Donnerstag, 16. April 2020

Wenn Stubenhocker trotzdem raus müssen

Ein Beitrag zur Reihe „Nachrichten aus dem Inneren“ von Elisabeth Strasser


Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“
Blaise Pascal

Unversehens sind viele zu einem Stubenhocker-Dasein verurteilt. Für mich, eigentlich notorische Stubenhockerin, die sich gerne mehr Mußezeit wünschte, gilt das allerdings nicht. Ausgerechnet ich bin im Brotberuf nun zur „Schlüsselarbeitskraft im Bereich kritischer Infrastruktur bzw. in der Daseinsvorsorge“ geworden und muss damit jeden Tag, jeden Arbeitstag, nach draußen.

Home-Office ist dabei aus technischen Gründen und vor allem aus Platzgründen nicht möglich. Trotz eAkten ist in meinem Arbeitsbereich jede Menge Papier nötig und ein leistungsfähiger Drucker. Normalerweise 1.000 Formulare pro Jahr, die ich produziere, diese kommen nun wohl in ein paar Wochen zusammen. Alle anderen meiner Aufgaben ruhen. Jetzt geht es um die Existenzsicherung. – Jetzt zeigt sich, was wirklich wichtig ist. Und es zeigt sich, wie es auch anders ginge. Es hat zweifellos etwas für sich, wenn alles einmal zur Ruhe kommt. Der Welt insgesamt tut das allemal gut, denke man an die ausfallenden Flüge, weniger Verkehr und Produktion … Dieses Reduzieren hätte es schon längst gebraucht, allerdings durch Einsicht, Vernunft und Freiwilligkeit. Somit – aus Gründen der Unfreiwilligkeit, in einer Krisensituation und letztlich aufgrund von Angst – besteht kaum Hoffnung, dass sich danach – irgendwann wird zu einer „Normalität“ zurückgekehrt werden – etwas ändert, es wird wohl wie bisher weitergehen mit all der Ressourcenvergeudung und Konsum und Profitgier um jeden Preis. – Oder wird etwas bleiben? Und was wird bleiben?

Mittendrin ist das schwer abzusehen und Prognosen sind reine Spekulation. Es gilt jetzt, die – sinnvollen und wichtigen – Maßnahmen einzuhalten, und trotzdem unbedingt wachsam zu bleiben, damit sich nicht etwas längerfristig „einbürgert“, das nur momentan seinen notwendigen Zweck erfüllt.

Eigentlich erstaunlich ist, dass es so gut wie keinen Widerstand gibt, dass die Ausgangsbeschränkungen durchwegs eingehalten werden. Das gibt Hoffnung in die Vernunft der Menschen und auch der öffentlich Verantwortlichen. Ob ein Sozialstaat und eine Zivilgesellschaft funktionieren, erweist sich erst in Krisenzeiten. Wir können dankbar dafür sein, wie gut es offenbar funktioniert. – Dennoch treibt die Situation ihre Blüten. Die „alternativen Medien“ und „social media“ sind voll von mehr oder weniger abstrusen Mitteilungen. Und auch das Verhalten einzelner Personen wirkt unfreiwillig komisch …

Nein, ich will keine Panik verbreiten …“
Weinerliche weibliche Stimme, Facebook

Es beginnt in der 11. Woche des Jahres. Eine Woche voller Termine für mich. Am Dienstag wird die Absage von Veranstaltungen mit über 100 Personen angekündigt, abends können die „Frauenstimmen“ noch über die Lesebühne gehen. Mittwoch und Donnerstag eine berufliche Tagung in Wien. Wir verzichten auf Händeschütteln. In der U-Bahn genug Platz, um sich nicht zu nahe zu kommen. Währenddessen ist zu erfahren, dass die Schulen ab nächster Woche geschlossen sind. Weiteres folgt in der Woche darauf. Bis hin zu Ausgangsbeschränkungen, die wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte, deren Sinnhaftigkeit jedoch nachvollziehbar vermittelt wird. Davor ist aber noch …

… ausgerechnet Freitag, der 13.
G. läuft aufgeregt herum in seinem Mitteilungsbedürfnis. Er ist informiert. Zumindest irgendwie. Jedenfalls ist er vernetzt. Auf Facebook. Immerhin kennt er die Person, von der der Hinweis stammt. Eine Bekannte aus einem Verein. Sie hat etwas erfahren und will es mit möglichst vielen teilen. Und G. teilt es mit uns. Er spielt uns die Audionachricht auf seinem Smartphone vor. Eine Frauenstimme, brüchig, fast weinerlich. Doch sie fühlt Verantwortungsbewusstsein in sich: Sie möchte und muss sich mitteilen, darf nicht eine der wenigen Auserwählten bleiben, die mehr wissen. Sie mit ihren „Connections zum Innenministerium“, von denen sie spricht. Damit beginnt sie: „Ihr wisst ja, ich habe da einige Connections zum Innenministerium …“ – Nein, wissen wir eigentlich nicht. Auch G. weiß nichts davon. „Wer ist das eigentlich?“, fragen wir ihn. – Er hat keine Ahnung. Wahrscheinlich kennt die Dame aus dem Verein die Sprecherin, die uns weiters wissen lässt, es sei „etwas Größeres“ geplant. „Es gibt später eine Pressekonferenz, darum deckt euch gleich mit allem ein, was ihr braucht. Ich will keine Panik verbreiten, aber es geht etwas vor!“
Mit der Aussage, keine Panik verbreiten zu wollen, kommt der Gedanke an Panik erst auf.
In einer anderen Nachricht, auf die B. uns hinweist, ist ebenfalls davon die Rede, dass etwas vorgehe, nämlich etwas ganz anderes als das, was uns weisgemacht wird. Womöglich … Ja, womöglich steht ein Angriff bevor. Ein Angriff Außerirdischer. – Die Realität verschwimmt. Das Unglaublichste mag für wahr gehalten werden. Mit dem Hinweis auf die Außerirdischen wird allerdings alles relativiert und Ansätze an Panik brechen zusammen. Wenn wer viel glauben mag, das dann doch nicht. Das führt letztlich zu befreiendem Lachen.

Eine Pressekonferenz gab es tatsächlich, das stimmte immerhin. Und in den darauf folgenden Nachrichten wurde ausgerechnet vor Falschinformationen gewarnt. Die kursierende Audionachricht jener ominösen Frau mit ihren „Connections zum Innenministerium“ war bereits amtsbekannt.
Dennoch Hamsterkäufe. – G. hatte uns bereits vorgewarnt mit einem Foto (selbstverständlich Facebook als Quelle), das leergeräumte Supermarktregale zeigte. Bei meinem Freitagnachmittagseinkauf jedoch alles halb so wild. Kaum mehr Leute im Geschäft als sonst. Bloß die Erdäpfel fehlten meinem Wochenendmenü, die waren aus.

Beobachtungen der komischen Art

Beim morgendlichen Warten auf den Bus fahren zahlreiche Autos an der Haltestelle vorbei. In einigen davon eine einzige Person im Wagen, der wahrscheinlich ihr eigener ist, mit Mundschutz. Im Bus trifft man ebenfalls auf Leute mit Mundschutz (der demnächst allgemein vorgesehen ist), obwohl Mindestabstand reichlich eingehalten sein kann bei 5-10 Mitfahrenden. Und einige tragen sogar Handschuhe – und fummeln damit im Gesicht herum, so als würde es darum gehen, allein die Hände schützen zu müssen. Sich die Hände zu waschen, nachdem man mit einem öffentlichen Verkehrsmittel gefahren ist oder sonstwo in der Stadt unterwegs war, sollte eigentlich jederzeit eine Selbstverständlichkeit sein. Sogar nach dem Berühren von Geld – so wies mich meine Mutter von kleinauf an – müsse man sich die Hände waschen. Ich hielt das für reinen Aberglauben, doch heute scheint dies jedenfalls sinnvoll.
Es gibt Leute, die weitab von Zeitgenossen durch die Gegend joggen und Mundschutz tragen, so als würden die Viren in der Luft herumfliegen und sie von weitem anspringen, und andere, oft gerade ältere Leute, die – ohne jeden Schutz – täglich ein paar Sachen einkaufen gehen, weil ihnen daheim ansonsten fad wird …

Zuflucht in die virtuelle Welt

Zwei Wochen sind vergangen. Verändert hat sich kaum etwas in meinem Alltag. Jeden Tag zur Arbeit fahren – und freilich dort länger bleiben. Einkaufen steht üblicherweise ohnehin nur einmal pro Woche am Programm. Ausgehen, Abendtermine waren in diesen ersten zwei Wochen nicht geplant. Erst in der dritten.

Ein Schreibkreis, der sich einmal monatlich trifft. Er wird nicht abgesagt. Er wird von mir kurzerhand ins Netz verlagert. Die Texte der Teilnehmenden, die ansonsten vorgelesen und danach besprochen werden, werden im Voraus zugeschickt. Zur gewohnten Zeit, dem letzten Dienstag im Monat um 19 Uhr, sollen alle vor dem PC sitzen und per E-Mail-Verteiler Rückmeldung zu den Texten geben, sodass – im besten Fall – eine Diskussion wie beim realen Zusammensein entsteht. Es wird spannend, ob und wie das funktioniert. … Unglaublich: Kaum begonnen fliegen Nachrichten hin und her. Und fast alle der Gruppe machen mit. Die Diskussion gestaltet sich sogar intensiver als manchmal sonst. Da Fahrtzeiten wegfallen, steht auch mehr Zeit zur Verfügung. Beim April- und Mai-Termin wird das wohl noch so zu gestalten sein. Trotzdem: Bloß eine Notlösung.

Ein privater Kulturkreis, der sich am letzten März-Wochenende in Wien hätte treffen wollen, wird ähnlich gestaltet: Eine auf Youtube gefundene Dokumentation über den Expressionismus anstelle eines Ausstellungsbesuchs. Eine Literaturverfilmung anstelle eines Theaterbesuchs. Der Teilnehmerkreis bekommt die Links zugeschickt, damit alle gleichzeitig – wie ansonsten beim gemeinsamen Besuch von Ausstellung und Theater – sich das ansehen können und darüber austauschen, so als würden wir uns im Anschluss daran wie üblich in einem Café über das Gesehene unterhalten.

Man kann nur dankbar sein für die Möglichkeiten elektronischer Kommunikation. Trotz dem alltäglichen Zusammensein mit ArbeitskollegInnen, wo wir – mit Abstandhalten und den Unmengen an Arbeit – darauf achten, dass auch der Spaß nicht zu kurz kommt, fehlt natürlich die Begegnung mit allen, mit denen ich außerhalb des beruflichen Umfeldes in Verbindung stehe. Regelmäßige E-Mails und gelegentliche Telefonate sind in einer Situation, in der persönliche Begegnung nicht möglich ist, so notwendig, um nicht zu sagen überlebensnotwendig. Dank der (elektronischen) Medien – und auch eines gut bestücken Bücherschrankes, wo einiges wartet, wieder einmal hervorgeholt zu werden – sind wir mit geistiger Anregung wohlversorgt und können auch selber jeder Menge an Gedanken nachgehen und sie mitteilen. All dies trotzdem nur vorübergehende Notlösung, denn die persönliche Begegnung ist letztlich doch die Essenz, die das Leben ausmacht.

Hat Blaise Pascal nun recht?

Das Zitat des französischen Mathematikers und Philosophen aus dem 17. Jh. ist mir unmittelbar nach Verkündigung der Ausgangsbeschränkungen eingefallen. Oh ja, er hat recht: Wären die Menschen „zu Hause“ geblieben, hätten wir uns all die Probleme erspart, die Kolonialismus, Imperialismus, überheblicher Eurozentrismus, der letztlich zur verhängnisvollen Globalisierung, der Gleichschaltung der ganzen Welt und der schamlosen Ausbeutung großer Teile dieser führte, was alles letztlich auf ein materialistisch fundiertes und zerstörerisches System baut, mit sich brachten. Und erst dadurch konnte sich ein Virus, das nun die ganze Welt auf den Kopf stellt, so unglaublich schnell auf dem Globus ausbreiten. Doch der gute Mann hatte wohl auch gewusst, dass dieses ruhig im eigenen Zimmer Verbleiben real nicht möglich ist – und auch nicht gut. Der Mensch im besten Sinne will hinausgehen, die eigenen vier Wände und seine unmittelbare Umgebung verlassen, die Welt erkunden und gestalten und Neues kennenlernen. Verließe man niemals sein Zuhause, so würde keine Weiterentwicklung möglich sein, die – trotz allem, trotz aller abschreckenden Beispiele, trotz aller verhängnisvollen Begleiterscheinungen – auch eine hin zum Besseren sein kann – und sogar oft ist. Was Blaise Pascal aber mit seinem Ausspruch – aus heutiger Sicht, die ich ihm nun kurzum unterstelle – vorweggenommen haben mag: Überlegen wir einmal, wie viele „sinnlose Kilometer“ wir mit dem Auto oder mit dem Flugzeug zurücklegen, die uns nicht wirklich etwas bringen, die uns nicht wirklich „weiterbringen“, nicht zu uns selbst, nicht zum Wesentlichen, sondern weit eher weg davon, die wir allein aus Langeweile und zum Zeitvertreib unternehmen. „Ein Weiser entdeckt in seinem eigenen Garten mehr als ein Dummer, der eine Weltreise unternimmt.“ – Ein weiser Spruch, der sinngemäß in meinen Gedanken ist, ohne ihn einem Urheber zuordnen zu können.

Wachsamkeit und Vernunft

Wir sind noch mittendrin in der „Corona-Krise“, die jedenfalls irgendwie aufgelöst werden wird. Die Menschheit hat schon vieles überstanden, auch wenn einzelne Individuen die Lösung nicht überlebt haben. Aber weitergehen wird es irgendwie. Und vielleicht ergeben sich auch Chancen. Vielleicht lernen wir dazu und es eröffnen sich neue Möglichkeiten. Das steht uns offen, die Gelegenheit bietet sich nunmehr. Möglichkeiten zum Besseren hin, wie etwa: mehr Home-Office, um eigentlich unnötige (Auto-)Fahrten zu Arbeitsplätzen einzuschränken. Oder etwas mehr Sensibilität hinsichtlich Flugreisen, nicht nur aus Furcht davor, sich in fremden Erdteilen womöglich mit Krankheiten anzustecken, sondern vor allem darum, weil uns allen klar ist, dass dieses rund um den Globus Jetten unserer Welt nicht gut tut. Oder: Produzieren nach Bedarf und nicht blindwütig darauflos produzieren und danach erst den Bedarf schaffen …

Möglichkeiten zum Schlechteren und Gefährlichen tun sich bei der Gelegenheit freilich ebenfalls auf: mehr Überwachung, Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, bis hin womöglich zu Einschränkungen im privaten Bereich … Was uns bereits seit langem als „ach so bequem“ verkauft wird, vom elektronischen Bezahlen jeder Kleinigkeit bis zu GPS-Ortungssystemen, ob sie nun genutzt werden, um verlegte Schlüssel zu finden oder um Angehörige zu überwachen, kann uns nun aufs Neue „aus Sicherheitsgründen“ aufgedrängt und nachhaltig untergeschoben werden. Hier ist Vorsicht angebracht und rechtzeitiges Setzen von Grenzen. Wachsamkeit eben. Und Vernunft. Gerade diese ist gefährdet in Zeiten der Unsicherheit und Angst, aber gerade in diesen Zeiten umso mehr notwendig.

Ostern – um diese Zeit schreibe ich diese Zeilen – findet dennoch statt. Gerade jetzt.

Mittwoch, 8. April 2020

Erich Klinger - Kommentar zu Mobilität in Zeiten von covid-19

Geschrieben und aufgenommen am 30.3.2020, für Wegstrecken 299 am 31.3.

Diesmal ein Wort zum Montag oder Dienstag. Also: mir reicht's oder anders formuliert: ich hab das Zuckergoscherl voll.

Da bemüht sich unsereins weitestgehend die seit 16. März gültigen Vorgaben einzuhalten, seine notwendigen Einkäufe zu bündeln, die direkten Kontakte zu Menschen, mit denen man sonst mehr oder minder regelmäßig zusammengekommen ist, auszusetzen, den Mindestabstand zu anderen Menschen einzuhalten und auch beim Einkauf oder in der Apotheke dem Personal oder Mitmenschen eben nicht auf den Pelz zu rücken, und sogar die bittere Pille zu schlucken, dass man sich nur mehr in fußläufiger Distanz vom Wohnsitz fortbewegen soll, also keinesfalls die Grenzen des eigenen Grätzels oder gar die Stadtgrenzen mit öffentlichen Verkehrsmitteln überschreiten soll, und dann bekommt man bestätigt, was man anhand der noch immer zahlreichen Autos auf Haupt- und Ausfallsstraßen ohnehin schon vermutet hat: dass viele der autobewehrten Mitmenschen darauf husten, die Ausgangsbeschränkungen auch nur annähernd einzuhalten.

Während man also bereits danach zu schmachten beginnt, auch gemeinsam mit der Liebsten oder seinen Freundinnen und Freunden endlich wieder einmal einen Zug zu besteigen und aus der Stadt zu fahren, missbrauchen andere, weil ja das böse Virus nur in öffentlichen Verkehrsmitteln lauert, nicht aber in der eigenen Karre und schon gar nicht bei jenen, die drinnen sitzen, die vernünftig erscheinende Vorgabe, sich wirklich nur in Ausnahmefällen weiter als im nächsten Umkreis zu bewegen.

Wer also den ja durchaus verständlichen Verlockungen, einfach dorthin zu fahren, wo man ja immer schon gerne hingefahren ist, z.B. ins Mühlviertel oder an einen der schönen Seen, nachgibt bzw. auf Besuche von Freundinnen, Freunden oder Familienangehörigen ohne triftigen Grund nicht verzichtet, hat da irgendetwas nicht wirklich verstanden oder will das nicht verstehen. Begünstigt wird dieser Schwachsinn in Zeiten von covid-19 durch die kontraproduktive Regelung, dass man zwar mit dem Auto, nicht jedoch mit Bus, Straßenbahn oder Bahn ins Freie fahren dürfe.

Für diese Autofahrten - Stichwort: geringeres Infektionsrisiko - gibt es jedoch anscheinend keine Gebietsbeschränkung.

Es hieß doch: wer zur Arbeit fahren muss, oder zwecks Betreuung in die Schule, oder mangels ausreichender Infrastruktur in den Nachbarort zum Einkauf oder Arztbesuch, gegebenfalls auch noch zu einem Menschen, der allein stehend und ohne Hilfe vor Ort ist, der dürfe dies - unter Einhaltung der virenverbreitungsverlangsamenden Begleitmaßnahmen.

Von einem Freibrief für großzügige Ausflugsfahrten mit dem Auto war, soweit ich mich erinnere, jedoch keine Rede.

Gewarnt wurde allerdings, sowohl vom Gesundheitsminister als auch vom Bundespräsidenten vorwiegend davor, öffentliche Verkehrsmittel zu Freizeitzwecken zu benützen, also drei oder vier Stationen innerstädtisch zu fahren, damit man nicht durch die ganze Stadt hatschen muss, um zu einem schönen Platz an einem Flußufer zu gelangen.  Vergleichbar konkrete, über "Zu Hause bleiben" hinausreichende Warnhinweise bezüglich unnötiger und letztlich auch infektionsverbreitender Autofahrten habe ich entweder erfolgreich verdrängt oder es gab sie nicht.

Während aber, wie Berichte aus Wien zeigen und auch die Polizeipräsenz im sogenannten Linzer Volksgarten offenbart, das nicht motorisierte Volk zumindest in bestimmten Regionen schnell aufgescheucht wird und davon abgehalten wird, sich einmal außerhalb der eigenen vier Wände zu entspannen, man aber einstweilen noch davon absieht, BenützerInnen öffentlicher Verkehrsmittel hinsichtlich des Zweckes der Benützung von Straßenbahn oder Bus zu sekkieren, haben die Autobesitzenden und ihre Mitreisenden anscheinend Narrenfreiheit.

Nicht nur hinsichtlich eines anscheinend noch immer weitgehend großzügig ausgelegten Bewegungsspielraumes, sondern auch in Bezug auf die generöse Regelung, dass in den großen Städten von der Einhebung der Parkgebühren Abstand genommen wird.

Auch in Linz war da man schnell mit von der Partie, mit dem Argument, man könne, überspitzt formuliert, den "kriegswichtige Dienste leistenden Personen" doch nicht zumuten, weiterhin öffentliche Verkehrsmittel zu benützen oder gar fürs Parken zu bezahlen. Dabei hätte man doch berücksichtigen können oder müssen, dass viele der im Gesundheitsdienst arbeitenden Menschen in Einrichtungen arbeiten, wo Parkplätze für das Personal vorhanden sind bzw. dass es doch auch möglich sein müsste, unbürokratisch Ausnahmegenehmigungen für jene auszustellen, die das Auto deshalb jetzt benützen, weil sie das Risiko einer Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmitteln meiden wollen, weil eine Ansteckung auch infolge Personalknappheit fatal wäre.

Wenn man also so generös auf sämtliche Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung verzichtet, müsste man im Grunde genommen auch jene, die noch immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, selbstbestimmt, also aus freien Stücken oder mangels Alternative, ebenso unterstützen, in dem man Freifahrt auf öffentlichen Verkehrsmitteln einführt.

Und, um das Risiko einer Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmitteln zu minimieren, dort, wo trotz einer gewissen Aushungerung des Öffentlichen Verkehrs noch immer zu viele Menschen unterwegs sind, um den erforderlichen Abstand vor allem in den Fahrzeugen zu gewährleisten, wiederum das Angebot aufstocken, konkret auf Linz bezogen hieße das: wenigstens nach dem Ferienfahrplan zu fahren, anstatt nach dem Sonntagsfahrplan.

Bei der S-Bahn in Wien hat man letzte Woche begonnen, wiederum Doppelgarnituren einzusetzen, um die Berührungspunkte für Ansteckungen zu reduzieren.

Überhaupt werden wir, die Interesse daran haben, dass "nach Corona" auch der Öffentliche Verkehr wieder mehr, und auch mehr als "vorher" benützt wird, darauf achten müssen, dass erstens auch die Leistungen, die von Bediensteten der Verkehrsunternehmen erbracht werden, wertgeschätzt werden und dass der Öffentliche Verkehr eine deutliche Aufwertung, vor allem auch im Hinblick auf die zur Verfügung stehenden Mittel, erfährt.

Weiters halte ich fest, dass die Spielregeln zur langsameren Verbreitung des Corona-Virus abgesehen von meiner Lieblingskundschaft, den Autofahrenden zugehörigen Menschen, auch bei manchen Angehörigen einer anderen Spezies noch nicht angekommen sind, man muss nicht hysterisch sein, um als Angehöriger einer Risikogruppe (über 60) ein ungutes Gefühl zu haben, wenn in der Straßenbahn unmittelbar hinter einem jemand telefoniert und fröhlich kommuniziert.

Den Vogel abgeschossen hat aber wiederum ein Autofahrer, der um seiner Gattin den gefahrvollen Weg von einem Parkplatz in der Nähe zur Apotheke zu ersparen, halb auf dem Gehsteig und mitten auf dem Zebrastreifen vor der Apotheke stehengeblieben ist.

Abschließend jedoch eine erfreuliche Botschaft, zumindest für jene, die noch zu hören und sich ohne automobilen Untersatz zu bewegen imstande sind:

Unsere Städte sind durch die derzeitigen Beschränkungen menschenfreundlicher geworden, der Komponist und Musiker Peter Androsch hat unlängst darauf hingewiesen, dass wir diesen Ausnahmezustand geringerer Lärmbelastung auch dazu nützen sollen, unsere Sinne zu schärfen und wahrzunehmen, wie auch in einer Stadt Leben möglich wäre, mit offenen Ohren und Augen, die Schönes aufnehmen können, das sonst unter dem Lärmteppich verborgen bleibt bzw. der verstärkt nötigen Aufmerksamkeit, nicht unter die Räder zu kommen, zum Opfer fällt.

Was allerdings fehlt, ist das gemeinsame Lachen und die persönlichen Begegnungen, die das Menschsein eigentlich ausmachen.

Ich möchte beides: menschen- und nicht autofreundliche Städte und das Lachen.

Liebe Grüße

Erich

Nachsätze:
1) Gute 'Dienste leisten mir auch in diesen Zeiten meine beiden Drahtesel, Paul II. aus dem Nachlass des Vaters meiner Freundin, nachdem der 2010 erstandene Simbacher Paul im letzten Sommer endgültig abstellreif wurde, und der vor etwa zwei Monaten erstandene Paul III., als ebenfalls gebrauchter "Luxus-Liner" aus Vorarlberger Produktion. 

2) Einen Überblick dazu, was wir dürfen/sollen/können, bietet beispielsweise folgender Artikel: https://orf.at/stories/3159618/

3) Und bemerkenswert fand ich den Vorschlag der Wiener Vizebürgermeisterin Birgit Hebein, den Autoverkehr in kleineren Straßenzügen stillzulegen, um FußgängerInnen ein Ausweichen mit dem gebotenen Mindestabstand zu ermöglichen. 

Und schaut euch doch einmal den Platz an, den die Autos einnehmen und was dann noch übrig bleibt. Auch für die Zeit nach Corona.

Erich Klinger - Tag 17 der relativen Ausgangssperre.

Diesmal ein Text, dem vor allem Fotos aus meiner Wohnung beigefügt sind. 

Schön langsam fällt mir, auch nach der Plackerei mit den gestern fertig zu stellenden Sendungen, die Decke auf den Kopf.


Meine Freundin macht bereits - in bewährter Häfen-Manier - Kreuzerl auf ihrem Eichhörnchen-Fotos-Kalender, weil sie den Tag X, an dem wir wieder "ausroasn" dürfen, nicht erwarten kann.


Schön langsam beginne ich zu begreifen, wie die "neue Normalität"
aussehen wird, der wir uns in mehr oder minder absehbarer Zeit gegenüber sehen. Verstärkte Überwachung unserer Wege, mit oder ohne Rot-Kreuz-App, und behördlich verordnete Vermummung - auf längere Zeit.


Die "Wirtschaft" drängt auf Wiederöffnung der Geschäfte und Unternehmen, und, wenn ich mir den Salzburger Spielwarenhändler vor Augen führe, der gestern in einem Interview Klage darüber führte, dass er sein Geschäft geschlossen halten muss, während Großmärkte wie Spar nicht nur Lebensmittel, sondern auch Spielwaren verkaufen dürfen, verstehe auch ich, dass da etwas schief läuft.



Eine Schieflage orte ich auch darin, dass man unter der Prämisse, das Auto sei in Zeiten von Corona ein Hort der Sicherheit, zumindest bis jetzt wenig Anstalten macht, die Narrenfreiheit für Autofahrende hinsichtlich ihres Bewegungsradius einzuschränken.



Und da brauche ich gar nicht den automobilen Ansturm auf die Salzkammergutseen bemühen - wenn sich der Salzburger Landeshauptmann Haslauer darüber wundert, dass das Corona-Virus im Gasteinertal weniger punktuell als bisher, sondern flächendeckend Verbreitung findet, hat er offenbar nicht bedacht, dass auch jene, die mit dem Auto herumgurken, anstatt zu Hause zu bleiben, im Regelfall ihren "sicheren Kokon" auch wieder verlassen und dort, wo sie das tun, eben zur Verbreitung des Virus beitragen.


Und für meine Begriffe fahren auch in Linz noch immer zu viele Autos herum, und erzähle mir doch keine oder keiner, dass das alles berufsbedingte oder anderweitig plausible oder nötige Fahrten sind.


Man verzeihe mir, dass ich dem Automobil, dieser Entgleisung zivilisatorischer Errungenschaften, auch weiterhin wenig Freundliches entgegen bringe. Vielleicht sind ja für mich Autos bzw. die Autofahrenden das, was für den Kollegen F. Kanzler Kurz ist: ein beständiger Reibungspunkt, eine nie erlöschende Flamme des Zorns.


Was, wie von F. gefordert, ein Rücktritt des Kanzlers bringen soll, vermag ich allerdings nicht nachzuvollziehen.


Man sollte auch in Krisenzeiten mit Rücktrittsforderungen sparsam umgehen, um sich nicht einer gewissen Lächerlichkeit auszusetzen. Ob die Atemschutzmasken zur Verteilung an die Bevölkerung zu spät bestellt wurden und ob es nicht gescheiter wäre, die Masken mit der Post zu verteilen, vermag ich nicht zu beurteilen.


Auch weiß ich nicht, ob die türkis-grüne Bundesregierung der fröhlichen Virusverbreitung in Tirol rechtzeitig Einhalt gebieten hätte können, ob man weggeschaut hat oder keine Handhabe sah, das alles wird auch noch zu klären sein, jedenfalls orte ich die Rücktrittsreife eher in Tirol selbst als bei der Bundesregierung.


Und, nein, Kanzler Kurz und die vor allem türkise Selbstinszenierung der Regierung ist mir nicht sympathisch, ich halte Nehammer für einen Kickl in Türkis, und die Weigerung, bloß wenige Flüchtlinge von einer der griechischen Inseln aufzunehmen, wäre für mich ein stichhaltiger Grund für eine Rücktrittsforderung, die Arbeit der Regierung in Sachen Corona ist es bisher nicht.


Pragmatisch und plump gesagt: Man soll die Pferde nicht in der Mitte des Stromes wechseln, auch wenn es schlechte Pferde sind. Never change horses in the middle of the stream.



Und abschließend und ganz ohne verbogene Sentimentalität: ich vermisse euch alle, mir geht der "Neusprech" auf den Geist, von wegen "social distancing" und so weiter.

Liebe Grüße

Erich



Zu den Fotos: die meisten entstanden in der von mir gemieteten Wohnung bzw. vom nordwestseitigen Fenster aus. 

Die Außenfotos entstanden in der Stockhofstraße (Baumparade), auf der Aussichtsplattform unterhalb der Franz-Josefs-Warte (Zug der Mühlkreisbahn) und beim Kreisverkehr Stockhofstraße (diesmal mit Radfahrerin). 

Sonntag, 5. April 2020

„Wie auf einen langen, strengen Winter“. Nachrichten aus dem Inneren.

Von Judith Gruber-Rizy

Seit zwei Wochen geht mir die folgende Passage aus Franz Kains Roman „Der Föhn bricht ein“ über den Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht mehr aus dem Kopf:
Die Eltern reagierten wie Schlafwandler auf das furchtbare Ereignis. Die Mutter holte vom Dachboden irdene Vorratsgefäße herunter und begann sie von den Spinnweben zu säubern. Der Vater kramte eine Broschüre über den Tabakanbau hervor und vertiefte sich in sie. Sonst war kein Wort aus ihnen herauszubringen. Da hätte einer sagen können, was er wollte, sie stellten sich ein wie auf einen langen, strengen Winter.“
Wie auf einen langen, strengen Winter also – auch wenn wir uns auf einen Frühling und Frühsommer, möglicherweise sogar Sommer einstellen müssen, in dem alles anders ist, als wir es gewöhnt sind. Ganz anders, und alleine dieses Ganz-anders-Sein wirkt in irgendeiner Form bedrohlich. Dabei bin ich gleichzeitig auch froh über die Ruhe, die da jetzt plötzlich herrscht. Keine Hektik mit Terminen wie Lesungen, Sitzungen, Besprechungen, kein Konzertabo, keine Treffen mit Bekannten, alles durchgestrichen auf dem Kalender, ein wahres Schlachtfeld diese Streichungen, als hätte ein übereifriger Lehrer oder Lektor hier gewütet. Dafür stehen jetzt so seltsame Dinge wie Gemüsezustellung, Supermarktzustellung oder -abholung, Bäckerzustellung da. Die Reduktion des Lebens auf die Sicherstellung der Ernährung prägt bereits das Leben.
Ganz anders also ist dieser Frühling, als würden plötzlich die Forsythien weniger gelb blühen – oder schenke ich ihnen einfach weniger Beachtung, weil anderes wesentlicher geworden ist? Dazu die erschreckende Erkenntnis, dass fast alle in unserem Umfeld, und wir mit eingeschlossen, alt sind, weil wir alle in dieser freiwilligen Selbstisolation leben, die man uns Alten empfiehlt. Alt ist also, wer über 65 ist und da hilft es nichts, sich selber doch gar nicht alt zu fühlen. Wobei die vielen Alleinstehenden – eigentlich wird mir erst jetzt bewusst, wie viele Frauen, mit denen ich befreundet bin oder die gute Bekannte sind, nicht nur plötzlich alt, sondern auch alleinstehend oder alleinwohnend sind – am meisten unter dem Mangel an realen sozialen Kontakten leiden. „Heute mache ich mir eine Freude und besuche mich selbst.... Hoffentlich bin ich daheim“, diesen Ausspruch von Karl Valentin finde ich noch lustig, die Alleinstehenden aber vermutlich nicht und wahrscheinlich kann ich in einigen Wochen auch nicht mehr darüber lachen, weil auch mir die sozialen Kontakte bald fehlen werden.
Derzeit habe ich den Eindruck, mich in einer Art Schwebezustand zu befinden. Einerseits die eingefahrene völlige Normalität von Tagesabläufen inklusive schreiben, kochen, Wäsche waschen, Post aus dem Briefkasten holen, lesen, fernsehen, andererseits das Wissen darum, dass nichts mehr normal ist. Vor wenigen Tagen habe ich Vorbereitungen für eine Veranstaltung Ende September begonnen, weil ich ja jetzt Zeit dafür habe, ich habe telefoniert, Mails geschrieben. Und doch fehlt mir der Ernst an der Sache, weil im Hinterkopf die Frage steht, ob Ende September wirklich alles so normal ist, dass diese Veranstaltung im wahrsten Sinne des Wortes über die Bühne gehen kann.

Jetzt jedenfalls hätte ich genügend Zeit um an meinem Roman weiter zu schreiben, aber – wie mir eine Kollegin neulich in einem Mail schrieb: „Geht's dir so wie mir, dass du trotz erhöhter Ruhe alles andere tust als zu schreiben?“ 
Tatsächlich ist es schwierig zu schreiben, denn ich habe zwar mehr Zeit, aber nicht wirklich die innere Ruhe. Zu viel stürzt von außen auf mich ein, Zahlen über Neuerkrankungen, Todesfälle, in Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, den USA, und obwohl ich seit einer Woche nicht mehr so häufig Nachrichten hören oder sehen will, weil es mir einfach schon zu viel ist, dennoch, die Frage wie es weitergehen wird, nicht nur in meinem Leben, sondern insgesamt, weltweit mit allem, diese Frage liegt doch wie ein schweres Gewicht auf mir. Und da soll ich mit der nötigen Konzentration und Ruhe in mein Romanprojekt hineintauchen können wie in eine andere Welt? Es fällt mir schwer das zu schaffen und es gelingt mir nur selten.
Hinzu kommen ganz andere Fragen: Wie wird es Mitte oder Ende nächsten Jahres, bis dorthin sollte der Roman wirklich fertig sein, mit den Verlagen ausschauen, werden auch die kleineren Verlage überleben? Und wie wird dann der Literaturbetrieb bei uns ausschauen? Welche Bücher werden überhaupt noch verlegt werden? Bücher, die sich mit Corona beschäftigen oder mit der Welt nach Corona? Oder Bücher, in denen dieses Wort nicht vorkommt, weil niemand mehr daran erinnert werden möchte? Kann ich selber so weiter schreiben, als wäre alles hier wie vor zwei Monaten?
Anfang Februar waren wir im „Museum auf Zeit“ im Linzer Hafen. Dort gibt es (derzeit natürlich leider auch geschlossen) kreative Street Art und unter anderem auch ein Trickbild, in das man hineinsteigen kann. Von einem ganz bestimmten Punkt aus fotografiert, schaut es dann so aus, als würde man in einem verschlossenen Glas stehen, das auf dem Wasser schwimmt. So ungefähr fühle ich mich derzeit.

(c) Helmut Rizy

Freitag, 3. April 2020

Was ich zu sagen wage. Ein Gedicht von Richard Wall

Nous voulons explorer la bonté contrée énorme où tout se tait …
Guillaume Apollinaire


Das stumme Nicken der Märzenbecher
nach dem Morgenfrost,
der Blüten allmähliches Aufrichten
geht über in ein Lächeln.
Etwas zieht in der Brust, sehnt –
Freiheit unbegreiflich.
Milde Stunden,
Zilp-Zalp und das Schnäbelwetzen der Stare.
Frühling für wen?

Kein Ausbruch von Jubel.
Es wird gestorben
unter maskierten Lippen,
grenzenlos,
wie vor hundert Jahren
Hunderttausende um Apollinaire, Egon und Edith.
Suchende, irrende Blicke, hinweg
über das allmähliche Aufrichten der Blüten
nach dem Morgenfrost.

Dienstag, 31. März 2020

Auszug Waldviertler Diarium. Teil 2 der Reihe "Nachrichten aus dem Inneren"

Von Richard Wall

Mittwoch, 25. März
Aus dem Träumeland, das mich allzusehr aufgeregt, ins Waldviertler Winterland. Blickt man frühmorgens in die frostbedingt fahlen Farben & Schneereste, könnte man meinen, es hätte einen ordentlichen & nicht einen so siebenseidenen Winter gegeben. Den Vogerln ist das lustige Tirilieren bei diesem eisigen Nordwind vergangen. Der friert einem ja die Zunge ein, wenn man das Maul aufmacht. Nicht einmal Krähen stochern mit ihren Schnäbeln durchs Gelände. Ich halte mich nach dem Holzholen & Salbeiblätterzupfen am Teehäferl fest. Dreh die schaurigen Nachrichten ab. Das Positive: Es wird wieder, zumindest hier im Norden, ein sonniges Tagerl & ein Frühstücksei geben.
Ankunft von M. gegen Mittag. Am Frauenwieserteich, den sie zuvor umrundet hat. Gab’s feine Wind- & Wassermusik: Der N-Wind schlug Wellen gegen die Eiskrusten an der von einem Waldstück beschatteten S-Ufer des Gewässers.


Bissiger N-Wind. Dennoch kleinere Arbeiten im Garten verrichtet, mit der Holzarbeit bin ich vorläufig fertig. Eine Fuhre trockenes Buchenholz für den kommenden Winter erwarte ich im Sommer, diese Meterscheiter muss ich dann mit der Kreissäge ofengerecht ablängen, klieben & in der luftigen Holzhütte auftristeln.

Schreibe Briefe an Hans Höller & Regina Hadraba.

Die Lage der Ärzte in Bergamo erinnert an den Arzt Bernard Rieux in Camus‘ Pest. In hoffnungsloser Lage arbeitet er bis zur Erschöpfung, während immer mehr Freunde sterben; auch seine Frau kommt um.

Der Tod meistert alles.
Das Leben nicht.

In wärmender Helle tauen auch die Vögel wieder auf. Flitzen aus Sträuchern in die Kronen der Bäume, wetzen die Schnäbel, im nächsten Moment flitzen sie wieder retour. Vorwiegend Kohl-, Blau- & Haubenmeisen. Und ein Rotkehlchen-Paar.

Sturm aus Nord (klingt beinah anrüchig germanisch
oder wie ein Buchtitel von Luis Trenker)
weht Kristalle grau wie Asche
im Spätlicht des Abends über die Hügel.
Die Brandung ferner Meere
rauscht aus den Wäldern über die Fluren.
Der Frost der Nächte hat die Blüten der Primeln
zu bräunlichen Fäden versengt.

Der Städte Straßen & Plätze leergefegt
Covid 19 wütet weltweit, tötet exponentiell
Treibt unsere Zivilisation vor sich her
Hölderlin meinte,
Wo aber Gefahr ist wächst
Das Rettende auch.

Noch ist das Virus dem menschlichen Geist enthoben.
Erkenntnisse & Ausgang ungewiss.
Wie tief der Riss geht
wagen nur Scharlatane zu sagen.

Saunaabend: Wenn wir nackert vor das Haus treten, sehen wir die nackerten Sterne blinken & blitzen. Die Wolken haben sich verzogen.



Donnerstag, 26. März

Seit Samstag ist Winter. Der 5. Tag in Folge mit Minustemperaturen. Dergleichen hatten wir nicht in den zurückliegenden Wintermonaten. Marillen wird es heuer kaum welche geben.
Heute ist wieder ein Handschuh- & Filzstiefeltag. M. liest mir aus ihrem iPhone Nachrichten vor von Peter Wenzel, Ernst Skrička & Ray MacMánais. Letzterer kann es nicht lassen & beglückt uns auch dieses Mal mit Beispielen für die Vielschichtigkeit der Irischen Sprache & mit philologischen Spitzfindigkeiten, die vor allem Vokabel betreffen, die im weitesten Sinn der Ermunterung dienen.
Zwei seien hier angeführt: Misneach. Im Dictionary, so der Kommentar, werde es als „Mut“ übersetzt, aber für eine irisch sprechende Person kann es mehr bedeuten. Nämlich Ermutigung, Glaube & Hoffnung. Angefügt eine Redewendung: Ná caill do mhisneach – Verlier nicht Deinen Mut. Sólás bedeutet Trost in schweren Zeiten. An áit a mbíonn an dólás, bíonn an sólás ina aice Jede Wolke hat einen Silberstreifen.
Dazu ein Filmchen, auf dem zu sehen ist, wie eine junge irische Familie von einem sturmausgesetzten Trampolin – nebelverhangene Hügel im Hintergrund – das traditionelle Protestlied Óró Se Do Bheata ‘Bhaile interpretiert.

Der Song, der auf den Kampf der von den Iren unterstützten Jakobiten gegen den englischen König zurückgeht, ist dem Kampf der irischen Piratin Grace O’Malley gegen die britische Herrschaft gewidmet. Von Mitgliedern und Sympathisanten der IRA wurde es während des Osteraufstandes 1916 und später während des Unabhängigkeitskrieges gesungen.
Hier jene Strophe, die sich explizit auf Grace O’Malley bezieht:

Gráinne Mhaol ag teacht thar sáile
óglaigh armtha léi mar gharda
Gaeil iad féin is ní Gaill ná Spáinnigh
is cuirfidh siad ruaig ar Ghallaibh.

Grace O’Malley kommt übers Meer
Bewaffnete Krieger begleiten sie als Wache
Es sind Iren keine Franzosen oder Spanier
Und sie werden die Fremden in die Flucht jagen.

In diesen Tagen blühen solche als Aufmunterung gedachten Heimwerkerkonzerte, gedacht für urbi et orbi, sprich Soziale Medien, YouTube etc. Selbst Buchpräsentationen finden in den eigenen 4 Wänden statt.

Stärker in Bann zu ziehen vermochte das auf Ö1 gegebene Opus 54 von Brahms, ein Werk für Chor & Orchester, eine Vertonung von Hölderlins Hyperions Schicksalslied. Ui, da bekam ich eine Ganslhaut & etwas lief mir kalt über den Rücken.

Erheiternd hingegen einige Passagen in der Postwurfsendung „Aus der Gemeindestube Langschlag“:
Das Corona Virus hat auch unsere Nation voll erwischt. Wir sprechen mittlerweile von einer Pandemie, bei der Europa und somit auch Österreich im Zentrum liegt (sic!). Das Gemeindeamt Langschlag ist weiterhin für unserer Bürger besetzt, allerdings nur im Notbetrieb. Der direkte Parteienverkehr wird auf ein Minimum reduziert, weswegen der Außeneingang derzeit versperrt ist.
Unter der Rubrik „Einschränkungen“
  • Die Heiligen Messen in der Pfarre werden ohne Volk abgehalten (lt. Verlautbarung).
  • Gemeindeamt geschlossen aber besetzt (…).

Abreise von M. spätabends.

Die Rückkehr des Winters der keiner war.

Bitterkalter Wind aus Nord, Polarluft frostete
tagelang in die schon schwellenden Knospen hinein
von Kirsch- & Birnbaum kurz vor dem Erblühen, Aufblühen,
ich hingegen, beschämt unversehrt, warm gekleidet,
bergauf gehend mit dem steigenden Licht im Rücken
& dem Wissen dass jedes Beginnen
schlicht auf das Ende verweist.


Freitag, 27. März

Morgenfrost, klarer Himmel. In der Mitte des Vormittags ziehe ich los Richtung Süden, den Stierberg querend, pflücke die letzten noch nicht schwarz gewordenen Hagebutten als Wegzehrung. Hinein in den Höllgraben, in dem riesige Felsblöcke liegen, die wildeste Stelle heißt demnach auch Teufelsmühle. Am Augenbründl vorbei Richtung Schmalspurbahnstrecke & weiter Richtung Wolfersberg & im weiten Bogen über Bruderndorf retour. An gen Ost & Südost ausgesetzten Stellen stürmischer Wind. Traf nur einen Mann, der brav ausweichend mit seinen Stöcken vorbeiklapperte.
Am Nachmittag Teppiche geklopft, Wintergarten & Vorräume gekehrt, Türen & Fenster aufgerissen & durchgelüftet.
Jetzt ist es amtlich: Boris Johnson hat sich mit dem Virus infiziert. Italien hat 919 Tote an nur einem Tag.


Samstag, 28. März

Die Sonne lockt, lockt mich hinaus. Hinaus in den Garten. Ich breche Salbeiblätter von der Staude, 2 Blätter kommen zum Himmelschlüsselblütentee dazu, die anderen werden mit den Frühstückseiern in Butter gebraten. Es gibt Tage, da MUSS ich mit den Händen schaffen, Komposterde umgraben, ein Beet für das Bepflanzen richten, Trittsteine legen, ein Steinmäuerchen errichten, das Beil schärfen, trockenes Astholz mit der Handsäge ablängen u.v.m. Hantieren & Greifen kann einen Gedanken verkörpern. Es gibt Handlungsabläufe, die geschehen in 1 – 2 Sekunden, das lässt sich nicht beschreiben. Aber dennoch ist es manchmal einen Versuch wert. Um zu sehen, wie Wörter ineinandergreifen, ohne bemerkbare Nahtstelle, wie im Garten, wo das Eine das Andere hervorbringt, & das Ergebnis hat dann gar nichts zu tun mit dem was man ursprünglich zum Ausdruck bringen wollte. Man ist gescheitert, & dieses in Form gebrachte Scheitern, diese Transformation führte bei Plato (oder bei Nietzsche im Zarathustra) zum Verdacht, die Dichter lügen. Wenn ich einem vergangenen Erlebnis verhaftet bin, setzte ich mich dem Verdacht aus, eine rückwärts gewendete Haltung zu vertreten.
Skepsis ist geboten, das wissen wir, die mit dem Wort arbeiten, am besten. Misstrau den Wörtern, vor allem jenen, die Dir täglich um die Ohren fliegen. Ein geschärftes Beil ist ein geschärftes Beil. Es bewährt sich bei seinem Einsatz, so wie das Wort, das auch erst im Kontext, vom Rost befreit & vom Missbrauch durch Werbung, Politik & Wirtschaft stumpf gemacht, als Scharnier oder Tür wieder funktionieren kann.
Im Mund der Mächtigen können Wörter zu einer Waffe werden, um uns, nein alles auf dem Planeten zu beherrschen, alles auch jenseits der menschlichen Bereiche, denn sie haben sich abgesetzt von den irdischen Kreisläufen. Die von Hollywood geschaffenen Aliens leben längst unter uns & vermehren sich auf Teufel komme raus.
Wir aber setzen einen Birnbaum Sorte Alexander Lucas. Siebe für den Wurzelbereich feine abgelagerte Komposterde, M. gibt Steinmehl dazu, dann wässern wir ordentlich. Nachdem Scheibtruhe, Spaten & Schaufel weggeräumt sind, trinken wir ihm zu mit einem Glas Bier & exerzieren ein Ritual mit gefalteten Händen & einigen Verbeugungen & lachen dabei selber über uns. Alexander Lucas soll merken, dass wir auf ihn bauen & ihm ein gutes Anwurzeln wünschen.

Wieder ein viel zu warmer Tag.

Der Herr Bundeskanzler von den Türkisen gibt sich sozial, aber hinterrucks wird das Klientel der Mächtigen bedient. Die Bezeichnung „Volkspartei“ war schon immer ein Schmäh (außer man ist der Meinung, die oberen Zehntausend repräsentieren das Volk).
Jetzt kommen weitere Details zum Sumpf in Tirol ans Licht: Unter „Treffen mit der Adlerrunde“ heißt es in der Tageszeitung Der Standard: „Bemerkenswerter Zufall inmitten all dieser Entwicklungen ist, dass Kurz eine Woche bevor im Innsbrucker Hotel Europa Österreichs erster Coronavirus-Fall publik wurde, genau dort zu Gast war. Der Kanzler traf hier bei seinem ersten offiziellen Tirolbesuch seit der Wiederangelobung, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Mitglieder der Tiroler Adlerrunde zum ‚Gedankenaustausch‘. Hinter dieser laut Eigendefinition ‚politisch unabhängigen Plattform‘ verbergen sich mehr als 40 der größten Unternehmer Tirols. Darunter die mächtigen Seilbahner Jakob Falkner aus Sölden und Hannes Parth aus Ischgl, der Tourismusverbandobmann des Paznauntals und Hotelier Alexander von der Thannen, aber auch Porr-Hauptaktionär und Kurz-Großspender Klaus Ortner.“

In Spanien 832 Tote binnen 24 Stunden.

Im letzten Abendlicht schwebt hoch oben die Mondgondel, der höhere, gen Norden weisende Bug spitzt Richtung Abendstern Venus.
Weder Fluch(t)zeug noch Kondensstreifen am Himmel. O wie schön!



Sonntag, 29. März

Die auf den Höhen des Hubberg auf felsigem Grund wachsenden Föhren & Buchen sind anders. Föhren, die auf den Felsen stehen, sehen aus wie Bonsaibäume, & die Buchen sind gedrungen & unsymmetrisch gewachsen, auch aufgrund der ausgesetzten Lage. Sie haben Ausdruck, jeder Baum für sich, die Einbeziehung in die Bezeichnung „Wald“ wäre eine Beleidigung für diese solitären Wesen. Ich sehe sie in keinem narrativen Zusammenhang & ohne symbolische Bedeutung. Sie sind vollkommener Ausdruck einer Lebensform, die mit wenig auskommt; deutliche Zeichen für das, was (noch) möglich ist und sein kann, wenn der Mensch nicht eingreift mit seiner Ökonomie und Zweckmäßigkeit.
(Das Wort „Wald“ verbinde ich eher mit den unsäglichen Fichtenmonokulturen, mit einer dunkelgrünen, schweren, ja düsteren Gleichförmigkeit; immerzu fällt mir hier, in dieser Höhe, Stifters „Hochwald“ ein: Der Böhmerwalddichter zog selten den einzelnen Baum in Betracht.)

Der Waldkurgast erkennt
in den harzenden Stellen randständiger Fichtenstämme
Saugnäpfe.
Sein japanisches Objektiv macht große Augen,
er lacht mit den klaffenden Sohlen seiner Wanderschuhe,
verheddert sich mit den Schuhbändern
in der Macchia aus Heidelbeerstauden, Thymian und Heidekraut,
fordert Hofhunde heraus, Wetterhähne,
zieht die Reißleine, ruft Simsala-Bim,
die Tramway hält, & er fährt geheilt
retour nach Döbling.



Dienstag, 24. März 2020

Leicht betrunken und keine Termine. Start der Reihe "Nachrichten aus dem Inneren"

Erste Folge: Dominika Meindl

13.3.
Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.“ Eine geschmacklose Gottheit hat meine geheimsten Wünsche erfüllt, aber um welchen Preis?! Die Wirtschaft geht den Bach hinunter, alle haben Sorgen und ich muss die Reise zum Polarkreis aufgeben. Positiv ist höchstens, dass Harald Juhnkes bestes Zitat die Runde macht.

Angesichts des hektischen Entrümpelns im Altstoffsammelzentrum sieht mich die ältere Mitarbeiterin wohlwollend an und sagt „Gottseidank sind wir in Pension, goi?“ Vielleicht gebe ich meinen Widerstand gegen das Haarefärben auf, wenn das alles hier vorbei ist. Im Supermarkt ist alles Grüne aus den Kisten gerupft; nur beim Stangensellerie würden die Menschen von Linz-Land lieber hungern, als ihn zu kaufen. Ein Freund von einem Freund von einem Freund erzählt, dass auch alle Jungpflanzen im Hanf-Growshop gehamstert werden.

Die Nachbarn sind zu Besuch.


14.3.
Jemand, den ich von ferne kenne – als bildender Künstler eigentlich im Genuss meines Vertrauensgrundsatzes – beginnt, auf Facebook dummes Zeug zu posten, das Virus sei aus einem chinesischen Kampflabor entschlüpft, die Zahl der Infizierten vom System übertrieben, außerdem sei heute der Tag, um der Bombardierung der Staatsoper zu gedenken, als die Amerikaner die Österreicher ins Herz trafen (der Mann ist selbst Spanier). Als ich ihn höflich frage, ob ihm ein Radl im Dreck renne, blockiert er mich umgehend. Corona macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer. „Social media distancing“ drängt sich auf (was ich durch das Verfassen von Blogtexten gleich wieder ad absurdum führe).

15.3.
Am Tag vor der Ausrufung der Covid-19-Gesetze verlassen die Roma mit ihren Gespannen Wels. Es werden sie weniger die völkischen Kräfte in der Stadtregierung vertreiben (obwohl die seit Jahren alles daran setzen, die Durchreisenden an ihrem traditionellen Halt zu hindern) als die Hoffnung, noch die französische Grenze zu erreichen, bevor alles dichtgemacht wird.

Privilegierte Schauplätze der Selbstisolation: unterm Baumhaus

16.3.
Das Ausräumen des Geschirrspülers gewinnt eine nie dagewesene Würde im Alltagsvollzug. Bei „Recherchen“ entdeckt: Im inneren Asteroidengürtel gibt es einen Kleinplaneten, der „(243491) Mühlviertel“ heißt. Die Gendarmerie fährt Streife durch mein Einfamilienhausghetto, um nachzusehen, ob die Kinder jeweils in den eigenen Gärten trampolinspringen.

18.3.
Ein Freund erzählt beim Entlastungsplausch am Telefon, er habe seit Ausbruch der Seuche in China nachgedacht und viel gerechnet; dank seiner Prognosen sei er so erfolgreich beim Aktienhandel gewesen (und zwar zum Nachteil einer großen Bank, sehr gut), dass er jetzt zur Not seine Familie eine Weile alleine durchbringe. Seither verbringt er viel Zeit damit, auf die leere Autobahn hinunterzuschauen. 

Zehen und Leseempfehlung der Autorin

19.3.
Einen Termin nach dem anderen radiere ich aus dem Kalender; bei den vielen unbezahlten Besprechungen ist es mir eine Erleichterung, bei „Skitour Slowenien“ oder „Großvenediger“ radiere ich gründlicher, damit mich keine Spuren dieser Einträge an mein versäumtes Leben erinnern. Ich stehe jetzt öfter vor den Karten vom Toten Gebirge, die ich an die Wand genagelt habe, und male mir lange Entschädigungstouren im Sommer aus.

23.3.
Erleichterung, dass ich in den übersozialen Wochen offensichtlich niemanden angesteckt habe, vor allem nicht bei Hans Eichhorns Begräbnis (das in dieser großen, offenen Form wohl erst wieder im Sommer hätte stattfinden dürfen; schön, dass wir uns noch so verabschieden konnten.) 

24.3.
Gertraud Klemm schreibt soeben auf Facebook über ihren Ärger, wenn es überall heißt, jetzt komme man endlich wieder zum Lesen. „Ich kann's nimmer hören! Die Literaturbranche kracht wie ein Kaisersemmerl: Leipzig fand nicht statt, die PR stottert, viele Lesungen brechen weg, Herbstprogramme werden abgesagt. Und was passiert? Der ORF empfiehlt 'Schwarten' wie Tolstoi, Ö1 stellt das Kulturjournal ein, und Amazon liefert einfach keine Bücher mehr aus. Das könnte die Stunde der Literatur sein und ist stattdessen ein Untergang in mehreren Etappen. Ich frage mich gerade - wie konnte das passieren, dass die ganze Literaturbranche so veranstaltungsfixiert und verplappert ist? Sollte es nicht ums Lesen gehen?“
Wie uns das alles hier in OÖ betrifft, müssen wir abwarten. „Zum Glück“ habe die Oberbank „Fett auf den Rippen“, sagt der slimfitte Direktor Gasselsberger. In der heimischen Literatur haben wir dieses Fett höchstens im Wortsinn am Leib, unsere finanziellen Reserven sind mager wie Marathonläufer.

Orban schafft es immer noch, fassungslos zu machen – er will den Notstand auf unbestimmte Zeit verlängern. Wäre das jetzt nicht ein schöner Anlass für die EU, sehr, sehr, sehr streng zu werden? Und für die türkisen Orban-Freunde in der Regierung, sich vom Gulaschdespoten zu distanzieren? Gut, dass wir in Österreich die Bedeutung des Wortes „Notstand“ derzeit noch privat auslegen dürfen und an die armen Singles denken, die zuhause grade ohne Unterleibsfreuden bleiben. Wäre ich nur ein wenig verworfener, ich wünschte dem Orban ein Unterleibsleiden, aber: So sind wir nicht.

Die etwas ungenutzt umherstreifenden Empfindungen suchen sich eigene Ventile, man ist etwas empfindlicher als sonst, die Empathie mit den Marillenbauern über deren Totalausfall ist so tief wie die Temperaturen. 

Service für die Filterblase: ein coronabefreiter Pressespiegel 

Irmgard Perfahl, 1921-2026, in Memoriam

Von Richard Wall    Foto: Reinhard Winkler   Ein Gedicht greift vieles auf und kleidet es in Worte die es bei aller Klärung als Rätsel be...