Die digitale Plattform für oberösterreichische Literatur: Rezensionen, Veranstaltungen, Publikationen, Essays. Wenn Literatur in der medialen Öffentlichkeit nicht mehr vorkommt, übernehmen wir das eben selbst. Kritik erwünscht!
Mittwoch, 16. Februar 2022
Donnerstag, 10. Februar 2022
KURGARTEN II
Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall.
Lisa-Viktoria Niederberger
Lutealphase I
Bis zwei in der Früh habe ich gestern Videos auf meinem Handy geschaut. Von Straßenkatzen und Schildkröten ohne Beine. Eine Datingshow aus England. Menschen, die von ihrem Coming-out erzählen. Ein Waisenhaus für Orang-Utans. Heute verweigert mein Hirn. Die kognitiven Fähigkeiten haben sich alle zusammengeschlossen für einen Generalstreik. Ich schreibe trotzdem, ist ja eine Residency hier. Ich habe vergessen, was „Show“ und was „Tell“ ist. Ich esse eine Schachtel Bitterschokoladenbutterkekse, höre mir Youtube-Tutorials darüber an, wie man gut schreibt und lösche alles, was ich heute geschrieben habe.
Grillparzer
Ich schreibe gerne mit gekipptem Fenster, damit ich die Krähen höre, das Rauschen der Bäume und die Kirchenglocken. Es ist Sonntag, ich arbeite an einer traurigen Szene. Schon zweimal geheult. Vor meinem Fenster hat die Stadtführung Halt gemacht. Ich lerne, dass die medizinische Leistung von Dr. Rabl, dem Erbauer und Namensgeber der Villa, in der ich wohne, eine Augenbehandlung mit Jod gewesen ist. Vor einem Monat bin ich an den Augen operiert worden. Ich denke wieder an die Aufspreizhaken, daran, wie mir die OP-Assistentin die Wimpern mit Tixo oben und unten festgeklebt hat, damit ich nicht blinzle. Höre das Brutzeln des Lasers und sehe wieder die Weltraumschlacht. Die Stadtführerin sagt, dass Dr. Rabl hier berühmte Künstler während ihrer Kur behandelt hat: Grillparzer, Anzengruber, Makart. Ich stelle mir vor, wie Dr. Rabl Grillparzer an einen Lederstuhl bindet. Den Dichterschädel am Kopfteil festschnallt, einen Lederriemen rund um die Stirn. Ihm Jod in die Augen tropft. Wie es brennt. Wie Grillparzer sich winden würde, wenn er könnte. Wie er schreit stattdessen, den Doktor in einer unflätigen Sprache, dem Schriftsteller unwürdig, beleidigt. „Aber gehn S‘, Herr Grillparzer, das ist ja alles nicht so schlimm. Da müssen S‘ jetzt durch. Ja Sie als Schriftsteller, was täten Sie denn ohne Ihre Augen. Danken werden Sie mir noch.“ Dr. Rabl streichelt dem Autor väterlich den Unterarm. Aber Grillparzer schreit und schreit, reißt sich die Haut an den Lederriemen auf. Und später, als Grillparzer den Alpenkönig schreibt, wird er sich, immer dann, wenn er am Menschenfeind arbeitet, zurückerinnern. Wie schön die Vöglein vor dem Fenster gezwitschert, und die Brunnen geplätschert haben, als der Doktor ihm Feuer in die Augen gegossen hat. Ihm danken, weil er jetzt Hass kann, weil er all seinen Schmerz in diese Figur reinschreiben kann.
Lutealphase II
Ich wache auf, und bin der Überzeugung, dass alles was ich schreibe, geschrieben habe und je schreiben werde kompletter Schrott ist. Mittags schaffe ich es irgendwie aus dem Bett, putze mir die Zähne und bin zu viel auf Social Media. Ich zwinge mich zum Spazierengehen. Finde ein Renaissanceschlösschen mittelmäßig spannend und eine Rokokokirche auch nicht gerade berauschend. Stehe lange an der offenen Tür und kann nicht reingehen. Heute ist ein Tag, an dem ich Heiligenstatuen und Kruzifixe extra gruselig finde. Wo ich keine gefolterten Menschen, nicht mal aus Holz, sehen will, mir allein der Gedanke an diese Gewalt ein Gefühl von Ameisen auf der Haut gibt. Es überall zwickt, wenn ich Jesus da hängen sehe. Dass ich mich beobachtet fühlen würde, da drinnen. Später mache ich lustlos drei Fotos von einem rostigen Kriegerdenkmal, um mir beweisen zu können, dass ich draußen war. Ich spucke von einer Brücke in den Bach und frage mich, wie viele Preise, wie viele Stipendien und Verlagsanrufe ich bekommen muss, bis ich auch dann finde, dass ich sie verdiene, wenn meine Regel in ein paar Tagen kommt.
Donnerstag, 3. Februar 2022
KURGARTEN I
Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall.
Lisa-Viktoria Niederberger
Sagari
Bäume, Misteln, Krähen. Ich mag meine Aussicht. Ich kann vom Schreibtisch in den Kurpark sehen. Im Kurpark gehen zwei Mädchen mit Pferden spazieren, wie Hunde führen sie sie an der Leine. Wenn die Pferde wiehern, klingt es nach Panik, nach Stress. Das Wiehern kommt aus dem Nebel, ich muss an die Sagari denken, Pferdekopfgeister der japanischen Folklore. Wenn ein Pferd auf der Straße stirbt, wenn es liegen gelassen wird, um dort zu verwesen, dann kann es sein, dass sich die Pferdeseele in den Ästen der Bäume verfängt. Ab dann erschreckt der Pferdekopfgeist Wandernde, in dem er sich aus Baumkronen fallen lässt und laut schreit, seine Opfer vor Schreck lähmend. Es wiehert wieder vor meinem Fenster, ich verschütte Tee. Es wiehert wieder vor meinem Fenster, und ich weiß, ich werde im Nebel hier nicht spazieren gehen können.
Schnittblumen
Zuerst Fair Trade Rosen, jetzt Tulpen.
Beide Sträuße vom Spar, beide Sträuße rot und gelb.
Räucherstäbchen und Duftkerzen im Frauenarbeitszimmer.
Farbstifte. Haftnotizzettel in vier Neonfarben. Disney-Piano-Medleys zum Schreiben.
Farblich sortierte, nummerierte Notizen: weibliche Pedanterie.
Frauenthemen:
Abtreibung und Trennung Ü35 (gelb)
Missbrauch, Bindungsprobleme, undiagnostizierter Autismus (orange).
Prekariat (grün)
Sexualisierte Gewalt, Rassismus (pink)
Ich bastle Motivationssprüche. Erinnerungen an mich selbst. Mahnungen.
Schokolade, Marillenmarmeladebrote und zum Durchschnaufen an den Blumen riechen.
X
Dort wo der Kurpark aufhört, und der Wald anfängt, treffe ich eine traurige Frau. Ich habe an einem Bach drei hohe, alte Eichen entdeckt. Totgeweihte Eichen: sie tragen ein neonpinkes X auf ihrer Rinde. Der einzige Farbklecks in der monochromen Regenwelt. Die traurige Frau sieht mich lange an, bevor ich sie bemerke und meine Kopfhörer abnehme. „Ihnen gefallen die Bäume“, sagt sie. Ich nicke. „Mögen Sie Misteln auch, hier haben alle Bäume so viele Misteln.“ Ihre Traurigkeit, eine unsichtbare dunkelgraue Wolke rund um sie. „Sie sind so jung, und trotzdem schon da“, sagt die traurige Frau. „Wie? Ich?“ „Darf ich Sie fragen, was Sie haben?“ Ich will ihr nicht sagen, dass ich kein Kurgast bin. „Mich macht manchmal alles so traurig, dass ich mich nicht mehr bewegen kann“, sage ich. „Das kenne ich. Wollen Sie etwas sehen?“ Ich nicke. Sie hält mir eine Schlüsselblume entgegen. Hellgelbe Blüten, frischgrüne Blätter, ein Wurzelstock voller Erdbröckchen, eine dreckige Hand. „Ich hab sie ausreißen müssen. Himmelschlüssel im Januar, das ist ein übler Vorbote. Die haben wegmüssen.“ Mir fällt dazu nichts Positives ein.
Montag, 24. Januar 2022
Zur Bewandtnis des Unvorhergesehenen.
Zu Herbert Christian Stögers Textsammlung „partibus“
le cygne sur le lac fait le scorpion à sa manière
Picasso
Herbert Christian Stöger ist seit Jahr und Tag als bildender Künstler und Schriftsteller zugange. Oder vice versa. Eine Professionskombination, die so manche(r) in sich zu einen versteht. Man denke an Größen wie Richard Wall, Dürrenmatt, Leonora Leitl, Adalbert Stifter, Unica Zürn, die Oppenheim oder Picasso. Mit letzterem teilt Stöger seine Anverwandlung einer Tradition der literarischen Avantgarde. Dass er sich für jene der Lesbarkeit entschieden hat, sollte ihm nicht allein dadurch vergolten bleiben, dass man in Talmesch, Heltau oder, meinetwegen, Großscheuern regelmäßig Rosenkränze für sein Seelenheil herunterbetet. Seine Bücher sind es wert auch gekauft und gelesen zu werden.
Jetzt also „partibus“ – was notabene nix zu tun haben will mit Party-Bus. Einhundert Teile und einer an Text-Miniaturen – nähme man des Autors launige Vita hinzu, wären einhundertzwei zu zählen – zu einem handsamen Werk im Brevier-Format gebunden, vorstellbar unter der Soutane zur, von Borchardt besorgten, gemeinverständlichen Ausgabe des Marxschen Kapitals passend tragbar. Begleitet werden die Texte von Poemen, sachdienlichen Bekundungen weiß auf schwarz, sowie Wiedergaben von graphischen Arbeiten des Künstlers.
Wer sich als Nicht-Canidenaffiner hin & wieder fragt, warum man Hunden Kauknochen wirft, findet sich mit der Erklärung abgespeist, das Zeug trainiere die Muskulatur. (Wer wollte aber auch, dass seinem putzigen Pitbull die Beißkraft erschlaffe?) Könnte es sein, dass uns der stupende Autor Quasi-Kauknochen (nicht in Biskottenform freilich, sondern) als portionierte Prosaminiaturen darbietet? Um uns ins Fabulieren von Fikta wie Fama einzugewöhnen? Das Weiterspinnen von Geschichtenausgängen anzustoßen? Dann wäre es wohl mentalmedizinisch angezeigt, HC Stögers Elaborate rezeptfrei und großzügig zu verabreichen. Nicht nur durch die hochnotwendigen Einrichtungen der literarischen Grundversorgung (wie der GAV). Gerade in Zeiten grassierender Radikalverhunzung.
Lässt man sich auf diese Texte ein, mehr noch: lässt man sich in sie fallen, irritieren sie Erwartungsroutinen fulminant. Oder verhageln einem das Resümee rekapitulierenden Nacherzählens durch lapidare Schlusssätze à la: „Nichts ist geschehen. Niemandem wurde ein Leid angetan.“ Man weiß spätestens seit Ror Wolf, dass die Beschreibung einer Idylle den Verdacht aufdrängt sie falsch zu deuten, bei gleichzeitig bestehender Unsicherheit, auch hierüber einem Irrtum zu erliegen.
Man kann also nie genau wissen, woran man ist. Was eine surreale Auffassung von Wirklichkeit evoziert. Oder, mit Ginka Steinwachs gesprochen: „Der Mensch ist das einzige Wesen, das Wirklichkeit simuliert und sie glaubt.“
Beispielgebend erwähnt seien die Geschichte, die nach dem Motto „Wie man sich bettet, beeinflusst den Lauf der Welt“ abläuft (6), die Offenbarung über die Folgen der Verfreundung mit Nachbarn (13), die Schilderung des Schmetterlingseffekts, den Orgeltöne auslösen (26), eine Hommage an die gothic novel (35), die Rehabilitierung des literarisch-untoten Doppelgängermotivs (37), schließlich eine Warnung vor dem Innenleben von Häusern (68), als wäre es als Wink gedacht, Danielewskis House of Leaves wieder einmal (lesend) zu besuchen. Dass es viele Varianten gibt eine vielversprechende Beziehung zu verdeichseln, ruft einem jener Text ins Gedächtnis zurück, in welchem der Protagonist sich selbst begegnet (56) – schon setzt einem Walter Benjamins Definition von Glücklichsein zu! Wie hieß gleich noch jener Dichter, der die Empfehlung aussprach: „Erinnern Sie sich daran, mich zu vergessen“? Text 84 lässt einen an eine bildende Künstlerin mit russischem Akzent denken, die diesen Satz zitierte.
Mutet manches als Skizze zu einer Filmszene an, findet sich anderes ähnlich Traumgesichte gestaltet. Es ist davon auszugehen, dass der Autor „Entr’acte“ von Renè Clair kennt. Ebenso scheint er mit Lautréamonts Aperçu, das vom zufälligen Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch handelt, vertraut.
Meret Oppenheim notierte: „A la lisière du bois un chasseur égaré demande aux cerfs un verre d’eau.“ Auch eine Beobachtung, von der sich denken ließe, sie würde unter den Sensitiven einem HC Stöger genauso unverwandt zuteil.
partibus
Herbert Christian Stöger
Herausgegeben von edition fabrik.transit 2021
ISBN 978-3-903267-25-1
© Bernhard Hatmanstorfer
Montag, 17. Januar 2022
Franz Kain im Stifterhaus
Auf überaus großes Interesse stieß die Veranstaltung der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung zum 100. Geburtstag ihres 1997 verstorbenen ehemaligen Mitglieds Franz Kain im Linzer Stifterhaus. Aufgrund der gegenwärtigen Bedingungen standen allerdings nur 70 Sitzplätze zur Verfügung und bei der Anmeldung mussten manche Interessierte abgewiesen werden.
(Anmerkung: Der Abend wurde aufgezeichnet und steht unter https://www.dorftv.at/video/36956 zum Nachsehen.)
Nach der Begrüßung durch die stellvertretende Direktorin des Stifterhauses Regina Pintar stellte Judith Gruber-Rizy, die den gesamten Abend konzipiert hatte, in ihrem Eingangsreferat Lebenslauf und Werk Franz Kains vor. Begleitet wurde dies durch Photographien und Videos, die Alenka Maly zusammengestellt hatte. Rudolf Habringer brachte Kains Erzählung »Nachrede für Habsburg« zu Gehör, und im Anschluss schilderten Kurt Mitterndorfer, Franz Fend und Helmut Rizy jeweils ihre Begegnungen mit dem Schriftsteller, Journalisten und Politiker Franz Kain. Hubert Achleitner (Hubert von Goisern), der die Veranstaltung auch musikalisch begleitete, trug einen Abschnitt aus Kains Roman »Das Ende der Ewigen Ruh« vor. Mit dem Hinweis, dass der Kain einen gemütlichen Abend gern mit Gesang ausklingen habe lassen, stimmte er zum Abschluss zusammen mit Alenka Maly und Katharina Kain den »Wildschütz« an, bei dem auch manche Besucherin und mancher Besucher schließlich einstimmte.
H.R.
| Fotos: Helmut Rizy |
| Foto: Barbara Mitterndorfer-Ehrenfellner |
Dienstag, 14. Dezember 2021
Die Lage als Plage
“Truth
is a cornerstone of our democracy.”
Michiko
Kakutani,
The
Death of Truth
“Post-truth
is pre-fascism.“
Tomothy
Snyder,
On
Tyranny
“People
have always had different opinions. Now they have different facts.”
Anne
Applebaum,
Twilight
of Democracy
Zweifachkurzeitkanzler Kurz ist ab sofort nicht wieder nur für kurz, sondern, wie es den Anschein hat, nun dauerhaft weg – vom (politischen) Fenster. Er scheiterte an einem Gegner, den er, durch die rhetorische Theatralik der message control bewirkte Vernebelung, offenbar gar nicht auf Sicht hatte: sich selbst. Aus dem Freundeskreis türkiser Adlaten bleiben freilich diverse Attrappen sesselklebend zurück. Bleibend mitverantwortlich für den Coup, Parteiloyalität durch Obmannservilität ersetzt zu haben. Erinnert sei etwa an den Zinnober des obersten Berufstirolers, der noch vor einigen Wochen expressis verbis kundtat, der Zweck heilige die Mittel und wenn der Zweck die Mandatsmehrheit der Volkspartei sei, folge daraus stringent die Benediktion dessen, der sie bewirkt hat, egal mit welchen Mitteln. Damit befinden wir uns ganz im Katholischen, einer Tradition, die, bezeichnenderweise, die Pia fraus, die fromme Lüge, ersonnen hat. Welche Ironie, dass Kurz sich nicht auch noch als einer von den Frömmlern inszenierte, wie Nationalratspräsident Sobotka, Niederösterreichs Steuergeld-Trickster a. D., Organisator von unnötigen Parlamentsmessfeiern und alerter Skandalon-Schönredner („Fürs Inserat gibt’s ein Gegengeschäft, natürlich!“). Ebenso bleibt auch Oberösterreichs Landeshauptmann als Türkiser punziert. Man entsinne sich der Huldigungsverrenkungen an die Adresse des wiedergewählten Erwählten, auf einem bemerkenswert programmbefreiten Parteitag im Sommer. An die Eloge einer überforderten Gesundheitslandesrätin Haberlander auf einen nicht minder überforderten Landeshauptmann, in der drängenden Agenda Pandemiebekämpfung, im morgendlichen Rundfunk (Ö1-Morgenjournal, 10.11.2021), ganz der sedierenden Dramaturgie des Beschwichtigens und des Ablenkens verpflichtet. Das spiegelt kein verantwortungsvolles Handeln in gewählter Funktion, sondern irrlichtert als Attitüde eines permanenten, fingierten Wahlkampfs.
Als würde einem die Realität nicht schon genug an Herausforderung auferlegen, erlebt man dieser Tage die Manifestationen aggressiver Dummheit zunehmend militant werden. Die Rede ist von den Maßnahmengegnern wie den Leugnern der Pandemie. Dass gerade diejenigen sich in ihren Rechten beschränkt wähnen, die im Schulterschluss der Beschränkten mit den Rechten den Gleichmut der Vielen strapazieren und in deren Freiheit einzugreifen sich herausnehmen, ist nicht nur Zynismus in Praxis, sondern zielt auf eine Verkehrung der Verhältnisse durch das Heraufbeschwören einer Despotie der Denkfaulheit ab. Da tröstet es wenig, sich vor Augen zu führen, dass die sich hierzu formierenden Kräfte, auch à la longue gesehen, nicht ausreichen werden allein die Karikatur eines Umsturzes, eine Art Umstülpungsversuch, herbeizuzetern, denn die Kollateralschäden dieses Empörungsfurors werden den Hang zur kindischen Verantwortungsflucht, zur rücksichtslosen Unverantwortlichkeit, weiterhin befeuern.
Die schon vor über fünfzig Jahren von Elfriede Jelinek diagnostizierte Infantilgesellschaft ist in ihrer Entwicklung offenkundig steckengeblieben, befördert durch die Stimulanzien der, wie Werner Schneyder sie nannte, „asozialen Medien“. Wir sind nicht in den „automatischen Faschismus“ abgedriftet, wie es Michael Scharang nahezu zeitgleich halluzinierte. Wie sich zeigt, lassen die Randformen gegenwärtiger Verirrung in ihrem Wesenskern Blamableres zutage treten: nämlich die Wiederholung der Geschichte als Farce. Mitanzusehen, wenn Ökofreaks aller Couleur und Esoteriksumperer in Walkwesten mit geschniegelten und anderswie kostümierten Neonazis vereint die realen Opfer ihrer historischen Verbrüderung in Beschlag nehmen. Ein Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde in Wien bezeichnete diese illegitime Vereinnahmung dezent als „geradezu pervers“. Wollte Zurückhaltung einmal nicht mehr geübt werden, bliebe als Attribut… Genau!
© Bernhard Hatmanstorfer
Samstag, 4. Dezember 2021
ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG!
Irmgard Perfahl, 1921-2026, in Memoriam
Von Richard Wall Foto: Reinhard Winkler Ein Gedicht greift vieles auf und kleidet es in Worte die es bei aller Klärung als Rätsel be...
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Rezension von Dominika Meindl Vielleicht trügt die Erinnerung, aber gab es nicht einen Preis für den bemerkenswertesten literarischen Tite...
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Liebe Franziska Schutzbach, es birgt ein Risiko jemanden persönlich zu treffen, dessen Werk uns begeistert. Denn Begeisterung ist das, was...
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Nachbericht von Elisabeth Strasser „ Lasst uns Literatur, Dichten und Denken zum Jahresausklang feiern!“, stand als Untertitel auf der Ein...