Dienstag, 8. März 2022

Geste – Schrift – Bild – Poesie. Ein Nachruf auf Josef Bauer

Von Richard Wall

 1

Nach seinem Tod, Traumsequenzen, verblassend: Der Stabhochspringer läuft mit seinen Stangenbuchstaben durch eine baumlose Landschaft … / Das Wort ROT schwebt als Laken im grünen Blattwerk eines Gartens … / Der Stabhochspringer rührt Farbmassen, streicht ein BLAU auf eine Plastikfolie, legt einen Bilderrahmen darüber … / Lässt Gips und Beton nach Interaktionen mit seinem Körper zu Reliefs und Skulpturen erhärten … / Vom jugendlichen, allerdings von grauen Haaren umrahmten Gesicht des Stabhochspringers löst sich die Brille und schwebt, zu einem unlesbaren Wort geworden, als taktile Poesie, jedoch unberührbar und uneinholbar durch einen leeren weißen Raum … 


2

Als ich 1989 in die GAV aufgenommen wurde, waren mir der Name Josef Bauer und seine eigenständige bildnerische Arbeit ausschnitthaft bekannt. Spätestens als ich nach der Regionalisierung der GAV als sogenannter Regionaldelegierter der GAV OÖ die Liste der Autorinnen und Autoren in die Hände bekam, wusste ich, dass er auch Mitglied war. 

Als junger Mensch, an Kunst interessiert, hatte ich etwa ab 1970 fast jede Ausstellung, die es in Linz zu sehen gab, besucht. Die Orte, an denen Zeitgenössisches gezeigt wurde, waren wenige. Die Hypo-Galerie Nähe Mozartkreuzung, das Nordico, die Neue Galerie der Stadt Linz im Brückenkopfgebäude West (Vorläufer des Lentos) und die Galerie MAERZ am Taubenmarkt. Hier sah ich das erste Mal Arbeiten des Objekt- und Konzeptkünstlers: In Erinnerung blieb mir eine Fotodokumentation von Buchstabenskulpturen und Buchstaben an Latten oder Stangen, schwarz bemalt, positioniert in einer Landschaft … 


3

Ich nehme an, dass ich Bauer bei einer Veranstaltung in der Galerie MAERZ persönlich kennengelernt habe. Ins Gespräch kamen wir – abseits von Small-Talk und Begrüßungsritualen bei Ausstellungseröffnungen – einige Male im Café Traxlmayr in den 1990er Jahren. Ich erlebte ihn als unaufgeregten und absolut uneitlen Kollegen. Wir sprachen über Kunst, speziell über die seine, ein Schaffen, das er neben seinem Brotberuf in nahezu jeder freien Minute betrieb. Er nannte die Materialien, die er benötigte und verwendete, erwähnte Abgusstechniken und ärgerte sich über Misslungenes, wenn ihm zum Beispiel bei einem Pinselstrich die intendierte Spannung fehlte. Einmal erzählte er mir von der Bedeutung der Galerie Griechenbeisl in Wien für die Avantgarde, wo er mindesten einmal, 1970, ausgestellt hat. Als M. Rutt und ich anlässlich 30 Jahre GAV die von einem Symposium begleitete Ausstellung „Literatur und Bildende Kunst. Die GAV-OÖ“ konzipierten (heute würde man sagen: kuratierten) baten wir auch Josef Bauer um einen Beitrag und um seine Teilnahme (im Katalog zwischen Heimrad Bäcker und Dietmar Brehm vertreten).    

Als beglückend empfand er die Wertschätzung, die Angerlehner seinem Werk entgegengebracht hat. Er zeigte mir, bescheiden wie immer, aber doch auch ein wenig stolz, bei einem Rundgang nach der Eröffnung den repräsentativen Ankauf, bemerkenswert schlüssig präsentiert. Zuletzt sah ich ihn 2019 anlässlich der Eröffnung seiner Schau im Belvedere 21 und kurz darauf in der Galerie MAERZ, wo ihm zu seinem 85. Geburtstag ebenfalls eine Ausstellung gewidmet wurde.  


4

Eines seiner künstlerischen Anliegen war die Transformation eines visualisierten Textes/Wortes in eine haptische Qualität, wobei diese „Verdinglichung“ oft mit dem menschlichen Körper (oder Körperteilen) korrespondierte. Auf diversen Flächen „taktiler Poesie“ baute er durch minimale Artikulationsformen eine Spannung auf zwischen dem visuell Wahrnehmbarem und dessen Bedeutung (z.B. im „Zweifarbenbild gelb“, im monochromen Blau steht das Wort „gelb“; oder im Bild „Musterkatalog“ ist das Wort „schwarz“ mit roter Farbe geschrieben). Als originell empfand ich auch seine Objekte und Fotos bzw. Fotodokumentationen in Verbindung mit Sprache („Handalphabet“, etc.) und seine dreidimensionalen Objekte, bei denen ebenfalls Form und Inhalt auseinanderklaffen. Mischtechniken, bei denen er Zeitungen und andere bedruckte Materialien be- und überarbeitete (z.B. „Auswischungen“) sagten mir besonders zu. Ich empfinde dies als einen Eingriff, der eine vorgegebene, industriell gefertigte Botschaft respektive Ästhetik auslöscht und durch die eigene individuelle „Handschrift“ ersetzt oder gar ins Gegenteil verkehrt.


5

Die Sprache des Zeigens – die Sprache der Manipulation – semiotisch gesehen: Hinter einer scheinbar eindeutigen Semantik (Wahrheit?) verbirgt sich oft eine andere Sigmatik oder Pragmatik. Welch eine Aktualität.


Josef Bauer und seine Frau Ulrike bei Eröffnung der Ausstellung
„Demonstration“ im Belvedere 21, 4. 9. 2019


Josef Bauer (links) im Gespräch vor Eröffnung
seiner Ausstellung im Belvedere 21, 4. 9. 2019


Text und Fotos: Richard Wall

Donnerstag, 3. März 2022

…und Sturm zieht auf

„Während Stalin und Hitler gleichzeitig an der Macht waren,

starben mehr Menschen in der Ukraine als irgendwo sonst in den

Bloodlands oder in Europa oder auf der Welt.“

Timothy Snyder, Bloodlands


„Aber wer weiß eigentlich noch, dass der Frieden nur deshalb

von Dauer ist, weil es Institutionen gibt, die ihn jederzeit

erzwingen können?“

Jörg Baberowski, Räume der Gewalt


„Schon die Vorstellung, die Politik lasse sich von den

Wechselfällen des Lebens isolieren und zum Monopol nur einer

Gruppe oder einer Ideologie machen, ist unter den Bedingungen 

des modernen Lebens nicht zu verwirklichen.“

Richard Pipes, Russland vor der Revolution


„Der Mensch als Zuschauer verdrängt Schritt für Schritt, ohne auf

Widerstand zu stoßen, den Menschen als Beteiligten.“

Gustaw Herling, Tagebuch bei Nacht geschrieben


„Im Krieg und auch ohne Krieg wird man alle erschießen, die

nicht zu uns gehören – oder sie werden ins Gefängnis gesteckt,

um dort einzugehen.“

Anna Politkowskaja, Russisches Tagebuch 


1.

„Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ gilt als Ausspruch einer aus dem Chinesischen übertragenen Verwünschung. Wer wollte abwehren, möchte ein Unbeholfener einwenden, Zeitläufte voller Überraschungen zu erleben? Honi soit qui mal y pense. Um gleich noch einen Wahlspruch aufzufahren, nämlich jenen unverfänglichen der Ritter des Hosenbandordens. Deutet man die Gunst des Schicksals so, welterschütternde Ereignisse aus der Perspektive „siebte Reihe, fußfrei“ verfolgen zu können, wäre die Sache an sich nicht zu verübeln. Vorausgesetzt man gefällt sich in der Rolle des Zynikers. Was aber, wenn der Zuschauer es nicht mehr bestimmt, dass er nur Zuschauer bleibt? Wenn nicht er, die Umstände nutzend, Schlitten fährt, sondern die Umstände mit ihm Schlitten fahren? Wenn man sich plötzlich so in die Dinge verstrickt findet, wie man es nie sein wollte? Wenn die Politik sich für die Menschen interessiert, dann wird es gefährlich, lautet einer der Schlüsselsätze in einem Fragment gebliebenen Roman von Friedrich Torberg. Wenn Menschen es sich nicht mehr aussuchen können, kein Interesse an Politik zu zeigen… Natürlich ist das alles schon einmal dagewesen. Geschichte wiederholt sich. Als Farce. Doch auch eine Farce kann sich als todbringend erweisen.


2.

„…und anstatt zu versuchen, Frieden zu kriegen, gaben sie sich wieder mit Kriegen zufrieden“, kommentierte Karl Farkas einst in der Wochenschau den Ausbruch des Korea-Kriegs. Liegt das zu lange zurück, um sich noch seiner Bedeutung für die Entwicklungen in Europa bewusst zu sein? Oder einfach zu weit weg?

In der achten Kalenderwoche des Jahres 2022 lässt der alternde Autokrat Russlands, Wladimir Putin, seine Streitkräfte in die Ukraine einmarschieren, um einen vorgeschobenen Genozid an ethnischen Russen zu stoppen und eine ebenso vermeintliche Nazi-Herrschaft in Kiew zu beenden. Das ist eine nicht nur nicht-erklärte Kriegserklärung an den souveränen Staat Ukraine, sondern ein Beutegriff auf die bestehende Weltordnung. Putin setzt seinen Fiebertraum von der Revision des Zerfalls der Sowjetunion als militärische Eskalation in die Realität um. Kein Menschenleben zählt dem, der Opfer zu bringen fordert und doch nie auf den Gedanken verfiele, sich selbst zu opfern. Stell dir vor, es ist Krieg und keiner schafft es mehr weg…


3.

Im Februar beklagt eine in Großbritannien exilierte Hongkonger Bürgerrechtsaktivistin in der Tageszeitung „Die Welt“ das völlige Versagen Europas angesichts der Bezwingung der einzigen demokratischen Enklave Festlandchinas durch den staatskapitalistischen Postmaoismus. Ihre Philippika gemahnt an die Brandrede des Negus vor dem Völkerbund, da er den noch freien Nationen des Kontinents, die dem Überfall des faschistischen Italiens auf Abessinien nichts anderes entgegenzusetzen wussten als zahnlose Resolutionen, ihr kommendes Schicksal in Aussicht stellte.

Geschäftemacherei kennt keine Moral. Und ließe sich mit Teufeln handeln, macht man sich vor, sie womöglich durch Handel zu bekehren.


4.

Ein Untoter ist wieder auferstanden in Europa: der Krieg.

Wird er/es (schweiz.: das Malaise) mit dem Fiasko des Aggressors enden?

Soviel steht fest: die Ereignisse beschämen die Gutgläubigen und sie lehren die Untergangsapologeten das Fürchten. Sie zeihen diplomatisches Verhandlungskalkül der Naivität und trübsinnigen Pessimismus des mangelnden Realitätssinns. Niemand in den extremen Positionen könne sagen, er oder sie habe es kommen gesehen, hätte es kommen sehen müssen.

„You see, what you think you saw”, schätzte der Choreograph William Forsythe einmal Sichtweisen ein. Und in der disruptiven Ära der “alternativen Fakten” gilt: Du siehst, was du sehen willst.

Aber, objektiv betrachtet: War tatsächlich alles so unabsehbar?


5.

Zu Zeiten von Glasnost und Perestroika kam eine Zusammenarbeit von russischen und deutschen Archäologiestudenten und -studentinnen zustande, die an einem ehemaligen Frontabschnitt auf dem heutigen Staatsterritorium von Belarus Gefallene exhumierten, um sie in der angemessenen Weise in einen Soldatenfriedhof zu überführen. Die russischen Studenten machten dabei eine besonders makabre Entdeckung: die skelettierten Leichname von Rotarmisten, die Schusswunden aufwiesen, die eindeutig belegten, dass sie in der zur Frontlinie feuernden Richtung, also von hinten, erschossen worden waren. Der Umstand ihrer Tötung war weder dadurch zu erklären, dass es Einheiten der deutschen Wehrmacht gelingen konnte, Truppenteile des Gegners zu umfassen, was absurd gewesen wäre zu einem Zeitpunkt, da über den Ausgang von Kesselschlachten längst die sowjetischen Truppen allein geboten. Noch durch eine bestimmte Form es militärischen Versagens, das der notorische US-General Norman Schwarzkopf euphemistisch als Friendly Fire bezeichnete. Vielmehr stießen die Archäologiestudenten auf den handfesten Beleg einer Tatsache, die auch nach Kriegsende in der UdSSR zu erinnern lebensgefährlich gewesen wäre: Um dem von Stalin ausgegebenen Verbot des Zurückweichens zu entsprechen, saßen den Rotarmisten beim Vormarsch gegen die Wehrmacht Spezialkräfte des Militärgeheimdienstes im Nacken, die den an sie ergangenen Schießbefehl immer wieder in die Tat umsetzten.

Im Dezember 2021 wurde die russische Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich vordringlich der Aufarbeitung des stalinistischen Terrors widmete, nach einer Fülle von Schikanen und Beschränkungen, durch Gerichtsbeschluss aufgelöst.


6.

Die Despotie fürchtet nichts so sehr wie die Selbstorganisation mündiger Bürgerinnen und Bürger. Darum trachtet sie nach Gleichschaltung, will Uniformität. Einheitspartei, gelenkte Gerichtsbarkeit, Willkürjustiz und Schauprozesse, Medienzensur, Unterdrückung der freien Presse und der Meinungsäußerung, repetitive Propaganda konstruierter Bedrohung, Nationalgefühlsduselei und Geschichtsklitterung sind ihre prägenden Charakteristika.

„Die Macht muss fälschen, weil sie in eigenen Lügen gefangen ist. Sie fälscht die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft“, schrieb Václav Havel 1978 in seinem politischen Essay Moc Bezmocných (Von der Macht der Ohnmächtigen), der auf Deutsch 1980 unter dem Titel Versuch, in der Wahrheit zu leben erschien. Wer dies unterlässt, so die Conclusio, lebt die Lüge.

In der Lüge sich einzurichten, seine Landsleute in sie zu zwingen, darin wurde Wladimir Wladimirowitsch zu lange auch von der sogenannten freien Welt unterstützt.

Oppositionelle Stimmen wurden in Putins Russlands über Jahre systematisch mundtot gemacht, weggesperrt, in die Flucht geschlagen oder im wortwörtlichen Sinne tot gemacht. Umso bemerkenswerter ist der Mut all jener, die heute in Sankt Petersburg, in Moskau oder wo auch immer in Russland an die Öffentlichkeit treten, um zu bekunden, dass sie mit dem Überfall auf Land und Leute in der Ukraine nicht einverstanden sind.


7.

Wofür steht Europa? ist die unvollständige, falsche Frage. Wofür ist man in Europa bereit einzustehen? müsste sie präziser lauten.

Michail Gorbatschow prägte einst die berückende Analogie vom gemeinsamen Haus. In einem Mehrparteien-Wohnhaus kann niemand wohnen bleiben nach seinen/ihren Regeln, der/die damit alles an wechselseitiger Verbindlichkeit Ausverhandelte mit Füßen tritt.

Zivilisation verheißt die Obsoleszenz des Naturrechts.

Verführe man allgemein nach der Lenin-Methode (Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück), kehrte man zurück in die Barbarei!


© Bernhard Hatmanstorfer


Dienstag, 1. März 2022

Nicht das Wort ist’s, was man sucht

 


Richard Wall

Nicht das Wort ist’s, was man sucht


Хололно роэе в снегу / Es friert die Rose im Schnee

                                   Ossip Mandelstam


I

Lüge und Vertrauensbruch, wenn auch nur 

beobachtet und indirekt empfunden, 

genügen, um im ganzen Körper 

ein noch nie dagewesenes Gefühl zu erwecken.

Immer wieder, dieses Mal ganz stark 

und bis in die Träume hinein,

erkennst du, fühlst du das Übel,

dort – in der Ferne – so nah.

Körper leblos, verstümmelt, zerfetzt –

nichts Neues, wie immer,

wenn an Masken abprallen Bitte und Frage, 

und von allen guten Geistern verlassen

die Waffen sprechen, Sprache ohne Worte.

Wo sind nun Wege, auf denen, vor einem Ziel, 

das es, wie es scheint, noch nicht gibt,

das Herz sich der Schläge erwehrt,

sich das Schlagen erhält?


II

Ein wenig, nein lange, war Friede hier, 

fast nie im Süden, im Südosten, das haben wir 

aus der Ferne zur Kenntnis genommen 

durch all die Jahre wie den Wetterbericht, 

gefiltert durch Ideologien und Medien.

Nun reckte, ganz in der Nähe,

in einer Engführung von Geschichte,

sinnlos ein Schrecken sein Haupt, ihm eingeschnitten 

die Grimasse des Gräuels, des Gemetzels,

weil ein Sturkopf, humorlos, dem Wahnsinn verfallen, 

vermeintlich gedemütigt wie ein kleines Kind, 

dem ein anderes ein Teil von einem Puzzle vorenthält, 

Taten befiehlt, die nichts bringen außer hunderttausendfach 

Not und Tod und Zerstörung von Hab und Gut.


III

Ich zähle die Tage seit Kriegsbeginn.

Es gibt kein Austreten aus der Geschichte.

Kein Davon schleichen. Eine neue Zeitrechnung 

hat begonnen. An Gräben, die man begonnen hat, 

einzuebnen, wird wieder gegraben. 

Diesen Tyrannen zu beseitigen

obliegt niemand geringerem als jenem Volk,

das Poetinnen wie Marina Zwetajewa, Anna Achmatova,

Künstler wie Alexander Rodtschenko, 

Architekten wie Konstantin Melnikov hervorgebracht hat, 

dem so duldsamen, so oft betrogenen 

russischen Volk, dem meine Liebe gilt. 


Дружба / Druschba!


27. Februar 22

Mittwoch, 23. Februar 2022

KURGARTEN III

 Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall. 

Lisa-Viktoria Niederberger



Altlasten

Zur Schlafenszeit werde ich unruhig, weil der Boden ruckelt, alles zu vibrieren scheint. Ich google oft Erdbeben Oberösterreich jetzt Fragezeichen. Aber keine Erdbeben. Und: von Erdbeben würden sich nicht die Vorhänge einfach so bewegen, die Böden knarren. Da ist dieses Scharren an der Außenwand, obwohl keine Bäume, keine Sträucher, keine Hecken, an die Villa grenzen. Ich mag nachts nicht aus den Fenstern sehen, nicht zu den dunkelorange leuchtenden Straßenlaternen im Kurgarten. Wenn da einer steht. Wenn da einer zu mir raufsieht. „Hier hat ein Arzt gewohnt früher“, schreibe ich einer Freundin. „Tagsüber ist alles gut, es geht viel weiter mit dem Buch. Aber in der Nacht habe ich das Gefühl, es tropft eine fremde Angst aus den Wänden.“ 

Sie sagt, dass ich mich nicht schämen soll, wenn ich mich fürchte. Dass das Altlasten sind. Sie sagt, dass das nichts mit mir zu tun hat. Dass ich trotzdem schlafen soll, für das Buch. 


Ich kann:

Mich in vier Sprachen halbwegs verständigen. Immer sofort reden über: Tiere, Feminismus, Rom, Weltrettung, Bücher.  Ich kann die Lyrics aller Lieder, die die Ärzte vor 2000 veröffentlicht haben. Die hohen Töne in Süßer die Glocken singen. Zwölf Telefonnummern, von denen es zehn nicht mehr gibt, auswendig. Meinen Körper in 37 Asanas biegen und 3000 Wörter schreiben, an guten Tagen. Ich kann mit Augen zu auf einem Bein stehen und einen Köpfler von überraschend weit oben. Ich kann in 10 Sprachen bis 10 zählen. Gut aktives Zuhören. Ich kann 23 Dinosaurier, alle europäischen Hauptstädte und fast alle Gemälde von Caravaggio.

Ich kann nicht:

In ein paar Sätzen erklären, um was es in diesem Buch gehen wird.

Diesen scheiß Liegestuhl aufstellen. 


Arbeit

In dieses Mittagstief, auf die Couch, habe ich mir aus der Küche das Gästebuch geholt. Dieses Buch mit dickem, schwarzem Kunstledereinband, an das uns die Kunstsammlung des Landes schon zweimal erinnert hat. Wir wären Ihnen so dankbar, wenn Sie uns in das Gästebuch schreiben, wie Ihnen der Aufenthalt gefallen hat. Ich blättere das Gästebuch durch, weil ich wissen möchte, von wem die blauen Flecken sind.  Keine Hämatome: Farbspritzer, kobaltblaue Farbflecken. Auf dem mittleren Vorhang im Atelier. Am Klolichtschalter, auf der Klospülung. Am Duschkopf, dort, wo man bei manchen Modellen durch eine Drehbewegung die Härte des Wasserstrahls ändern kann. Die Künstler*innen vor mir schreiben auch über Krähen, Bäume, Stille und Eichhörnchen. Niemand schreibt: Ich habe mit dem Körper gemalt, ganz blau habe ich mich gemacht. Statt dem Pinsel, den Finger, den Fuß, den Körper auf die Leinwand gedrückt. Und wie ich mich geplagt habe, um wieder sauber zu werden, mit einem festen Wasserstrahl. Das hätte ich mir gewünscht, vom Gästebuch.

Donnerstag, 10. Februar 2022

KURGARTEN II

Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall. 

Lisa-Viktoria Niederberger




Lutealphase I

Bis zwei in der Früh habe ich gestern Videos auf meinem Handy geschaut. Von Straßenkatzen und Schildkröten ohne Beine. Eine Datingshow aus England. Menschen, die von ihrem Coming-out erzählen. Ein Waisenhaus für Orang-Utans. Heute verweigert mein Hirn.  Die kognitiven Fähigkeiten haben sich alle zusammengeschlossen für einen Generalstreik. Ich schreibe trotzdem, ist ja eine Residency hier. Ich habe vergessen, was „Show“ und was „Tell“ ist. Ich esse eine Schachtel Bitterschokoladenbutterkekse, höre mir Youtube-Tutorials darüber an, wie man gut schreibt und lösche alles, was ich heute geschrieben habe.


Grillparzer

Ich schreibe gerne mit gekipptem Fenster, damit ich die Krähen höre, das Rauschen der Bäume und die Kirchenglocken. Es ist Sonntag, ich arbeite an einer traurigen Szene. Schon zweimal geheult. Vor meinem Fenster hat die Stadtführung Halt gemacht. Ich lerne, dass die medizinische Leistung von Dr. Rabl, dem Erbauer und Namensgeber der Villa, in der ich wohne, eine Augenbehandlung mit Jod gewesen ist. Vor einem Monat bin ich an den Augen operiert worden. Ich denke wieder an die Aufspreizhaken, daran, wie mir die OP-Assistentin die Wimpern mit Tixo oben und unten festgeklebt hat, damit ich nicht blinzle. Höre das Brutzeln des Lasers und sehe wieder die Weltraumschlacht. Die Stadtführerin sagt, dass Dr. Rabl hier berühmte Künstler während ihrer Kur behandelt hat: Grillparzer, Anzengruber, Makart. Ich stelle mir vor, wie Dr. Rabl Grillparzer an einen Lederstuhl bindet. Den Dichterschädel am Kopfteil festschnallt, einen Lederriemen rund um die Stirn. Ihm Jod in die Augen tropft. Wie es brennt. Wie Grillparzer sich winden würde, wenn er könnte. Wie er schreit stattdessen, den Doktor in einer unflätigen Sprache, dem Schriftsteller unwürdig, beleidigt. „Aber gehn S‘, Herr Grillparzer, das ist ja alles nicht so schlimm. Da müssen S‘ jetzt durch. Ja Sie als Schriftsteller, was täten Sie denn ohne Ihre Augen. Danken werden Sie mir noch.“ Dr. Rabl streichelt dem Autor väterlich den Unterarm. Aber Grillparzer schreit und schreit, reißt sich die Haut an den Lederriemen auf. Und später, als Grillparzer den Alpenkönig schreibt, wird er sich, immer dann, wenn er am Menschenfeind arbeitet, zurückerinnern. Wie schön die Vöglein vor dem Fenster gezwitschert, und die Brunnen geplätschert haben, als der Doktor ihm Feuer in die Augen gegossen hat. Ihm danken, weil er jetzt Hass kann, weil er all seinen Schmerz in diese Figur reinschreiben kann.               


Lutealphase II

Ich wache auf, und bin der Überzeugung, dass alles was ich schreibe, geschrieben habe und je schreiben werde kompletter Schrott ist. Mittags schaffe ich es irgendwie aus dem Bett, putze mir die Zähne und bin zu viel auf Social Media. Ich zwinge mich zum Spazierengehen. Finde ein Renaissanceschlösschen mittelmäßig spannend und eine Rokokokirche auch nicht gerade berauschend. Stehe lange an der offenen Tür und kann nicht reingehen. Heute ist ein Tag, an dem ich Heiligenstatuen und Kruzifixe extra gruselig finde. Wo ich keine gefolterten Menschen, nicht mal aus Holz, sehen will, mir allein der Gedanke an diese Gewalt ein Gefühl von Ameisen auf der Haut gibt. Es überall zwickt, wenn ich Jesus da hängen sehe. Dass ich mich beobachtet fühlen würde, da drinnen. Später mache ich lustlos drei Fotos von einem rostigen Kriegerdenkmal, um mir beweisen zu können, dass ich draußen war. Ich spucke von einer Brücke in den Bach und frage mich, wie viele Preise, wie viele Stipendien und Verlagsanrufe ich bekommen muss, bis ich auch dann finde, dass ich sie verdiene, wenn meine Regel in ein paar Tagen kommt. 

Donnerstag, 3. Februar 2022

KURGARTEN I

Eine Materialsammlung aus 30 Tagen Atelieraufenthalt in der Villa Rabl / Bad Hall. 

Lisa-Viktoria Niederberger



Sagari

Bäume, Misteln, Krähen. Ich mag meine Aussicht. Ich kann vom Schreibtisch in den Kurpark sehen. Im Kurpark gehen zwei Mädchen mit Pferden spazieren, wie Hunde führen sie sie an der Leine. Wenn die Pferde wiehern, klingt es nach Panik, nach Stress. Das Wiehern kommt aus dem Nebel, ich muss an die Sagari denken, Pferdekopfgeister der japanischen Folklore. Wenn ein Pferd auf der Straße stirbt, wenn es liegen gelassen wird, um dort zu verwesen, dann kann es sein, dass sich die Pferdeseele in den Ästen der Bäume verfängt. Ab dann erschreckt der Pferdekopfgeist Wandernde, in dem er sich aus Baumkronen fallen lässt und laut schreit, seine Opfer vor Schreck lähmend. Es wiehert wieder vor meinem Fenster, ich verschütte Tee. Es wiehert wieder vor meinem Fenster, und ich weiß, ich werde im Nebel hier nicht spazieren gehen können. 


Schnittblumen

Zuerst Fair Trade Rosen, jetzt Tulpen. 

Beide Sträuße vom Spar, beide Sträuße rot und gelb.

Räucherstäbchen und Duftkerzen im Frauenarbeitszimmer. 

Farbstifte. Haftnotizzettel in vier Neonfarben. Disney-Piano-Medleys zum Schreiben.

Farblich sortierte, nummerierte Notizen: weibliche Pedanterie.

Frauenthemen:

Abtreibung und Trennung Ü35 (gelb)

Missbrauch, Bindungsprobleme, undiagnostizierter Autismus (orange).

Prekariat (grün)

Sexualisierte Gewalt, Rassismus (pink)

Ich bastle Motivationssprüche. Erinnerungen an mich selbst. Mahnungen.

Schokolade, Marillenmarmeladebrote und zum Durchschnaufen an den Blumen riechen. 


X

Dort wo der Kurpark aufhört, und der Wald anfängt, treffe ich eine traurige Frau. Ich habe an einem Bach drei hohe, alte Eichen entdeckt. Totgeweihte Eichen: sie tragen ein neonpinkes X auf ihrer Rinde. Der einzige Farbklecks in der monochromen Regenwelt. Die traurige Frau sieht mich lange an, bevor ich sie bemerke und meine Kopfhörer abnehme. „Ihnen gefallen die Bäume“, sagt sie. Ich nicke. „Mögen Sie Misteln auch, hier haben alle Bäume so viele Misteln.“ Ihre Traurigkeit, eine unsichtbare dunkelgraue Wolke rund um sie. „Sie sind so jung, und trotzdem schon da“, sagt die traurige Frau. „Wie? Ich?“ „Darf ich Sie fragen, was Sie haben?“ Ich will ihr nicht sagen, dass ich kein Kurgast bin. „Mich macht manchmal alles so traurig, dass ich mich nicht mehr bewegen kann“, sage ich. „Das kenne ich. Wollen Sie etwas sehen?“ Ich nicke. Sie hält mir eine Schlüsselblume entgegen. Hellgelbe Blüten, frischgrüne Blätter, ein Wurzelstock voller Erdbröckchen, eine dreckige Hand. „Ich hab sie ausreißen müssen. Himmelschlüssel im Januar, das ist ein übler Vorbote. Die haben wegmüssen.“ Mir fällt dazu nichts Positives ein. 




Irmgard Perfahl, 1921-2026, in Memoriam

Von Richard Wall    Foto: Reinhard Winkler   Ein Gedicht greift vieles auf und kleidet es in Worte die es bei aller Klärung als Rätsel be...