlsduselei und Geschichtsklitterung sind ihre prägenden Charakteristika.

„Die Macht muss fälschen, weil sie in eigenen Lügen gefangen ist. Sie fälscht die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft“, schrieb Václav Havel 1978 in seinem politischen Essay Moc Bezmocných (Von der Macht der Ohnmächtigen), der auf Deutsch 1980 unter dem Titel Versuch, in der Wahrheit zu leben erschien. Wer dies unterlässt, so die Conclusio, lebt die Lüge.

In der Lüge sich einzurichten, seine Landsleute in sie zu zwingen, darin wurde Wladimir Wladimirowitsch zu lange auch von der sogenannten freien Welt unterstützt.

Oppositionelle Stimmen wurden in Putins Russlands über Jahre systematisch mundtot gemacht, weggesperrt, in die Flucht geschlagen oder im wortwörtlichen Sinne tot gemacht. Umso bemerkenswerter ist der Mut all jener, die heute in Sankt Petersburg, in Moskau oder wo auch immer in Russland an die Öffentlichkeit treten, um zu bekunden, dass sie mit dem Überfall auf Land und Leute in der Ukraine nicht einverstanden sind.


7.

Wofür steht Europa? ist die unvollständige, falsche Frage. Wofür ist man in Europa bereit einzustehen? müsste sie präziser lauten.

Michail Gorbatschow prägte einst die berückende Analogie vom gemeinsamen Haus. In einem Mehrparteien-Wohnhaus kann niemand wohnen bleiben nach seinen/ihren Regeln, der/die damit alles an wechselseitiger Verbindlichkeit Ausverhandelte mit Füßen tritt.

Zivilisation verheißt die Obsoleszenz des Naturrechts.

Verführe man allgemein nach der Lenin-Methode (Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück), kehrte man zurück in die Barbarei!


© Bernhard Hatmanstorfer


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