Donnerstag, 15. April 2021

 Eine Rezension meines neuen Romans 'Ricardi', von von Helmuth Schönauer:

Ricardi

Bei der Planlosigkeit, mit Menschen in einer konsumorientierten Gesellschaft oft ihr Leben starten, ist es geradezu verwunderlich, wie viele davon später irgendwie das Sterbebett erreichen. Die meisten freilich enden ziemlich weit weg von ihren Träumen.

Dietmar Füssel erzählt in seinem Roman „Ricardi“ von drei sogenannten Knalltüten, die in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in der Provinzmetropole Wehrstadt eine Künstler-WG aufmachen. In einem Roman des Scheiterns wird gezeigt, wie ein Schriftsteller, ein Maler und eine Sängerin noch während ihrer Künstlerpubertät von der Kunst abgewehrt und ausgeschieden werden.

Es sind nämlich keine sogenannten Türhüter, die darauf achten, dass niemand Falscher in den Kunstbetrieb einsteigt, sondern es sind die Helden, die sich selbst nicht in die Augen sehen können und deshalb auch keinen wahrhaftigen Blick auf die Kunst zusammenbringen.

In der Rahmenhandlung räumt der Icherzähler Poschpischil den Keller auf und entdeckt Notizen zu einem Ricardi-Roman, den er als Student hat schreiben wollen. Ricardi ist der Namensgeber einer Gasse im kleinen Wehrstadt, er dürfte vor Jahrhunderten durchgereist sein und hat eine so starke Wirkung hinterlassen, dass seine Werke im Lokalmuseum hängengeblieben sind.

Wie es sich für das Aufräumen gehört, setzt sofort die Erinnerung ein, wenn man ein Stück davon in die Hand nimmt. Sofort tauchen die Geschehnisse rund um die WG auf, die Absteige war selbstverständlich zu teuer, so dass man zu Zwangsfreundschaften gezwungen war. Der angehende Maler Baccu und die angehende Sängerin Marie müssen einziehen, damit die Kosten für den einzelnen sinken. Der Erzähler versucht sie in sein Romanprojekt zu implementieren, damit wenigstens ein Hauch von Gemeinschaftssinn entsteht. Aber die Zentrifugalkräfte sind zu groß, die Künstler-WG implodiert in Wahnsinn.

Das ist zumindest beim Maler wörtlich zu nehmen, der nach einigen LSD-Aktionen in den Wahn verfällt, dass seine Bilder begehbare Räume sind, aus denen Greifarme des Schreckens herausragen. Selbst die simple Kellertür wird durch Halluzination zu einer Pforte, die stracks in die Zeitlosigkeit eines schlecht gemalten Fegefeuers führt.

Marie, die eigentlich Eduarda heißt, hat hingegen hat Probleme mit Männerbekanntschaften, welche der Erzähler regelmäßig als Arschlöcher empfindet, da er vielleicht selber eines ist und gegenüber Frauen den Verschreckten gibt.

Als der LSD-Maler in eine psychiatrische Anstalt kommt und Marie mit einer Bekanntschaft verschwindet, löst sich die WG auf. Mit dem Studium ist es nichts geworden, mit der Kunst auch nichts. Die einzig richtige Antwort auf das allgemeine Desaster ist die österreichische: Verdrängen und Vergessen.

Aber zum Österreichischen gehört es auch, dass alle einen Keller haben, worin die Vergangenheit eingesperrt ist. So sehr kann man gar nicht aufpassen, dass nicht eines Tages der Keller aufgeräumt wird und die Geschichte erneut explodiert.

Poschpischil versucht möglichst wertneutral seinen Romanversuch als echten Roman zu lesen, in dem bekanntlich eine eigene Realität zur Anwendung kommt. Beim Durchstöbern der Notizen verschwinden allmählich die Fixpunkte der Erinnerung, vielleicht hat es die WG gar nicht in der Realität gegeben und alles war von vorneherein ein Romanprojekt?

Um eine gewisse Linearität in die Erinnerung zu bekommen, macht der Erzähler etwas, was man vor allem bei Liebesbeziehungen und gescheiterten Verhältnissen nie tun darf: Er geht der Sache nach dreißig Jahren noch einmal nach und sucht Marie, von der er eine vage Adresse hat. Tatsächlich öffnet sie auf sein Läuten hin und erscheint gespenstisch abgemagert und verängstigt an ihrer Wohnungstür. Ihr Mann ist wie prophezeit ein Arschloch und schlägt sie, aber sie kann nicht weg, weil es ja kein Roman ist.

Jetzt ist allgemeine Traurigkeit angesagt, die Künstler unter dem Stern von Ricardi haben der Reihe nach versagt. Gut für die Kunst, aber schlecht für das Heldenleben.

Dietmar Füssel reizt das Genre Künstlerroman absurd genau aus, indem er vordergründig mit Klischees spielt, die bei genauerer Betrachtung mit Kunsttheorie gespickt sind. Wenn man an diesen Klischees kratzt, tut sich die pure Banalität auf, die aber wunderbar geeignet ist, um einen üppigen Sinnlichkeitskosmos zu entfalten. Der Roman endet als wundersame Würdigung des Scheiterns. 

Dietmar Füssel: Ricardi. Roman.

Klagenfurt: Sisyphus 2020. 152 Seiten. EUR 14,80. ISBN 978-3-903125-53-7.

Dietmar Füssel, geb. 1958, lebt in Ried im Innkreis.

Helmuth Schönauer 19/11/20

 


Dienstag, 13. April 2021

Komisch, dass es uns gibt!

Über Rudi Habringers neuen Roman "Leirichs Zögern"

Von Dominika Meindl

 

Ein paar herbstliche Tage im herbstlichen Leben eines alleinstehenden Mannes: Gregor Leirich hadert mit seinem Älterwerden, der Generation Y, seinem immer wieder in der friendzone endenden Liebesleben, seiner stagnierenden Karriere als freiberuflicher Historiker und Musiker. Ein langes Lamento gönnt Habringer seinem „Helden“ nicht; der handlungsauslösende (oder doch zunächst: handlungshemmende) Vorfall ereignet sich gleich zu Beginn: Nach einem Vortrag eröffnet ihm eine unbekannte Frau, dass er, Leirich, einen älteren Halbbruder habe. Die Erkenntnis zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Er muss einsehen, dass auch die eigene Familiengeschichte ein Konstrukt ist. So wird ihm der Alltag, in dem er sich eingerichtet glaubte, fraglich. „Ich war über Nacht nicht Vater geworden, wohl aber Bruder eines Bruders.“ Leirich beginnt die Frage zu quälen, warum sämtliche Ahnen bis zum Tod Stillschweigen über den unehelichen Sohn bewahrt hatten.

Bei der Recherche gerät der Historiker an die eigene Geschichte. Die „Welt war klein und gut geheizt“, erzogen wurde er mit Sprüchen wie „Wer im Frieden leben will, der leide still und dulde viel“, und dass das „kleine Glück“ mehr als ausreiche. Er denkt viel über seine allzu früh verstorbene Mutter nach, und noch mehr über seinen zweifach verwitweten Vater, der mit drei Frauen fünf Kinder gezeugt hat, eines davon als Kleinkind verlor und die drei ehelichen Kinder allein aufgezogen hat. Nach einigem Zögern(!) entscheidet Leirich sich, Offenheit zu wagen.

Eingemottete Erzählungen, gebunkerte Gefühle, verdrängte Marginalien“ nennt Leirich ein Denkprojekt, das auch den Roman gut trifft. Wiewohl nun bei Otto Müller erschienen (was ist los, Picus?!), weist Habringers neuer Roman Verbindungen zu früheren auf („Engel zweiter Ordnung“, „Was wir ahnen“), funktioniert aber ganz eigenständig. Gemein ist ihnen, dass sie in Oberösterreich und Bayern spielen. Lokalkolorit, wie etwa der „Saurüssel“, ist vorhanden, drängt sich aber nicht im Sinne verkaufsträchtiger Regionalisierung auf.

Habringer ist ganz Ähnliches tatsächlich passiert, er hat seine Überraschung über das zweite Leben seines Vaters literarisch fortgesponnen, mit der nötigen künstlerischen Distanz und viel selbstironischem Witz, etwa wenn er Leirich bemerken lässt, dass er in das „angenehm temperierte Fußbad meiner Opferrolle“ gleite. Habringer muss bei der Begriffsfindung viel Freude gehabt haben, so etwa beim „Gefühlstrottel“, beim Grübeln über „Serendipität“ oder über neue Berufe wie „Königsexperten“, „Rerserveorganisten“ und „Notlügenexperten“.

Eine bedeutsame Rolle im Roman spielt die Musik, die Habringer mindestens so beschäftigt, und die er mindestens so souverän beherrscht wie das Schreiben. Eine Passage aus einem Choral Pachelbels zeigt dem Historiker, dass der Musiker schon mehr begriffen hat: Alles „Fleisch vergeht wie Heu, was da lebet, muss verderben, soll es anders werden neu.“ Und am meisten wissen die Kinder. „Papa, es ist eigentlich komisch, dass es uns gibt“, hatte Leirichs Tochter vor Jahrzehnten schon festgestellt. Dass es uns überhaupt gibt, in unserem lebenden Fleisch, das ist schon mehr als ein kleines Glück.

Rudolf Habringer: Leirichs Zögern. Roman. Otto Müller Verlag, 302 S., 25 €

Kritik an der Literaturkritik ist nicht nur möglich - siehe Kommentarfunktion, sondern erwünscht! 

Mittwoch, 31. März 2021

 

  

VIER KURZLESUNGEN AUF RADIO FRO

Am 31. März um 19 Uhr, also heute, werden bei Radio Fro in Linz sowie zeitgleich in der Radiofabrik in Salzburg im Rahmen der Sendeschiene seitwärts: [poetologische ortungen ] "poetic acts von hier und da" ausgestrahlt. Die Sendung ist zu hören im Freien Rundfunk Oberösterreich (105,0 Mhz oder im live stream) sowie im Freien Rundfunk Salzburg (107,5 Mhz oder live stream).

Mein Beitrag zu dieser Sendung besteht aus vier Kurzlesungen, die ich an öffentlichen Ort in Ried im Innkreis aufgenommen habe.

Und hier ist der Link zum Beitrag:

https://www.fro.at/poetic-acts-von-hier-und-da/


die beiträge wurden eigens für diese sendung performt und als poetologische radiomontage adaptiert. während dominika meindl beim tourengehen liest und sich akustisch von der hintereggeralm richtung wurzeralm bewegt, sendet dietmar füssel beiträge von orten und plätzen in ried und judith gruber-rizy liest im badezimmer aus ihrem roman „die schreckliche stadt k.“ [edition art science 2020]. renate silberer will nichts mehr von fakten wissen und liest das in ihrem wohnzimmer, dazumontiert sind OT´s vom volksgarten in linz und von einem drogeriemarkt an der kassa. der beitrag von kurt mitterndorfer ist ein ausschnitt seiner aktuellen CD produktion „GEH“ – gedanken eines syrischen flüchtlings, auf dem weg von damaskus nach linz. ein weiterer beitrag kommt von margot koller, aufgenommen im offenen bücherschrank, den die autorin in der alten panzerhalle in salzburg betreut.
gastautor*innen
dietmar füssel
judith gruber-rizy
margot koller
dominika meindl
kurt mitterndorfer
renate silberer


sounding von GEH: chris herman

sendungsgestaltung/montage: wally rettenbacher

aufnahme margot koller: wally rettenbacher

Freitag, 19. März 2021

Die Lieblosigkeit unter dem Phrasenschmarrn

Renate Silberer zeigt in ihrem mehr als gelungenen Romandebüt „Hotel Weitblick“ den Zusammenhang zwischen untoter NS-Pädagogik und schmerzbefreitem BWL-Gequatsche

Von Dominika Meindl

Es ist keine Neuigkeit, dass Soziopathen in Chefetagen überrepräsentiert sind; zu Eigentümergruppen und Aktionären ist es nur noch nicht durchgedrungen, dass emotionale Kälte und Manipulationsfreude einem Unternehmen belegbar schaden. Damit ist die erste, vordergründige Ebene in Silberers Debütroman bezeichnet: Der Top-Consulter Marius Tankwart soll den neuen Geschäftsführer einer großen Werbeagentur finden, die vier überambitionierten Kandidaten aus dem mittleren Management (drei Männer, eine Frau, immerhin), müssen ein Wochenende lang in einem Seminarhotel irgendwo im Hinterland Assessment Center spielen.

Horst hat seine Freundin verletzt, weil er den Jahrestag leichten Herzens gecancelt hat. Weil sie jetzt nicht abhebt, wirft er ihr ihre Kränkung in einem inneren Monolog vor. „Ich kann das nicht gut aushalten, diese Strenge. Wie komme ich überhaupt dazu? Das ist eine absolute Rollenverkehrung. Spinnst du, Veronika, ich meine, wer ermöglicht dir dein Musikschullehrerdasein, hm, denk mal nach.“ Zum Druckabbau schreibt er neoliberale rants in die sozialen Medien. Nach und nach bekommt die Leserin Einblick in die Kindheit der vier. Eine ärgere Geburtstagsszene als jene in Horsts Leben muss man lange suchen. Der Espresso-Snob Franz redet sich ein, dass seine Frau und seine Kinder sein ganzer Stolz sind, an den Wochenenden spielt er sich selbst den Familienvater vor, denkt aber zuerst an seine Bialettisammlung, als ihm die Gattin das Ende der Ehe verkündet. Annette arbeitet nicht nur hart für die Agentur, sondern hart an der Verdrängung ihrer Panikattacken. Sie glaubt, ihr Leben im Griff zu haben, weil sie Yoga macht und Obst ist. Helmut hat eine ausgewachsene Essstörung und Sportsucht, würde sich das allerdings nie eingestehen.

Für das narzisstische Quartett sind diese drei Tage eine Zumutung, jeder dünkt sich überqualifiziert, kein Zweifel kränkelt ihr Ego an, und genau so quatschen die künftigen Führungskräfte mit ihrem empathielosen Betriebswirtschafts-Bullshit aneinander vorbei. Was für ein Phrasenschmarrn! Diesen Jargon hat Silberer exakt eingefangen. Das ist an sich schon eine Leistung (falls Literatur und Literaturkritik in solchen Kategorien überhaupt agieren sollten). Aber die Angestelltenliteratur ist ein etabliertes Genre, und nach Ricky Gervais in „The Office“ ist es schwer, dazu etwas Neues zu sagen. Silberer hat genau das geschafft. Weit tiefer nämlich geht die eigentliche, zweite Ebene von „Hotel Weitblick“. Lange hat sich Silberer mit Johanna Haarer auseinander gesetzt, deren Erziehungsbestseller „Die Mutter und ihr erstes Kind“ noch 1987 neu aufgelegt worden ist. Das ebenso Schlimme wie Bizarre daran: Haarer war „Gausachbearbeiterin für rassenpolitische Fragen“ und NS-Erziehungsbeauftragte. Im Jahr der Ersterscheinung 1938 war die Mutter noch „deutsch“. 1939 folgte das Kinderbuch „Mutter, erzähl' von Adolf Hitler!“ Haarers Frauenbild bleibt über die Jahre hinweg haarsträubend, nachgerade herzenskalt sind ihre Tipps zur Abhärtung und Züchtigung des Neugeborenen: „nach der Entbindung beginnt die Erziehung“, also die Abrichtung des zukünftigen Soldaten, der künftigen Rasseerhalterin. „Nach der Abnabelung wird das Kind erst einmal beiseitegelegt und für vierundzwanzig Stunden in einem abgedunkelten Raum frei von Nahrung und fern der Mutter verwahrt.“

Hotel Weitblick“ geht über eine bloße Anklage oder eine (an sich schon triftige) historische Aufarbeitung weit hinaus. Denn die fünf Protagonisten sind zwar objektiv erfolgreich, seelisch aber zerstört – allesamt im Geist Haarers durch emotionale Vernachlässigung erzogen. Die Kinder sollten es einmal besser haben, und da ist „Verzärtelung“ der falsche Weg. Zwanzig, dreißig Jahre nach dem Krieg war es immer noch opportun, den Säugling in ein Zimmer zu sperren und schreien zu lassen, das stärkt die Lungen und bricht den Willen. Was dabei herauskommt, exemplifiziert Silberer psychologisch präzise in ihrem Kammerspiel. Nur an ein paar ganz wenigen Stellen tragen die Dialoge schwer am Stoff. Es mag an der Nähe zur Lyrik liegen, die Silberers Prosa so tragfähig macht.

Alle kauen an der vorenthaltenden Zuneigung wie auf flachsigem Fleisch. Ein verbindendes Doppelmotiv ist das Erschrecken vor dem eigenen Spiegelbild, der verwehrte Blick in die Augen des Anderen. Katalysator und Spielleiter ist der Unternehmensberater – die vier Akteure wissen noch nicht, dass dies sein letztes Wochenende im zur Last gewordenen Beruf ist. Tankwarts Selbstbefreiung ist schon geplant, er möchte den vier Leidensgenossen die gemeinsame innere Leere vor Augen halten und sie den ja eigentlich teilbaren Schmerz fühlen lassen. Doch vom Irrglauben, den Daseinszweck durch Leistung und Disziplin zu erfüllen, mag niemand so leicht lassen. „Der Mensch ist mehr als sein Beruf“, das kann man gar nicht genug betonen.

Renate Silberer: Hotel Weitblick. Roman, Kremayr und Scheriau, 240 S., 20

Mittwoch, 3. März 2021

Richard Wall - Meine Position derzeit

MARGINALIEN 

oder

GIBT ES UNVEREINBARKEITEN?

I

Die an Kunst im weitesten Sinn interessierten Teile der Gesellschaft weiden sich am liebsten an den Lebensläufen jener Künstler, die im Wahnsinn oder Selbstmord geendet haben. Camille Claudel und van Gogh wären hiefür Beispiele. An Drogen oder Aids gestorben zu sein, ist ebenfalls kein Nachteil für das Ranking (Jean-Michel Basquiat, Keith Haring etc.). Nicht weniger beliebt sind jene Künstler, die der bürgerlichen Vorstellung, wie ein Künstler auszuschauen und zu leben habe, entsprechen. Dazu gehört das Handwerk der Provokation oder das Sich-zum Kasperl-machen.

II

Derzeit sind die Gesellschaften in Europa – desorientiert und indifferent wie sie derzeit erscheinen – nicht nur gespalten, sondern aufgesplittert. Sektiererische Geister verkünden ihre Unfehlbarkeit, versuchen die Mehrheit zu unterwerfen oder halten sie in Schach. Klassenunterschiede treten wieder deutlich zutage. Die Schere zwischen arm und reich, zwischen denen, die viel oder fast alles besitzen, und jenen, die zu Sozialmärkten pilgern und sich die Miete nicht mehr leisten können, geht immer weiter auseinander. Allerlei Irrationalismen, esoterische Positionen und Verschwörungstheorien dringen tief ein in die Denk- und Handlungsmuster einer verunsicherten Mittelschicht. Festzustellen ist auch ein Erstarken von nationalistischen und faschistischen Tendenzen. Gerade die Abgehängten, die Wenigverdiener und Hackler orientieren sich mehrheitlich politisch nicht mehr links, sondern marschieren nach rechts. Oder gehen der parlamentarischen Demokratie als Nichtwähler verloren.

III

Auch im Kunstbetrieb sind die Unterschiede zwischen jenen Künstlerinnen und Künstlern, die mit ihren Werken unglaubliche Summen einheimsen, und jenen, die oft nicht minder gut sind oder sogar besser, aus den verschiedensten Gründen jedoch im Abseits stehen, größer geworden. Während bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts Vermögende die Gründung von Kunst- und Kulturzeitschriften und junge Künstler und Schriftsteller gefördert haben, kaufen heute die meisten Vermögenden, vor allem die Klasse der Neureichen, alles andere als Kunst. Wenn sie Kunst kaufen, dann Artefakte von bereits berühmten, hochpreisigen Künstlerinnen und Künstlern, meist zum Zweck einer Wertanlage. Dass der Kunsthandel vom Weißwaschen ergaunerter Schwarzgelder profitiert, ist kein Geheimnis. Enorme Beträge werden bei Auktionen aufgeboten und treiben die Preise in die Höhe. Die phantastisch-abstrakten Werte (wie die Tulpenzwiebel im 17. Jahrhundert in den Niederlanden) haben zur Folge, dass öffentliche Museen beim Einkauf oder Zukauf – beispielweise um eine Sammlung zu ergänzen – nicht mehr mithalten können.

IV

Im Literaturbetrieb dominieren die Großverlage und die Gattung Roman das Geschehen. Was uns Dichter und Kleinbildkünstler betrifft, so kommt dazu, dass auch der Journalismus sämtlicher Medien gegen uns arbeitet: Auf eine ganz einfache Weise, nämlich – indem wir ignoriert werden. 

„Seien wir uns ehrlich, Krawallmacher haben es leichter heute, in der Politik ebenso wie im Literaturbetrieb. Das ist nicht verwunderlich, weil Kritik nicht erwünscht ist und durch Betrachtung ersetzt wird. (…) es werden ja Gestalten rezensiert, nicht literarische Werke. Dass so viele gelobte Bücher ohne einen Ansatz von Reflektion auskommen, gehört zu einem Betrieb dazu, der gerade dabei ist, sich das Denken abzugewöhnen.“ (Anton Thuswaldner in Literatur und Kritik, Nov. 2020) 

V

Substanzlose Maulaufreißer und künstlerische Konjunkturritter werden abgefeiert. Filmregisseure, die ohnehin mit ihren Kabarettlieblingen und Vorstadtweiber-TV-Serien bestens verdienen, müssen auch noch Romane hinfetzen; Personen, die aus ihrer Bekanntheit, die nicht aus einem künstlerischen Schaffen entstand, profitieren durch ihre Bekanntheit, wenn sie plötzlich einen Roman oder Krimi veröffentlichen. Wie aus dem Nichts kommen Journalistinnen und Journalisten für eine plötzliche Karriere als Autorin oder Autor in der Sparte Belletristik in Frage und lassen sich von Kolleginnen und Kollegen feiern. Dutzende solcher „Talente“ schwimmen als Fett auf der Magersuppe, die sich hunderte Kolleginnen und Kollegen, die seit Jahrzehnten ihrer Berufung nachgehen, am Hungertuch nagend, teilen dürfen.

VI

Kunst ist für mich keine Spielerei, kein Sträußchen am Hut, sondern eine ernste Angelegenheit. Selbst dann, wenn ich experimentiere, mit Formen oder Sprache „spiele“. Für mich war und ist das Schreiben und Bildnerisch-tätig-Sein ein Grundbedürfnis und Lebensmittel seit Jahrzehnten. Der Blick in den Abgrund ist Antrieb. Meine Existenz weist eine Grundierung auf, die mich genau beobachten lässt; Emotionen wie Angst, Leere, Liebe und Empörung waren mir stets ein Anlass, mich diesen auszuliefern, ihnen nachzuspüren, wiewohl Phasen der Melancholie immer wieder Schaffenskrisen und -pausen zur Folge hatten. 

Emotionen hat jeder Mensch, die Herausforderung ist die Wahl der ästhetischen Mittel, die Form.   

VII

Die Frage, die sich jede und jeder selber stellen muss: „Gibt es Unvereinbarkeiten?“


Februar 2021
von Richard Wall

Richard Wall - Gedicht aus aktuellem Anlass

 STECHT NUR ZU


Die von allen guten Geistern Verlassenen

und das Ministerium der gebleckten Zähne

bringt Unheil über Amtswege

für die nicht im Kreis ihrer Freundschaft Belassenen.


Im Schatten dieser gedrückten

und blauen Verzweiflung

im Glanz der Tränen und Wut der Wunsch

dass sich Widerstand rege.


Die gespenstisch gut gekleideten

Menschenfresser in frostigen Posen

die niemals gekündigt werden

wandeln durch den Schmerz

anderer wie durch Papierwände

die ihre Wangen liebkosen.

Stecht nur zu, ruft das Messer, schneidet

ihnen das Gedächtnis aus ihren Händen.

Donnerstag, 18. Februar 2021

Schönheit der Unvermeidlichkeit

von Corinna Antelmann


„Aber wir können unmöglich ein Gartenfest geben, wenn gleich hinter unserm Tor ein Toter liegt!“

Das Draußen ist immer dort, wo die Welt tobt, das Innen der Raum, in dem Introspektion stattfindet und geruht wird. Das eine bedeutet Geselligkeit, Aktivität, Gemeinschaft, das andere Versunkenheit in sich selbst, Lektüre, Konzentration.

Ist das so?

Sagen wir: Neben den Spaziergängen, die draußen in aller Versunkenheit stattfinden, auch in der Literatur zahlreich zu finden, ersetzt uns das Draußen derzeit die einzige Möglichkeit, Feste zu feiern und feste zu feiern, und hier sei die ursprüngliche Form des Festes gemeint, in der es der Zusammenkunft dient, als Ausdruck von Zugehörigkeit, von Freude und Begeisterung. Das gemeinschaftliche Erleben verlagert sich aus den Innenräumen, solange diese auf eine überschaubare Anzahl von Menschen beschränkt bleiben müssen.

Feste gehören zum Leben wie das Säen, das Reifen, die Ruhe des Feierabends, das zielgerichtete Werken. Denn so wie jede dieser Phasen sich in die nächste wandeln will, so will auch jede Arbeit einen Abschluss finden in der Dynamik und Ausgelassenheit. Und auf die Ausgelassenheit folgt dann wieder ein Sich-Sammeln, damit sich neue Früchte bilden können, die wiederum reifen wollen und betrachtet, um abermals ins Schaffen zu führen ... undsoweiterundsofort.

Gerade in der Kunst ist der Abschluss einer Arbeit an Formen der Zusammenkunft gebunden: Das Bühnenstück benötigt die Bühne, der Kinofilm den Kinosaal, das Gemälde die Ausstellung, das Schreiben von Literatur die Lesung, und so kann der digitale Raum (wie er derzeit genutzt wird) nur beschränkt bleiben, wird er doch nach dem Genuss von Kunst zumeist eben im dem Moment verlassen, wenn die Arbeit geliefert wurde, ohne das Fest mitzudenken, den Moment, an dem das Holz nach der daoistischen Lehre der Fünf Wandlungsphasen ins Feuer übergeht, also im Körper transformiert wird.

Die Ausgelassenheit wird zur Eingelassenheit.

Nehmen wir beispielsweise die literarische Arbeit: Bevor eine Lesung stattfindet, werden ebenfalls all diese Phasen durchlaufen: Die Fruchtbildung, oft einsam am Schreibtisch, manchmal doch auch draußen, wie wir es von Peter Handke kennen, der vor seinem Haus in Frankreich sitzend in seiner kleinen Handschrift Buchstaben aneinanderreiht, die zu Sätzen werden und schließlich zu einem Buch, wenn der Text gereift ist und in Ruhe gelassen wurde, bevor er im konzentrierten Endspurt noch einmal eine Steigerung erfährt, dann korrigiert, gesetzt und gedruckt wird. Und jetzt geht das Buch an die Leserschaft, die sich versunken der Lektüre widmet, doch dazwischen liegt, bitteschön, das Fest, genau. Die abgeschlossene Arbeit dürstet auch hier nach Ausgelassenheit, damit die Anstrengung in Freude und Ekstase übergehen und der Nährboden erneut genährt werden kann, um den Keim des Neuen zu ermöglichen. Ja, das Feuer nährt die Erde, Erde Metall und Metall das Wasser, das Wasser dann wieder das Holz, doch wird eine der fünf Wandlungen ausgelassen (oder eingelassen), so beginnt der Kreislauf zu stocken und nicht allein in der Traditionellen Chinesischen Medizin führt ein unterbrochener Energiefluss unweigerlich in die Erschöpfung und schließlich zu Krankheit. Eben die Krankheit aber ist es, die wir zu vermeiden suchen, indem wir derzeit auf Feste verzichten.

Was tun?

Werden wir erfinderisch und nutzen die Möglichkeiten, die sich bieten, um dennoch im Fluss zu bleiben und in mehrfacher Hinsicht gesund. Holen wir das Feuer nach draußen, vor die Rodlbude, auf die Plätze, lesen wir vor Publikum, statt allein in der Laube, und begeistern uns im gemeinsamen Erleben.

Veranstalten wir ein Gartenfest (mit Abstand).

Wenige Bilder steigen in mir auf, wenn ich nach literarischen Beispielen suche, in denen ein Gartenfest von inhaltlicher Bedeutung wäre, aber dann kommt mir Katherine Mansfield und ihre gleichnamige Erzählung in den Sinn, in der anhand des Festes zugleich vom Nebeneinander von Tod und Leid, Freude und Fülle erzählt- von nichts anderem also als vom Wesen des Lebens selbst, in dem alle Dinge, die vermeintlich nicht auf einmal geschehen dürften, da sie sich auszuschließen scheinen, unvermeidlich eben doch nicht voneinander zu trennen sind: Während des Gartenfestes, zu dem die Familie Sheridan in Mansfields Erzählung lädt, stirbt ein Nachbar.

Gefeiert wird dennoch.

Das Format Literatur-frei-Haus, das ich mit meinem Kollegen Rudolf Habringer bereits vor dem ersten Lockdown entwickelte, fordert Privatpersonen auf, uns einzuladen, um sich im Laufe des Abends im kleinen Kreise per Voting ein literarisches Wunschprogramm zusammenzustellen. Dass diese Form der Veranstaltung auch in Form eines (überschaubaren) Gartenfestes durchgeführt werden kann, hat es uns im Sommer, der Jahreszeit des Feuers, ermöglicht, mit der Einladung zur Gartenlesung eben dieses Feuer zu spüren, das Teil des Lebens ist - ein wunderbarer Nebeneffekt des Konzepts 

… und schließlich war das Wetter ideal. Sie hätten keinen makelloseren Tag für ein Gartenfest haben können.

Der lange Tisch bog sich unter der Vielfalt an Speisen (verbuchen wir die Sentenz unter Hyperbel), wie wir es, wenn nicht aus der Literatur, so doch aus zahlreichen Filmen kennen, vor allem solchen, die in der französischen Provence spielen (schon wieder Frankreich!).

Die Geselligkeit, der Garten, die Rückkehr in die Welt nach langer Zeit des Ruhens und Schaffens, welch eine Freude, 

was für ein Glück mit Menschen zusammen zu sein, die alle glücklich sind, und Hände drücken und Wangen berühren (das müssen wir auslassen, Anmerkung der Autorin) und andern Augen zulächeln (das wiederum ist möglich bis unentbehrlich!).

Die Literatur ist ein kleiner Teil des Lebens nur und die Lesung ein Ausschnitt, und dennoch gehören alle Teile zum großen Ganzen und können ein Beispiel liefern für den Wechsel der verschiedene Zustände, den wir durchlaufen wollen. Nehmen wir also das Bild des Gartenfestes und nutzen es, um punktuell immer wieder in den Fluss des Lebens zu steigen, der alles beinhaltet, von der Geburt bis zum Tod, und allen Geschehnissen zum Trotz nicht am Fließen gehindert werden will.

Gestaut gar.

Ein kleiner Nachtrag noch, weil auch der Sommer nicht Sommer bleiben will, sondern übergeht in den Herbst und schließlich in den Winter, sodass nicht jede Zeit den Duft von Lavendel verströmen kann: Ich, die ich aus Norddeutschland stamme, erinnere mich an ein Osterfest im Schnee. Im Schrebergarten meiner Schwester eröffneten wir die Grillsaison, dem Wetter zum Trotz, um zusammenzukommen an der frischen Luft.

Es ist köstlich, wenn man einen Vorwand dafür hat, im Freien zu essen.

Wir sind den Wandlungen unterworfen wie den Jahreszeiten, und jeder Abschnitt hat seine eigene Besonderheit, aber immer gilt das deutsche Sprichwort: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur ungeeignete Kleidung.

„Ist das Leben …“, stammelte sie, „ist das Leben nicht …“ Aber wie das Leben war, konnte sie nicht erklären. Es machte nichts.

 

Zitate aus Katherine Mansfield: Das Gartenfest, 1922


 

Wie solidarisch können wir sein?

  Literarisch Solidarisch. Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb – Hatice Açikgöz (Hg.) Verbrecher Verlag 2026.   ...